Philosophische Fakultät

05.11.2026

Thomas Benfey: Mittelpersische Dokumente als Geschichtsquellen (7./8. Jahrhundert)

ERC Projektförderung, um ca. 1.700 zeitgenössische, bisher wenig erforschte Dokumente der Geschichte des Mittleren Ostens im 7. und 8. Jahrhundert aus neuer Perspektive zu untersuchen.

Thomas Benfey – Mittelpersische Dokumente als Geschichtsquellen für das 7. und 8. Jahrhundert

Im Projekt “Circle of Justice: Middle Persian Documents as Sources for Sasanian and Early Islamic History” (CIRCLE OF JUSTICE) – Der Kreis der Gerechtigkeit: mittelpersische Dokumente als Quellen der sasanidischen und frühislamischen Geschichte – will Thomas Benfey die Geschichte des Mittleren Ostens im 7. und 8. Jahrhundert aus neuer Perspektive untersuchen. Als Grundlage dienen rund 1.700 zeitgenössische, bisher wenig erforschte Dokumente. Dafür erhält er vom ERC eine Projektförderung von knapp 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Die Geschichte des Mittleren Ostens – wie auch der ganzen Welt – nahm im 7. und 8. Jahrhundert entscheidende Wendungen: Während der Islam als geopolitische und religiöse Macht entstand, sah das Sasanidenreich seinem Ende entgegen. Die Gebiete, die für Jahrhunderte seinen Kern ausgemacht hatten – Mesopotamien und das westiranische Plateau – wurden in das aufkommende Kalifat integriert. „Quellen aus dieser Zeit sind rar. Bisher wurde diese Periode vielfach durch Berichte erforscht, die Historiker Jahrhunderte später geschrieben hatten“, erklärt Benfey. „Die Berichte handeln meist von den Entscheidungen der Machthaber und anderer mächtiger Individuen, dementsprechend steht diese Perspektive in der modernen Erforschung der Spätantike und frühen islamischen Geschichte des Mittleren Ostens oft im Vordergrund. Der größere administrative, soziale, und ökonomische Kontext, in dem diese Entscheidungen gefällt wurden, fand relativ wenig Beachtung.“

Benfey nutzt daher den „Kreis der Gerechtigkeit“ als strukturierendes Prinzip seiner Arbeit: Der Kreis der Gerechtigkeit erfasst Zwänge, denen selbst die Machthaber des Sasanidenreiches und der frühislamischen Welt unterlagen. Entwickelt wurde das Konzept im zeitgenössischen Kontext – dem spätantiken und frühmittelalterlichen Mittleren Osten. Die vier Hauptelemente des Kreises der Gerechtigkeit sind das Militär, die Landwirtschaft, das Steuerwesen und die Gerichtsbarkeit. „Die Autorität der Machthaber hängt davon ab, inwieweit sie diese Elemente verwalten können, von denen keins richtig funktionieren kann, wenn die anderen nicht in Ordnung sind. Letztlich scheitert politische Autorität, wenn Landeigentümer und Steuerbeamte nicht gerecht mit den Bauern umgehen.“

Keine Quelle gebe zu diesen vier Grundbereichen im Zeitraum des 7. und 8. Jahrhunderts einen direkteren Zugang als die mittelpersischen Dokumente, sagt Benfey. Rund 1.000 sind Papyri und Pergamenthandschriften, die im von Sasaniden besetzten Ägypten zwischen 619 und 629 angefertigt wurden. Rund 700 stammen aus dem heutigen Iran und umfassen ökonomische und Verwaltungstexte auf Pergament, Stoffen und Tonscherben meist aus dem späten Sasanidenreich und der frühen islamischen Periode, ca. 610 bis 759. „Die Schrift ist oft schwer zu entziffern, und das Mittelpersisch, in dem sie verfasst sind, kann stark abweichen von dem, was wir in anderen Quellen wie literarischen Texten oder Inschriften finden“, sagt Benfey. „Andere Forscherinnen und Forscher haben grundlegende Vorarbeit geleistet, aber es gibt noch sehr viel zu tun, wenn wir ein umfassendes Verständnis der Inhalte und Kontexte dieser unschätzbaren Texte erlangen wollen.“ Das gehe nur in einem interdisziplinären Forschungsansatz. Sein langfristiges Ziel ist es, das volle Potenzial dieser Quellen für die Geschichtsforschung auszuschöpfen.

Kontakt:

Dr. Thomas Benfey
Universität Tübingen
Alte Geschichte
Telefon +49 7071 29-75280
thomas.benfey@uni-tuebingen.de