Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2026: Forschung

Der Einfluss der NATO beim Aufbau internationaler Kommunikationssysteme

Die Tübinger Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin und Historikerin Dr. Mandy Tröger erhält ein Wallenberg Academy Fellowship

Im Januar 2026 hat sich Dr. Mandy Tröger am Tübinger Institut für Medienwissenschaft habilitiert. Ab Juli 2026 wird Tröger an der Södertörn-Universität in Stockholm die Rolle der NATO bei der Entwicklung nationaler Medien- und Kommunikationssysteme untersuchen – als Wallenberg Academy Fellow. Das Förderprogramm der Knut and Alice Wallenberg Foundation und der Schwedischen Königlichen Akademien ermöglicht Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus allen akademischen Disziplinen eine langfristige Förderung.

Frau Dr. Tröger, Ihr Projekt trägt den Titel „Wie hat die NATO den Aufbau nationaler Kommunikationssysteme beeinflusst?“ Was genau untersuchen Sie?

Mein Ziel ist es, eine Kommunikationsgeschichte der NATO zu schreiben, die es bislang so nicht gibt. Ich bin ursprünglich Historikerin und habe einen Bachelor- und einen Masterabschluss in Geschichte gemacht. Kommunikationsgeschichte vereint also meine beiden Expertisen Medien- und Kommunikationswissenschaft und Geschichte.

In diesem Projekt möchte ich die Strukturen der NATO aus historischer Perspektive untersuchen: Wie ist die NATO intern aufgebaut und welche Ressourcen fließen in die Bereiche Medien und Kommunikation? Welche Formen der Regulierung dieses Sektors gibt es innerhalb der NATO und welche Auswirkungen hat das auf der Medien- und Kommunikationsebene – historisch wie aktuell? Und welche Rolle spielen dabei Verbindungen zwischen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen?

Der theoretische Überbau ist die kritische politische Ökonomie. Dieser Forschungsansatz hat mich schon immer interessiert. Ich bin deshalb 2018 für meine Dissertation in die USA gegangen und habe für meine Promotion zur Transformation der Medienlandschaft in der ehemaligen DDR gearbeitet. Das hat auch mit meiner Herkunft zu tun: Ich komme aus Ostberlin und habe die Wendezeit und die Transformation selbst miterlebt.

Wie war die Ausgangslage, als die NATO 1949 gegründet wurde?

Die Kommunikation lief damals unter anderem über Telegrafen oder Festnetztelefone. In den 1950er-Jahren waren kompatible länderübergreifende Technologien zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien nicht die Norm. Für die NATO war es daher von zentraler Bedeutung, sicherzustellen, dass sie über Grenzen hinweg agieren und einzelne Mitgliedsländer miteinander kommunizieren konnten.

In diesem Zusammenhang spricht man von Interoperabilität: Kann es beispielsweise funktionieren, dass ein Flugzeug Ländergrenzen überfliegt, wenn jedes Land unterschiedliche Technologien und Frequenzen nutzt? Die Antwort ist nein. Deshalb gab es verschiedene Abkommen, auch innerhalb der NATO, um einheitliche technologische Standards zu etablieren. Ingenieure haben dies immer wieder eingefordert – entsprechende Hinweise finden sich durchgängig in NATO-Reports ab den 1950er-, 1970er- bis in die 1980er-Jahre.

Auch den Ausbau des gesamten Telekommunikationssektors hat die NATO vorangetrieben – Radiofrequenzen, Telefonleitungen, Unterseekabel etc. Mich interessiert dabei: Welche Einflüsse gab und gibt es von militärischer Seite? Wer hat dabei die Standards gesetzt? Und welche Auswirkungen haben diese Standards bis heute, etwa auf Radiofrequenzen oder digitale Kommunikationsinfrastrukturen wie das Internet?

Das Internet?

Ja. Der Vorläufer des Internets, das ARPANET (Advanced Research Projects Agency Network), wurde Ende der 1960er-Jahre als dezentrales Netzwerk zur Kommunikation zwischen US-Militär und Forschungseinrichtungen konzipiert. Ziel war es, zu verhindern, dass im Falle eines Angriffs das gesamte Kommunikationsnetz lahmgelegt werden konnte.

Für ARPANET wurden seinerzeit auch das Betriebssystem Unix und die Programmiersprache C entwickelt. Das Netzwerk wurde in den 1980er-Jahren schrittweise durch das heutige Internet ersetzt und 1990 offiziell eingestellt. Bis heute gibt es keine Forschung zu der Frage, inwieweit die NATO auf diese strukturellen Entwicklungen Einfluss hatte, obwohl sich die NATO bis heute intensiv mit Fragen digitaler Infrastruktur beschäftigt, etwa im Bereich Satellitenkommunikation und Unterseekabel. Entsprechende Informationen sind öffentlich zugänglich, beispielsweise in Pressemitteilungen der NATO. (vgl. beispielweise: https://www.nato.int/en/news-and-events/articles/news/2024/08/06/nato-funded-project-to-reroute-internet-to-space-in-case-of-disruption-to-critical-infrastructure) 

Wie sieht der Arbeitsplan für das Projekt aus?

Ich möchte zunächst die vorhandene Forschung zur NATO systematisch sichten – unabhängig vom jeweiligen thematischen Fokus. Besonders interessieren mich historische Arbeiten zur NATO sowie die Frage, welche Archive existieren, wie zugänglich sie sind und in welchem Umfang ihre Bestände bereits ausgewertet wurden. 

Letztlich werde ich in Archiven in mindestens fünf Ländern arbeiten – Belgien, USA, Kanada, Großbritannien und Deutschland. In Deutschland werde ich beispielsweise in Militärarchiven untersuchen, wie die NATO auf verschiedenen Ebenen den Aufbau von Kommunikationsinfrastruktur beeinflusst hat. Skandinavien übernimmt ein Postdoc in meinem Projekt, da ich hier an Sprachgrenzen stoße.

Am Ende soll eine kommunikationsgeschichtliche Arbeit stehen. Je nach Quellenlage werde ich voraussichtlich auch die Zeit seit der Jahrtausendwende berücksichtigen, da der aktuelle Kontext für das Projekt wichtig ist.

Nicht zuletzt durch Schwedens NATO-Beitritt im März 2024 ist das Thema dort von großem öffentlichen und politischen Interesse – auch im Hinblick auf Fragen struktureller Unabhängigkeit von Medien und Kommunikation. Das ist vermutlich ein Grund, warum ich dieses Fellowship erhalten habe. 

Sprechen wir über die NATO-Osterweiterung und die aktuellen Konflikte innerhalb des Bündnisses…

Es gibt Kritikerinnen und Kritiker, die betonen, dass sich die NATO nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetunion beziehungsweise des Warschauer Pakts hätte auflösen müssen. Tatsächlich hat sich die NATO seit 1999 in mehreren Schritten nach Osten erweitert. Diesen Aspekt werde ich jedoch nicht ins Zentrum meiner Arbeit stellen, sondern eher als historischen Kontext berücksichtigen. Mich interessiert vielmehr, wie die NATO in den neuen Beitrittsländern auf infrastruktureller Ebene – insbesondere im Bereich der Kommunikationstechnologien – investiert hat.

Die NATO war nie ein homogenes Bündnis, in dem stets Einigkeit herrschte. Es gab immer wieder Konflikte, etwa beim Beitritt der Bundesrepublik Deutschland, in der Zypernfrage zwischen Griechenland und der Türkei oder aktuell in der Frage, wie weit die Unterstützung für die Ukraine reichen soll. Gleichzeitig erweist sich die Institution NATO historisch als bemerkenswert stabil gegenüber solchen Spannungen – nicht zuletzt, weil es in den Mitgliedsstaaten massive ökonomische, politische und militärische Interessen an ihrem Fortbestehen gibt. Ziel meines Projekts ist es, diese Interessen in enger Verbindung mit dem Aufbau von Kommunikationsstrukturen transparenter zu machen.

Das Interview führte Maximilian von Platen

Dr. Mandy Tröger studierte im Bachelor nordamerikanische und westasiatische Geschichte sowie Soziologie an der Universität Erfurt. Für ihren Master in American Studies ging sie an die Universität von Amsterdam. Sie wurde 2018 am Institute of Communications Research (ICR) der University of Illinois at Urbana-Champaign (UIUC) mit einer Dissertation über die DDR-Pressetransformation promoviert. Nach verschiedenen Stationen in Deutschland ist sie seit 2023 im Rahmen einer Walter Benjamin-Stelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Universität Tübingen tätig. Im Januar 2026 habilitierte sie sich in Tübingen mit einer Arbeit zu „Kritischen Theorien zur Analyse der Transformation von Medien und Kommunikation“. Im Juli 2026 tritt Mandy Tröger als Wallenberg Academy Fellow die von der Knut and Alice Wallenberg Foundation geförderte Stelle einer Assoziierten Professorin an der Södertörn-Universität in Stockholm an. Das Stipendium ist mit umgerechnet rund 150.000 Euro pro Jahr ausgestattet.

Webseite von Mandy Tröger

Die Wallenberg Academy Fellowships wurden 2012 von der Knut und Alice Wallenberg Stiftung gemeinsam mit den Schwedischen Königlichen Akademien ins Leben gerufen. Das Förderprogramm bietet schwedischen und ausländischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus allen akademischen Bereichen eine langfristige Förderung. Eine einmalige Verlängerung um fünf Jahre ist grundsätzlich möglich. Für das Fellowship kann man sich nicht selbst bewerben, sondern muss zunächst von einer schwedischen Universität nominiert werden. Insgesamt wurden seit Einführung 288 Fellows in das Programm aufgenommen, 2025 sind es 31.

Wallenberg Academy Fellows 2025

Wallenberg Academy Fellow Dr. Mandy Tröger