Am Mittwoch, den 16.09.2026 las und erzählte Tomas Venclova in der Lyrikhandlung am Hölderlinturm in Tübingen.
Venclova rekapitulierte sein Leben und ließ das 20. Jahrhundert wiederauferstehen: Ob es um Freundschaften oder um Fragen der Poesie, Politik der Großmächte oder über die verwickelte Geschichte Mittelosteuropas ging – Venclovas Klugheit und Selbstironie gaben dieser großen europäischen Erzählung von Entwurzelung und Heimatlosigkeit etwas heiter Gelassenes.
Als Kind erlebte Tomas Venclova die Okkupation seiner Heimat – erst durch die Sowjets, dann durch die Nazis. Er ging nach Leningrad, lernte Sprachen, befasste sich mit der modernen Poesie und geriet als Übersetzer und Dichter früh ins Visier des KGB. 1976 gehörte er zu den Mitbegründern der litauischen Helsinki-Gruppe für Menschenrechte. Während eines Aufenthaltes in den USA wurde ihm 1977 die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Er lehrte bis 2012 an der Yale University und lebt seit 1990 auf zwei Kontinenten – ein Emigrant, der am unabhängigen Litauen zu viel auszusetzen hatte, um in sein Heimatland zurückzukehren, und sein Exil als “Glücksfall” empfand.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Dichterkollegin und Übersetzerin von Venclova, der Schriftstellerin Ellen Hinsey. Hinsey's Werk verbindet Lyrik, politische Texte und Philosophie und setzt sich insbesondere mit Geschichte, Sprache und dem zeitgenössischen Europa auseinander. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter Stipendien der American Academy in Berlin (2001) und des DAAD-Künstlerprogramms Berlin (2015).
Die Veranstaltung des Slavischen Seminars der Uni Tübingen fand in Kooperation mit dem Literaturhaus Stuttgart, der Lyrikhandlung am Hölderlinturm, dem Kompetenzzentrum für Ost-, Südost- und Mitteleuropa (KOSME) und dem Studio Literatur und Theater statt.