Uni-Tübingen

Prof. Dr. Dr.h.c. Margot Käßmann

Festrede anlässlich der zentralen Promotionsfeier am 18. Juli 2026 in Tübingen

Kopf, Herz und Hand - Warum Bildung uns zur Verantwortung verpflichtet

Sehr geehrte Frau Präsidentin, 

verehrte Anwesende,

zuallererst liebe Promovierte: Glückwunsch zum Doktortitel! Ich erinnere mich gut an den Moment, als klar war: Ich habe bestanden! Nun, das ist lange her, das war im letzten Jahrhundert, 1989. Und es hat dann auch noch zwei Jahre gedauert, bis meine Dissertation in einem renommierten Verlag erschien und ich den Titel tragen durfte. Für mich war es wie wohl für Sie alle das glückliche Finale eines langen und steinigen Weges.

Als ich die Kopie der Promotionsurkunde übergab, um das in der Personalaktie meiner Landeskirche dokumentieren zu lassen, sagte der Ausbildungsdezernent: „Naja, Wissenschaftsgewinn ist sowas ja nicht - das ist eher für einen selbst!“. Das hat mich erst getroffen. Aber heute denke ich: Es stimmt in fast allen Fällen. Wohl kaum eine Dissertation revolutioniert das eigene Fach – weder in der Naturwissenschaft noch in der Geisteswissenschaft. Aber eine Dissertation bringt Persönlichkeiten hervor, die in der Lage sind, eigenständig zu denken, wissenschaftlich zu arbeiten, konzentriert zu lesen und zu schreiben. Promovierte sind Menschen mit einer gewissen Zähigkeit, dranzubleiben, ausgestattet, mit Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit. Menschen, die nicht allein die KI als Informationsquelle sehen. Denn KI kann viele Daten zusammenführen, kann schnell Informationen sammeln – aber KI bildet sich keine eigene Meinung, kann nicht abwägen und hat schon gar keinen Zugang zu Emotionalität.

Promovierte sind Personen, die differenziert reflektieren, eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als einem Klick oder einem Youtubeshort haben. Um Studierte geht es, die in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das in einer Zeit, in der viele in ihrer Bubble verharren, sich fragen, warum Bildung überhaupt notwendig ist, wenn ich alles im Internet nachfragen kann – aber dann nicht in der Lage bin, die Antworten einzuordnen.

Wir leben in einer Zeit, die definitiv Haltung erfordert. Und deshalb möchte ich Ihnen heute drei Anregungen mitgeben zu einer Haltung, die unsere Gesellschaft von Ihnen erwarten kann. Eine Haltung aber auch, die, denke ich Ihrem eigenen Anspruch als wissenschaftlich Gebildete entspricht. Denn, lassen Sie mich das aus Erfahrung sagen: Die Promotion ist nicht das Ende eines Weges, sondern eine Etappe auf einem Lebensweg, auf dem für Sie jetzt neue, gewiss spannende und herausfordernde Etappen folgen werden.

Die gefragte Haltung leite ich ab vom pädagogischen Konzept des Schweizer Philosophen, Pädagogen und Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Es wird gern so zusammengefasst: „Mit Kopf, Herz und Hand“. Es sollen also die intellektuellen, emotionalen und praktischen Fähigkeiten zusammenwirken, um einen Menschen ganzheitlich zu bilden. Es geht um eine Bildung, die kreativen, kritischen Geist hervorbringt. Es geht altertümlich gesprochen um Werte. Denn „Kopf-Herz-Hand korrespondiert ja im Grunde dem „Wahren, Guten und Schönen“, den drei Grundwerten der Philosophie. Es geht darum zu fragen: Was ist wirklich? Wie sollen wir handeln? Und durchaus auch um Ästhetik: Was ist schön? Das möchte ich heute Morgen ausführen.

1. Kopf: Bildung verpflichtet zu Wahrheit

Bekanntermaßen bin ich lutherische Christin. Martin Luther war Bildung ein entscheidendes Anliegen. Jeder mündige Christ, jede mündige Christin sollten in der Lage sein, selbst und frei zu denken. In seiner zentralen Schrift von 1520 „An den christlichen Adel deutscher Nation“ forderte er die Fürsten auf, Schulen für jeden Jungen und – wohlgemerkt und revolutionär damals - jedes Mädchen zu gründen, damit alle lesen können. Er hat die Bibel in eine verständliche deutsche Sprache übersetzt, um das zu ermöglichen. Auch das war revolutionär! Bis dahin gab es viele Dialekte, aber ein Württemberger und ein Ostfriese konnten sich überhaupt nicht verständigen. Gewiss, das können sie bis heute manchmal nicht. Aber es gibt eine gemeinsame deutsche Sprache – und die verdanken wir Luther! Mir sind seine problematischen Seiten, vor allem sein Antijudaismus sehr bewusst. Aber seine Sprachbegabung war unfassbar genial. Beim Übersetzen der Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen mussten neue Begriffe gefunden werden. Wer kommt schon auf „Lückenbüßer“, „Lockvogel“, „Gewissensbiss“ oder „Feuereifer“? Übrigens ist das auch ganz aktuell. Die Enzyklika von Papst Le XIV über künstliche Intelligenz muss jetzt ins Lateinische übersetzt werden. Was heißt künstliche Intelligenz auf lateinisch. Was Algorithmus? Was sind eine Cloud oder Deep learnig in Latein? Spannende Fragen….

Doch zurück ins 16. Jahrhundert: Luther hat die Christenmenschen im Land ermutigt, selber zu denken. Sie sollten nicht die Weltdeutung ihrer Kirche und ihrer Obrigkeit unhinterfragt schlucken, sondern selbst nachlesen, Fragen stellen, hinterfragen. Die christlich gedeutete Welt sollte eben nicht Machtstrukturen etablieren, sondern Beteiligung ermöglichen. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ – dieser biblische Satz hat für Luther entscheidende Bedeutung. Und seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ im Jahr 1520 ist der Grundstein der Reformation und ein Wegweiser in Richtung Aufklärung.

Bildung ist ein Geschenk. Die Zeit zu haben, ein Buch lesen zu können, neue Erkenntnis zu gewinnen - was für ein Luxus! Das kennen alle: Du wirst geradezu gefangen in all dem Klicken und schauen und hören, alles kurz aufbereitet. Aber das erzeugt für mich immer wieder ein Glücksgefühl: In aller Ruhe ein Buch lesen, einen Roman, einen wissenschaftlichen Artikel, sich am Rande Notizen machen und am Ende denken: Das war großartig! Oder auch: Dem stimme ich überhaupt nicht zu. Gerade erst hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den dramatischen Rückgang der Lust am Lesen gemeldet. Die Zahlung von Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren ging 2025 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 30 Prozent zurück. Der Vorsteher des Börsenvereins Sebastian Guggolz eklärte, Lesefähigkeit sei eine Voraussetzung demokratischer Mitgestaltungi und dem stimme ich völlig zu.

Lesen können, lesen dürfen ist ein Privileg, eine Chance, Grundlage von Bildung! Wir sollten uns das immer wieder klar machen. Milliarden Menschen auf der Welt müssen harte körperliche Arbeit leisten, um für sich und die eigene Familie das Überleben zu sichern. Sie haben weder Zeit zum lesen, noch Geld für Bücher. Kinder in Hunger- und Kriegsgebieten können keine Schule besuchen. Terroristische Regime wie die Taliban verbieten Frauen Bildung – wahrscheinlich, weil ihnen klar ist, dass Bildung Freiheit bedeutet, Freiheit selbst zu denken.

Und auch in Deutschland ist akademische Bildung ein Privileg. Ich stamme aus einer Familie, in der die Eltern keine Akademiker waren. Meine Schwestern und ich aber konnten Abitur machen und studieren. Das ist für viele heute kaum noch finanzierbar und ich halte es für skandalös, dass die Bafög-Erhöhung verschoben wurde. Die Wohnkostenpauschale steigt zum Sommersemerster auf 440 Euro, der Bedarfsatz zum Wintersemester 2027/28 auf 503 Euro. Das ist der Höchstsatz für Studierende, die keinerlei Unterstützung vom Elternhaus haben. Wer von Ihnen könnte ein Zimmer in Tübingen und monatlichen Unterhalt samt aller Nebenkosten für 943 Euro finanzieren? Ich habe bei Statista nachgeschaut. Dort heißt es die durchschnittliche Warmmiete für ein WG-Zimmer in Tübingen lag 2025 bei 464 Euro. Also muss gejobbt werden. Wer aber viel jobben muss, um das Studium oder die Promotion zu finanzieren, kann weniger Zeit dafür einsetzen.

Bildung ist also ein eminent politisches Thema! Und es ist deprimierend, dass heute in Deutschland soziale Herkunft und Bildungsabschluss erwiesenermaßen wieder zusammenhängen. Deshalb denke ich, es sollte auch eine Dankbarkeit für Bildung geben, wenn sie für uns möglich wurde. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat erklärt: „Undankbarkeit beginnt mit dem Vergessen.
Aus Vergessen folgt Gleichgültigkeit, aus der Gleichgültigkeit Unzufriedenheit, aus der Unzufriedenheit Verzweiflung, aus der Verzweiflung die Flucht.“ii Dankbarkeit ist demnach nicht lapidar, sie bedeutet eine Haltung zum Leben! Ja, der Weg zur Promotion ist steinig und hart. Aber vergessen wir also nicht, welche Chancen wir haben. Das soll übrigens kein erhobener Zeigefinger sein, mit Abkanzeln habe ich es nicht so, auch wenn ich Pfarrerin und Bischöfin war. Mir geht es eher darum, sich zu freuen an den Möglichkeiten, die uns geschenkt werden. So geht es um Dankbarkeit heute, einem Tag, an dem die Promovierten zur Recht gefeiert werden und sich feiern lassen, weil sie durchgehalten haben! Dankbarkeit aber auch für alle, die Sie begleitet und unterstützt haben auf dem Weg: Eltern, Geschwister, Partnerin oder Partner, Freundinnen und Freunde. Denn wenn wir nicht durch Beziehungen gehalten und ermutigt, ja auch ausgehalten werden, ist der Weg kaum zu meistern. Insofern gebührt jetzt ein Applaus allen, die Sie bei der Promotion unterstützt haben…

Wenn der Weg nun weitergeht, bringt Bildung auch Verantwortung mit sich! Vielleicht erinnern Sie sich: Der Pressesprecher des Weißen Hauses Sean Spicer hatte im Januar 2017 behauptet, bei der ersten Amtseinführung von Donald Trump als Präsident habe es die größte Zahl von Anwesenden gegeben, die jemals einer solchen Zeremonie beigewohnt hätten. Er sprach von einer bis eineinhalb Millionen Menschen. Das stimmte definitiv nicht! Unabhängige Schätzungen durch Luftaufnahmen und Zahlen der Verkehrsbetriebe kamen auf eine Zahl von 300.000 bis 600.000 Menschen. Bei der ersten Amtseinführung von Barack Obama kamen seriöse Schätzungen auf etwa 1,8 Millionen Anwesende. Das konnte Trump mit seinem narzisstischen Charakter nicht ertragen. Kellyanne Conway, eine Beraterin von US-Präsident Trump, erklärte am 22. Januar 2017, die Behauptung von Sean Spicer sei nicht gelogen gewesen. Es handle sich schlicht um „alternative Fakten“.

Es gibt aber schlicht und ergreifend keine alternativen Fakten! Fakten beruhen auf überprüfbaren Tatsachen und das ist Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern klar, und darauf müssen sie glasklar hinweisen in unserer Gesellschaft! Sicher, das Ringen um Wahrheit, Diskurse, der Streit der Meinungen sind erlaubt, ja sogar gewünscht in einer demokratischen Gesellschaft. Ja dieses Ringen ist notwendig. Aber Fakten bleiben Fakten. Und es gibt einen Anspruch auf Wahrheit, ja mit Ingeborg Bachmann gesprochen: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“

Leider zeigt Wikipedia, dass Kellyanne Conway einen Abschluss an der juristischen Fakultät der George Washington University den Abschluss des JD „with honors“, also mit Auszeichnung erworben hat. Das kommt zwar nicht einer Promotion gleich, ist aber immerhin ein akademischer juristischer Grad als Studienabschluss. Heißt das, studieren schützt vor Dummheit nicht?

Der evangelische Theologe Ernst Lange hat in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Paolo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“ dessen Werk wie folgt zusammengefasst: „Erziehung (bzw. Bildung) kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument der Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung.“iii Das heißt: Bildung ist nicht neutral. Wir können Bildung im positiven Sinne nutzen, um kritisch, konstruktiv, nachdenklich, wissenschaftlich Haltung zu erlangen. Bildung kann aber auch destruktiv, zerstörerisch genutzt werden.

Meines Erachtens kann eine Gesellschaft von Menschen, die das Privileg von Bildung erhalten, erwarten, dass Sie sich „alternative facts“ und „fake news“ glasklar entgegenstellen. In seinem Buch “Nein sagen“ schreibt Matthias Brandt mit Blick auf das Aufkommen des Rechtspopulismus in jüngster Zeit: „Gesicherte Erkenntnisse über Klima, Geschichte, Medizin – es spielt keine Rolle, worum es geht: Wenn es nicht passt, wird es zur Lüge erklärt und dies dann über die so genannten sozialen Medien in die Welt posaunt.“iv Das können wir doch nicht einfach hinnehmen.

Lassen Sie mich den ersten Punkt wie folgt zusammenfassen:

  • Gebildete sollten dankbar sein
  • Bildung verdient Respekt und Achtung
  • Bildung verpflichtet zur Wahrheit

2. Herz: Bildung verpflichtet zu Wachsamkeit

Wir leben in einer Zeit rasanter Veränderungen, die viele Menschen überfordert und auch ängstigt. Wer Angst vor Komplexität und Veränderung hat, ist ansprechbar auf simple Lösungen. Wir sehen das derzeit bei Wählerinnen und Wählern der AfD.

In einem interessanten Artikel in der Ostdeutschen Allgemeinen hat Marcel Luthe auf ein Buch des australischen Historikers Christoper Clark rekurriert, das den Titel trägt: „Die Schlafwandler – Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog“. Luthe vergleicht die Analyse Clarks, dass Europa nicht planmäßig, sondern durch Misstrauen, Fehleinschätzung, Überheblichkeit und nationalistischen Tendenzen geradezu in den Ersten Weltkrieg schlidderte, mit der Situation heute. Es brauchte damals nur einen kleinen letzten Funken, nämlich das Attentat von Sarajevo auf den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, um ihn zu entfachen. Und Luthe zeigt auf, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Verankerung der Würde des Menschen, Meinungs- Religions- und Redefreiheit sowie Kontrolle der Macht in der Verfassung davor bewahren sollte, je wieder kriegstüchtig zu werden. Er schließt mit dem Satz: „Aber wer nach 1914 und nach 1939 wieder meint, in Kriegslüsternheit verfallen zu sollen, der gehe zunächst in eine Grundschule. Er erkläre den Viertklässlern und deren Eltern, warum schwachbrüstige Schreibtischtäter sie in einem Krieg verheizen wollen. Wer das nicht kann, hat seine Antwort bekommen. Denn für den Krieg ist nur, wer ihn nie gesehen hat.“v

Nun ist mir sehr klar, dass wir hier schnell unterschiedlicher Meinung sind. Ich habe als Pazifistin eine grundlegende Haltung, die nicht jeder oder jede teilen muss - das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Aber von gebildeten Menschen erwarte ich Wachsamkeit, wenn auf einmal wieder von Krieg gesprochen wird, als werde er definitiv kommen, statt alles zu tun, um ihn zu verhindern. Wenn schleichend das Militärische auf Jugendmessen, in Fußgängerzonen, bei Familienbelustigungen und auf riesigen Plakatwänden wieder als erstrebenswert, ja als Abenteuer im öffentlichen Raum
dargestellt wird. Und wenn daran massiv verdient wird…

Wachsamkeit erwarte ich mir auch, wenn es neuen Rassismus gibt, von Remigration fantasiert wird in einem Land, in dem jeder vierte Bürger, jede vierte Bürgerin Migrationshintergrund hat. Rassismus und Antisemitismus haben unser Land im letzten Jahrhundert ins Verderben geführt.

In einer bewegenden Sendung der ZDF-Serie „37 Grad“vi fragt der Holocaustüberlebende Albrecht Weinberg einen Pfarrer, der bei der Wehrmacht war und ihn um Vergebung bittet, ob er denn nicht gewusst habe, wohin die Juden verschleppt wurden. Der erklärt, das habe er nicht gewusst. Ob er nicht hätte verweigern können, Soldat zu sein, fragt Weinberg. Der Pfarrer erklärt, das sei halt Tradition gewesen. Von gebildeten Menschen ist mehr zu erwarten, ja, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit für Unrecht, Engagement gegen Hass. Bildung heißt eben gerade nicht abgehoben sein in einem akademischen Kontext, sich für die eigene Leistung auf die Schulter klopfen und Anerkennung erwarten, sondern die Freiheit zu haben, hinzuschauen und für die einzutreten, die nicht so privilegiert sind. „Trägheit des Herzens“ ist schlicht inakzeptabel!

Bildung meint nämlich auch Herzensbildung. Es kann ein Mensch noch so gebildet sein – wenn er nicht mitfühlend ist, Emotionalität besitzt, bleibt er im umfassenden Sinne ungebildet. In einem eindrücklichen Kalenderblatt hat der Deutschlandfunk am 02. Juli dieses Jahres den Publizisten und Holocaustüberlebenden Elie Wiesel anlässlich seines zehnten Todestages gewürdigtvii. Er wurde mit seiner Familie 1944 ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. 1995 sagt Wiesel in einem Interview über die Täter: „Die Mörder waren kultivierte Menschen, gebildete Menschen, einige von Ihnen hatten Doktortitel, in Kunst, in Medizin, in Theologie. Ich konnte es nicht glauben. Aber sie haben es getan.“ Das ist eine Mahnung für uns alle zur Wachsamkeit! Elie Wiesel hat auch erklärt, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeitviii.

Deshalb ist es nicht hinnehmbar, wenn Gebildete in unserem Land erklären, Politik sei ihnen nicht wichtig, sie seien nun mal in ihrem Forschungsvorhaben schwer beschäftigt, in ihrem Beruf so hochengagiert, wollten sich nicht parteipolitisch positionieren. Das habe ich kürzlich erlebt bei einer Musikerin, die erklärte, sie lese schlicht keine Zeitung. Ich habe gesagt, da gehe es aber doch um das Leben, die Gesellschaft. Sie meinte, ihr Instrument sei ihr Leben. Das halte ich für inakzeptabel für eine Frau, die eine solche Bildungschance erfahren durfte.

Ich fasse Punkt zwei zusammen:

  • Bildung impliziert auch Herzensbildung
  • Gebildete sind verpflichtet zur Wachsamkeit
  • Menschenwürde und Respekt müssen die Folge von Bildung sein

3. Hand: Bildung verpflichtet zu Anstand

Anstand – gewiss, der Begriff kommt altertümlich daher. Doch ich halte ihn für hochaktuell. Als Marlene Dietrich gefragt wurde, warum sie alle lukrativen Angebote von Adolf Hitler und Josef Goebbels ausschlug, in Deutschland aufzutreten und Antifaschistin wurde, antwortete sie: „Aus Anstand“.

Und wie entsteht Anstand? Durch eine wertehaltige Erziehung, durch Bildung, die eine ethische Dimension inkludiert. Und damit kommen wir – das haben Sie davon, wenn Sie eine Theologin um den Festvortrag bitten – zur Religion. Mir ist klar, dass die Kirchen als Institutionen mit ihrem Reformstau und den unfassbaren Missbrauchsskandalen in Misskredit geraten sind. Dazu kommt, dass Fundamentalismus sowohl jüdischer Couleur bei den Orthodoxen in Israel, christlicher Spielart bei den Evangelikalen in den USA oder islamischer Ausprägung bei den Mullahs im Iran – um nur drei Beispiel zu nennen -, Religion insgesamt diskreditiert hat. Aber, das will ich in Tübingen doch betonen: Der römisch-katholische Theologe Hans Küng hat in seinem Projekt Welthethos auf eindrückliche Weise dargelegt, das die Welt nicht nur Weltpolitik und Weltwirtschaft braucht, sondern eben auch Weltethos!

Als ich 1977 begann, in Tübingen Theologie zu studieren, habe ich ihm mit Bewunderung und Faszination gelauscht. Als „kleine Studentin“ konnte ich Hans Küng aus der Ferne bewundern. Später, als ich Landesbischöfin wurde, war er stolz, dass ich bei ihm studiert hatt und hat glatt erklärt, er hätte mich damals schon wahrgenommen. Wir haben viele für mich bereichernde Gespräche geführt. Am
20. April 2018 durfte ich hier die Festrede zum seinem 90. Geburtstag halten.

Hans Küng lag daran, dass Gläubige aller Religionen und Nichtgläubige in allen Kulturen gemeinsame Werte bilden. Es geht um ethische Basisstandards, die von allen bejaht werden können.

Vier unverrückbare Weisungen, bezüglich derer die großen religiösen und philosophischen Traditionen übereinstimmen, hat er benannt:

  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben: die uralte Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!
  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung: die uralte Weisung: Du sollst nicht stehlen! Oder positiv: Handle gerecht und fair!
  • eine Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit: die uralte Weisung: Du sollst nicht lügen! Oder positiv: Rede und handle wahrhaftig!
  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau: die uralte Weisung: Du sollst nicht Unzucht treiben! Oder positiv: Achtet und liebet einander!ix.

    Punkt drei also:
  • Menschen brauchen ein Ethos, um Haltung zu gewinnen
  • Ein Grundethos der Menschheit existiert über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg.
  • Mit einem solchen Ethos, lässt sich Zukunft gestalten.

Zuletzt

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

als ich 1977 in Tübingen ankam, habe ich mich sehr klein gefühlt. So viele Studierende, hunderte in den Vorlesungen und Mitstudenten, die offenbar schon Bonhoeffer, Barth und Bultmann bei sich Zuhause gelesen hatten. Meine Mutter war Rentnerin, ich hatte kaum Geld und war froh, in der ESG regelmäßig eine preiswerte warme Mahlzeit zu bekommen. Als ich nach vier Semestern weiterzog nach Edinburgh, dann Göttingen und Marburg hatte ich durch einen wunderbaren Dozenten ein Villigststipendium ergattert. Ich hatte Griechisch und Hebräisch gelernt, bei Klaus Scholder „Kirche im Dritten Reich“ gehört, bei Jürgen Moltmann „Können wir nach Auschwitz an Gott glauben?“. Ich habe gelernt, historisch-kritisch mit biblischen Texten umzugehen – was für eine Horizonterweiterung, Theologie als Wissenschaft betreiben zu können! Ich bin dieser Universität für die Bildung, die Sie mir ermöglicht hat, zutiefst dankbar. Und ich bin stolz, sie heute als Ehrensenatorin vertreten zu dürfen.

Ich fühle mich verpflichtet zum Engagement für andere mit vollem Herzen, voller Wachsamkeit und zum Handeln in Kirche und Gesellschaft. Und ich wünsche mir, dass Sie alle, die Sie die nächste und übernächste Generation darstellen, wachsame Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sein werden.

Und dabei, ein letzter Wunsch: Bewahren Sie Humor! Humorlose Menschen werden die Welt nicht verbessern, davon bin ich zutiefst überzeugt. Daher noch eine Zugabe: Donald Trump steht vor Gottes Thron. Gott fragt: „Was glaubst du, Donald?“ Der antwortet: „Ich glaube, du sitzt auf meinem Stuhl!“

So, und jetzt dürfen Sie sich erst einmal ordentlich feiern lassen! 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

i Laut Börsenverein verlieren besonders junge Menschen die Lust am Lesen, Dlf Kultur 10.07.2026.
ii Dietrich Bonhoeffer, Konspiration und Haft 1940-1945, DBW Band 16, S. 493.
iii Paolo Freire, Pädagogik der Unterdrückten, Gütersloh 1970, S. 14.
iv Matthias Brandt, Nein sagen, Köln 2026, S. 14f.
v Marcel Luthe, Wir leben in einem Tolstoi-Roman . Der Krieg kommt, Ostdeutsche Allgemeine, 8.-14. Mai 2026, S. 10.
vi 37 Grad, Die Nummer auf meinem Arm, ZDF 04.06.2024.
vii DLF, Kalenderblatt, 02.07.2026.
viii Elie Wiesel, Den Frieden feiern, Freiburg 1991
ix Hans Küng, Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, München 1997, S. 155f.

Hinweis:

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