10.08.2026
Examensfeier der Juristischen Fakultät am 22. Juli 2026
Am 22. Juli 2026 verabschiedete die Juristische Fakultät im Festsaal der Universität ihre Absolventinnen und Absolventen der Ersten juristischen Prüfung im Rahmen einer festlichen Examensfeier.
Eröffnet wurde die Feier durch die Dekanin Professor Christine Osterloh-Konrad, die alle Anwesenden willkommen hieß. Die Absolventinnen und Absolventen könnten stolz auf das Geleistete sein: Sie hätten eine wichtige Fähigkeit erlernt: die Fähigkeit, zu urteilen. Diese sei nicht nur für die nun abgelegte Prüfung, sondern auch für den späteren Beruf und das alltägliche Leben von Bedeutung, da letztlich jeder Mensch fortwährend Urteile fälle. Um urteilen zu können, brauche es zum einen einen Maßstab. Im Studium hätten sie erlernt, einen solchen sachgerechten Maßstab zu entwickeln. Zum anderen basiere ein Urteil auf einer soliden tatsächlichen Grundlage, die im Studium selbst noch nicht im Vordergrund gestanden habe, im Referendariat aber umso wichtiger werde. Mit Sorge stellte die Dekanin fest, dass vorschnelles Urteilen ohne hinreichende Grundlage in der heutigen Gesellschaft eher zunehme als abnehme, obwohl gerade diese Grundlage so wichtig sei. Abschließend wünschte sie den Absolventinnen und Absolventen gute Urteile – sowohl die, die sie selbst fällen würden, als auch jene, die über sie gefällt würden.
Im Anschluss sprach Susanne Dax, Richterin am Verwaltungsgericht und Vertreterin des Landesjustizprüfungsamts, den Absolventinnen und Absolventen ihre Glückwünsche aus. Das bestandene Staatsexamen sei ein Startschuss, der viele Türen öffne. Die Examinierten hätten im Studium viel über den Staat gelernt – ein Wissen, das gerade in Zeiten von Kriegen, wirtschaftlichen Unsicherheiten und beunruhigenden Wahlergebnissen von besonderer Bedeutung sei. Dax dankte auch allen Angehörigen und Wegbegleiterinnen und -begleitern für ihre Unterstützung.
Anschließend stellte sie zentrale Kennzahlen der Prüfungskampagne vor: Landesweit nahmen 1.044 Kandidatinnen und Kandidaten an der Prüfung teil, davon 212 in Tübingen, so viele wie zuletzt vor sechs Jahren. Der Durchschnitt der schriftlichen Prüfungen lag in Tübingen bei 5,89 Punkten und der der mündlichen Prüfungen bei 9,14 Punkten. Die Durchfallquote betrug 20,28 %. Erfreulich sei, dass sich 78,95 % der Kandidatinnen und Kandidaten, die die Prüfung wiederholten, tatsächlich verbesserten. Außerdem wurde in Tübingen einmal, von insgesamt vier Mal in ganz Baden-Württemberg, die Note „sehr gut“ vergeben.
„Resilienz" durch Zentralisierung? Europäisches Wirtschaftsrecht in Zeiten der De-Globalisierung
Den Festvortrag hielt Professor Jens-Hinrich Binder. Auch an eigene Erfahrungen aus dem Studium und Examen anknüpfend, schilderte Binder aktuell diskutierte Projekte im europäischen Wirtschaftsrecht, denen für die europäische Integration die Bedeutung neuer Meilensteine zukommen könne. Dabei gehe es nicht allein um technische Fragen, sondern letztlich um die Positionierung Europas in der Welt: Angesichts einer ins Wanken geratenen liberalen Handelsordnung und geopolitischen Balance versuche die Kommission, die EU als eine Art Gegengewicht zu den Großmächten zu etablieren und sie „resilient" gegen die daraus resultierenden Gefährdungen zu machen.
Binder nahm für eine wirtschaftliche Einordnung dieser Entwicklungen Bezug auf zwei einflussreiche Dokumente aus dem Jahr 2024: den „Letta Report", der sich mit der rechtlichen, institutionellen und politischen Erweiterung der Binnenmarktstrategie befasse, sowie den „Draghi Report" zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit, der ebenfalls ausdrücklich die EU als einheitlichen Wirtschaftsstandort stärken wolle. Beide Berichte hätten sich als eine Art Aufgabenzettel für die europäischen Institutionen etabliert und zahlreiche aktuelle Rechtsetzungsvorschläge der EU-Kommission inspiriert. Als Beispiele nannte Binder zum einen das Konzept einer europäischen Kapitalgesellschaftsform, eines „28. Regimes" unter dem Label „EU Inc.", das gerade jungen Start-ups grenzüberschreitenden Zugang zu Finanzierung erleichtern solle – wobei die Meinungen über dessen Erfolgsaussichten weit auseinandergingen, da zentrale Fragen wie der Gläubigerschutz bislang nur rudimentär geregelt seien. Zum anderen verwies er auf das „Market Integration Package" als Kernelement der Savings and Investment Union, das auf eine europäische Börse sowie den Ausbau der Wertpapieraufsicht ESMA zu einer echten Aufsichtsinstanz ziele, um langfristig einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt als Gegengewicht zu den großen Finanzplätzen zu schaffen.
Auf die im Vortragstitel angedeutete Frage gebe es dabei nur die klassische juristische Antwort: Es komme darauf an – auf eine methodisch saubere, präzise juristische Analyse und auf die Absolventinnen und Absolventen selbst, die genau diese Fähigkeiten erworben hätten. Er gratulierte ihnen zum bestandenen Examen und wünschte ihnen abschließend, die Herausforderungen der Neuorientierung des europäischen Wirtschaftsrechts nicht als Bürde, sondern als Chance zu begreifen, um mit dem Erlernten eine erfolgreiche Zukunft zu gestalten.
Im Anschluss richtete der Studiensprecher Max Opel ebenfalls Glückwünsche an die Absolventinnen und Absolventen. Mit dem bestandenen Examen hätten sie etwas Bedeutendes geleistet. Mit Blick auf den Studienbeginn erinnerte er an die von der Fachschaft begleitete Erstiwoche und bedankte sich bei den in der Fachschaft Engagierten. Zuletzt wies er darauf hin, dass das im Studium erworbene „Herrschaftswissen“ eine gewisse Verantwortung mit sich bringe, deren Missbrauch es zu verhindern gelte.
Im weiteren Verlauf überreichte Professor Bernd Heinrich die Urkunden an sechs Absolventinnen und Absolventen des LL.M.-Studiengangs.
Zum feierlichen Abschluss wurden die Examensurkunden an die Absolventinnen und Absolventen der Ersten Juristischen Staatsprüfung übergeben. Mit einer Gesamtnote von 14,24 Punkten erzielte Constantin Diem das beste Tübinger Examensergebnis und wurde hierfür mit dem Examenspreis der Juristischen Gesellschaft ausgezeichnet.
Musikalisch wurde die Veranstaltung von einem Streicherduo bestehend aus Sebastian Fetzer und Alexej Grube begleitet, die die Absolventinnen und Absolventen neben Werken von Rune Tonsgaard Sorensen und Reinhold Glière mit einem Arrangement traditioneller schottischer Lieder verabschiedeten.
Ein anschließender Ausklang der Feierlichkeiten fand in der Wandelhalle statt.