Uni-Tübingen

11.07.2025

Von Punjab nach Tübingen: Eine globale Familiengeschichte

In ihrem Beitrag, der auf ihrem Buch "Von Indien nach Deutschland" (2023) basiert, blickt Alumna Sunita Sukhana auf die verschiedenen Stationen ihrer Familienmitglieder zurück und erzählt, welche Zufälle sie nach Tübingen brachte.

1969 setze mein Vater Bagicha Singh sein Charpai-Bett auf seinen Kopf und wanderte 32 Kilometer von seinem Heimatdorf Kalomajra in die Stadt Chandigarh. Dort begann er, als Erster in seiner Familie, ein Studium. Wie es sich sein Vater für seinen ältesten Sohn wünschte, studierte er in Chandigarh Ingenieurwissenschaften. Das war der Beginn seines Weges, der ihn letztendlich weit abseits des üblichen Lebens eines einfachen Punjabi-Jungen führen würde – nämlich bis nach Deutschland, wohin er eigentlich nie wollte.

1978 hatte er sich in den Kopf gesetzt, den Westen zu erkunden und es bis in die verheißungsvollen Vereinigten Staaten von Amerika zu schaffen. Im Januar 1979 brach er auf dem Landweg auf. Mit im Gepäck hatte er eine zerfledderte Karte und ein paar Tipps eines Schulkameraden, der die Route zuvor gegangen war. Doch mein Vater suchte sich ausgerechnet das Jahr für seine Reise aus, in dem die Länder, durch die er zog, gewaltige Veränderungen erfuhren - wie dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan oder die Islamische Revolution im Iran. Die veränderten Machtverhältnisse zwangen ihn, seine Route zu ändern, sodass er letztlich in Deutschland landete.

1982 lernte er auf einem Flohmarkt in München meine Mutter kennen und blieb hierzulande. Sein eigentliches Ziel, die USA, erreichte er nie. Doch ich, die 1991 in Darmstadt geboren wurde, vollendete seine Route. Wieder begann es mit einem Studium. Denn wie meinen Vater zog es mich fürs Studium weg von zu Hause, nämlich für den Bachelor Staatswissenschaften an die Universität Passau, dessen Partneruni Western Michigan University ich 2011 für ein Auslandssemester besuchte. Dort lernte ich einen Studenten der Biochemie kennen, verliebte mich und kehrte wieder und wieder dorthin zurück. Schließlich ergab sich eine Möglichkeit, wie mein Freund nach Deutschland zum Studieren kommen konnte: durch ein Auslandsjahr und später ein Masterstudium an der Universität Tübingen.

So landete auch ich 2014 in Tübingen für den Master Deutsche Literatur, um mich endlich meiner Leidenschaft für Bücher zu widmen. Neben dem Lesen erwachte eine neue Liebe in mir: das Schreiben. Ich nahm an einem Seminar des Studio Literatur und Theater teil und gründete danach eine eigene Schreibgruppe, mit der ich viele schöne Stunden in der Zentralbib und im Botanischen Garten verbrachte, um mich mit ihnen übers Schreiben auszutauschen. Mit einer Freundin aus dieser Gruppe habe ich noch heute Kontakt und wir sind mittlerweile beide veröffentlichte Autorinnen.

2018 heiratete ich meinen amerikanischen Freund im Tübinger Rathaus. Wir winkten vom Balkon des Rathauses auf den Wochenmarkt herunter und ließen uns unsere Hochzeitstorte im Café Willi schmecken.

Nach meinem Studium arbeitete ich als Buchhändlerin und stellvertretende Filialleiterin bei Hugendubel in Stuttgart – bis die Welt stillstand. Es war Frühjahr 2020 und das neuartige Coronavirus sorgte dafür, dass meine Arbeitsstätte von einem Tag auf den anderen geschlossen blieb. In der plötzlichen vielen freien Zeit, die sich mir aufdrängte, lag die Wurzel zweier neuer Wege, die mein Leben prägten: Erstens fand ich eine Anstellung als Marketingmanagerin beim S. Hirzel Verlag, bei dem ich noch heute arbeite. Zweitens entstand aus den vielen langen Telefonaten, die ich in dieser Zeit mit meinem Vater führte, die Idee zu einem Buch über seine Migrationsreise.

Drei Jahre lang arbeitete ich an dem Buch, schrieb die Geschichte auf der Basis unzähliger Gespräche mit meinem Vater auf, ergänzte sie mit meinen Recherchen über die Zeit und die Länder, die er passiert hatte, überarbeitete sie mithilfe meiner Schreibpartnerin und Testlesenden mit Wurzeln in den beschriebenen Ländern, durchlief das Lektorat und Korrektorat. Bis ich auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2023 endlich meine Buchpremiere feiern durfte. Mein erstes Buch, mein Traum, mein Baby, war erschienen: Von Indien nach Deutschland: Was uns der Weg meines Vaters über Migration und die Freundlichkeit von Fremden erzählt

An Ostermontag 2024 kam unsere Tochter in Reutlingen zur Welt. Erst vor kurzem haben wir ihren ersten Geburtstag gefeiert. Wenn ich sie anblicke, denke ich auch an ihre weltweite Vorgeschichte – bis hin zu meinen Großeltern, die bei der Teilung 1949 aus Pakistan flohen, und bis hin zu den Vorfahren meines Mannes in Japan und Litauen. Es ist beinahe unfassbar, was alles geschehen musste – in unseren Familiengeschichten, aber auch in der Weltgeschichte –, damit die Dinge sich genauso entwickelten und kein bisschen anders, denn allein exakt diesem Pfad des Schicksals verdankt meine Tochter ihre Existenz und wir die größte Freude unseres Lebens. Ich bin gespannt zu sehen, wo es sie in ihrem Leben hintreiben wird: Ob vielleicht ein Studium ein wichtiger Schritt ihrer Reise sein wird, welche Orte und Länder sie kennenlernen wird, wie die Weltgeschichte ihr Leben berühren wird und ob sie auch das Glück haben wird, dass sich eines Tages alles ändert durch dieselbe Kraft, die meinen Vater in Deutschland gehalten und mich nach Tübingen gebracht hat: die Liebe.

Ich bin dankbar, wenn ihr euch für mein Buch und die Geschichte meines Vaters interessiert und ich finde es immer spannend zu hören, wie die Weltgeschichte eure Familiengeschichten und Leben beeinflusst hat. 

Meldet euch gern per Instagram bei mir: sunita_s_autorin. Ich freue mich auf den Austausch! 

Eure Sunita