Universitätsbibliothek

Das Adressbuch der Stadt Tübingen

Adressbücher

Alte Adressbücher und Einwohnerverzeichnisse sind wichtige Quellen für Historiker und Familienforschende. Hauptsächlich besteht ein Adressbuch aus zwei Teilen: der eine verzeichnet die Einwohner alphabetisch nach ihrem Namen, der andere enthält sämtliche Wohnhäuser und deren Bewohner nach Straßen sortiert. Außer den Namen und Adressen der Einwohner finden sich Informationen zu Beruf, Familienstand, Hausbesitz und mehr. 

An den Adressbüchern lassen sich das soziodemographische und wirtschaftliche Erscheinungsbild einer Gemeinde und ihre Entwicklung über einen Zeitraum ablesen. Neue Straßen kommen im Lauf der Jahre hinzu, oder werden aus politischen oder verwaltungstechnischen Gründen umbenannt. Die Anzahl der Bewohner in einem Haus wird sichtbar, und die Berufsangaben zeichnen ein Bild des sozialen Umfelds. In der Regel wurde nur der „Haushaltsvorstand“ genannt, und grundsätzlich nur volljährige Personen. Verheiratete Frauen sind nur dann auffindbar, wenn sie ein eigenes Gewerbe ausübten, z.B. Wäscherin oder Näherin. Minderjährige werden gar nicht genannt – zu beachten ist, dass sich das Alter für Volljährigkeit im Lauf der Jahre sehr geändert hat.

Nach den Weltkriegen waren Adressbücher eine Hilfe bei der Suche nach Verwandten, Freunden und Geschäftspartnern. 

Die primäre Zielgruppe der jeweils aktuellen Adressbücher waren jedoch die Einwohner selbst, weshalb sich die Inhalte stets am Nutzerinteresse orientierten. Die Bürger wollten wissen, wie sie den Bürgermeister erreichen, welche Hebammen es gibt und wo der Geißers Hubert wohnt. Diese Angaben zu veröffentlichen, lag im öffentlichen Interesse, allein schon um die Behörden von Namens- und Adressanfragen zu entlasten. 

Voraussetzung für ein Adressbuch ist die Meldepflicht der Einwohner. In Deutschland regelt dies das Bundesmeldegesetz. Dort wird auch die Verarbeitung und Veröffentlichung der Meldedaten geregelt. Die Veröffentlichung personenbezogener Daten birgt auf vielfältige Weise immer auch die Gefahr des Mißbrauchs, damals wie heute.

Geschichte

Vorläufer der Adressbücher sind die Hof- und Staatskalender, ein Verzeichnis von Behörden, Hofstaat, Adligen und Beamten eines Territoriums. Für Württemberg erschien 1749-1756 ein Hofkalender unter dem Titel „Hoch-fürstlich-würtembergischer Adreß-Calender, oder ... das jetzt florirende Würtemberg : bestehend in einer Beschreibung, was dermahlen vor Standes- und andere Personen, bey Hoch-Fürstl. Würtembergischen Hof, der Cantzley ... und in dem gantzen Land im geist- und weltlichen Stand seynd“. Mit Vorgängern und Nachfolgern unter anderen Titeln erschien der Hofkalender von 1736-1806. Er dokumentiert die Struktur des Verwaltungsapparates in Altwürttemberg und listet Personen der Herrscherfamilie, des Hofstaats und des Militärs.

Die frühesten Adressbücher erschienen 1692 in Paris und 1677 in London. Das Leipziger Adressbuch von 1701 war das erste deutsche Einwohnerverzeichnis. Es folgten im 18. Jahrhundert Adressbücher anderer deutscher Städte, z.B. Dresden, Nürnberg, Berlin und Regensburg. Außer den Verwaltungsorganen und Privatpersonen wurden auch recht bald Gewerbetreibende, Handel und Handwerker verzeichnet. Bezahlte Anzeigen dienten zur Finanzierung der Druckkosten. Sozusagen als Spin-off entstanden später weitere Nachschlagewerke für eine Stadt wie das Branchenbuch und das Telefonbuch.

Das Adressbuch der Stadt Tübingen

1870

Die Geschichte des Adressbuchs der Stadt Tübingen beginnt 1870 mit einer Veröffentlichung von Ludwig Sturm, der den „Adreß-Kalender für die Universitätsstadt Tübingen“ im Selbstverlag herausgibt. Sturm ist, so liest man in ebenjenem Kalender, ein Ablösungskommissär a.D. und wohnt in dem Haus mit der Nummer 123, das in der Kronenstraße steht. Man muss das so formulieren, da alle Häuser Tübingens durchnummeriert sind. Der Adreß-Kalender enthält als erstes eine Übersicht über Anstalten, Behörden und kommunale Ämter, als zweites folgen „Handlungen und Gewerbe-Etablissements“ von Apotheken bis Zinngießer, dann eine Aufzählung der Stiftungen, und das alphabetische Namensverzeichnis mit Wohnung und Hausnummer.

1877 

Die nächste Ausgabe erscheint „in den Jubiläumstagen 1877“ und ist eine Festgabe für Stadt und Universität des Tübinger Verlegers Fues zum 400. Universitätsjubiläum. Im Vorwort ist die Rede von einem „ersten Versuche, das Zickzack von Straßen“ ordnen zu wollen. Mittlerweile werden Häuser je Straße nummeriert. Im Adreßbuch ist nun auch eine Liste sämtlicher Wohnhäuser und deren Bewohnern enthalten, alphabetisch nach Straßen und Hausnummern sortiert. Nur in diesem einen Band werden zusätzlich die Namen aller 1103 Studierenden verzeichnet, getrennt nach Studienfach und nach Württembergern und Nicht-Württembergern. Man erfährt auch, bei welcher Tübinger Familie sie ihre „Bude“ haben. Zum Beispiel Paul Reitmaier aus Hall und Gustav Torelius aus Skara in Schweden wohnen zur Untermiete bei Frida Beytenmüller in der Collegiumsgasse 4. Fräulein Beytenmüller ist ledig und von Beruf Französischlehrerin. 

Ein Streiflicht auf das soziale Leben wirft die Liste der Vereine. Außer der Museumsgesellschaft und verschiedenen Musik- und Gesangsvereinen werden u.a. auch ein Gewerbeverein und ein Verschönerungsverein genannt, sowie der Verein für Unterstützung armer Reisender und der Leichenkassenverein der Feuerwehr.

1886

Dem „Adreß- und Geschäfts-Handbuch der Oberamts- und Universitäts-Stadt Tübingen“ ist ein Übersichtsplan beigegeben, und der Verlag hat gewechselt, was im Erscheinungsverlauf häufiger passiert. Neu ist ein mehrseitiger „Inseraten-Anhang“ auf farbigem Papier mit der Werbung Tübinger Betriebe. 

1889

Seit der Ausgabe 1889 wird die Lage der Straßen, ihr Beginn und ihre Mündung, angegeben. Beispielsweise die Kepplerstraße, so ist zu lesen, „beginnt bei Gebäude Nr. 17 der Wilhelmstraße, kreuzt die Nauklerstraße und endigt in der projektierten Hölderlinstraße“.
1889 endete die Hölderlinstraße an der Gmelinstraße, der Teil zwischen Gmelinstraße und Keplerstraße war noch nicht gebaut. Die Hauseigentümer sind mit einem Sternchen (*) kenntlich gemacht und bei jedem Bewohner ist die Etage bzw. P für Parterre oder Hhs. für Hinterhaus angegeben. 

Frida Beytenmüller wohnt mittlerweile in der Kronenstraße 11 im 3. Stock. Das Haus gehört dem Konditor Karl Brintzinger, der im Parterre und 1. Stock seine Wohnung hat. Im 2. Stock wohnt der Handlungsreisende Anton Ehing. 

Im Verzeichnis der Gewerbetreibenden geben die Ärzte ihre Sprechstunden an. Professor Liebermeister hat Sprechstunde von 2-3 Uhr in seiner Privatwohnung in der Hölderlinstr. 12, aber donnerstags und sonntags nicht.

1891

Die Ausgabe 1891 ist erweitert um den Teil „Fremdenführer“, der auf sehenswürdige Gebäude und Denkmäler aufmerksam macht und lohnenswerte Spaziergänge in Tübingen und Ausflüge in die nähere Umgebung vorschlägt. 

1894

Die „Kurze Stadt-Chronik“ erscheint erstmals im Tübinger Adreßbuch. Stichwortartig werden Ereignisse aus der Stadtgeschichte genannt, hier eine Auswahl: 

  • 1280: 9. Juli. Großer Brand in der unteren Stadt, 150 Gebäude
  • 1388: Erstes erhaltenes Stadtrecht. Original auf dem Rathaus
  • 1435: Erbauung des Rathauses auf dem jetzigen Marktplatz statt des alten in der unteren Stadt
  • 1578: Erste Jubiläumsfeier der Universität nachgeholt
  • 1635: Großes Sterben
  • 1892: Telephon

1898

Tübingen hat 14.000 Einwohner und 139 Telefonanschlüsse. Im Adressbuch wird daher ein „Verzeichnis der Teilnehmer an der hiesigen Telephon-Anstalt“ veröffentlicht.

Im Namensteil des Adressbuchs wird vor der Telefonnummer ein Telefonhörer abgebildet.

Zeit für ein Ratespiel:

Wer hatte 1898 die Telefonnummer “1” in Tübingen?

  1. Die Bachner'sche Brauerei, Waldhörnle (heute: Sudhaus)
  2. Der Rektor der Universität, Prof. Dr. Edmund Pfleiderer
  3. Die öffentliche Sprechstelle im Postamt, Neuestr.7

1926

Die Namen der Straßen und Plätze, die nicht ohne Weiteres jedem verständlich sind, werden kurz erläutert. Eine besondere Erklärung erübrigt sich für Straßennamen, die nach Orten benannt sind, zu denen sie hinführen, z.B. Rottenburgerstraße. Gleiches gilt für Straßen, die nach an ihnen liegenden Gebäuden benannt sind, z.B. Bahnhofstraße. Manchmal ändert sich der Straßenname, manchmal der Verlauf, manchmal nur die Erklärung.

Beispiel Fürststraße:

1926    „Benannt nach Fürsten“

2001    „Benannt 1945 nach dem Tübinger Burgvogt Ernst v. Fürst, der 1514 mit dem Tübinger Heeresaufgebot den Bauernaufstand im Remstal niederschlug. Zuvor Steinlachstraße.“

2026

Das neue Tübinger Adressbuch ist am 30.1.2026 erschienen, umfasst 544 Seiten, und ist für knapp unter 30,- Euro im Buchhandel und beim Bürger- und Verkehrsverein erhältlich.

Quellen

Amtliches Adreßbuch von Stadt und Bezirk Tübingen

https://opendigi.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/LXV158

https://www.tuebingen.de/suche?query=adressbücher

Datenbank Historischer Adressbücher

https://adressbuecher.genealogy.net/

Trappen, Arthur von der: Fotografien aus Württemberg und Hohenzollern, ca. 1917

https://opendigi.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/LI308