Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2026: Forschung

„In der Reflexion der Nacktheit zeigt sich, wie das moderne Europa sich die Welt denkt.“

Eine Literatur- und Kulturgeschichte der Nacktheit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert

Quintus Immisch di Padua hat im Fach Internationale Literaturen zum Thema „Nackte Menschen in Literatur und Kultur der Moderne. Imaginationen, Praktiken und Epistemologien der Nacktheit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ promoviert. Seine Dissertation wurde mit dem Promotionspreis 2025 der Universität Tübingen ausgezeichnet. Die Arbeit entwickelt systematische und historische Perspektiven einer Literatur- und Kulturgeschichte der Nacktheit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, vor allem im Vergleich deutscher und französischer, aber auch italienischer und antiker Texte. Das Buch wird in Kürze unter dem Titel „Nacktheit. Eine Kulturgeschichte des Körpers.“ erscheinen.

Was gab den Anstoß für Ihr Forschungsprojekt?

Als Student bin ich in einem Seminar auf einen kurzen Text von Hans Blumenberg gestoßen, darin geht es um die Metapher der ,nackten Wahrheit‘. Mich hat das zu der Frage geführt, warum es in der modernen europäischen Kultur so eine Faszination für Nacktheit und den nackten Körper gibt – seitdem hat mich diese Frage nicht losgelassen. Einerseits ist es naheliegend, über Nacktheit zu reflektieren, weil nun mal alle Menschen einen Körper haben und in ihren Alltagspraktiken mit Nacktheit konfrontiert sind. Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass Nacktheit in der Kunst so ein prominentes Thema ist. Es gibt viele andere Alltagspraktiken, die nicht so sehr Gegenstand von Reflexion werden. Auf der Forschungsebene hat sich eine Lücke aufgetan: Für die Kunstgeschichte ist Nacktheit sehr gut erforscht, in der Literaturwissenschaft hingegen überhaupt nicht. Mein Ziel war daher, eine literatur- und kulturwissenschaftliche Überblicksdarstellung zu erarbeiten, die größere historische Linien nachzeichnet.

Wie erklären Sie sich die Faszination für Nacktheit in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts?

Die von mir untersuchten Texte beziehen sich auf eine Erfahrung, die jeder kennt: sich auszuziehen, nackt zu sein. Diese Erfahrung können die Texte selbst nachbilden, im Sinne einer Verkörperung. Literatur stellt damit eine Erfahrung bereit, die man einerseits von seinem eigenen Körper kennt, die aber andererseits in den gesellschaftlichen Kontexten dieser Zeit tabuisiert ist. Nackt schlafen ist beispielsweise ein Tabu, auch sollte man sich möglichst so umziehen, dass man nie ganz nackt ist. Selbst beim Sex ist Nacktheit insbesondere für die Frau problematisch. Die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts ist damit ein Ersatzort für Erfahrungen, die unter sozialen Bedingungen eben gerade nicht möglich sind.

Wie wird Nacktheit in der Literatur dargestellt?

In der bildenden Kunst ist Nacktheit unmittelbar sichtbar. In der Literatur ist es nicht so trivial: Hier wirken Mechanismen des Ver- und Enthüllens in der Sprache und der Textstruktur. Poetische Texte, also Texte in Versform, inszenieren sich beispielsweise häufig selbst als Gewebe und damit als Kleidungsstück. Geschildert wird dann eine progressive Enthüllung. Der tatsächliche Anblick der Nacktheit wird allerdings nie gegeben, die Texte brechen zuvor ab. Die Nacktheit liegt immer jenseits des Textes, sie bleibt der Imagination der Lesenden überlassen. Für narrative Texte unterscheidet Roland Barthes zwei Arten von Texten: Zum einen Texte, die auf eine finale Enthüllung zusteuern – die Erzählung gibt immer mehr Informationen und am Ende steht die nackte Wahrheit. Zum anderen Texte, die diese Dynamik mitreflektieren und immer wieder einen dosierten Blick auf Nacktheit erlauben, ohne diese am Ende ganz preiszugeben, die sich also der Enthüllung widersetzen.

Was kennzeichnet die Vorstellung von Nacktheit in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts?

In dieser Zeit wird allgemein sehr viel über Nacktheit reflektiert. Bemerkenswert ist dabei, dass das im europäischen Kontext an unterschiedlichen Orten in ähnlicher Weise geschieht. Die Texte stehen in einer gemeinsamen Matrix, deren Ursprünge in der griechisch-römischen Antike liegen. Mein Kapitel zur Antike zeigt, dass zentrale Momente der modernen Kulturgeschichte der Nacktheit schon in der Antike programmiert sind – zum Beispiel die Tendenz, Nacktheit an einen fernen Ort oder in eine ferne Zeit zu verlagern. Nacktheit hängt dabei sehr eng mit der modernen Vorstellung von Kultur zusammen: Zivilisation und Kultur werden in den europäischen modernen Kulturen mit Kleidung assoziiert: Bekleidung ist die Kulturtechnik schlechthin, wohingegen Nacktheit auf Naturzustand, Wildheit, Primitivismus verweist. Meine Textanalysen zeigen allerdings, dass dieses Narrativ des kultivierten und bekleideten Europas ständig durchbrochen wird und diese Trennung mithin nicht so strikt ist, wie sie erscheint.

Das Bemerkenswerte an der Nacktheit ist, dass vollkommen gegensätzliche Dinge mit ihr assoziiert werden können: Im künstlerischen Akt gilt Nacktheit als Inbegriff der vollendeten Kunst und Höchstleistung der Sublimierung. Andererseits wird Nacktheit mit außereuropäischen Gesellschaften in Verbindung gebracht und dort als das vermeintlich Primitive gelesen.

Inwiefern verändert sich diese Vorstellung von Nacktheit nach 1900?

Das Imaginäre tritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück oder transformiert sich. Phänomene wie die Freikörperkultur und die Emanzipation der Mode tragen zu einer veränderten Einstellung zu Nacktheit bei. Gleichzeitig findet verstärkt eine theoretische Auseinandersetzung mit Nacktheit statt – man denke an Sigmund Freud, Hans Blumenberg, Roland Barthes oder auch Norbert Elias. Hier lässt sich die Kulturgeschichte der Nacktheit weiterverfolgen.

Inwiefern können wir anhand der Kulturgeschichte der Nacktheit etwas über die moderne Welt lernen?

Die Geschichte der Nacktheit ist eng mit zentralen Diskursen der Moderne verknüpft, weil Nacktheit immer schon mit Fragen von Identität, Geschlecht, Ästhetik, Kolonialismus, aber auch der Mentalitätsgeschichte, also Scham- und Tabufragen, zusammenhängt. Sie durchdringt nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche. Ihre Kulturgeschichte eröffnet daher Einblicke in die komplexen Verflechtungen moderner Gesellschaften und ihrer Selbstbilder. In der Reflexion der Nacktheit mit all ihren Dimensionen zeigt sich, wie das moderne Europa sich die Welt denkt.

Die Dissertation entstand im Rahmen eines sogenannten Cotutelle-Verfahrens. Das bedeutet, dass Sie mit ihrer Studie zugleich an der Universität Tübingen und an der Aix-Marseille Université promoviert wurden. Welchen Einfluss hatte das auf das Projekt?

Ich habe längere Zeit in Aix-Marseille verbracht und dort recherchiert. Es hat sich gezeigt, dass die Reflexion der Nacktheit sowohl in der französischen als auch in der deutschen Kulturgeschichte besonders prominent ist. Die Forschungsaufenthalte in Aix-Marseille haben nicht nur das Textkorpus meiner Arbeit geprägt, sondern auch großen Einfluss auf meinen theoretischen und methodologischen Ansatz gehabt. Im französischen Kontext begegnete mir eine globale Perspektive auf Körper, vertreten beispielsweise durch den französischen Anthropologen Philippe Descola, die wiederum den Blick für die europäischen Vorstellungen von Nacktheit schärft und für die theoretische Rahmung meiner Arbeit wichtig ist.

 Das Interview führte Franziska Hammer