Ich habe an der Universität Gießen Romanistik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Seit 2013 bin ich in Tübingen Doktorandin am Lehrstuhl „International Business“ von Professor Dr. Markus Pudelko an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Meine Promotion handelt von multilingualen und multikulturellen Individuen in einem multinationalen Teamumfeld, Titel: „The role of multilingual and multicultural individuals in multinational teams“. Meine Dissertation schreibe ich komplett auf Englisch, das ist am Lehrstuhl International Business Standard, bereits ab dem Bachelor-Studium.
Ich war insgesamt zwei Mal in Kanada, an der McGill University in Montreal.
Zunächst habe ich in den Sommersemesterferien 2015 zwei Monate in Montreal verbracht. Die bilinguale englisch-französische Stadt eignet sich bei meinem Thema besonders gut als Forschungsumfeld. Mein Doktorvater Markus Pudelko hat mir geholfen, in Kanada jemanden zu finden, der mein Promotionsvorhaben unterstützt und der mich gerne aufnimmt. Professorin Suzanne Gagnon hat mir vor Ort Kontakte ermöglicht, insbesondere zu MBA Alumni, die ich interviewen konnte. Diese ersten Ergebnisse habe ich als Basis dafür genommen, um mich für einen zweiten, längeren Auslandsaufenthalt in Kanada zu bewerben.
Der zweite Aufenthalt in Montreal begann im Juli 2016 und dauerte insgesamt zehn Monate. Für meine Dissertation mache ich eine qualitative Studie und interviewe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf unterschiedlichen Hierarchie-Ebenen – vom Manager über den Teamleiter bis hin zum Sachbearbeiter, in unterschiedlichen Teamgrößen und Projektarten. Die Zeit in Montreal habe ich für solche Interviews und ihre Auswertung genutzt. Auch in Deutschland habe ich solche Interviews geführt, hinzu kommen noch einige Interviews, die Studierende im Rahmen von Forschungsprojekten in Ostasien geführt haben.
Ich glaube, Internationalität ist generell wichtig und heute Standard für eine akademische Karriere. Der wissenschaftliche Dialog findet im Zeitalter der Globalisierung auf internationaler Ebene statt. Die persönliche Entwicklung profitiert ebenfalls sehr von einem Auslandsaufenthalt. Außerdem ist Nordamerika im Management-Forschungsumfeld eine wichtige Region und für Nachwuchswissenschaftler ist es von Vorteil, diese Region aus nächster Nähe kennenzulernen und Kontakte knüpfen zu können.
Ich habe eine Stelle als Referentin für Internationales bei der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und habe den ersten Kurz-Aufenthalt größtenteils privat finanziert.
Für den zehnmonatigen Aufenthalt hatte ich zwei Förderungen, für zwei separate Forschungsvorhaben im Rahmen meiner Dissertation: ein DAAD-Kurzzeitstipendium für die ersten fünf Monate, mit der inkludierten Reisekostenpauschale konnte ich die Flugkosten bestreiten. Sowie ein Stipendium der Baden-Württemberg-Stiftung für die zweiten fünf Monate, ergänzt durch eigene Ersparnisse. Meine Heimatfakultät hat mir für diesen Aufenthalt unbezahlten Urlaub gegeben und für diese Zeit eine Vertretung eingestellt.
Die DAAD-Bewerbung ist sehr aufwendig, unter anderem zwei Gutachten sind hierfür notwendig sowie ein fundiert ausgearbeitetes Forschungsvorhaben. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die Zusage in der Regel relativ kurzfristig kommt. Dadurch blieb mir für die Organisation des Aufenthalts nur sehr wenig Zeit.
In Tübingen hat mich mein Doktorvater Markus Pudelko von Anfang an unterstützt. Gemeinsam mit Dekan Professor Josef Schmid hat er sich dafür eingesetzt, dass ich meine Stelle bei der Fakultät, wie ich schon sagte, ruhen lassen kann.
Auch in Montreal bin ich von Anfang an unterstützt worden, ich kannte auch durch meinen ersten Aufenthalt bereits Leute. Eine Freundin von mir wohnt dort, bei ihr konnte ich zunächst wohnen und in Ruhe eine Wohnung suchen. Viele Kontakte bekam ich durch meine Gastprofessorin, sie hat mich auch gleich in wichtige E-Mail-Verteiler aufgenommen.
Für alle Studenten – Doktoranden gelten dort generell als Studenten – gibt es verschiedene Unterstützungsangebote. Mich persönlich haben vor allem eine Mitarbeiterin der Fakultät an der McGill University sowie meine Gastgeberin eingeführt.
Zunächst muss ich vorausschicken, dass die Universitäten in Kanada viel mehr Geld haben, und die McGill University ist sehr renommiert.
In Kanada gibt es ganz andere Strukturen: keine Lehrstühle wie in Deutschland, stattdessen Departments. Das fördert den Austausch, so mein Eindruck: Es gibt es mehr Miteinander in der Fakultät, unter den Professoren. Aber auch über Fach- oder Universitätsgrenzen hinaus. Man arbeitet sehr viel gemeinsam an Projekten.
In Kanada werden sehr häufig Gäste – Manager von großen Firmen oder Wissenschaftler – an die Fakultät eingeladen. Dadurch gibt es einen starken Austausch sowohl zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einerseits als auch zwischen Wissenschaft und Praxis andererseits.
Für alle drei großen Universitäten in Montreal gibt es ein gemeinsames Doktorandenprogramm, das fördert die Vermischung und den Austausch. Die Doktoranden können dadurch Kurse bei allen drei Universitäten belegen oder man geht zur Verteidigung von Dissertationen an den anderen Unis.
Ich bin froh, dass ich zehn Monate in Kanada war, dadurch konnte ich mich über einen längeren Zeitraum intensiv auf meine Projekte konzentrieren.
Den DAAD als Förderer kann ich sehr empfehlen, sowohl was das Finanzielle betrifft als auch von der Betreuung her. Sehr unkompliziert, freundlich, gut erreichbar – sowohl bei der Bewerbung als auch vor Ort.
Empfehlen würde ich auf jeden Fall, im Vorfeld den Kontakt zur Gastuniversität herzustellen, und zwar den persönlichen Kontakt zu dem betreuenden Professor bzw. der betreuenden Professorin. Damit meine ich mehr, als lediglich den für die Bewerbung notwendigen Einladungsbrief einzuholen. Das hilft bei dem eigenen Forschungsvorhaben sehr.
Das Interview führte Maximilian von Platen