Uni Tübingen

05.11.2026

Wissenschaft lebt vom Widerspruch

Professorin Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai spricht im Interview über Hirntumorforschung, wissenschaftliche Verantwortung und die Frage, was Wissenschaft uns für das Zusammenleben in einer Demokratie lehren kann.

Professorin Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai arbeitet in der Hirntumorforschung.

Heute 17 Uhr, Alte Aula: Eröffnung Science & Innovation Days mit Ghazaleh Tabatabai

Frau Professorin Tabatabai, Sie sind Vorständin im Hertie-Zentrum für Neurologie und führen die Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neuroonkologie am Universitätsklinikum Tübingen. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Den typischen Arbeitsalltag gibt es eigentlich nicht. In meiner Rolle als Ärztliche Direktorin, W3-Professorin und Forscherin bin ich in Krankenversorgung, Lehre und Forschung aktiv und trage zugleich Verantwortung für Führung und Management. Das bedeutet, dass sich klinische Entscheidungen, wissenschaftliche Diskussionen, strategische Themen und die Arbeit mit Mitarbeitenden und Studierenden oft abwechseln. Diese Vielfalt macht meinen Alltag anspruchsvoll und zugleich auch ausgesprochen abwechslungsreich.


Sie erforschen, wie Hirntumore Therapien umgehen und Resistenzen entwickeln. Wie lässt sich das verhindern? Gibt es Fortschritte, die Ihnen Hoffnung machen?
Zunächst ist mir wichtig, anzumerken, dass Hirntumor nicht gleich Hirntumor ist. Gerade besonders aggressive Tumoren wie das Glioblastom zeichnen sich durch eine enorme biologische Anpassungsfähigkeit aus. Die Tumorzellen können auf therapeutischen Druck reagieren, alternative Signalwege aktivieren und dadurch gewissermaßen Ausweichstrategien entwickeln, um einer Behandlung zu entgehen.

Genau diese Mechanismen untersuchen wir: Welche biologischen Fluchtwege nutzen die Tumorzellen, um Therapien zu umgehen? Und vor allem: Wie können wir diese Ausweichmechanismen gezielt blockieren? Unser Ansatz ist dabei, bestehende Therapien nicht unbedingt zu ersetzen, sondern sie durch intelligente Kombinationen verschiedener Behandlungsstrategien wirksamer zu machen. Die Idee dahinter ist, dem Tumor möglichst wenige Möglichkeiten zu lassen, auf eine Therapie auszuweichen.

Und tatsächlich gibt es Fortschritte, die uns Hoffnung machen: In unseren Forschungsarbeiten der vergangenen fünf Jahre konnten wir mehrere vielversprechende Therapiekombinationen identifizieren. Für diese Kombinationen haben wir inzwischen eine fundierte biologische Grundlage erarbeitet, die als rationale Basis für die Entwicklung neuer klinischer Studien dienen könnte.

Das ist natürlich noch nicht gleichbedeutend mit einer neuen Behandlung, die bereits Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht. Aber es ist ein wichtiger Schritt: Wir verstehen zunehmend besser, wie Tumoren Therapien umgehen, und können dieses Wissen gezielt nutzen, um neue, biologisch begründete Behandlungsstrategien zu entwickeln.
 

Welche Gründe haben Sie dazu bewogen, sich neben Ihrer Arbeit als Ärztin und Forscherin für den Verein „Wissenschaft für Demokratie“ einzusetzen? 
Demokratie und Wissenschaft bedingen einander. Die Demokratie schafft die Voraussetzungen, unter denen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler frei arbeiten können. Umgekehrt sind die Freiheit und Resilienz der Wissenschaft entscheidend für eine starke und widerstandsfähige Demokratie. Als Bürgerinnen und Bürger tragen wir Verantwortung dafür, diese Freiheit und unsere Demokratie zu schützen, für uns und für die kommenden Generationen.

Wissenschaft ist für eine Demokratie unverzichtbar: Sie schafft Wissen, eröffnet neue Perspektiven und bildet eine wichtige Grundlage für faktenbasierte Diskussionen und fundierte Entscheidungen. Mit dem Verein ‚Wissenschaft für Demokratie‘ wollen wir diesen Beitrag sichtbar und Wissenschaft für die Gesellschaft nahbar machen. Unser Anliegen ist es, die Bedeutung der Wissenschaft als tragende Säule einer freien und aufgeklärten Gesellschaft zu stärken und verständlich zu vermitteln.


Kann uns die Wissenschaft etwas darüber lehren, wie wir in einer Demokratie mit Fakten und unterschiedlichen Meinungen umgehen?
Freie Wissenschaft lebt davon, die eigene Position immer wieder zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen und sich durch stichhaltige Argumente und neue Erkenntnisse überzeugen zu lassen. Sie hilft uns, zwischen gesichertem Wissen, begründeten Annahmen und Meinungen zu unterscheiden. Sie lehrt uns auch, Unsicherheit auszuhalten.

Darin liegt eine wichtige Verbindung zur Demokratie: Beide leben vom Austausch unterschiedlicher Perspektiven, vom Widerspruch und von der Bereitschaft, eigene Positionen zu überprüfen.

Meines Erachtens ist eine der wichtigsten Lektionen der Wissenschaft: 
Widerspruch ist eine Chance, gemeinsam zu besseren Erkenntnissen und Entscheidungen zu kommen. Wir sollten Widerspruch deshalb als wichtigen Bestandteil einer offenen Gesellschaft begreifen.
 

Bei der Podiumsdiskussion „Vom Wert der Wissenschaft“ geht es unter anderem um Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse. Wie lässt sich dieses Vertrauen stärken, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse gängigen Überzeugungen widersprechen oder unbequeme Fragen aufwerfen?
Vertrauen braucht Glaubwürdigkeit und Transparenz. Wissenschaft muss ihre Arbeit verständlich vermitteln, den Dialog mit der Gesellschaft suchen und auch die eigenen Ergebnisse kritisch hinterfragen. Die Bereitschaft, Erkenntnisse gegebenenfalls zu korrigieren, ist dabei eine ihrer größten Stärken.

Wissenschaft muss auch unbequeme Fragen stellen und Erkenntnisse hervorbringen dürfen, die unseren bisherigen Überzeugungen widersprechen. Ihre Aufgabe ist es schließlich, unseren Horizont zu erweitern und wissenschaftliches Neuland zu betreten. Dafür muss sie auch bestehende Denkgrenzen überschreiten.

Entscheidend für die Vertrauensbildung ist meines Erachtens, dass dieser Prozess transparent und nachvollziehbar bleibt: Wir müssen vermitteln, wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen, auf welchen Methoden und Daten sie beruhen und wo Unsicherheiten und Kontroversen bestehen. Vertrauen in die Wissenschaft entsteht vor allem dadurch, dass Wissenschaft verständlich offenlegt, was sie weiß, was sie noch nicht weiß und wie sie zu ihren Schlussfolgerungen kommt.

Sie haben an der Universität Tübingen Ihre zweite Promotion abgeschlossen und waren anschließend an anderen Orten tätig. Was hat Sie zurück nach Tübingen gezogen?

Für mich ist Tübingen ein Standort, an dem ich meine wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkte hervorragend weiterentwickeln und aktiv gestalten kann. Die Universität Tübingen ist eine traditionsreiche, international anerkannte Universität und bietet mit ihrer leistungsstarken Universitätsklinik ein hervorragendes wissenschaftliches und klinisches Umfeld. Besonders reizvoll ist für mich die inhaltliche Ausrichtung: Tübingen hat ausgewiesene Forschungsschwerpunkte sowohl in den Neurowissenschaften als auch in der Onkologie und Immunologie. Genau an dieser Schnittstelle bewegt sich mein wissenschaftlicher Schwerpunkt in der Neuroonkologie.

Hinzu kommt die ausgeprägte interdisziplinäre Zusammenarbeit, die ich für eine moderne und erfolgreiche Forschung ganz entscheidend finde. Die enge Vernetzung zwischen Grundlagenforschung und klinischer Medizin bietet hervorragende Möglichkeiten, neue Erkenntnisse zu gewinnen und diese in innovative Behandlungsansätze zu überführen.

Was Tübingen für mich darüber hinaus besonders auszeichnet, ist die Dynamik des Wissenschaftsstandorts. Sechs Exzellenzcluster, neue Forschungsinitiativen schaffen ein ausgesprochen inspirierendes Umfeld. Als Mitglied des Exzellenzclusters iFIT bin ich selbst Teil dieser Entwicklung und schätze insbesondere die Möglichkeiten zur interdisziplinären Vernetzung.

Ich habe im Podcast “Key to my Research” gesagt, dass ich der Meinung bin: If you are the smartest person in the room, you are in the wrong room. Genau das beschreibt für mich auch einen wesentlichen Aspekt des Wissenschaftsstandorts Tübingen: Man ist hier von herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern umgeben, wird intellektuell herausgefordert, bekommt neue Perspektiven eröffnet und lernt kontinuierlich dazu. Ich empfinde das als eine Bereicherung und als eine wichtige Voraussetzung für die eigene Weiterentwicklung.


Zuletzt noch eine andere Frage: Spätestens seit dem Musikvideo „Im Herzen KAFF. Doch ziemlich taff“ wissen wir, dass Sie auch eine großartige Bühnenpräsenz besitzen! Wie sind Sie zu der Rolle der Leadsängerin gekommen und was hat Ihnen beim Dreh am meisten Spaß gemacht?

Die Idee zu unserem Musikvideo kam von unserer großartigen Kommunikationschefin Bianca Hermle, die uns alle für dieses etwas andere Projekt begeistern konnte. Für die Rolle der Leadsängerin gab es tatsächlich ein kleines Casting, wobei das Vorsingen ziemlich unkompliziert ablief: Eine gesungene WhatsApp-Sprachnachricht von etwa 90 Sekunden zwischen zwei Terminen musste reichen! Offenbar konnte meine Stimme überzeugen, und so durfte ich in eine ganz neue Rolle schlüpfen. Es war für mich sehr schön, nach rund 30 Jahren wieder einmal in einem Tonstudio zu stehen. Das hat viel Freude gemacht. Am meisten begeistert haben mich aber die Energie und das Herzblut am Set, das gemeinsame Lachen und die vielen ungeahnten Talente, die dabei zum Vorschein kamen. Ich finde, gerade als Exzellenzuniversität und exzellente Universitätsklinik zeigen wir hier gemeinsam mit unserem Vorstandsvorsitzenden und Leitenden Ärztlichen Direktor, dass höchste Ansprüche, exzellente Qualität und eine gute Portion Selbstironie durchaus zusammenpassen. Am Ende war es vor allem ein tolles gemeinsames Erlebnis, das uns sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Wie viel Wert hat Wissenschaft für unsere Gesellschaft und warum ist es wichtig, ihr zu vertrauen? Bei der Festivaleröffnung der Science & Innovation Days diskutieren Andreas Sentker, Dr. Moritz Bross und Moritz Koch über die Bedeutung, Wirkung und Verantwortung von Wissenschaft. Moderiert von Marcel Wagner (SWR) erwartet Sie ein spannender Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Seien Sie dabei und diskutieren Sie mit! Zur Anmeldung geht's hier.