Philosophische Fakultät

Nachrichtenarchiv

16.12.2015

Auszeichnung „Rede des Jahres 2015“ an Rainald Goetz und Jürgen Kaube

Tübinger Rhetoriker ehren Schriftsteller und FAZ-Herausgeber für Reden zur Büchner-Preis-Verleihung

Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat die Büchner-Preis-Rede von Rainald Goetz sowie die zugehörige Laudatio von Jürgen Kaube zur „Rede des Jahres 2015“ gewählt. Das Institut zeichnet damit zwei sprachlich brillante Redebeiträge aus, die die Tradition der Festrede kunstvoll hintertreiben und ihr gerade damit neues Leben einhauchen und ihr zu neuer Wirksamkeit verhelfen. Beide Reden bilden eine komplexe Einheit: die eine Rede umspielt die andere auf feinsinnige und differenzierte Art und Weise, weshalb zum ersten Mal in der Geschichte der „Rede des Jahres“ ein Reden-Doppel ausgezeichnet wird.

Das Jahr 2015 war dominiert durch Trauerreden- und Krisenrhetorik: Terror in Paris, der Absturz der Germanwings-Maschine und die Griechenland-Krise dominierten das politische Geschehen und die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland. Rainald Goetz setzt solchen Krisen-Reden ein Lob der Jugend entgegen sowie die Forderung nach beständiger Revolution und kritischer Wachheit.

Goetz denkt intellektuell scharfsichtig darüber nach, wie Literatur heute aussehen sollte, welche Rolle ein Schriftsteller in der Gesellschaft einnehmen kann und welche Funktion eigentlich Kulturpreise haben. Seine Ausführungen faszinieren von Beginn an durch eine verknappte, antithetische Sprache der Übersteigerung und ihre gedankliche Originalität. Schnell wird klar, dass es dem Redner nicht nur um den Kulturbetrieb geht, sein Thema ist vielmehr die „gigantische Kaputtheit“, die „entsteht „aus lauter kleinen schlechten Erfahrungen, die man dauernd mit sich selbst und anderen macht“. Die Rede oszilliert damit um die große Menschheitsfrage: „Wie sollen wir leben?“, auf die Goetz am Ende seiner Rede, die von den Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht wurde, überraschender- und originellerweise mit einem Song der Wiener Indie-Band Wanda antwortet: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst sag: Für AMORE, Amore“. Ein überzeugender Appell an die Jugend und das Leben in Zeiten von Krisen und Terror und eine Rede, wie man sie seit Thomas Bernhards legendärer Preisrede aus dem Jahr 1970 in Darmstadt nicht mehr gehört hat.

Dabei war die diesjährige Verleihung des Büchner-Preises schon mit der Laudatio von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube zu einem rhetorischen Event geworden. Mit spielerischer Freude und hellwachem Verstand arbeitete der sich an Rainald Goetz ab. „Lob ist schlecht“, das Zitat von Goetz bildet den überraschenden Auftakt der Laudatio, die die Unmöglichkeit des Lobs reflektiert, denn Goetz habe doch klar erkannt: „Lob erniedrigt die Welt des Gelobten, wie auch den Lobenden“, weil an die Stelle von Analyse und Argument bloße Zustimmung trete. Trotzdem gelingt Kaube ein Lob, das kraftvoll ist, ohne den Lobenden oder den Gelobten in diesem Sinne zu düpieren, indem er über die Gattung Festrede nachdenkt und zeigt, welch hohe Bedeutung Rede und Gegenrede in der Welt von Rainald Goetz haben. Kaube gelingt eine kritische Reflexion über die Wirkungsmechanismen von Rede und das kritische Potential der Rhetorik von großer intellektueller Schärfe und sprachlicher Finesse. Fast nebenbei macht er sich für eine Literatur jenseits der Fiktion stark, erklärt den „Unwillen zur Fiktion“ bei Goetz durch die Rückbindung der Literatur an das Leben. Zwar heißt es bei Goetz: „Lob ist schlimmer als Lüge“, aber für ein Lob, das so reflektiert und so vielstimmig, so sprachkritisch und so sprachmächtig ist wie das aus dem Munde von Jürgen Kaube, gilt dieser Vorbehalt sicher nicht.

Beide Reden bilden letztlich eine Einheit, sie spielen sprachlich in einer Klasse, sind rhetorisch hoch reflektiert, differenziert und aktualisieren die Gattung Festrede. Goetz und Kaube stehen für eine zeitgemäße Rhetorik und sind faszinierend, motivierend und provozierend in einer Weise, wie es nur wenigen Rednern und Reden gelingt.

Die Auszeichnung „Rede des Jahres“ wird seit 1998 vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen vergeben und ging seitdem unter anderem an Marcel Reich-Ranicki, Joschka Fischer und Papst Benedikt. Mit diesem Preis würdigt das Seminar für Allgemeine Rhetorik jährlich eine Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend beeinflusst hat. Neben das Kriterium der Wirkungsmacht treten bei der Auswahl weitere Bewertungsmaßstäbe wie argumentative Leistung und stilistische Qualität der Rede. Ziel ist es, das gesamte rhetorische Kalkül des Redners zu betrachten und zu bewerten.

Jury: Pia Engel, Dr. Gregor Kalivoda, Prof. Dr. Joachim Knape, Sebastian König, PD Dr. Olaf Kramer, Severina Laubinger, Frank Schuhmacher, Fabian Strauch, Viktorija Romascenko, Prof. Dr. Dietmar Till, Peter Weit und Dr. Thomas Zinsmaier

Texte der Reden:

Jürgen Kaube: http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/rainald-goetz/laudatio

Rainald Goetz: http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/rainald-goetz/dankrede

Tondokument:

http://www.ardmediathek.de/radio/Kulturfragen-Deutschlandfunk/B%C3%BCchner-Preis-2015-Dankesrede-von-Rain/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?documentId=31403908&bcastId=21676454

www.rhetorik.uni-tuebingen.de

Kontakt:

PD Dr. Olaf Kramer

Universität Tübingen

Seminar für Allgemeine Rhetorik

Tel.: +49 7071 29-74256

Mobil: +49 170 296 2327

olaf.kramerspam prevention@uni-tuebingen.de

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