Uni Tübingen

Magazin

02.10.2026

Die Zukunft des Studierens

KI kann erstaunlich gut texten. Wie verändern sich dadurch Studium und Lehre?

Der „Brechtbau“ ist ein Tempel des Geistes: Germanistinnen, Anglisten oder Medienwissenschaftlerinnen pilgern in ihre Büros auf sechs Stockwerken, in den Bibliotheken stehen Regalkilometer Bücher. In den Pausen suchen sich Studierende auf der „Liegewiese“ ein Plätzchen – mit grünem Teppichboden ausgekleideten Bänke und Nischen – und lesen konzentriert Notizen aus der jüngsten Vorlesung.

Auch Mika Sperr sitzt dort, Studentin der Rhetorik, sechstes Semester. Auf ihren Laptop hat sie Aufkleber zuerst geklebt, dann halb runtergerissen. Ohne Laptop geht Studieren heute nicht mehr. Und ohne KI?

„Ich habe den Anspruch, das Schreiben aus eigener Kraft heraus zu schaffen“, formuliert Mika Sperr langsam und mit Bedacht. Klar, auch sie nutze KI, vor allem, wenn sie Zeitdruck habe – für Recherche, zum Redigieren, und, ja, manchmal auch als Formulierungshilfe. „Aber nur zur Unterstützung. Wenn ich mir die Interpretation eines Textes durch KI abnehmen ließe, würde ich nicht viel lernen.“

Mika Sperr hat einen Fragebogen von Professor Christoph Bareither und Dr. Lukas Griessl ausgefüllt – so wie 500 weitere Studierende und Forschende der Universität Tübingen – und im Anschluss an einem ausführlichen Interview teilgenommen. Bareither und Griessl sind Kulturwissenschaftler, spezialisiert auf digitale Lebenswelten, und arbeiten eng mit KI-Forschenden zusammen. Sie haben für ihre Studie1 die Frage untersucht: Wie verändert KI die Geistes- und Sozialwissenschaften? Wie die Lehre? Was macht das mit dem eigenen Selbstverständnis?


Ich habe den Anspruch, das Schreiben aus eigener Kraft heraus zu schaffen.

Mika Sperr, Studentin der Rhetorik


Die Ergebnisse präsentierten sie in einer Studium-Generale-Vorlesung Ende des Sommersemesters. „Wer glaubt, dass wir diese Vorlesung von einer KI schreiben ließen?“, fragt Bareither die 64 Hörerinnen und Hörer. Alle bis auf drei melden sich – niemand möchte als naiv gelten – zu häufig haben sie schon KI-Schreibexperimente mit verblüffend guter Qualität bezeugt. „Die Antwort wird Sie überraschen“, sagt Bareither, „aber dazu später.“

Bareither steht vorne am Rednerpult und liest aus seiner Studie Antworten von Befragten unter Pseudonym vor:

„Toni, ein Student der Philosophie, schätzt: ,80 Prozent der Hausarbeiten sind mittlerweile synthetisch‘ – also mithilfe von KI erstellt.

Petra, eine Sinologin, stellt fest: ,ChatGPT zieht für mich die Daseinsberechtigung als Sinologie-Studentin in Zweifel.‘

Adam sieht das ähnlich: ,Wieso überhaupt noch studieren?‘ 

Susanne, eine Dozentin, fragt sich: ,Wieso sollte ich Hausarbeiten lesen und bewerten, die von einer KI erstellt wurden? Das macht keinen Sinn‘.“

Die Zitate ähneln sich. Als guter Kulturwissenschaftler bewertet sie Bareither nicht. Er stellt nur fest, dass viele von einem „Gefühl der Entwertung der eigenen Rolle“ berichten. Denn Texte sind das Gold der Geisteswissenschaften, Sprachmodelle wie ChatGPT können es verblüffend gut schürfen: Literaturlisten erstellen, Textstrukturen vorschlagen, Hausarbeiten schreiben. Studienergebnisse zusammenfassen. Vorlesungen konzipieren.


Wer glaubt, dass ich meine Vorlesung von einer KI schreiben ließ?


Griessl steht an einem zweiten Pult rechts neben dem Professor und formuliert eine Horrorvision. Ganz nüchtern: „Wir gelangen in eine ausgehöhlte Welt. Jeder Studierende hat durch KI einen ‚persönlichen Professor‘. Der transportiert aber nur Wissen und versteht es nicht. Wissenschaftlicher Fortschritt wird menschenlos. Uns kommen die Referenzpunkte abhanden: Wer ordnet ein? Wer überprüft? Die Geisteswissenschaften werden überflüssig.“

Es ist still im Saal. Die Horrorvision wirkt. Bareither löst die Beklommenheit durch eine Utopie, die er dagegensetzt: „KI sinnvoll eingesetzt kann Routineaufgaben übernehmen, Lehrenden wieder mehr
Zeit für die Studierenden verschaffen und Studierenden eine Lernhilfe sein.“

In welcher Welt werden wir leben?

Die Frage können Bareither und Griessl natürlich noch nicht beantworten. Aber ob KI den gehaltenen Vortrag tatsächlich geschrieben hat oder nicht. „Die Antwortet lautet: Ja und Nein“, sagt Griessl. Die beiden Kulturwissenschaftler haben sowohl ein Manuskript für die Vorlesung mit KI geschrieben als auch eines ohne KI-Unterstützung, um beide vergleichen zu können.

„Beide Ergebnisse waren inhaltlich gut“, sagt Bareither. Am Ende verwendeten sie aber doch den selbstgeschriebenen Vortrag. Denn die Frage stand im Raum: „Was wäre dieser Vortrag noch wert, wenn wir ihn nicht selbst geschrieben hätten?“ 

Hier unterscheide sich die Logik der Geistes- und Sozialwissenschaften von der Logik der Naturwissenschaften und Medizin. Dort gelte: Je schneller Ergebnisse vorliegen, je rascher neue Therapien entwickelt werden, desto besser. In den Geistes- und Sozialwissenschaften zeigt sich aber: „Es kann gerade die Menschlichkeit einer wissenschaftlichen Leistung sein, die dieser ihren Wert verleiht“, so Bareither.

Vom Wert handschriftlicher Prüfungen

Einer, der KI aus naturwissenschaftlicher Perspektive erforscht, ist Philipp Hennig. Er entwickelt selbst KI-Systeme, leitet das Tübinger AI Center und war bis vor Kurzem als Studiendekan verantwortlich für die Organisation der Lehre im Tübinger Exzellenzcluster Maschinelles Lernen für die Wissenschaft.

Hennig sitzt in der letzten Reihe eines leeren Hörsaals. In ein paar Minuten wird er in seiner Grundvorlesung zur Theorie der Informatik mit seinen Studierenden darüber diskutieren, ob es Zufall überhaupt geben kann. Er kennt die Leistungsfähigkeit der KI und verfolgt ihre rasante Entwicklung. Seine Konsequenz: „In meinen Kursen müssen die Übungsaufgaben und Klausuren handschriftlich auf einem Blatt Papier eingereicht werden. Da bin ich komplett weg von der vormaligen Digitalisierung.“

Für seine Vorlesung lässt er sich mathematische Probleme auch mal von einer KI visualisieren und diskutiert das Ergebnis mit Studierenden. Wichtig sei dabei Transparenz: „Denn warum sollten sie mir zuhören, wenn ich nicht authentisch von meinem eigenen Wissen spreche?“ Natürlich lernen die Studierenden im AI Center intensiv den Umgang mit Computern und KI. Das sei ja klar, sagt Hennig.

Gerade in der Informatik und dem Maschinellen Lernen käme es in Zukunft auf ganz neue Fähigkeiten an: Kommunikation und das Wissen, wie Wissen in Wirtschaft und Gesellschaft transferiert werden kann. Wenn Hennig das sagt, klingt das so: „Der Wert einer Entwicklung entsteht immer erst durch Interaktion mit der physischen, sozialen Welt.“

Und dann schließt er mit einem Satz, der Bareithers formulierter Utopie erstaunlich ähnelt: „Die KI hält uns den Spiegel vor und fordert uns auf, darüber nachzudenken, wer wir sind und was uns als Menschen ausmacht.“

Text: Franziska Hammer


1 Christoph Bareither, Lukas Griessl: Hybrid epistemic practices and the transformation of academic assemblages: generative AI and epistemic messiness in the qualitative social sciences and humanities“, AI & Society, 2026, https://doi.org/10.1007/s00146-026-02988-w