Uni Tübingen

Meldung

08.10.2026

Tübinger Wildtierforscher erhält Wissenschaftspreis der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg

Prämierte Arbeit beschäftigt sich mit dem menschlichen Einfluss auf die Verbreitung Europäischer Wildkatzen

Dr. Klaus Rehfeld (links) und Dr. Chris Baumann bei der Überreichung der Urkunde.

Die Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg in Stuttgart hat am 1. Oktober 2026 dem Paläoökologen und Wildtierbiologen Dr. Chris Baumann ihren diesjährigen Forschungspreis verliehen. Die Auszeichnung wurde 1985 durch den ehemaligen Obergeologierat Dr. Walter Schall ins Leben gerufen und nach ihm benannt. Chris Baumann arbeitet am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. Er erforscht dort die Anpassung verschiedener Tierarten an von Menschen beeinflusste Umgebungen, wie etwa Ortschaften oder Agrarflächen, von der letzten Eiszeit bis heute.

Die mit 1.500 Euro prämierte Preisschrift erschien Anfang des Jahres in der internationalen Zeitschrift PlosONE. In der Begründung der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg heißt es, Baumann erhalte den Preis für seine „wohlüberdachte, konzeptionell neuartige Herangehensweise, um die für den Naturschutz essentielle Frage zu beantworten, inwieweit die Europäische Wildkatze durch Hybridisierung mit Hauskatzen ihre genetische Eigenständigkeit verliert und durch Nahrungskonkurrenz sowohl mit den Hybriden als auch mit den Hauskatzen unter Druck gesetzt wird“, so Dr. Klaus Rehfeld, derzeitiger Vorsitzender der Gesellschaft.

Weiter heißt es in der Begründung: „Chris Baumann nutzte die Stabile-Isotopen-Analyse von Katzenhaaren, um Einblicke in das Nahrungsspektrum von Wildkatzen, Hauskatzen und deren Hybride zu gewinnen. Um unterschiedliche Konstellationen zu erfassen, verglich er eine in einem geschlossenen Waldbestand lebende, weitgehend reine Wildkatzenpopulation im Taunus und kontrastierte sie mit einer jungen Population im Markgräflerland, die sich in einer teilweise offenen Landschaft ausbreitet und eine hohe Hybridisierungsrate aufweist. Zudem untersuchte er bis zu 26 Jahre zurückreichendes archiviertes Material aus Thüringen, wo geschlossene Waldbestände zunehmend zugunsten der Landwirtschaft geöffnet wurden. Übereinstimmend zeigten sich deutliche Unterschiede im Nahrungsspektrum von Wildkatzen, Hauskatzen und Hybriden, wobei letztere das breiteste Nahrungsangebot nutzen und damit potentielle Konkurrenten von Wildkatzen sind. In Thüringen erwiesen sich in der retrospektiven Analyse Wildkatzen bereit, unter den sich wandelnden Bedingungen auch Beute aus der Offenlandschaft zu ergreifen. Baumanns Untersuchung eröffnet neue Einblicke in die ökologische Dynamik von Wildtierpopulationen unter menschlichem Einfluss. Seine Studie ist von hoher Relevanz für den praktischen Naturschutz und trägt dazu bei, die Stabile-Isotopen-Analyse als ein nicht-invasives Werkzeug im Wildtiermonitoring zu etablieren.“

Die Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg wurde am 26. August 1844 als „Verein für vaterländische Naturkunde in Württemberg“ in Stuttgart gegründet. Maßgeblich beteiligt an der Gründung war auch der Tübinger Zoologe Wilhelm von Rapp (1794–1868). Erster Präsident war bis 1854 Wilhelm von Urach, Graf von Württemberg (1810–1869). Seit 1845 sind nunmehr 182 Jahreshefte der Gesellschaft erschienen, die über regionale, aber auch internationale Forschungsthemen aus der Naturkunde berichten.

Seit dem 19. Jahrhundert entstanden vier regionale sogenannte Vereinszweige der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg: Tübingen ist seit 1891 als damaliger königlicher Verwaltungssitz des „Schwarzwald-Kreises“ Sitz des Schwarzwälder Vereinszweiges, der ursprünglich 1874 in Nagold gegründet wurde. Dessen Vorsitz hatte hier zunächst der Paläontologe Wilhelm Branco (1844–1928), der Nachfolger des berühmten Geologen Friedrich August von Quenstedt (1809–1889), inne. Späterer langjähriger Vorsitzender war auch der Tübinger Geologe Frank Westphal (1930–2022), der über Jahrzehnte hinweg die traditionell immer am 1. Advent stattfindende „Thomas-Tagung“ im ehemaligen Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum der Universität an der Sigwartstraße, heute Sitz der Paläontologischen Sammlung, leitete.

PD Dr. Ingmar Werneburg
Vizepräsident der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg e. V. und 
Kustos der Senckenberg-verwalteten Paläontologischen Sammlungen an der Universität Tübingen