Katholisch-Theologische Fakultät

22.12.2025

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Peter Hünermann im Alter von 96 Jahren verstorben

Am 21. Dezember 2025 ist Peter Hünermann, emeritierter Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, im Alter von 96 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die katholische Kirche in Deutschland einen Theologen und Dogmatiker, der aus einer tiefen Spiritualität heraus und in kritischer Loyalität die Entwicklung von Theologie und Kirche seit dem Konzil begleitet und mitgestaltet hat. Mit großer Weitsicht hat er seit Beginn der 1970er Jahre die systematische Theologie in Deutschland in internationale Bezüge gestellt und zur Erneuerung der katholischen Kirche aus einer vertieften theologischen Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils beigetragen. 

Peter Hünermann wurde am 8. März 1929 in Berlin geboren, am 21. Dezember 2025 verstarb er in einem Pflegeheim in Erligheim bei Ludwigsburg. 

Nach den ihn tief prägenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und dem Abitur, das er 1949 in Rheydt ablegte, entschied er sich bewusst für ein Theologiestudium, das er im Herbst 1949 in Rom aufnahm. Als Priesteramtskandidat des Bistums Aachen lebte er am vom ignatianischen Geist geprägten Collegium Germanicum et Hungaricum und studierte an der Università Gregoriana; nach der Priesterweihe 1955 in Rom begann Hünermann an der Gregoriana mit dem Promotionsstudium, das er 1958 mit der Studie „Trinitarische Anthropologie bei Franz Anton Staudenmaier“ (Freiburg/München 1962) abschloss. Nach einer Kaplanszeit in Mönchengladbach und Aachen begann Hünermann mit den Arbeiten an der Habilitation; angeregt von einer Vorlesung von Max Müller im WS 1960/61 in München und vor allem durch Bernhard Welte und das Seminar für Religionsphilosophie in Freiburg setzte er sich mit den Fragen von Geschichtlichkeit und Glauben auseinander. Die Habilitation wurde 1967 von der theologischen Fakultät in Freiburg angenommen, er erhielt die Venia legendi für Christliche Religionsphilosophie und Dogmatik; im selben Jahr erschien die Studie unter dem Titel „Der Durchbruch geschichtlichen Denkens im 19. Jahrhundert. Johann Gustav Droysen, Wilhelm Dilthey, Graf Paul Yorck von Wartenburg. Ihr Weg und ihre Weisung für die Theologie“ (Freiburg/Basel/Wien 1967). 

Nach kurzer Tätigkeit als Universitätsdozent an der Fakultät in Freiburg wurde Hünermann 1971 auf den Lehrstuhl für Dogmatik an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster berufen, 1982 dann auf den Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Tübingen, den er bis zu seiner Emeritierung 1997 innehatte. In den dogmatisch-theologischen Vorlesungen in Münster, dann in Tübingen ging es Hünermann darum, die „Geschichtlichkeit der im Glauben bejahten Grundrealitäten – wie Offenbarung Gottes, Kirche, Überlieferung – ansichtig zu machen“. Zentrum seines dogmatischen Denkens war die Christologie. Jesus Christus ist für Hünermann konkreter Ausdruck der Freiheitsgeschichte von Gott und Mensch. 1994 erschien seine Christologie unter dem Titel „Jesus Christus - Gottes Wort in der Zeit. Eine systematische Christologie“ (Münster 1994).

An der Katholisch-Theologischen Fakultät hat Peter Hünermann zur Unterstützung der „Hauszeitschrift“ der Fakultät, der Theologischen Quartalsschrift, die „Johann Sebastian von Drey-Stiftung zur Förderung der Theologischen Quartalsschrift“ gegründet und einen Teil seines Privatvermögens in das Stiftungskapital gegeben; er war zudem langjähriger Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung. Dafür ist ihm die Fakultät bleibend dankbar! 

Peter Hünermann hat sein theologisches Denken aus den vielfältigen Bezügen weiter entwickelt, in denen er gestanden ist: Im lebendigen Gespräch mit den zahlreichen Schülern und Schülerinnen, die aus allen Weltkontexten zunächst an die Fakultät in Münster, dann in Tübingen kamen; im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen in der Theologie und anderer Fachdisziplinen, mit denen er vor allem im Zuge der Präsidentschaft des Stipendienwerks Lateinamerika-Deutschland e.V. (ICALA – Intercambio cultural alemán-latinoamericano; 1975–2001), des KAAD (Katholischer Akademischer Austausch-Dienst, 1985–2002), der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie (ESCT, 1989–1995) und auch der Mitgliedschaft in verschiedenen kirchlichen Gremien, so der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz. Theologie stand für Peter Hünermann immer im Dienst der Kirche, die sich als „Sakrament des Heils für die Völker“ versteht, einer Kirche in der Vielfalt der Kulturen und Ortskirchen, und so hat er die gesellschaftspolitischen und kirchlichen Aufbrüche in den verschiedenen Regionen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens von Beginn an (vielleicht lieber: Zeit seines Lebens) mit Interesse begleitet. Daran orientieren sich die verschiedenen wissenschaftlichen Projekte, die Peter Hünermann in seiner reichen Lehrtätigkeit in Tübingen verfolgte: das Forschungsprojekt zur „Katholischen Soziallehre in Lateinamerika“; die in Zusammenarbeit mit einer großen Equipe von wissenschaftlichen Mitarbeitern erfolgte Arbeit an der Neuedition des „Denzinger“, der Sammlung der lehramtlichen Aussagen der katholischen Kirche; das die Jahre der Emeritierung begleitende Projekt der Neuübersetzung und Kommentierung der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in Zusammenarbeit mit Tübinger Kollegen – Bernd-Jochen Hilberath und Ottmar Fuchs – und Schülern wie Helmut Hoping, Roman Siebenrock und Guido Bausenhart durchgeführt wurde und dessen Bände 2004–2006 im Herder-Verlag erschienen. Seit 2016 arbeitete er im Leitungsteam des Folgeprojekts „Das Zweite Vatikanische Konzil. Ereignis und Auftrag“ mit einer interkontinentalen Kommentierung der Konzilstexte. Das Erscheinen der ersten Bände in den Verlagen Herder und Peeters konnte er noch erleben. 

Auch während der Professuren in Münster und Tübingen wirkte Peter Hünermann als Seelsorger: In Münster war er Rektor der katholischen Kirche Dominikanerkirche, und im schwäbischen Oberndorf bei Rottenburg, wo er bis 2024 im Pfarrhaus wohnte, unterstützte er die Pastoral in der Kirche St. Ursula. Solange es ging, feierte er dort täglich die Eucharistie. 

Im Dienst der Reform der Kirche stehen auch die wissenschaftlichen Arbeiten zum Frauendiakonat, die Peter Hünermann bereits seit Mitte der 1970er Jahre vorgelegt hat. Seit der Durchführung eines wissenschaftlichen Kongresses zum Diakonat der Frau 1997 war er dem Netzwerk Diakonat der Frau verbunden. 

Peter Hünermann gehört zu den Dogmatikern, die über ihre wissenschaftliche Arbeit Türen in neue Denk-, Lebens- und Glaubenswelten eröffnet haben; viele Schüler und Schülerinnen haben sie betreten. Bis heute gilt, was Hünermann in seiner Abschiedsvorlesung „Dogmatik 1949–1997: Wandlungen einer Disziplin“ formuliert hat: „Der Glaube, die Kirche wie die Theologie sind in einer gänzlich neuen Weise auf den Prüfstand gestellt. Sie müssen sich in der Begegnung mit der Zeit, in der Auseinandersetzung mit den Kulturen, im Dialog mit den Religionen jeden Tag neu bewähren. Es gibt keinen Rückzug hinter die Bastionen. Theologen sind heute in anderer Intensität als in der vorkonziliaren Epoche zur Kreativität herausgefordert. Sie tragen nicht nur eine gesteigerte Verantwortung für die Zukunft des Glaubens und der Kirche. Sie sind auch in ihrem persönlichen Glauben, Hoffen und Lieben auf dringliche Weise gefordert, geht es doch in der dogmatischen Theologie darum, jenes Verstehen des Glaubens im Blick auf die unterschiedlichen Kulturen und Lebenskontexte zu erarbeiten, welches die Kehrseite jener Lebensformen ist, in denen sich Glaube in diesen Kulturen, in diesen Lebenskontexten artikulieren soll.“

Wir trauern um einen großen Theologen und werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren!

Für den Schülerinnen- und Schülerkreis von Peter Hünermann: Prof. Dr. Dr. h.c. Margit Eckholt, Prof. Dr. Martin Kirschner, Prof. Dr. Thomas Fliethmann, Dr. Regina Heyder

Für die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen: Prof. Dr. Saskia Wendel, Dekanin