Meldung
19.10.2026
Pariser Moderne: Forschende erschließen Nadars Gästebuch
Das Gästebuch des französischen Fotografie-Pioniers Nadar (1820-1910) steht im Mittelpunkt eines neuen DFG-Projekts der Universitäten Würzburg, Konstanz und Tübingen
Gaspard-Félix Tournachon, 1820 geboren in Paris und besser bekannt unter seinem Künstlernamen Nadar, war ein Pionier der Fotografie. Von dem Mediziner, Journalisten und Ballonfahrer stammen die ersten Luftaufnahmen von Paris ebenso wie die ersten Bilder aus den Katakomben und unterirdischen Abwasserkanälen der Stadt. In Nadars 1854 eröffneten Pariser Ateliers ließen unzählige Persönlichkeiten fotografische Portraits von sich erstellen. Im Gegenzug trugen sich ausgewählte Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Kultur in Nadars Gästebuch ein, das livre d’or (wörtlich: Goldenes Buch).
Das großformatige Buch lag im Pariser Studio aus; einzelne Einträge zirkulierten aber auch in der zeitgenössischen Presse. Es gelangte mit dem Nachlass des amerikanischen Zahnarztes Thomas W. Evans nach Philadelphia und wird heute in der Bibliothek der University of Pennsylvania aufbewahrt. Dem Gästebuch ist nun ein neues digitales Editionsprojekt gewidmet, bei dem die Universitäten Würzburg, Konstanz und Tübingen kooperieren. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Ziel: Kulturgeschichtliche Hintergründe rekonstruieren
Leiter des Vorhabens sind Professor Karl Philipp Ellerbrock (Universität Würzburg), Dr. Paul Mellenthin (Universität Tübingen) und Professor Bernd Stiegler (Universität Konstanz). Das Trio macht es sich zur Aufgabe, das livre d’or samt einem zweiten, erst kürzlich aufgefundenen Album systematisch zu erforschen und dabei insbesondere seine kulturgeschichtlichen Hintergründe zu rekonstruieren.
„Das Gästebuch ermöglicht neue Einblicke in den gesellschaftlichen Kosmos im Paris des 19. Jahrhunderts“, sagt Bernd Stiegler, Professor für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Medien- und Fotografiegeschichte an der Universität Konstanz. „Um die Prozesse symbolischer Kommunikation erfassen und beschreiben zu können, wollen wir die teils berühmten Beiträgerinnen und Beiträger – darunter etwa der Dichter Charles Baudelaire, der Künstler Gustave Doré oder der Komponist Jacques Offenbach – mit den Porträts und Karikaturen in Verbindung setzen, die Nadar von ihnen angefertigt hat.“
„Wir möchten die der Personenauswahl zugrunde liegenden Mechanismen besser verstehen und die im Album dokumentierten Prozesse gesellschaftlicher Selbst- und Fremdpositionierung sichtbar machen“, ergänzt Paul Mellenthin, Kunsthistoriker an der Universität Tübingen.
„Hierzu sollen die über 400 Einträge – es handelt sich um Aphorismen und Gelegenheitsdichtungen, aber auch um Zeichnungen und musikalische Kompositionen – durch die philologisch-textkritische Arbeit neu lesbar gemacht und dabei in ihren Kontexten und in ihrer Vielstimmigkeit erschlossen werden“, so Karl Philipp Ellerbrock, Professor für Französische und Italienische Literaturwissenschaft an der Universität Würzburg.
Projekt startet im April 2027
Entstehen soll eine Online-Edition des livre d’or, die über die Objekt- und Multimediadatenbank der Universitätsbibliothek Heidelberg arthistoricum.net zugänglich sein wird. Das neue DFG-Projekt ist auf drei Jahre angelegt und startet voraussichtlich im April 2027. Die Zeitschrift Fotogeschichte begleitet den Start mit einem Themenheft.
Pressemitteilung der Projektgruppe
Weitere Informationen:
Das Album auf den Seiten der Penn Libraries: https://colenda.library.upenn.edu/catalog/81431-p3w08x23m
Projekthomepage: go.uniwue.de/nadar
Kontakt:
Prof. Dr. Karl Philipp Ellerbrock
Universität Würzburg
Neuphilologisches Institut/Romanistik
Lehrstuhl für Französische und Italienische Literaturwissenschaft
Telefon +49 931 31-80856
karl.ellerbrockspam prevention@uni-wuerzburg.de
Dr. Paul Mellenthin
Universität Tübingen
Kunsthistorisches Institut
Telefon +49 7071 29-78783
paul.mellenthinspam prevention@uni-tuebingen.de
Prof. Dr. Bernd Stiegler
Universität Konstanz
Fachbereich Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften
Telefon +49 7531 88 2432
bernd.stieglerspam prevention@uni-konstanz.de