Prof. Dr. Jörg Robert

Bücher Neuerscheinungen

Martin Opitz: Gesammelte Werke. Die Werke von 1630 bis 1633.

Hg. von Gudrun Bamberger, Jörg Robert. Band 5. Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart (BLVS), Band Nr. 355. Stuttgart 2021.

Martin Opitz (1597 – 1639) ist eine Schlüsselfigur der europäischen Spätrenaissance. Mit seinem bahnbrechenden Buch von der deutschen Poeterey (1624) und seinen vielseitigen literarischen Projekten wurde er zum unbestrittenen Pionier und ›Vater‹ der neueren deutschen Literatur. Die kritische Edition der Werke von Martin Opitz ist ein Meilenstein der Frühneuzeitphilologie: George Schulz-Behrend konnte sie zwischen 1968 und seinem Tod im Jahr 2010 im Hiersemann Verlag bis zum Teilband IV, 2 führen. Ihre Fortsetzung schließt nun endlich eine für die Forschung schmerzliche Lücke, indem sie die nach 1630 entstandenen Schriften – darunter Vesuvius (1633), Judith (1635), Antigone (1636) – erstmals in verlässlicher kritischer Edition vorlegt. Eine eingehende Kommentierung erschließt alle Texte und ordnet sie in ihre historischen Entstehungs- und Wirkungszusammenhänge ein.

Band V mit den Gedichten aus den Jahren 1631 – 1633 beginnt den auf 4 Bände angelegten Abschluss der kritischen Opitz-Ausgabe. Damit liegt das Gesamtwerk des folgenreichsten deutschen Autors des 17. Jahrhunderts erstmals in einer modernen Standards genügenden Form vor.


Literaturstraße

Literaturstraße. Chinesisch-deutsche Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft. Band 21, 2020 - Heft 2. Hg. von Feng Yalin, Zhu Jianhua, Wei Yuqing, Jörg Robert, Gertrud M. Rösch, Ingo H. Warnke. Würzburg 2021.

Thematischer Schwerpunkt: Kulturalität der Literatur und Sprache - I. Nagelschmidt: Verwebungen von Bild und Schrift in ausgewählten Texten von Anna Seghers - H. Wang: Subversion und Dekonstruktion des "Meisters" eine Studie zu "Bild im Bild" und "Rahmen im Rahmen" in Alte Meister von Thomas Bernhard - B. van Well: Sprache der Träume - Sprache der Kultur: Ein multiperspektivischer Blick auf den Traum der Herzeloyde in Wolframs von Eschenbach Parzival - J. Li: Ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß" zur Evidenz des absoluten Gefühls bei Heinrich von Kleist - Y. Mao: ". blieb in dem Lande lebendig" zur Unsterblichkeit und Leiblichkeit in Alfred Döblins Die Helferin - Y. Liu: Die literarische Inszenierung von Goethes Natur und Wissenschaftsverständnis in Wilhelm Meisters Wanderjahre - G. Bamberger: Goethes Faust und der Augenblick - Y. Xu: Literarisches Schreiben nach Freud am Beispiel von Christoph Heins Der fremde Freund - S. Zhang: Existenzmöglichkeit und Subversionsversuch eine Betrachtung des Spiels in Friedrich Dürrenmatts Komödie Die Panne - B. Dücker: Verzehrsituationen in der deutschsprachigen Literatur - J. Xie: Traditionalität und Innovativität - eine Analyse von Rudolfs von Ems Einstellung zur Tradition am Beispiel seiner Gestaltung des roten Ritters und des Dichterkatalogs - A. Klawitter: Konzeption und Funktion der chinesischen Gartenkunst in der deutschen Literatur der Empfindsamkeit und Spätaufklärung - M. Lu: Kulturalität der Sprache und Sprachlichkeit der Kultur: Bericht zum Symposium der Humboldt Stiftung und der Literaturstraße an der Tongji Universität vom 25. bis 29. September 2019 in Shangha - Andere Aufsätze - C. Sun: Rousseaus Gespenster: Die Tugend der Republik, der Gemeinwille und das politische Undarstellbare - Y. Chen: Die elegischen Distichen in Goethes fünfzehnter Römischer Elegie - W. Noll: Kubin und Brecht. Essay zum "historischen" Mo Zi und zum "erdichteten" Me-ti


Frühe Neuzeit in Deutschland 1620–1720

Hg. v. Stefanie Arend, Bernhard Jahn, Jörg Robert, Robert Seidel, Johann Anselm Steiger, Stefan Tilg  und Friedrich Vollhardt, Redaktion: J. Klaus Kipf, Reinhard Gruhl, Bd. 2. Berlin, Boston 2020

Die Reihe der 'Verfasserlexika' hat sich vom Verfasserlexikon zur Deutschen Literatur des Mittelalters über die Fortsetzungen zum Deutschen Humanismus (1480–1520) und zur Frühen Neuzeit in Deutschland 1520–1620 zum bedeutendsten Nachschlagewerk vormoderner Literatur des deutschen Sprachraums entwickelt.
Das Verfasserlexikon Frühe Neuzeit in Deutschland 1620–1720 (VL17) führt diese Tradition bis ins 18. Jahrhundert fort. Mit knapp 800 Artikeln erhebt es den Anspruch, die literarischen Formen, historisch-sozialen Dynamiken und intellektuellen Debatten der Zeit umfassend abzubilden.


Ästhetische Reflexionsfiguren in der Vormoderne

Ästhetische Reflexionsfiguren in der Vormoderne (Germanisch Romanische Monatsschrift / Beihefte, Band 88).  Hg. v. Annette Gerok-Reiter, Anja Wolkenhauer, Jörg Robert, Stefanie Gropper. Heidelberg 2019.

Was heißt ‚Ästhetik’ in Kulturen vor der expliziten Ästhetik des 18. Jahrhunderts? Welche Gestaltungsvorstellungen gelten in Zeiten und an Orten, die keine dezidierte Ästhetiktheorie hervorgebracht haben? Die interdisziplinären Beiträge aus Archäologie, Latinistik, Germanistik, Skandinavistik, Romanistik, Anglistik und Amerikanistik suchen nach Formen, Typen und Figurationen, in denen sich ästhetische Selbstreflexionen und -kommentare ‚im Vollzug’ manifestieren.

Am Beispiel von Zeugnissen aus unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Medien werden Beschreibungsszenarien und heuristische Kategorien entwickelt, die eine ‚andere‘ Ästhetik – eine Ästhetik der Vormoderne – konturieren helfen. Für diese konkreten Formen und Manifestationen ästhetischer Selbstreflexion wird der Begriff der ‚ästhetischen Reflexionsfigur‘ vorgeschlagen. Die Beiträge untersuchen, inwieweit mithilfe von ‚ästhetischen Reflexionsfiguren‘ eine ‚andere‘ Ästhetik in ihren Erscheinungsformen, Funktionen und soziokulturellen Bedeutungen erschlossen werden kann.
Inhaltsverzeichnis von "Ästhetische Reflexionsfiguren in der Vormoderne"


Frühe Neuzeit in Deutschland 1620–1720

Frühe Neuzeit in Deutschland 1620–1720. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon. Hg. v. Stefanie Arend, Bernhard Jahn, Jörg Robert, Robert Seidel, Johann Anselm Steiger, Stefan Tilg u. Friedrich Vollhardt, Redaktion: J. Klaus Kipf, Reinhard Gruhl, Bd. 1. Berlin, Boston 2019

Das Verfasserlexikon Frühe Neuzeit in Deutschland 1620–1720 (VL 17) setzt die bislang drei umfangreichen Verfasserlexika (zu Mittelalter, Humanismus sowie zum Zeitraum 1520–1620) fort und erschließt im ersten Band mit etwa 800 Artikeln die Literatur- und Wissensgeschichte des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts neu. Aus der Perspektive der Autoren werden soziale und politische, regional-, bildungs-, konfessions- und traditionsgeschichtliche sowie allgemein kulturelle Zusammenhänge in ihrer Bedeutung für die literarische Produktion rekonstruiert. Kennzeichnend für die literarische Kultur der Frühen Neuzeit ist die enge Wechselwirkung genuin literarischer mit pragmatischen Formen, Themen und Zielen. Neben literarischen Autoren im engeren Sinn werden auch bedeutende Vertreter der Fachdisziplinen wegen ihrer historisch-kulturellen Bedeutung mit einbezogen. Alle Artikel werden aus den Quellen neu erarbeitet. Sie umfassen eine Biographie, eine Analyse und Kontextualisierung des Werkes sowie eine detaillierte Dokumentation von Handschriften, Drucken und Forschungsliteratur.


Ein Vater neuer Zeit

Evamarie Blattner/ Wiebke Ratzeburg / Jörg Robert (Hg.): „Ein Vater neuer Zeit“ – Reuchlin, die Juden und die Reformation. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Tübingen. Tübingen 2017.

Johannes Reuchlin (1455–1522), dessen Leben und Werk eng mit Tübingen verbunden sind, repräsentiert wie kaum ein anderer deutscher Humanist den zeitlichen Bogen und inneren Zusammenhang von Renaissance und Reformation. Auch wenn Reuchlin der Reformation am Ende seines Lebens kritisch gegenübersteht, verbinden sich doch die causa Reuchlin und die causa Lutheri für die Zeitgenossen besonders eng – dies gilt für den Wittenberger Reformator selbst, der eindringlich um Reuchlin als Mitstreiter geworben hat, vor allem aber für die jüngeren Anhänger beider Männer wie Ulrich von Hutten oder Reuchlins Schüler Melanchthon, den der Gelehrte 1518 nach Wittenberg vermittelt hat.

Reuchlin macht sich nachhaltig um die wissenschaftliche Erschließung und Bewahrung der jüdischen Tradition verdient und gilt bis heute als einer der Wegbereiter der Toleranzidee. Dies drückt sich in besonderer Weise im sogenannten Judenbücherstreit aus, bei dem es um die Frage geht, ob jüdische Bücher eingezogen und verbrannt werden sollten. Hier bezieht Reuchlin in einem Gutachten (1510) einen klar pro-jüdischen Standpunkt, der in der Folge zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Kölner Dominikanern und zur Verurteilung Reuchlins durch die römische Kurie führt. Der Streit selbst, in dem Reuchlins Augenspiegel die zentrale Rolle spielt, weitet sich zu einem medialen Ereignis von europäischen Dimensionen aus, das Phänomene der aktuellen Medienkultur vorwegnimmt.

Katalog und Ausstellungsprojekt möchten Reuchlin und seine Epoche in einem breiten Bogen von Leben und Werk über die Schriften bis hin zur Kulturgeschichte erschließen. Die Tübinger Jahre und Aktivitäten stehen dabei im Mittelpunkt.

Pressemitteilung der Stadt Tübingen zur Ausstellung hier.


Humanistische Antikenübersetzung

Regina v. Toepfer / Johannes Klaus Kipf / Jörg Robert (Hg.): Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). Berlin/Boston 2017.

Die Beiträge des Sammelbands untersuchen den Zusammenhang zwischen den deutschen Antikenübersetzungen des Zeitraums von 1450 bis 1620 und der frühneuzeitlichen Rhetorik und Poetik. Dabei wird der Beitrag der Übersetzungskultur, die unter dem Einfluss der humanistischen Bildungsbewegung entsteht, für die Entwicklung der deutschen Sprache und Literatur der Frühen Neuzeit neu bestimmt.

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Intermedialität in der Frühen Neuzeit

Jörg Robert (Hg.): Intermedialität in der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2017.

Intermedialität hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Paradigma der Literatur-, Bild- und Musikwissenschaften entwickelt. Phänomene der Medienkombination und -konkurrenz wurden dabei vor allem für Literatur, Musik und Bildende Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts untersucht. Der hier vorliegende interdisziplinäre Band stellt den ersten Versuch dar, intermediale Formen und ihre theoretischen Grundlagen für die Frühe Neuzeit (1500–1750) zu erfassen. Im Sinne einer literaturzentrierten Intermedialität stehen Wechselwirkungen zwischen der Literatur und den übrigen Künsten im Mittelpunkt. Neben Formen der Bild-Text-Kombination bzw. -transformation wie Emblem, carmen figuratum oder Ekphrasis werden Spielarten musikalischer Intermedialität (Lied, Bühnenmusik, Oper), aber auch die Vorgeschichte der Gesamtkunstwerk-Idee des 19. Jahrhunderts erschlossen. Mit diesem weiten Spektrum füllt der Band nicht nur eine Lücke zwischen historischer Frühneuzeit- und systematischer Intermedialitätsforschung, sondern bildet zudem eine wichtige Grundlage für eine noch zu schreibende Literaturgeschichte der Intermedialität.

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Einführung in die Intermedialität

Jörg Robert: Einführung in die Intermedialität. Darmstadt 2014.

Intermedialität hat sich in den vergangenen Jahren als Forschungsgebiet an der Schnittstelle zwischen Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft etabliert. Die Frage nach der Kombination und Konkurrenz der Medien und Künste betrifft ein weites Spektrum von Phänomenen. Es reicht von den Kontroversen um den Vorrang der Künste in Antike und Früher Neuzeit über die Kino- und Mediendebatten der Moderne bis zur klassischen Intertextualitätsforschung und Mediengeschichte. Dieser Band untersucht Geschichte, Theorie und Systematik der Intermedialität von einem literaturwissenschaftlichen Standpunkt aus. Neben einer Klärung der leitenden Begriffe bietet er einen Abriss der historischen Entwicklung sowie einen Überblick über die Forschungs- und Arbeitsfelder intermedialer Literaturwissenschaft. Einzelanalysen nehmen (Hyper-)Texte, Bilder, Filme, Lieder und das Verhältnis von Medium und "gender" in den Blick.

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Unterwelten. Modelle und Transformationen

Unterwelten. Modelle und Transformationen, hg. von Joachim Hamm und Jörg Robert, Würzburg 2014.

Der Abstieg in die Unterwelt gehört zu den großen Narrativen der epischen Tradition. Der vorliegende Band geht von antiken literarischen Modellen der Unterweltfahrt aus und spürt ihren vielfältigen Transformationen bis in die Moderne nach. In dreizehn Fallstudien werden die traditionsbildenden Unterweltreisen der antiken Literatur, auf ihnen aufbauende Gestaltungen jenseitiger Räume im Mittelalter und Früher Neuzeit sowie literarische und bildkünstlerische Umsetzungen und Übertragungen von "Unterwelten" in der Neuzeit betrachtet - bis hin zu Berichten über Nahtod-Erfahrungen, die in einem intensivmedizinischen Ausblick analysiert werden.

Der interdisziplinäre Band beschränkt sich hierbei nicht auf die Beschreibung von Motivverwandschaften und Traditionsbildungen in Literatur und bildender Kunst. Er führt vielmehr auch vor Augen, wie das motivische Inventar und die spezifische Narrativik der Unterweltfahrt spätestens seit der Frühen Neuzeit auf ganz unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsbereiche ausstrahlen und zur Modellierung von Grenzräumen, Anderwelten und "Heterotropen" genutzt werden, die sich ihrerseits nur im Rückgriff auf vorgängige Topiken erfassen und beschreiben lassen. Auf diese Weise entsteht ein historischer und systematischer Überblick über einen epischen Archetyp, der vom Altertum bis in die Gegenwart ein Faszinosum der Literatur, Kunst und Anthropologie darstellt.

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"Ein Aggregat von Bruchstücken"

„Ein Aggregat von Bruchstücken“. Fragment und Fragmentarismus im Werk Friedrich Schillers, hg. von Jörg Robert unter Mitarbeit von Marisa Irawan, Würzburg 2013.

Das Fragment ist ein zentrales Problem im Werk Friedrich Schillers. Die Anthropologie des „ganzen Menschen“ findet im Bruchstückhaften der modernen Existenz ihren Gegenpol. Entsprechend wird das „in sich selbst Vollendete“ zum utopischen Ideal einer unverfügbaren Totalität, der sich Mensch und Kunst sukzessive annähern sollen. Dem steht die manifeste Unvollendung zahlreicher Vorhaben gegenüber. Insbesondere die dramatischen Fragmente oder das Romanfragment Der Geisterseher bezeugen Schillers Offenheit für kulturelle, politische und ästhetische Fragen der Zeit, deren prinzipielle Aporien nicht mehr in (ab-)geschlossenen Formen bewältigt werden können. Der vorliegende Band untersucht Schillers hinterlassene Projekte und Fragmente im Lichte seiner Theorien des Fragments und des Fragmentarischen, die der frühromantischen Nobilitierung des Fragments zur ästhetischen Form spannungsvoll gegenüberstehen.

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Unordentliche Collectanea

Unordentliche Collectanea. Gotthold Ephraim Lessings Laokoon zwischen antiquarischer Gelehrsamkeit und ästhetischer Theoriebildung, hg. von Jörg Robert und Friedrich Vollhardt, Berlin/Boston 2013 (= Frühe Neuzeit Bd. 181).

Für die Ästhetik des 18. Jahrhunderts stellt G.E. Lessings Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie (1766) einen Wendepunkt dar. Die Beiträge des Bandes arbeiten die produktive Offenheit dieser unordentlichen Collectanea (Laokoon, Vorrede) heraus. Lessing will keine systematische Ästhetik vorlegen, sondern fermenta cognitionis , die in ihrer Summe ein Panorama der ästhetischen und kunsthistorischen Problemlagen der Zeit bieten.

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Poetik des Wilden

Poetik des Wilden. Festschrift für Wolfgang Riedel, hg. von Jörg Robert und Friederike Felicitas Günther. Würzburg: Königshausen & Neumann 2012.

Seit der Antike bildet das Wilde den Gegenpol einer Selbstbeschreibung der abendländischen Kultur und Zivilisation. Mit dem Prozess der Zivilisation geht der Regress auf Figurationen des Wilden, Archaischen und Primordialen einher. Dem Wilden kommt daher eine besondere, dialektische Funktion für die Semantik der europäischen Gesellschaften und der modernen Literatur zu, sofern dieses sich in Dimensionen einer longue durée durch Prozesse der Aufklärung, Rationalität und Zivilisation bestimmt. Der vorliegende Band zu Ehren und aus Anlass des 60. Geburtstages von Wolfgang Riedel verfolgt die literatur-, ideen- und kulturgeschichtlichen Codierungen des Wilden in einem weiten chronologischen Bogen von der griechischen Archaik und Klassik über die Frühe Neuzeit bis in die klassische Moderne und die Literatur der Gegenwart hinein. Das Konzept einer ‚Poetik des Wilden‘ enthält eine semantische Doppeldeutigkeit, die zugleich die heuristisch-methodische Leitthese des Unternehmens darstellt. Im Begriff der Poiesis ist einerseits vorausgesetzt, dass das Wilde immer ein ‚gemachtes‘, eine perspektivische Konstruktion namentlich des ‚imperialen Blicks‘ (N. Pratt) ist, die komplementär ihr Anderes, d.h. die europäische Zivilisation, mitzudenken hat. Auf der anderen Seite ist diese diskursive ‚Herstellung‘ des Wilden immer wieder an die Poiesis im engeren Sinne, d.h. an Dichtung, Literatur oder die Künste im Allgemeinen rückgebunden. Das Wilde wird so zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand einer literarischen Anthropologie bzw. literarischen Ethnologie.

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