Professorin Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai spricht im Interview über Hirntumorforschung, wissenschaftliche Verantwortung und die Frage, was Wissenschaft uns für das Zusammenleben in einer Demokratie lehren kann.
Professorin Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai arbeitet in der Hirntumorforschung.
Frau Professorin Tabatabai, Sie sind Vorständin im Hertie-Zentrum für Neurologie und führen die Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neuroonkologie am Universitätsklinikum Tübingen. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? Den typischen Arbeitsalltag gibt es eigentlich nicht. In meiner Rolle als Ärztliche Direktorin, W3-Professorin und Forscherin bin ich in Krankenversorgung, Lehre und Forschung aktiv und trage zugleich Verantwortung für Führung und Management. Das bedeutet, dass sich klinische Entscheidungen, wissenschaftliche Diskussionen, strategische Themen und die Arbeit mit Mitarbeitenden und Studierenden oft abwechseln. Diese Vielfalt macht meinen Alltag anspruchsvoll und zugleich auch ausgesprochen abwechslungsreich.
Sie erforschen, wie Hirntumore Therapien umgehen und Resistenzen entwickeln. Wie lässt sich das verhindern? Gibt es Fortschritte, die Ihnen Hoffnung machen? Zunächst ist mir wichtig, anzumerken, dass Hirntumor nicht gleich Hirntumor ist. Gerade besonders aggressive Tumoren wie das Glioblastom zeichnen sich durch eine enorme biologische Anpassungsfähigkeit aus. Die Tumorzellen können auf therapeutischen Druck reagieren, alternative Signalwege aktivieren und dadurch gewissermaßen Ausweichstrategien entwickeln, um einer Behandlung zu entgehen.
Genau diese Mechanismen untersuchen wir: Welche biologischen Fluchtwege nutzen die Tumorzellen, um Therapien zu umgehen? Und vor allem: Wie können wir diese Ausweichmechanismen gezielt blockieren? Unser Ansatz ist dabei, bestehende Therapien nicht unbedingt zu ersetzen, sondern sie durch intelligente Kombinationen verschiedener Behandlungsstrategien wirksamer zu machen. Die Idee dahinter ist, dem Tumor möglichst wenige Möglichkeiten zu lassen, auf eine Therapie auszuweichen.
Und tatsächlich gibt es Fortschritte, die uns Hoffnung machen: In unseren Forschungsarbeiten der vergangenen fünf Jahre konnten wir mehrere vielversprechende Therapiekombinationen identifizieren. Für diese Kombinationen haben wir inzwischen eine fundierte biologische Grundlage erarbeitet, die als rationale Basis für die Entwicklung neuer klinischer Studien dienen könnte.
Das ist natürlich noch nicht gleichbedeutend mit einer neuen Behandlung, die bereits Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht. Aber es ist ein wichtiger Schritt: Wir verstehen zunehmend besser, wie Tumoren Therapien umgehen, und können dieses Wissen gezielt nutzen, um neue, biologisch begründete Behandlungsstrategien zu entwickeln.