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02.07.2026
Der Mythos der allwissenden Künstliche Intelligenz: Studie zeigt, dass viele Jugendliche ChatGPT und Co. überschätzen
Glauben Jugendliche, dass generative Künstliche Intelligenz (KI) fehlerfrei ist und alles weiß? Eine neue Studie von Forschenden der Universität Tübingen und des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel zeigt: Selbst unter den leistungsstärksten Schüler:innen der Klassenstufen 6 bis 8 erliegt eine beachtliche Minderheit der Fehlvorstellung einer allwissenden KI. Die Ergebnisse verdeutlichen zudem, dass die bloße Nutzung von KI nicht ausreicht, um diese Fehleinschätzung zu korrigieren – und dass bestehende Bildungsungleichheiten dadurch verschärft werden könnten.
Die Studie wurde unter der Leitung von Ann-Kathrin Jaggy (Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, Universität Tübingen) und Thorben Jansen (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, IPN Kiel) in Zusammenarbeit mit Tim Fütterer und Ulrich Trautwein (beide Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, Universität Tübingen) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Journal of Educational Psychology open access veröffentlicht (zur Veröffentlichung). Untersucht wurden die Vorstellungen von insgesamt 870 mathematisch-naturwissenschaftlich talentierten Schüler:innen, die für das Begabtenförderprogramm “Hector-Seminar”, von ihren Lehrkräften nominiert worden waren. Ein Großteil von ihnen (512 Schüler:innen) wurde in den Jahren 2023 und 2024 wiederholt befragt.
KI wird eine hohe Wissensautorität zugeschrieben
Die Ergebnisse legen nahe, dass nur wenige Jugendliche KI für absolut fehlerfrei halten, ihr aber häufig eine immense Wissensautorität zuschreiben (Abbildung 1, siehe unten). Im Jahr 2023 stimmten rund 13 % der Aussage zu, "KI weiß alles"; 2024 waren es rund 10 %. Der Aussage "KI macht keine Fehler" stimmten 2023 knapp 10 % und 2024 rund 6 % zu. Deutlich höher fiel die Zustimmung zur Aussage aus, dass KI mehr wisse als die eigenen Lehrkräfte. Dort stimmten 39 % (2023) beziehungsweise 34 % (2024) der Befragten zu, was mit den Weiterentwicklungen der KI in den letzten Monaten auch immer weniger als Fehlvorstellung gewertet werden kann.
Der leichte Rückgang der Fehlvorstellungen im Gesamtmittel (von 20 % auf 16 %) ist zudem auf einen Kohorteneffekt zurückzuführen: Die jüngere, neu in die Studie aufgenommene Kohorte, brachte bereits von vorneherein eine kritischere Ausgangshaltung mit.
KI entzaubert sich nicht von selbst
Die Längsschnittdaten der Jugendlichen, die an beiden Befragungen teilnahmen, zeigen, dass sich der Mythos der allwissenden KI nicht von allein auflöst. Wer 2023 Fehlvorstellungen zeigte, tat dies meist auch 2024. Obwohl die Jugendlichen im Alltag – sei es durch Medienberichte, den Unterricht oder die eigene Nutzung – durchaus mit der Fehlbarkeit von KI-Modellen konfrontiert wurden, hinterfragten sie diese nicht automatisch kritisch.
Ein Wandel in den Vorstellungen gelang laut der Analyse vor allem Jugendlichen mit höherer kognitiver Leistungsfähigkeit und einer ausgeprägten Motivation zum kritischen Denken (in der Fachliteratur als Need for Cognition bezeichnet). Diese Schüler:innen setzte sich intensiver mit den KI-Antworten auseinander und korrigierten ihre Allwisenheits-Fehlvorstellungen im Laufe des Jahres selbstständig.
Ein neuer „Matthäus-Effekt“ droht: Konsequenzen für die Schulpraxis
„Unsere Ergebnisse warnen vor der Entstehung eines neuen Matthäus-Effekts in der digitalen Bildung“, erklärt Ann-Kathrin Jaggy. Und weiter „Schülerinnen und Schüler, die ohnehin kognitiv stark sind und Freude an anspruchsvollem Denken haben, entwickeln schneller ein realistisches Bild von den Grenzen der KI. Jugendliche mit weniger kognitiven Ressourcen hingegen bleiben anfälliger für den Glauben an eine unfehlbare Technologie.“
Aus Sicht der Forschenden enthalten die Ergebnisse einen klaren Appell an die Bildungspolitik und Schulen: „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass Jugendliche allein durch das bloße Ausprobieren und die alltägliche Nutzung von Tools wie ChatGPT lernen, diese kritisch zu hinterfragen.” schlussfolgert Co-Autor Thorben Jansen. “Fehlvorstellungen über generative KI müssen im Unterricht gezielt sichtbar gemacht und aktiv bearbeitet werden. Schüler:innen sollten systematisch darin gefördert werden, KI-Ausgaben zu prüfen, Fehler und Halluzinationen zu erkennen und die Leistungsfähigkeit sowie die Grenzen der Technologie realistisch einzuschätzen.“
Publikation
Jaggy, A.-K., Jansen, T., Fütterer, T., & Trautwein, U. (2026). Almighty ChatGPT? Development of gifted secondary school students’ AI (mis)conceptions.Journal of Educational Psychology. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/edu0001063
Pressekontakt
Kristina Laube
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