Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2026: Leute

Philosophieren um des Menschen willen

Zum Tode von Professor Dr. Helmut Fahrenbach ein Nachruf von Martin Böhler

Was ist der Mensch? Und was will und kann er sein? Um diese existenziellen Fragen drehte sich das Denken des Tübinger Philosophen Prof. Dr. Helmut Fahrenbach. Am 12. Dezember 2025, nur wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag, ist das langjährige Mitglied der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen gestorben. Fahrenbach wurde am 18. Dezember 1928 in Kassel geboren, wo er seine Jugend und Schulzeit verbrachte. Unterbrochen wurde diese durch die Einberufung des 15-Jährigen als Flak-Helfer und die darauffolgende US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Abitur 1948 führte ihn sein Weg in das nahe Marburg, wo er bei Bultmann 1949 begann, ev. Theologie zu studieren - außerdem Philosophie, Germanistik und Geschichte. 1951 wechselte er, auch auf Anraten seines Freundes Dieter Henrich nach Heidelberg, wo er in Karl Löwith seinen philosophischen Lehrer fand. Bei ihm promovierte er 1956 mit der Arbeit „Über Wesen und Sinn der Hoffnung“. In Heidelberg kam er in Kontakt mit Walter Schulz, dem er 1956 als Assistent nach Tübingen folgte. In jener Zeit wurde Fahrenbach mit der Phänomenologie Husserls und Heideggers vertraut, dem Existentialismus, aber insbesondere mit dem Werk von Sǿren Kierkegaard. Seine Beschäftigung mit diesem Themenfeld fand einen ersten Niederschlag in seiner Habilitationsschrift „Ethische Existenz. Ihre Erschließung durch Kierkegaard und ihre Problematik bei Jaspers, Heidegger und Sartre“. Nach abgeschlossenem Habilitationsverfahren wurde Fahrenbach 1971 zum Professor der Philosophie in Tübingen ernannt. Obwohl er 1976 einen Ruf an die Universität Hamburg erhielt, zog er es vor, in dem damals noch durch die Geisteswissenschaften geprägten Tübingen zu bleiben, wo er kontinuierlich in einer Fülle von Aufsätzen an seinem Werk feilte. In Tübingen fand er auch die Zeit für seine Familie, seine Hobbys und seine Liebe zur klassischen Musik. Seine Leidenschaft aber galt der Philosophie, von der er auch nach seiner Pensionierung 1991 bis ins hohe Alter nicht lassen konnte.

Fahrenbach gehörte 35 Jahre der Philosophischen Fakultät an, deren institutionelles Leben er aktiv mitgestaltete. So war er Ende der 1960er-Jahre mit den Forderungen der studentischen Protestbewegung zur Bildungs- und Gesellschaftsreform solidarisch und noch in späterer Zeit genoss das kritische Engagement von studentischer Seite seine Sympathie. Exemplarisch für seine Stellung innerhalb der Fakultät war sein Verhalten im Zwist um die Beerdigung von Ernst Bloch. Nachdem sich der damalige Dekan der Fakultät weigerte, an dessen Grab zu sprechen, und sich auch kein anderer Ordinarius fand, der diese Aufgabe übernehmen wollte, ergriff Fahrenbach die Initiative und erwies Ernst Bloch, dem er sich menschlich und philosophisch verbunden fühlte, diese Ehre. 

Der Streit um den NS-Emigranten Bloch zeigte auch, dass sich Philosophie nicht außerhalb der gesellschaftlichen Realität bewegen kann. Fahrenbach, der als Kind den Nationalsozialismus noch miterlebt hatte, war in den 1950er-Jahren an der Universität Zeuge davon geworden, wie Vertreter der akademischen Philosophie es versäumten, ihr Verhalten im NS-Staat zu thematisieren. Deshalb war es für ihn eine unabweisbare Aufgabe der zeitgenössischen Philosophie in Deutschland, Rechenschaft über ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus abzulegen. Und das nicht nur im Hinblick darauf, inwiefern sie dem NS-Staat dienlich war, sondern vor allem auch, wie sie sich ihrer Verantwortung dafür in den 1950er- und 1960er-Jahren entzog. Zu den wenigen, die dazu nicht schwiegen, gehörten für Fahrenbach insbesondere Karl Jaspers und Julius Ebbinghaus.

In der langen Zeit, in der Fahrenbach in Tübingen lehrte, lernte eine große Anzahl von Studentinnen und Studenten bei ihm nicht nur Philosophie, sondern das Philosophieren, insbesondere das Lesen philosophischer Texte. So manchen forsch die Schriften der Klassiker in freier Assoziation Auslegenden, trafen seine mahnenden Worte: „Was steht denn da?“. Diese Aufforderungen zur Genauigkeit in der Textinterpretation waren das Maß, das er auch an sich selbst und seine Schriften anlegte. So gelang es Fahrenbach immer den Blick darauf zu fokussieren, worum es in den Texten eigentlich geht. Das macht seine Aufsätze zu einer verlässlichen und überaus lehrreichen Quelle für die philosophische Forschung und das Studium der Philosophie.

Das philosophische Interesse Fahrenbachs galt vor allem der philosophischen Anthropologie, der Existenzphilosophie und der am frühen Marx orientierte praktischen Philosophie, d.h. der kritischen Gesellschaftstheorie und der Ethik als einer Verhaltenslehre. Über die Beiträge zu einzelnen Aspekten in diesen Themenfeldern hinaus, ging es ihm um den Entwurf einer humanistischen Lebensphilosophie mit der philosophischen Anthropologie als Zentrum und der Bestimmung des Menschen als ihrem Ziel. In dieser Philosophie sollte nicht nur das Erbe der Denktradition des 20. Jahrhundert bewahrt werden. Fahrenbach wollte damit auch für ein Verständnis von Philosophie werben, das es ihr ermöglicht, trotz ihrer nicht zu verhindernden Diffusion in viele spezialisierte Teildisziplinen, sich als ein einheitliches Unternehmen zu begreifen. 

Fahrenbach plädiert deshalb für einen an Kant orientierten regulativen Begriff von Philosophie. Damit ist der auf der Anthropologie gründende Nachweis des Zusammenhangs philosophischer Schlüsselthemen (Sprache, Praxis, Zukunft) verbunden, der die divergierenden philosophischen Ansätze im Denken des 20. Jahrhunderts regulativ-teleologisch im Sinne des Kantischen Weltbegriffs der Philosophie zusammenführt – letztlich mit dem Ziel der Selbstbestimmung des Menschen. In dieser Konzeption findet dann auch die „Theorie des kommunikativen Handelns“ seines Freundes Jürgen Habermas, für Fahrenbach die zeitgemäße Form kritischer Theorie, ihre philosophische Fundierung. Fahrenbach gelingt es, so unterschiedliche Philosophen wie Jaspers und Bloch, selbst Wittgenstein, als Mitarbeiter an einem gemeinsamen Projekt, eben der Philosophie zu begreifen, deren Grundfrage Kant formuliert hat: Was ist der Mensch? Dem Menschen ist die Gestaltung seines Lebens aufgegeben, technisch, vor allem aber moralisch-praktisch. In der Reflexion dieser Aufgabe sah Fahrenbach den notwendigen Beitrag der Philosophie für eine humane Gesellschaft.

 

Die Schriften von Helmut Fahrenbach liegen in einer dreizehn Bände umfassenden Werkausgabe vor, die im Talheimer Verlag erschienen ist.