Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung

Empirische Forschung mit Zeitzeug:innenbefragungen

Unser Ziel

Mit quantitativen Methoden untersuchen wir die Wirksamkeit von Zeitzeug:innenbefragungen im Unterricht und der historisch-politischen Bildung. Dafür nutzen wir Methoden der empirischen Bildungsforschung, unter anderem randomisierte und kontrollierte Feldstudien. 

Zeitzeug:innenbefragungen im Geschichtsunterricht

Zeitzeug:innenbefragungen im Geschichtsunterricht sind beliebt, um Schüler:innen die Vergangenheit nahe zu bringen. Allerdings glauben die Schüler:innen den Zeitzeug:innen gelegentlich mehr als den Schulbüchern oder schriftlichen Quellen, denn Zeitzeug:innen „waren dabei“. Zeitzeug:innen sind für den Geschichtsunterricht also spannend, aber auch risikoreich.

In mehreren Studien untersuchen wir die Wirksamkeit von Zeitzeug:innenbefragungen im Geschichtsunterricht. Das BMBF-geförderte Dissertationsprojekt von Dr. Christiane Bertram zu Chancen und Risiken von Zeitzeug:innenbefragung im Geschichtsunterricht stellte den Ausgangspunkt für zwei weiterführende Projekte dar: Dr. Lisa Zachrich erforschte in ihrer Promotion im Kontext von LEAD die besondere Lernerfahrung mit Zeitzeug:innen und entwickelte ein Instrument, um die besondere Involvierung bei der Begegnung mit Zeitzeuginnen standardisiert zu erfassen. Dieses wurde in dem Dissertationsprojekt von Katharina Totter eingesetzt, in einer von der DFG geförderten randomisierten Feldstudie, in der geschulte Lehrkräfte mit Live- und Videozeitzeug:innen der „Generation 1975“ gearbeitet haben. Wir versprechen uns von diesen Studien wichtige Einsichten in die Wirkmechanismen der Arbeit mit Zeitzeug:innen. 

Chancen und Risiken von Zeitzeug:innen im Geschichtsunterricht

Welche Chancen und welche Risiken birgt die Befragung von Zeitzeug:innen? 

In der ersten randomisierten und kontrollierten Interventionsstudie in der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik wurden insgesamt 30 Experimentalklassen von einer Expertenlehrkraft unterrichtet. Jeweils 10 Klassen haben mit den Zeitzeug:innen live in der Klasse, mit dem Video bzw. mit dem Text einer Befragung gearbeitet. Die Haupterhebung fand Schuljahr 2011/12 mit 962 Schüler:innen der neunten Gymnasialklasse statt. 

Intervention: Das Thema „Friedliche Revolution in der DDR“ wurde als ein historischer Fall bearbeitet. Wie Sherlock Holmes haben die Lernenden nicht nur Quellen untersucht, sondern auch Zeitzeug:innen befragt, die in der Oppositionsbewegung aktiv gewesen sind. Die Unterrichtseinheit umfasste 6 ½ Unterrichtsstunden und unterschied sich nur in der Doppelstunde, in der mit den Zeitzeug:innen live in der Klasse oder mit dem Video oder Transkription einer Befragung gearbeitet wurde. 

Ziel: Die Schüler:innen sollten erkennen, dass Geschichte eine Re-Konstruktion der Vergangenheit ist, so dass historische Darstellungen de-konstruiert und notwendige Perspektivität und Standortverbundenheit von Zeitzeug:innen berücksichtigt werden muss. 

Ergebnisse: Die Lernenden in der Live-Gruppe schnitten im Nachtest statistisch signifikant schlechter ab als die Lernenden in der Video-/Textgruppe, schätzen aber das Potenzial der Arbeit mit Zeitzeug:innen bezogen auf ihre inhaltlichen und methodischen Lernfortschritte und ihr Interesse an dem Thema sehr viel höher ein. 

Publikationen: 

Bertram, C., Wagner, W. & Trautwein, U. (2017). Learning historical thinking with oral history interviews. A cluster randomized controlled intervention study of oral history interviews in history lessons. American Educational Research Journal 54(3), 444-484. https://journals.sagepub.com/doi/10.3102/0002831217694833

Bertram, C. (2017). Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie (Reihe Geschichtsunterricht erforschen). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
https://www.wochenschau-verlag.de/Zeitzeugen-im-Geschichtsunterricht/40431

Werden die Lernenden durch die „Aura der Authentizität“ (Martin Sabrow) des oder der Live-Zeitzeug:in überwältigt? Wie kann das subjektive Erleben der Begegnung mit Zeitzeug:innen erfasst werden?

Besondere Lernerfahrung mit Zeitzeug:innen

Wie kann das subjektive Erleben der Begegnung mit Zeitzeug:innen standardisiert erfasst werden?

Teilstudie 1: Um die „Aura“ von Zeitzeug:innen empirisch erfassbar zu machen, wurde theoriebasiert ein Rahmenmodell entwickelt, dass die Erfahrung von komplexen historischen Quellen (wie historische Orte und Zeitzeug:inneninterviews) operationalisiert. 

Zachrich, L., Baron, C., Weller, A. & Bertram., C. (2020). Historical Experiences: A Framework for Encountering Complex Historical Sources. History Education Research Journal 17(2), 243-275. https://journals.uclpress.co.uk/herj/article/id/316/

Teilstudie 2: Das auf Basis des Rahmenmodells entwickelte Testinstrument wurde in mehreren Stichproben eingesetzt und mit über 800 Schüler:innen validiert. Das Instrument erfasst psychometrisch „sauber“ die kognitive und emotionale Involviertheit von Lernenden, die Zeitzeug:innen begegnen.

Zachrich, L., Bertram, C., Wagner, W. & Trautwein, U. (2023). Das «Aura­Erlebnis» in der Begegnung mit Zeitzeug*innen. Eine komplexe Lernerfahrung verstehen und standardisiert erfassen. In M. Waldis & M. Nitsche, Geschichtsdidaktisch intervenieren. (S. 375-397). https://www.hep-verlag.ch/geschichtsdiaktisch-intervenieren-doi

Teilstudie 3: In der experimentelle Studie zur Authentizität von Zeitzeug:innenvideos wurde die Information manipuliert, ob die Person im Videoclip die Erlebnisse selbst erlebt, die Erzählung eines:r Zeitzeug:in gespielt oder eine rekonstruierte Erzählung vorgetragen hat. Allein das Framing des Videos als ein authentischer, gespielter bzw. rekonstruierter Zeitzeug:innenbericht hatte Effekte auf die emotionale Involviertheit der Proband:innen.

Zachrich, L., Wagner, W., Bertram, C. & Trautwein, U. (2024). Really? It depends! How authentic learning material affects involvement and learning with personal stories of the past. Learning & Instruction 92https://doi.org/10.1016/j.learninstruc.2024.101921

Zachrich, L. (2023). Empirische Bildungsforschung trifft Geschichtsdidaktik. Eine Untersuchung der Lernprozesse im Lernarrangement mit Zeitzeug:innenberichten. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/133894

Welchen Effekt hat die individuelle Verarbeitung der Zeitzeug:innenbegegnung auf das Lernen der Schüler:innen? 

Authentisches Lernen mit Zeitzeug:innen

Im Unterschied zur ersten Interventionsstudie haben wir an zwei Stellschrauben gedreht. Mit zwei Zeitzeug:innen zu arbeiten, sollte ihre notwendige Perspektivität bei ihrem Blick auf die Vergangenheit verdeutlichen. Berichte über den „Alltag“, sollten die Gefahr zu verringern, dass Schüler:innen überwältigt werden.

Zusammen mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung in Baden-Württemberg (ZSL) haben wir eine Unterrichtseinheit zum Thema „Transformationszeit nach 1989“ entwickelt, in der mit zwei Zeitzeug:innen der „Generation 1975“ – jeweils aus dem Osten und Westen Deutschlands – gearbeitet wurde. Die Unterrichtseinheit mit den Videos findet sich auf dem „Generationenportal“ (Generationenportal)

Um die Effekte der Intervention in möglichst realistischen Umständen zu erfassen, nahmen die insgesamt 50 Lehrkräfte mit ihren eigenen Klassen (insgesamt 1.301 Schüler:innen) teil und unterrichteten zufällig zugewiesen entweder die Unterrichtseinheit (mit Livebesuch oder mit einem Videozusammenschnitt) oder in der Kontrollgruppe nach Lehrplan ohne Zeitzeug:innen.

Teilstudie 1: Um die Effekte der Intervention messen zu können, wurden Messinstrumente entwickelt und validiert. 

Teilstudie 2: In dieser Studie wurde untersucht, welche Effekte die Arbeit mit den beiden Zeitzeug:innen aus Ost- und Westdeutschland auf die Kompetenzen, das Wissen und die Motivation der Lernenden hatte.  

Teilstudie 3: In dieser Studie wurde untersucht, welche Rolle das subjektive Erleben der Lernenden in ihrem Lernprozess spielt, wenn sie Zeitzeug:innen live oder medial vermittelt begegnen. Die Analysen wurden vorab präregistriert.

Totter, K., Wagner, W. & Bertram, C. (2024), Standardized Assessment of Historical Thinking Competencies in an Intervention Study Using Perspectives on German History. Historical Thinking, Culture, and Education 1(1). DOI 10.12685/htce.1382 

Totter, K., Wagner, W., Bertram, C. & Trautwein, U. (2025). Effects of Working With Multiple Eyewitnesses in History Lessons on Competencies, Knowledge, and Motivation: A Cluster Randomized Controlled Field Trial. Journal of Educational Psychology. Advance online publication. doi.org/10.1037/edu0000996

Team

  • Dr. Christiane Bertram (Leitung Bereich „Historisches Lernen“)
  • Prof. Dr. Ulrich Trautwein
  • Dr. Wolfgang Wagner
  • Dr. Lisa Zachrich
  • Katharina Totter