Uni-Tübingen

Wer finanziert die Forschung?

Vor allem von Studierenden, aber auch von vielen Bürgerinnen und Bürgern wird die Hochschulfinanzierung immer wieder hinterfragt. Kritik gibt es mitunter bei der Finanzierung durch Externe, was oft pauschal abgelehnt wird. Vielfach ist zu hören, die Wirtschaft erhalte aufgrund von Drittmitteln einen zu großen Einfluss auf die Wissenschaft. Was aber ist dran an der Finanzierung der Wissenschaft von außen und wie ist die Situation an der Universität Tübingen? Im Folgenden haben wir die wichtigsten Fakten aufgelistet.

Was sind Drittmittel?

Die Finanzierung von staatlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist in Deutschland Aufgabe von Bund und Ländern. Während die Länder primär für die Hochschulen zuständig sind, übernimmt der Bund in erster Linie die Finanzierung von Forschungseinrichtungen, wie beispielsweise Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft oder der Fraunhofer-Gesellschaft.  Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist es darüber hinaus erlaubt, eine finanzielle Förderung von dritter Seite einzuwerben. Hier spricht man dann kurz von Drittmitteln. 

Wenn der Staat zuständig ist, warum braucht man dann Drittmittel?

Weil die staatliche Finanzierung zunächst einmal den Grundbedarf einer Universität abdecken sollte, aber bei weitem nicht ausreicht, um ambitionierte Forschung zu betreiben. Insbesondere komplexe wissenschaftliche Fragestellungen werden heute von großen Forschungsteams bearbeitet, an denen oft Dutzende, manchmal sogar mehrere Hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt sind. Das gilt für zahlreiche Projekte von der Krebs- bis zur Klimaforschung ebenso wie beispielsweise für groß angelegte Grabungen in der Archäologie oder langjährige Editionsvorhaben in der Musik- oder Literaturwissenschaft. In solchen Fällen muss die staatliche Grundfinanzierung fast immer durch Drittmittel ergänzt werden. Drittmittel werden oft in wettbewerblichen Verfahren vergeben. Das gewährleistet auch, dass sie gerade dort ankommen, wo besonders ambitionierte Forschung betrieben wird. Ein Großteil der Drittmittel wird im Übrigen für die Finanzierung von Doktorarbeiten verwendet und kommt damit direkt jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zugute. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Promotionsprojekte damit vorher ein wissenschaftliches Begutachtungsverfahren bestehen mussten. 

Wie wichtig sind Drittmittel für die Universitäten?

Schon wenige Zahlen machen klar, dass Drittmittel für Universitäten heute ein wesentlicher Faktor sind. Die deutschen Universitäten haben nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2017 insgesamt 7,2 Milliarden Euro Drittmittel eingenommen. Damit stellten die Fördergelder fast ein Drittel der Gesamteinnahmen  von 26,8 Milliarden Euro dar. Ein Großteil der Forschung an Universitäten wäre ohne diese Form der Förderung nicht mehr möglich. 

Von wem stammen die Drittmittel?

Drittmittel werden oft mit industrieller Forschungsförderung gleichgesetzt. Tatsächlich kommt aber nur ein Bruchteil der Drittmittel aus der Wirtschaft. Von den 7,2 Milliarden Euro, die die Universitäten 2017 von dritter Seite einnahmen, stammten lediglich 1,3 Milliarden Euro aus der Wirtschaft. Der wichtigste Drittmittelgeber für die Universitäten ist die rein staatlich finanzierte Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Von ihr erhielten die Universitäten 2017 allein 2,6 Milliarden Euro. Weitere wichtige Forschungsförderer sind die Bundesregierung (1,9 Milliarden Euro) und die EU (630 Millionen Euro). Mehr als 75 Prozent der Drittmittel stammen damit aus Steuergeldern. Industriegelder dagegen machen bundesweit weniger als 20 Prozent aller Drittmittel aus. 

Wie ist die Situation an der Universität Tübingen?

Die Universität Tübingen (inkl. Medizinische Fakultät) verzeichnete 2017 Einnahmen von insgesamt 600,9 Millionen Euro. Davon machten Drittmittel 205,9 Millionen Euro aus. Der Anteil der Drittmittel an der Gesamtfinanzierung belief sich damit auf 34,3 Prozent. Aus der Wirtschaft wurden 24,8 Millionen Euro eingeworben. Das entsprach 12 Prozent der Drittmittel oder 4,13 Prozent der Gesamteinnahmen. Kurz gesagt: Drittmittel sind zwar das wichtigste finanzielle Standbein der Universität Tübingen in der Forschung. Die Bedeutung der Industriemittel, die aus der Wirtschaft stammen, ist für unsere Universität dagegen überschaubar.  

Wohin fließen die Industriegelder?

Industrielle Drittmittel fließen typischerweise in Forschungsprojekte, von denen sich die Unternehmen einen konkreten Nutzen versprechen. Vor allem große Unternehmen aus den Bereichen Technologie oder Lebenswissenschaften haben eigene Forschungsabteilungen. Doch manchmal fehlt diesen Abteilungen die nötige Kapazität oder auch das Know-how, um bestimmte Fragen beantworten zu können. In diesen Fällen wenden sich die Firmen häufig mit einem konkreten Auftrag an eine Universität. Dann wird vertraglich festgelegt, was die Universität erforschen soll und wie viel Geld das Unternehmen dafür bezahlen muss. Man spricht hier von Auftragsforschung. 

Welche Rolle spielen Stiftungsgelder?

Stiftungen spielen in Deutschland eine ganz erhebliche Rolle bei der Finanzierung der Wissenschaft. So flossen 2017 insgesamt rund 455 Millionen Euro Stiftungsgelder in die Kassen der Universitäten. Die Universität Tübingen nahm 2017 rund 36,8 Millionen Euro Drittmittel von Stiftungen ein. Das waren 17,9 Prozent aller Drittmittel oder 6,12 Prozent der Gesamteinnahmen. Diese Mittel fließen in Tübingen vielfach in die Finanzierung von neuen Professuren. Damit stärken Drittmittel von Stiftungen nicht nur die Forschung, sondern in ganz erheblichem Umfang auch die akademische Lehre.  

Sind Stiftungsgelder getarnte Industriemittel?

Immer wieder werden Fördergelder, welche die Hochschulen bei Stiftungen einwerben, in der öffentlichen Diskussion mit Industriemitteln in einen Topf geworfen. Das ist in nahezu allen Fällen falsch, denn Stiftungen sind in der Regel gemeinnützige Einrichtungen mit einem klar festgelegten Stiftungszweck. Viele Stiftungen sind zudem von Bund und Ländern gegründet worden, darunter viele Stiftungen, die in der Förderung der Wissenschaft besonders aktiv sind, wie beispielsweise die Alexander von Humboldt-Stiftung oder die Volkswagenstiftung. Im Unterschied zur Auftragsforschung ist auch die über Drittmittel von Stiftungen finanzierte Forschung grundsätzlich unabhängig. Zwar fördern Stiftungen in der Regel Disziplinen oder Projekte, die ihrem Stiftungszweck entsprechen, weiteren Einfluss auf die durchgeführten Arbeiten haben sie jedoch nicht.