Magazin
29.09.2026
Rückkehr nach Jerewan
In Armenien untersuchen Forschende eine alte Neandertaler-Fundstelle mit neuen Methoden – fast sechs Jahrzehnte nachdem dort das letzte Mal gegraben wurde. Die Höhle verspricht neue Erkenntnisse zur Menschheitsgeschichte.
Der Höhleneingang öffnet sich als geschwungenes Portal in die Basaltwand. Andrew Kandel schwenkt sein Smartphone. Auf dem Bildschirm ist das weite Tal des Flusses Hrasdan zu sehen. In der Ferne erhebt sich der schneebedeckte Berg Ararat. Ein gutes Stück unter dem Plateau, auf dem der Archäologe steht, zieht sich der Fluss durch die grüne Landschaft. Der Ort wirkt abgelegen, befindet sich aber mitten im Ballungsraum der armenischen Hauptstadt Jerewan, nur ein paar hundert Meter von der amerikanischen Botschaft und wenige Fahrminuten von der Unterkunft des Grabungsteams entfernt, berichtet Kandel, der jetzt im Fenster des Videochats erscheint, ein Staubtuch um den Hals. „Über zehntausende Jahre sind Neandertaler immer wieder hierher zurückgekommen. Mit dem Fluss auf der einen und der Höhle auf der anderen Seite war das für sie ein perfekter Ort.“
Der Altsteinzeitforscher untersucht seit vielen Jahren die Spuren von Neandertalern und frühen modernen Menschen im Kaukasus, der Gebirgsregion zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Dieses Mal ist er im Rahmen des neuen Exzellenzclusters HUMAN ORIGINS der Universität Tübingen vor Ort, um Grabungen an der sogenannten Yerewan-1-Höhle vorzunehmen. In den 1960er- und 1970er-Jahren legte hier der armenische Archäologe Benik Yeritsyan tausende Steinwerkzeuge, Tierknochen und möglicherweise sogar Neandertalerreste frei.
Die damaligen Funde datieren auf einen Zeitraum von etwa 49.000 bis 32.000 Jahren vor heute, stammen also aus dem späten Mittelpaläolithikum. „Das ist die Epoche, in der noch Neandertaler den Kaukasus besiedelten, aber bereits moderne Menschen auftauchten“, ordnet Kandel ein. In Fachkreisen ist die Fundstelle für die sogenannten „Yerevan Points“ bekannt – kleine Spitzen aus Obsidian, vulkanischem Glas, die von den Neandertalern mit handwerklichem Geschick bearbeitet wurden. Die gefundenen Tier- und Menschenknochen verschwanden während der Zeit der Sowjetunion, zu der Armenien gehörte, in russischen Archiven. „Die armenischen Kollegen haben versucht, die Originale aufzuspüren. Leider ohne Erfolg“, berichtet Kandel. Zurückgeblieben sind Beschreibungen und Dokumentationen sowie die Steinwerkzeuge in einem Museum in Jerewan. Nach den letzten Grabungen in den 1970er-Jahren passierte nicht mehr viel an Yerewan-1. Erneuten Expeditionen standen fehlende Mittel und die Konflikte in der Region nach dem Ende der Sowjetunion entgegen.
Nun, fast 60 Jahre nach den letzten Grabungen, rückt die alte Grabungsstätte erneut in den Fokus der Wissenschaft. „Ein Ort wie Yerewan-1 ist nach wie vor hochinteressant“, erklärt Kandel. „Der Kaukasus ist eine Schlüsselregion der Menschheitsgeschichte. Als Brücke zwischen Afrika, dem Nahen Osten und Europa spielte er bei der Ausbreitung früher Menschen eine wichtige Rolle.“ In Georgien wurden rund 1,8 Millionen Jahre alte Fossilien entdeckt, die ältesten bekannten menschlichen Überreste Europas. Trotzdem ist der Kaukasus bislang archäologisch weniger erforscht als Regionen in Südafrika oder die Schwäbische Alb.
Die Höhle könnte laut Kandel dabei helfen, eine entscheidende Phase der Menschheitsgeschichte besser zu verstehen: das Verschwinden des Neandertalers und das Auftauchen des modernen Menschen. Die Bodenschichten könnten verraten, wer die Höhle zu verschiedenen Zeiten nutzte und wie die Lebensbedingungen damals aussahen.
Die erneute Untersuchung der Fundstelle ist vor allem deshalb vielversprechend, weil sich die archäologischen Methoden seit den 1970er-Jahren grundlegend weiterentwickelt haben. Moderne Datierungsverfahren, Isotopenanalysen und Untersuchungen auch von uralter DNA ermöglichen es, die Schichten von Yerevan-1 heute deutlich genauer auszuwerten wie damals. „Wir können die Fundstätte wissenschaftlich neu lesen“, bringt es Kandel auf den Punkt, der für das Projekt gemeinsam mit Boris Gasparyan von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Armeniens ein internationales Forschungsteam mit Archäologinnen, Geologinnen und Geologen und Datierungsspezialisten zusammengestellt hat.
„Die Neandertaler haben sich wohl die meiste Zeit vor dem Eingang der Höhle aufgehalten, hier, wo ich jetzt stehe“, setzt der Archäologe die Videoführung fort. Neben einem Vermessungsstativ ist ein Laptop aufgebaut. Darauf sind die Vermessungspunkte aus den 1960er-Jahren rekonstruiert und in ein modernes digitales 3D-Modell der Höhle übertragen. „Wir knüpfen an die alten Messsysteme an, können nun aber jede Probe und jede Schicht präzise einmessen.“
Am Erdhang neben der Höhle ist der Archäologe Philip Glauberman mit einer Schaufel zu Gange. „Phil, hast du ein paar Artefakte von heute?“, ruft Kandel seinem Kollegen zu. Glauberman zeigt ein Stück glänzenden Obsidians, an dem noch Erde haftet – einen der berühmten Yerevan-Points. „An den Schlagspuren erkennen wir, dass dies von Menschen zu einem Werkzeug geformt wurde“, erklärt Kandel. Charakteristische Bruchstellen und deren regelmäßige Form zeigen, dass der Obsidian nicht zufällig zerbrochen, sondern gezielt bearbeitet worden ist. Mit modernen Analysen lässt sich nachvollziehen, aus welchen Obsidianvorkommen das Material stammt – manchmal mehr als 250 Kilometer entfernt. „Das deutet darauf hin, dass die Neandertaler mobil waren oder dass Rohstoffe zwischen Gruppen weitergegeben wurden.“
Neben solchen Highlights bietet vor allem das Sediment, das die Forschenden im Halbschatten der Höhle Schicht für Schicht abtragen, wertvolle Informationen über Klima, Tierwelt und die Menschen, die hier lebten. Emily Pigott, Postdoktorandin bei HUMAN ORIGINS, ist auf die Analyse von Knochenfragmenten spezialisiert. „Oft finden wir nur winzige Splitter“, berichtet die Tübinger Archäologin nach Abschluss der Grabungen. Mithilfe von Massenspektrometrie identifiziert sie darin kleinste Eiweißreste und bestimmt so selbst bei stark zersplitterten Knochen, von welchen Tieren diese stammen – etwa von Wildziegen, Hirschen, Pferden, Bisons, Schildkröten, Hasen oder Mäusen.
Pollen, Holzkohle, Pflanzenreste und DNA-Bestandteile bilden weitere Puzzleteile, aus denen Schritt für Schritt ein Bild der damaligen Umweltbedingungen entsteht und die Informationen dazu liefern, wann und wie Neandertaler die Höhle nutzten.
Das aktuelle Projekt ist vor allem eine Bestandsaufnahme, um zu klären, ob sich eine größer angelegte archäologische Rückkehr an die alte Grabungsstätte lohnt. „Wir haben neue Artefakte gefunden und sind auf Sedimente gestoßen, die noch ungestört erhalten sind. Damit sehen wir hier erhebliches Potenzial“, sagt Kandel. Die Geschichte von Yerevan-1 geht offenbar weiter.
Text: Christoph Karcher
Der Exzellenzcluster HUMAN ORIGINS an der Universität Tübingen
Woher stammen wir? Wie wurde Homo sapiens zur einzigen noch lebenden Menschenart? HUMAN ORIGINS verbindet biologische, kulturelle und ökologische Perspektiven auf die Evolution und nutzt modernste Methoden wie präzise Datierungsverfahren oder DNA- und Isotopenanalysen. So eröffnen sich neue Zugänge zum Verständnis von fünf Millionen Jahren Menschheitsgeschichte. Ein Ziel ist es, Wissenslücken zu schließen und neben etablierten Fundregionen auch wenig erforschte Gebiete in den Blick zu nehmen. Sprecher des von 2026 bis 2032 geförderten Clusters sind Professorin Katerina Harvati-Papatheodorou, Leiterin der Paläoanthropologie am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment, Professor Nicholas Conard, Leiter Ältere Urgeschichte und Quartärökologie, und Professor Christopher Miller, Leiter Geoarchäologie.