Das IZEW Ethics-Tools Lab: Ein Werkzeugkasten für die Vermittlung von Ethik in Technikentwicklungs-, Forschungs- und Bildungsprozesse
by Sonja Pfisterer, Mone Spindler, Lisa Koeritz
01.04.2026
Als Ethiker*innen stellen wir uns die lang diskutierte Frage: Wie kann und sollte Ethik in der Praxis Wirkung entfalten? Wie lässt sich ethische Reflexion z.B. in die KI-Entwicklung, in biomedizinischen Forschungsprozesse oder im Lehramtsstudium relevant machen?
Eine solche Vermittlung von Ethik ist voraussetzungsreich: Sie sollte an fachwissenschaftlichen Analysen rückgebunden sein und in Co-laboration mit Akteur*innen aus den Praxisfeldern erfolgen (vgl. Spindler 2025). Im Arbeitsalltag der Praxispartner*innen müssen Räume für ethische Reflexion geschaffen werden, in denen Technikentwickler*innen, Forschende, Lehrende und Lernende eingeladen und befähigt werden, fachlich fundiert an ethischen Diskursen über ihr Praxisfeld teilzuhaben und solche Diskurse selbst zu initiieren. Hierfür braucht es spezifische didaktische Arrangements, im Folgenden kurz Ethik-Tools genannt.
Das Projekt ANKER: KI-Ethik Tools besser verstehen und gestalten
In vielen Projekten werden solche Ethik-Tools entwickelt. Regelmäßig wird die Forderung laut, die unübersichtliche Landschaft an Ansätzen und Tools zu systematisieren (vgl. Fisher et al. 2015; Spindler 2025: 1). Die Erarbeitung von Ethik-Tools ist allerdings immer noch eine wenig anerkannte Form der Expertise (vgl. Laursen et al. 2024). Da sie neben Forschung auch Prozessgestaltung und Moderation beinhalten, werden sie aus unserer Sicht fälschlicherweise mitunter als die „weak side of research“ wahrgenommen (Luján Escalante et al. 2022: 14). Es fehlen Ressourcen für die kritische Erforschung und systematische Entwicklung von Ethik-Tools und damit auch für den nachhaltigen Kompetenzaufbau im Bereich der Methodenreflexivität.
Vor diesem Hintergrund erforscht das vom BMFTR geförderte Projekt ANKER am IZEW digitale KI-Ethik Tools und untersucht, wie solche Tools gestaltet sein sollten, damit ethische Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven in die Entwicklung von und mit KI getragen und dort verankert werden können. Damit dies gelingt, müssen solche Werkzeuge nicht nur praxisnah, sondern auch breit zugänglich sein, sodass sie in unterschiedlichen Handlungsfeldern wirksam werden können.
Tools für ethische Impulse
Ethik-Tools sollen Menschen dabei unterstützen, ethische Aspekte ihrer Praxiskontexte wahrzunehmen, zu analysieren, zu bewerten und bestenfalls auch in ihr Entscheiden und Handeln einzubeziehen. Ethik-Tools sind entsprechend ihrer ethischen Fundierung, ihrer disziplinären Verankerung, ihres methodischen Ansatzes und der medialen Aufbereitung unterschiedlich gestaltet. Sie reichen von einer schlichten Tabelle, die anregt, verschiedene Stakeholder und unterschiedliche Werte gleichzeitig im Blick zu behalten, bis hin zu dynamischen Entscheidungshilfen, die ethische Reflexionen kontinuierlich in den Arbeitsprozess einbetten. Angeregt vom Design sind auch Kartenspiele ein beliebtes Medium. Idealerweise fördern die Tools nicht nur die gemeinsame Kommunikation und kollektive Wissensgenerierung, sondern ermöglichen es, ethische Fragen zu verstehen, anzuwenden und kritisch zu hinterfragen. Durch niedrigschwellige Zugänge – etwa spielerische Elemente oder visuelle Strukturen – bieten sie auch eine motivierende Einbindung in Themen, die außerhalb der eigenen Expertise liegen.
Das IZEW Ethics-Tools Lab
Im Rahmen des Projekts ANKER haben wir mit dem IZEW Ethics-Tools Lab eine offene Wissensplattform aufgebaut, die Ethik-Tools bündelt, die Mitarbeitende des IZEW (mit-)entwickelt haben. Mit diesem Tools Lab möchten wir einen bisher wenig sichtbaren Teil unserer Arbeit am IZEW öffentlich zugänglich machen und dazu beitragen, ethische Aspekte langfristig und nachhaltig in Projekten wirksam zu machen sowie Ethik aktiv in die Wissenschaften und die Gesellschaft zu vermitteln. Denn: Wer ethische Implikationen technischer Systeme verstehen will, muss sie im Kontext gesellschaftlicher Prozesse betrachten.
Das Ethics-Tools Lab deckt dabei die ganze Bandbreite ab: Von Spielen für Workshops und Seminare bis hin zu digitalen Ethik-Tools. Mittlerweile haben insbesondere solche digitalen Tools Konjunktur.
Die Überblicksseite des IZEW Tools-Lab strukturiert die verfügbaren Tools nach Kategorien (Technikentwicklung, Forschungsprozesse, Bildungskontexte), während die Detailseiten für jedes Tool eine praxisnahe Einführung sowie Nutzungsvoraussetzungen mit allen notwendigen Anwendungshinweisen bereitstellen.
Tools für die Technikentwicklung sensibilisieren für eine ethische Reflexion von Technologien. Ein Beispiel ist der AI Guidelines Guru, ein aus ANKER hervorgegangenes Freitext-Frage-Antwort-System (RAG), das über 200 Ethik-Leitlinien in einer nutzerfreundlichen Oberfläche zugänglich macht. Entwickler*innen können direkt im Workflow nach ethischen Implikationen suchen, wobei Quellenangaben für jede generierte Antwort Transparenz über die Herkunft der Inhalte schaffen. Ein weiteres Beispiel, der DQ-Navigator, bietet eine systematische Bewertung der Datenqualität in KI-Anwendungen und ermöglicht es Nutzer*innen, eigene Datensätze zu evaluieren und kritisch zu reflektieren. Er wurde gemeinsam mit Partnern wie dem VDE, dem Hasso-Plattner-Institut und der Universität Köln entwickelt.
In Forschungsprozessen wiederum können Ethik-Tools Forschende dabei unterstützen, ethische Aspekte in der eigenen Forschung nicht nur zu erkennen, sondern auch aktiv und systematisch in ihre Arbeit einzubeziehen. Der Würfel zur ethischen Selbstbewertung beispielsweise bietet eine strukturierte Grundlage für Reflexionsprozesse ohne spezifische Vorkenntnisse, während die LeNa-Tools praxisnahe, spielerische Werkzeuge bieten, um Wissenschaftler*innen dabei zu unterstützen, gesellschaftliche Verantwortung aktiv in ihren Forschungsprozess zu integrieren.
Im Bildungskontext können Tools dazu beitragen, die ethische Reflexion von Lernenden von der Schule bis zur Hochschule zu fördern. Das Rollenspiel White Allyship zum Beispiel ermöglicht es Teilnehmenden, das Konzept des Ally-Seins praktisch zu erproben, während das Ratespiel Kriegszitate dazu beiträgt, Propaganda und Kriegsrhetorik zu erkennen und kritisch zu reflektieren.
Am Beispiel der Ethik-Tools im IZEW Ethics Tools Lab zeigt sich, wie idealerweise ethische Reflexion in die Praxis integriert wird: inter- und transdisziplinär entwickelt sind sie explizit auch für co-laborative Prozesse konzipiert. So entstehen zielgruppenspezifische Instrumente, die Ethik nicht nur theoretisch denken.
Methodenreflexivität statt „Toolification“
Mit dem IZEW Ethics-Tools Lab wollen wir den Wert didaktischer Arrangements für die Vermittlung von Ethik verdeutlichen, ohne einer „Toolification“ (Völker et al. 2022) reflexiver Forschungsweisen aufzusitzen. Tools können die für den Einbezug von Ethik notwendige inter- und transdisziplinäre Co-laboration erleichtern, aber nicht ersetzen. Tools sind keine Lösungen, sondern Werkzeuge, die man sich kritisch aneignen kann und die sich weiterentwickeln können.
Aus diesem Grund versteht sich das Ethics-Tools Lab als Work-in-Progress und offenes Angebot, das durch Nutzer*innenfeedback und neue Projekterfahrungen wächst. Daher sind alle eingeladen, die Tools in ihrem Arbeitsalltag auszuprobieren – bei der Entwicklung von KI-Systemen, in Forschungsprojekten oder im Unterricht – und Erfahrungen mit uns zu teilen. Jeder Input hilft dabei, ethische Reflexion zu einem lebendigen Bestandteil der Praxis zu machen.
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Literatur:
Fisher, Erik; O'Rourke, Michael; Evans, Robert; Kennedy, Eric B.; Gorman, Michael E.; Seager, Thomas P. (2015): Mapping the integrative field. Taking stock of socio-technical collaborations. In: Journal of Responsible Innovation 2 (1), S. 39–61. DOI: 10.1080/23299460.2014.1001671.
Laursen, Bethany; Vienni-Baptista, Bianca; Bammer, Gabriele; Di Giulio, Antonietta; Paulsen, Theres; Robson-Williams, Melissa; Studer, Sibylle (2024): Toolkitting: an unrecognized form of expertise for overcoming fragmentation in inter- and transdisciplinarity. In: Humanit Soc Sci Commun 11 (1), S. 18. DOI: 10.1057/s41599-024-03279-9.
Luján Escalante, Maria; Moffat, Luke; Büscher, Monika (2022): Ethics through design. In: DRS2022: Bilbao, 25/06/2022: Design Research Society (Proceedings of DRS). Online verfügbar unter https://dl.designresearchsociety.org/drs-conference-papers/drs2022/researchpapers/110/.
Spindler, Mone (2025): The situated multimodality of integrating ethics: orientation work for co-laborative reflexivity and empowerment. In: Journal of Responsible Innovation 12 (1), Artikel 2466900. DOI: 10.1080/23299460.2025.2466900.
Völker, Thomas; Mazzonetto, Marzia; Slaattelid, Rasmus; Strand, Roger (2022): Translating tools and indicators in territorial RRI. In: Frontiers in research metrics and analytics 7, S. 1038970. DOI: 10.3389/frma.2022.1038970.
Autor*innen: Sonja Pfisterer, Mone Spindler, Lisa Koeritz
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