Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2026: Studium und Lehre

„Einfach staunen – das ist das, was ich hier mache“

Der Geoökologie-Student Julian Thomas verbringt ein Auslandssemester in Grönland

Ob große Eismassen oder kleinste Algen – die grönländische Natur begeistert Julian Thomas in all ihren Facetten. Der Masterstudent der Geoökologie studiert seit Mitte Februar in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands an der Westküste der Insel.

Die Arktis habe ihn schon länger fasziniert, erzählt Thomas, Dokumentationen etwa über das Forschungsschiff „Polarstern“ und das Leben in Grönland hätten ihn irgendwann „einfach gecatcht“. Eigentlich nimmt Julian Thomas am ERASMUS-Austausch mit der dänischen Universität Aarhus teil. Die wiederum bietet in Kooperation mit dem Greenland Institute of National Resources, einem regierungsnahen Forschungsinstitut in Nuuk, das Kursprogramm „Arctic Science“ an, bei dem Julian Thomas sich erfolgreich zur Teilnahme beworben hat.

Das Programm hat Thomas gereizt, „weil es die Möglichkeit bietet, die arktischen Ökosysteme selbst zu erforschen und nicht nur als Tourist dort zu sein“, erklärt er, zumal die Arktis im Hinblick auf den Klimawandel ein spannendes Forschungsfeld sei. Das Kursprogramm besteht aus vier aufeinander folgenden Blockseminaren, die überwiegend praxisorientiert ausgerichtet sind und daher teilweise draußen stattfinden. „Man überlegt sich ein kleines Projekt, fährt raus und nimmt Proben. Die werden dann analysiert, die Ergebnisse diskutiert und in einem Report dokumentiert.“

Sicher arbeiten auf dem Eis

Vorab mussten alle Teilnehmenden ein Sicherheitstraining absolvieren, um auf eventuelle Gefahren vor allem bei Exkursionen auf Meereis vorbereitet zu sein. Die Fjorde seien teils gefroren, aber auch dieses recht stabile Eis könne unter Umständen brechen, so Thomas. Im Sicherheitskurs mussten die Studierenden unter anderem lernen, wie man sich im Fall des Einbrechens aus dem eisigen Wasser befreit. Gekleidet in einen „Floating Suit“, einen dicken, gepolsterten Anzug, der den Träger auf der Wasseroberfläche hält, musste sich Julian Thomas mit einem kleinen Eispickel, den er um den Hals gehängt trug, aus einem Eisloch ziehen. Vor dieser Herausforderung hatte er großen Respekt, „aber am Ende war das ganz harmlos“, sagt er. Und betont, dass Sicherheit immer vorgehe und niemand unnötigen Risiken ausgesetzt sei.

In einem Kurs über Meereis haben die Studierenden Eisbohrungen in einem gefrorenen Fjord gemacht, um die Bohrkerne später im Labor zu untersuchen. Ziel ist es, das fragile Meereis-Ökosystem kennenzulernen und zu verstehen, wie sich Umweltveränderungen darauf auswirken. Die Erfahrung, im Floating Suit bei minus 24 Grad auf Eisschollen zu stehen, hat Julian Thomas sehr beeindruckt: „Man sieht die Berge und eine weite Eisfläche, und in der Mitte steht man selbst ganz klein mit seinen Instrumenten – das setzt die Dinge sehr in Perspektive.“

Besonderes Naturerlebnis

Thomas schätzt die besondere Nähe zur Natur, die die Feldforschung mit sich bringt, und ist begeistert von der Vielfalt des Lebens „in den verschiedensten Formen und Farben“ in einer vermeintlichen Eiswüste. Nach einer Exkursion dann im Labor unter dem Mikroskop Eisalgen zu sehen, ist für den Studenten ein Erlebnis, das kein Grönland-Tourist je haben könne. Das Kennenlernen der Natur mit einer wissenschaftlichen Perspektive zu verbinden, sei eine besondere Erfahrung. „Es geht darum, dass man möglichst viele Methoden ausprobiert“, sagt Julian Thomas im Hinblick auf die Praxisprojekte.

Die gemeinsame Arbeit im Feld schweißt auch die Kursgruppe enger zusammen. 18 Studierende aus fünf Nationen sind dabei, „alles ist recht familiär“, sagt Thomas. „Wenn man bei den Exkursionen unterwegs ist, kommt man noch leichter ins Gespräch und unterhält sich besser“, findet er. Das gelte auch für die Lehrenden, die er als sehr nahbar und auf Augenhöhe erlebt. Man arbeite zusammen in einem eigenen Gebäude mit Laboren und Hörsaal, nach der Lehrveranstaltung gehe es auch mal gemeinsam ins Pub. Auch sonst unternimmt Thomas in seiner Freizeit viel mit Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Alltag in Grönland

In der Stadt Nuuk lebt mit rund 20.000 Einwohnern etwa ein Drittel der grönländischen Bevölkerung. Mit zahlreichen Veranstaltungen, kulturellen Einrichtungen und Geschäften und einem großen Busnetz wirke die Stadt größer als sie tatsächlich ist und habe ein gutes Freizeitangebot, meint Thomas. Nur das relativ hohe Preisniveau „tut manchmal ein bisschen weh.“ Auch den Alltag außerhalb der Uni kann der Student gut auf Englisch bewältigen, auch wenn er Dänisch-Grundkenntnisse mitgebracht hat.

An die Temperaturen vor Ort – beim Gespräch im April „nicht superkalt, so minus 10 Grad“ – hat Thomas sich schnell gewöhnt. Problematischer sei ohnehin der Wind: Minus 24 Grad bei Windstille seien weitaus angenehmer als minus 15 Grad bei starkem Wind. „Ab und zu gibt es Stürme, sodass man nicht raus kann“, berichtet er. Auch sonst gelte es zu überlegen: „Wie lange gehe ich raus? Fahre ich mit dem Bus, muss ich nicht meine Merinounterwäsche tragen, andernfalls besser die die ‚volle Montur‘ anziehen.“

Wie die Natur das Leben mitbestimmt, bietet auch der Alltag immer wieder Naturerfahrungen, etwa mit den Nordlichtern, die bei guter Sicht abends am Himmel erscheinen. „Manchmal stehe ich plötzlich am Meer und realisiere, dass ich am anderen Ende der Welt bin und die Möglichkeit habe, diese tollen Sachen zu sehen“, sagt Thomas. „Einfach staunen – das ist das, was ich hier mache.“ Derzeit sei die karge, baumlose Landschaft größtenteils von hohem Schnee bedeckt, doch Thomas freut sich auf Wanderungen im Frühjahr und die Möglichkeit, zahlreiche Vogelarten und Wale zu beobachten.

Die ruhige Weite der Landschaft spiegelt sich auch im Naturell der Grönländer wider: „Die Einheimischen sind eher ruhige Menschen“, berichtet Thomas, „sie unterhalten sich viel, viel leiser als wir Deutschen.“ Auch aufdringliche Gerüche sind ein Tabu: Duftstoffe wie Parfüm und Deo sind in Bussen und den Unigebäuden zu vermeiden, Produkte wie Waschmittel werden in Grönland geruchsfrei verkauft.

Bis Anfang Juli bleibt Thomas auf der Insel. Ob ihn seine Masterarbeit wieder in die Arktis führt, kann er noch nicht sagen. „Es gäbe da schon Möglichkeiten…“ – Julian Thomas wird hoffentlich noch viel zu staunen haben.

Tina Schäfer