Uni Tübingen

Magazin

29.09.2026

Vom Wert der Wissenschaft

Vom ideellen, gesundheitlichen und monetären Wert der Wissenschaft.

Vom ideellen Wert der Wissenschaft

"Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“

- Aristoteles, griechischer Philosoph


„Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit.“

- Alexander von Humboldt, Forschungsreisender


„Die Geisteswissenschaften lehren uns kritisches Denken, wie man Argumente analysiert und wie man sich das Leben aus der Perspektive einer Person vorstellt, die anders ist als man selbst.“

- Martha Nussbaum, amerikanische Philosophin und Autorin


„Wissen gehört niemandem allein – keinem Herrscher, keinem Reich und auch keiner Religion. Es ist universell. Wissen kann allerdings nur dann richtig wachsen, wenn wir alle seinen Wert erkennen, Wissen in Gemeinschaft teilen und wenn alle freien Zugang dazu haben.“

- Harald Lesch, Astrophysiker und Journalist


"Ich gehöre zu denen, die glauben, dass die Wissenschaft von großer Schönheit ist.“

- Marie Curie, Nobelpreisträgerin Physik und Chemie


„Fakten, wissenschaftlich fundiert und eindeutig belegt, sind Gold wert.“

- Mai Thi Nguyen-Kim, Wissenschaftsjournalistin


„Ein Konzept oder eine Theorie zu entwickeln heißt auch, Grenzen des Denkens abzustecken.“

- Maja Göpel, Transformationsforscherin



Drei Fragen an Prof. Kahle

Was ist der ideelle Wert von Wissenschaft?

Der ideelle Wert der Wissenschaft liegt für mich darin, dass die Wissenschaft ihr Vorgehen transparent macht und ihre Ergebnisse rational begründet. Wissenschaft ist nicht Meinung, sie ist übergeordneten Standards verpflichtet. Das Bundesverfassungsgericht hat es so formuliert: Wissenschaftliche Tätigkeit ist ein „ernsthafter und planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit“.

Lässt sich der ideelle Wert bemessen?

Jein – wir haben es hier mit etwas zu tun, was im Hinblick auf die Qualität und nicht die Quantität gemessen werden muss. Zum Beispiel ist die Anzahl von Zitationen in diesem Zusammenhang nicht aussagekräftig. Der Maßstab für den Wert von Wissenschaft sind ihre transparenten Begründungen. Eine Begründung ist dann hinreichend, wenn sie von der wissenschaftlichen Community, dem Fachkollegium, anerkannt wird.

Welche Verantwortung haben Universitäten?

Die Universität ist verpflichtet, die fachlich Expertise zu liefern, die es der Gesellschaft ermöglicht, richtige Entscheidungen zu treffen. Das gilt natürlich auch für aktuelle Debatten, wie etwa der Diskussion um die Klima-Katastrophe. Es ist jedoch nicht die Aufgabe der Wissenschaft, den gesellschaftlichen Diskurs zu übernehmen. Lehren und Lernen an der Universität ist nicht von der unmittelbaren Anwendung motiviert, sondern zielt auf  ein höheres Abstraktionsniveau. So gelangt man zu Wissen, das in unterschiedlichen Kontexten zur Anwendung kommen kann, häufig auch zu  Anwendungen, an die sich zur Zeit der Forschung noch nicht denken ließ.


Vom gesundheitlichen Wert der Wissenschaft

Langfristig ist die globale durchschnittliche Lebenserwartung stark gestiegen: von rund 32  Jahren um 1900 auf 73 Jahre 2023. Der Anstieg verlief nicht stetig: Der Einbruch um 1960 ist durch die große Hungersnot in China von 1959 bis 1961 zu erklären, der Einbruch 2021/2022 mit der COVID-19-Pandemie und mit den höheren Sterbezahlen durch HIV/Aids weltweit in der Folge der Pandemie.

Auch in früheren Jahrhunderten  konnten Menschen alt werden – es  starben aber viel mehr Kinder. Um  1800 starb weltweit schätzungsweise jedes zweite Kind vor seinem fünften Geburtstag. Heute überleben 96 Prozent der Kinder diese verletzliche erste Lebensphase.

Vom Aderlass zur evidenzbasierten Medizin

Bis etwa 1850 konnten Ärzte zwar manchmal helfen, aber viele Behandlungen (Aderlass, Quecksilberpräparate, unsaubere Operationen)
richteten oft mehr Schaden an, als dass sie nutzten. Chirurgische Eingriffe waren wegen Schmerzen und Infektionen hochriskant. Vor der  Einführung moderner Verfahren führten schwere Infektionen bei einem großen Teil der Operierten zum Tod. Mit der Einführung der Narkose ab den 1840er-Jahren konnten Operationen präziser durchgeführt werden. 

Der entscheidende Durchbruch kam jedoch durch die Keimtheorie, Antisepsis (Lister, ab den 1860ern) und später Asepsis. Dadurch sanken Operationssterblichkeit und Komplikationen drastisch. Wahrscheinlich überschritt die Medizin als Ganzes ihren „Nutzenüber-Schaden-Punkt“ irgendwann zwischen 1860 und 1900.

Für die allgemeine Bevölkerung wurde der Nutzen im 20. Jahrhundert noch deutlicher: Impfungen, Medikamente wie Antibiotika und Insulin, sichere Geburtshilfe, moderne Chirurgie sowie Vorsorgemaßnahmen und verbesserte Hygiene führten zu enormen Rückgängen bei Sterblichkeit und Kindersterblichkeit.


Drei Fragen an Hans-Jörg Ehni

Wie lässt sich der gesundheitliche Wert von Wissenschaft messen?

Der eindrücklichste Beleg ist der Anstieg der Lebenserwartung seit 1850: Sie hat sich bei der Geburt etwa verdoppelt und ist in den führenden Ländern jedes Jahr um drei Monate gestiegen. Wir verbringen immer mehr Zeit bei guter Gesundheit und haben dadurch allgemein eine höhere Lebensqualität.

Wie lautet Ihre Vorhersage für die weitere Entwicklung der Lebenserwartung? 

Die einen sehen natürliche biologische Grenzen erreicht, die anderen erwarten, dass der Anstieg so weitergeht. Darüber hinaus gibt es die Prognose, dass durch gezielte Verlangsamung des biologischen Alterns zusätzlich bis zu sieben gesunde Lebensjahre gewonnen werden könnten. Ich halte das für plausibel.

Was wäre der nächste Schritt in der medizinischen Entwicklung mit dem größten Einfluss auf unsere Gesundheit?

Mit zunehmendem Alter steigen die Risiken für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Diabetes gleichzeitig. Gelingt es, Altersprozesse zu verlangsamen, könnten mehrere dieser Erkrankungen gleichzeitig verhindert oder verzögert werden – das wäre ein fundamentaler Fortschritt gegenüber der bisherigen  Einzeltherapie von chronischen Erkrankungen, die mit dem Alter einhergehen.


Vom monetären Wert der Wissenschaft