Philologisches Seminar

Paratexte

Wo fängt ein Text an und wo hört er auf? Romane und Sachbücher empfangen den Leser mit einer Fülle von Texten um den 'eigentlichen' Text herum. Zu diesen Paratexten, wie Genette sie genannt hat, gehören in der Praxis des modernen Buchmarktes graphisch gestaltete Einbände mit Informationen zu Titel, Autor und Inhalt. Schlägt man das Buch auf, folgen weitere, teils identische teils ergänzende Informationen wie Erscheinungsjahr, Auflage, Autorname, Titel, Untertitel, Inhaltsverzeichnis, Widmung, Danksagung, Vorwort, Zwischenvorwort, etc. Auch Fußnoten und andere Formen von Zusatzinformationen gehören in die Liste möglicher Paratexte (Grafton 1995). „Der Paratext“, so Genette, „ist jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor den Leser und allgemeiner, vor die Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle oder um ein Vestibül, das jedem die Möglichkeit zum Eintreten oder Umkehren bietet; um eine unbestimmte Zone zwischen Innen und Außen“ (Genette 1989, 10). Am Buchende schließt sich der paratextuelle Rahmen mit Nachwort, Index, Bibliographie, etc. Die materielle Buchkultur der Antike setzte solchen Praktiken von vornherein engere Grenzen. Viele Titel antiker Werke gehen nicht auf das ursprüngliche Design zurück, sondern wurden erst später im Verlauf des Überlieferungsprozesses von Editoren und Kopisten hinzugefügt, nicht selten auf Basis prägnanter Formulierungen in den ersten Werkzeilen. Man kann zwei Arten von Paratexten unterscheiden: neben die Peritexte, die in der einen oder anderen Form materiell mit dem Haupttext verbunden sind, treten solche Epitexte, die in einem weiteren Orbit um den Haupttext kreisen. Im modernen Buchmarkt zählen hierzu Verlagskataloge, Buchbesprechungen, Autorinterviews oder Beststellerlisten. Zu diesen öffentlichen Epitexten treten solche privater Natur, wie im Fall von Briefkorrespondenzen und Tagebüchern. Ähnlich nehmen auch antike Autoren wie Cicero in ihren Briefen Bezug auf ihr schriftstellerisches Werk (z.B. Att. 13.32.3) Peri- wie Epitexte können sowohl vom Autor selbst stammen als auch allograph sein. Texte, die noch weiter und lockerer vom ‚eigentlichen‘ Text entfernt sind und so den paratextuellen Orbit verlassen, wie dies zum Beispiel bei literarischen Prätexten der Fall ist, werden mit der Bergrifflichkeit der Intertextualität erfasst.

Zu den wichtigsten Paratexten gehört das Vorwort oder Proömium. In antiken Texten sind Proömien häufig vom Haupttext formal nicht abgesetzt. Das gilt etwa für das antike Epos, in dem ­– von Homer über Apollonius Rhodius, Vergil und Ovid bis zu späteren Autoren – die ersten Hexameterzeilen das Proömium konstituieren. Berühmt und formprägend ist das Proömium von Herodots Historien, das nicht nur Thema und Darstellungsabsicht aufführt, sondern zugleich auch den Namen des Autors und seine Herkunft integriert ('Dies ist das Werk des Herodot aus Halikarnassos …'). In Gedichtsammlungen erfüllt die Funktion des Proömiums häufig das erste Stück, wie etwa in Catulls Carmen 1 ('Wem soll ich dieses ausgefeilte Büchlein widmen?') oder in Ovids Amores 1.1. Hinzu kommt die Praxis, einer Sammlung durch das letzte Gedicht ein Siegel (Sphragis) aufzudrücken, wie dies Horaz am Ende des dritten Odenbuches in Carmen 3.30 tut ('Ein unvergängliches Monument habe ich geschaffen'). Vergleichbare Techniken finden sich auch in Prosatexten, so bildet Plinius’ Brief 1.1. die Einleitung zur folgenden Sammlung, wobei ihre Reichweite – das erste Buch oder alle neun Bücher? – diskutiert werden kann. Die Breite der Möglichkeiten illustrieren einige der Gedichtbücher von Martial und Statius, in denen ein formal abgetrennter Prosatext als Vorwort dient (Johannsen 2006).

Wenn man mit Knape 'Text' in einem weiteren Sinne versteht – „[Ein Text ist] ein begrenzter und geordneter Zeichenkomplex in kommunikativer Absicht“ (2005, 22) – lässt sich der Begriff des Paratextes auf eine Reihe weiterer medialer Erscheinungsformen übertragen. Hierzu gehören etwa Buchillustrationen, wie man sie unter anderem in naturwissenschaftlichen Schriften findet (Weitzmann 1970). In Mittelalter und Neuzeit setzt sich diese Tradition in Handschriften und Drucken fort; zu ihren prominenten Beispielen gehören die druckgraphischen Illustrationen zu Ovids Metamorphosen (Huber-Rebenich et al. 2014). In diesem weiteren Sinne gilt dies auch für das Phänomen des verbreiteten Buchluxus und seiner kritisch-ironischen Reflexion durch die die antiken Schriftsteller. So lässt der exilierte Ovid in Tristien 1.1 sein personifiziert gedachtes Buch in auffällig schäbiger Aufmachung nach Rom reisen, um seinem Schicksal einen sinnfälligen Spiegel zu verleihen. Martial spottet in seinen Epigrammen nicht ohne Selbstironie über den ausufernden Buchluxus seiner Zeit.

Literatur zum Thema (Auswahl)

 
Zur Theorie der Paratexte:
  • Genette, Gérard (1989), Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

  • Knape, Joachim (Hrsg.) (2005), Medienrhetorik, Tübingen: Attempto Verlag.

Paratexte und antike Texte:
  • Grafton, Anthony (1995), Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote. Aus dem Amerikanischen übersetzt von H. Jochen Bußmann, Berlin: Berlin-Verlag.

  • Huber-Rebenich, Gerlinde/Lütkemeyer, Sabine/Walter, Hermann (2014), Ikonographisches Repertorium zu den Metamorphosen des Ovid. Die textbegleitende Druckgraphik (Narrative Darstellungen), Berlin: Gebr. Mann.
  • Jansen, Laura (Hrsg.) (2014), The Roman Paratext. Frame, Texts, Readers, Cambridge: Cambridge University Press.

  • Janson, Tore (1964), Latin Prose Prefaces. Studies in Literary Conventions (= Studia Latina Stockholmiensia 13), Stockholm: Almqvist & Wiksell.

  • Johannsen, Nina (2006), Dichter über ihre Gedichte. Die Prosavorreden in den „Epigrammaton libri“ Martials und in den „Silvae“ des Statius (= Hypomnemata 166), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Männlein-Robert, Irmgard (2005), Prooemium, in: Ueding, Gerd (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 7, Tübingen: Max Niemeyer, 247–256.

  • Schröder, Bianca-Jeanette (1999), Titel und Text. Zur Entwicklung lateinischer Gedichtüberschriften. Mit Untersuchungen zu lateinischen Buchtiteln, Inhaltsverzeichnissen und anderen Gliederungsmitteln, Berlin, New York: De Gruyter.
  • Weitzmann, Kurt (1970), Illustrations in Roll and Codex. A Study of the Origin and the Method of Text Illustration. 2nd ed, Princeton: Princeton University Press.