Philosophische Fakultät

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20.01.2017

Musikwissenschaftler analysiert bisher unveröffentlichte Handschrift Gustav Mahlers

Mahler-Uraufführung - Konzert mit Vortrag am 31. Januar

Dass Komponist Gustav Mahler und seine Ehefrau Alma gemeinsam an Kompositionen arbeiteten, ist der Fachwelt inzwischen bekannt. Dabei entstanden oft mehrere Fassungen eines Stückes: Professor Jörg Rothkamm vom Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen ist nun auf eine bislang unveröffentlichte Version des Erntelieds gestoßen. Die Mahler-Komposition wird am Dienstag, den 31. Januar, an der Universität Tübingen uraufgeführt.

Das auf einem Gedicht von Gustav Falke basierende Stück hatte Rothkamm in Gustav Mahlers Handschrift in der „Médiathèque Musicale Mahler“ in Paris aufgespürt, verifiziert und entziffert. Dabei konnte er zeigen, dass der Anteil Gustav Mahlers an der gemeinsamen Komposition größer war, als bislang erwartet. „Diese Version weicht von der bekannten und publizierten Version in zahlreichen Punkten ab, sowohl in Text und Melodie, vor allem aber in Klavierbegleitung und Harmonien“, erläutert der Musikwissenschaftler. Auch sei der Schluss des Liedes in diesem Autograph Gustav Mahlers, also der eigenhändigen Niederschrift, formal völlig neu entwickelt.

Zu der Veranstaltung werden Mahler-Spezialisten und -Fans aus dem In- und Ausland erwartet. „Die letzten Uraufführungen von Werkfassungen Gustav Mahlers liegen Jahrzehnte zurück“, sagt Rothkamm: „Insofern ist diese Uraufführung ein großes Ereignis für die Mahler-Welt.“

Gustav Mahler hatte 1901 seine spätere Ehefrau Alma Mahler in einem berühmt-berüchtigten Brief vor die Wahl gestellt, „von nun an meine Musik als die Deine anzusehen“ oder auf die gemeinsame Beziehung zu verzichten. Und das, ohne auch nur einen ihrer damaligen Kompositions­versuche zu kennen. Tatsächlich komponierte Alma Mahler während der neun­jährigen Ehe nichts Neues und brach auch ihren Unterricht bei Alexander Zemlinsky ab. Erst als Gustav Mahler in der Ehekrise des Jahres 1910 ‒ Alma Mahler hatte sich auf eine Liaison mit dem Architekten Walter Gropius eingelassen ‒ ernsthaft um die Beziehung zu seiner Frau fürchtete, wandte er sich ihren Kompositionen zu. Er überarbeitete ein gutes Dutzend Lieder gemeinsam mit ihr. Noch 1910, im Jahr vor seinem Tod, erschien ein erstes Heft im Druck, weitere folgten 1915 und 1924.

Dass Gustav Mahler erheblichen Anteil an der Überarbeitung fast all dieser Lieder hatte, ja selbst verschiedene Fassungen und Entwürfe notierte und korrigierte, ist inzwischen bekannt. Doch fehlte es bislang an einem näheren Vergleich der Fassungen, der den Anteil des Komponistenpaares zu bestimmen versucht.

Zur Uraufführung des Erntelieds wird Jörg Rothkamm in einem einführenden Vortrag „Aus der Werkstatt Alma und Gustav Mahlers: Eine neue Liedfassung in der Handschrift Gustav Mahlers mit Bezug zur 10. Symphonie“ die Genese mit zahlreichen Noten- und Klangbeispielen erklären. Die Entstehung fällt genau in jene Zeit, in der Mahler seine letzte, unvollendet gebliebene 10. Symphonie entwarf ‒ und tatsächlich lassen sich musikalische Bezüge zwischen den Werken ausmachen. Weitere Aufschlüsse konnte der Mahler-Experte aus neu entzifferten und datierten Passagen des umfangreichen und weitgehend unpublizierten Briefwechsels zwischen Alma Mahler und Walter Gropius ziehen. Gemeinsam mit der Direktion des Bauhaus-Archives Berlin arbeitet er seit kurzem intensiv an der Quellenerschließung und Gesamtedition dieser Briefe. In seinem Einführungsvortrag gibt er auch Einblick in diese berührenden Dokumente.

Termin: Dienstag, 31. Januar 2017, 18.15 Uhr

Ort: Universität Tübingen, Musikwissenschaftliches Institut, Pfleghofsaal, Schulberg 2, 72070 Tübingen

Mitwirkende: Dagmar Schmidt-Wehinger, Klavier / Naomi Kautt, Sopran

Kontakt und Informationen:

Prof. Dr. Jörg Rothkamm

Universität Tübingen

Musikwissenschaftliches Institut

Telefon: +49 7071 29-72414 (Sekretariat)

joerg.rothkamm[at]uni-tuebingen.de

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