Uni-Tübingen

Pressemitteilungen Archiv

31.05.2016

Leopold Lucas-Preis 2016 geht an Adam Zagajewski

Evangelische Fakultät der Universität Tübingen zeichnet polnischen Lyriker und Essayisten aus ‒ Nachwuchswissenschaftlerpreis für katholische Theologin Daniela Blum

Adam Zagajewski. Foto: privat
Adam Zagajewski. Foto: privat

Der Lyriker und Essayist Adam Zagajewski aus Krakau (Polen) hat am Dienstag den Dr. Leopold Lucas-Preis der Universität Tübingen erhalten. Die Evangelische Fakultät würdigt mit der Auszeichnung sein literarisches Werk ebenso wie sein politisches und gesellschaftliches Engagement als Kritiker von Diktatur und Totalitarismus und sein Eintreten für Einheit und Freiheit Europas, durch das er zu einem völkerverbindenden Dialog in und über Polen hinaus beiträgt.

Durch den mit 50.000 Euro dotierten Preis werden hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung sowie der Philosophie gewürdigt. Ein Anliegen ist es, besonders solche Persönlichkeiten zu ehren, die sich um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht und so die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern gefördert haben.

Der Dr. Leopold Lucas-Preis für Nachwuchswissenschaftler ging in diesem Jahr auf Vorschlag der Katholisch-Theologischen Fakultät an die Theologin Dr. Daniela Blum. Sie wird für ihre 2014 angenommene, hervorragende Dissertation „Modus convivendi. Konfessionelle Koexistenz, Konflikte und Kooperation in der Reichsstadt Speyer in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts“ geehrt. Der Nachwuchs-Preis wird seit 1986 vergeben und ist mit 20.000 Euro dotiert. Er wird jährlich abwechselnd zur Auszeichnung hervorragender Dissertationen aus den Bereichen der Evangelischen Theologie, Katholischen Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft bestimmt.

Adam Zagajewski (geb. 1945 in Lwów) studierte an der Universität Krakau Psychologie und Philosophie und war anschließend am Institut für Gesellschaftswissenshaften der Krakauer Akademie für Berg- und Hüttenwesen tätig. Er war Mitglied der polnischen Bürgerrechtsbewegung „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“ und erhielt 1976 Publikationsverbot in Polen. Im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD kam er 1979 für zwei Jahre nach West-Berlin, von 1982 an lebte er als Exilant in Paris und lehrte an der Universität in Houston (Texas, USA) und an der University of Chicago. 2002 kehrte Zagajewski nach Krakau zurück.

Sein in polnischer Sprache verfasstes Werk ist vielfach übersetzt und auch in deutscher Sprache zugänglich. Internationale Anerkennung erhielt er durch Auszeichnungen wie zuletzt den Jean-Améry-Preis für europäische Essayistik. „In seinem Werk begegnen sich philosophische wie theologische Aspekte, von moralischem Anspruch geprägt, meditativ die Wirklichkeit durchmusternd, anschaulich entfaltet“, beschreibt Professor Jürgen Kampmann, Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Als einfühlsamer Autor vermöge Zagajewski in einer gewinnenden Weise zugleich humorvolle wie skeptische Töne anzuschlagen. „Vor dem Hintergrund seiner Lebenserfahrung konnte er mit seinem Werk Brücken der Begegnung und des Verstehens zwischen Ost- und Westeuropa und auch zu den USA schlagen. Er trat politisch wie gesellschaftlich Diktatur und Zensur entgegen.“

Zu seinen bekanntesten Werken gehören unter anderen „Mystik für Anfänger“ (1997); „Die Verteidigung der Leidenschaft“ (2008); „Unsichtbare Hand. Gedichtauswahl“ (2012) und „Die kleine Ewigkeit der Kunst. Tagebuch ohne Datum“ (2014). Zagajewski wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturpreis der Alfred-Jurzykowski-Stiftung (USA), dem Prix de la Liberté (Paris), dem Zhongukun Prize (China) und dem Heinrich-Mann-Preis (Deutschland).

Daniela Blum. Foto: privatDaniela Blum (geb. in Riedlingen/Donau) hat in Tübingen Katholische Theologie, Politikwissenschaft und Psychologie studiert – mit Auslandssemestern an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Nach dem Erwerb des Diploms 2011 war sie bis 2014 Kollegiatin des Graduiertenkollegs „Religiöses Wissen“ und ist nun als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen tätig.
(Foto: privat)

Schon während des Studiums galt ihr Interesse der konfessionellen Begegnung in der Zeit der Reformation – ihre Diplomarbeit widmete sie einer Untersuchung der „Trostgespräche“ des Konstanzer Stadtschreibers Jörg Vögeli angesichts von Reformation, Rekatholisierung und österreichischer Herrschaft in dieser Stadt. Für ihre Promotion richtete sie ihr Augenmerk mit Speyer auf eine weitere Reichsstadt, in der es auch nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 zu einer unmittelbaren Begegnung der verschiedenen Konfessionen mit vielen Facetten kam. 2015 wurde Daniela Blum der Johann-Daniel-Schöpflin-Preis für herausragende Arbeiten zur Landesgeschichte am Oberrhein durch den Förderverein des Generallandesarchivs Karlsruhe verliehen.

Der Dr. Leopold Lucas Preis wurde 1972 von Generalkonsul Franz D. Lucas, Ehrensenator der Universität Tübingen, gestiftet ‒ aus Anlass des 100. Geburtstages seines Vaters, des jüdischen Gelehrten Dr. Leopold Lucas. Dieser wirkte als Rabbiner in Glogau und zuletzt an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und kam 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben. Der zu seinem Gedächtnis gestiftete Preis wird alljährlich von der Evangelisch-Theologischen Fakultät im Namen der Universität Tübingen verliehen.

Zu den bisherigen Preisträgern gehören Gelehrte wie Schalom Ben-Chorin (1974), Karl Raimund Popper (1981), Karl Rahner (1982), Fritz Stern und Hans Jonas (1984), Paul Ricoeur (1989), Moshe Zimmermann (2002), Dieter Henrich (2008) und Seyla Benhabib (2012) aber auch Repräsentanten religiösen Lebens wie der 14. Dalai Lama (1988), der polnische Erzbischof Hendrik Muszynski (1997) und der evangelische Bischof Eduard Lohse (2007) sowie Vertreter aus Kultur und Politik wie der senegalesische Dichter und Staatspräsident Léopold Sédor Senghor (1983) und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (2000). Im vorigen Jahr wurde die Arabistin Angelika Neuwirth ausgezeichnet.

Kontakt:

Prof. Dr. Jürgen Kampmann
Universität Tübingen
Evangelisch-Theologische Fakultät
Telefon +49 7071 29-72538
ev.theologie[at]uni-tuebingen.de

Eberhard Karls Universität Tübingen
Hochschulkommunikation
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Leitung
Antje Karbe
Pressereferentin
Telefon +49 7071 29-76789
Telefax +49 7071 29-5566
antje.karbe[at]uni-tuebingen.de

www.uni-tuebingen.de/aktuelles

Downloads

Zurück