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09.07.2026

Neue Erkenntnisse stellen Großwildjagd und Nutzung von Feuer durch Homo floresiensis in Frage

Experimentalarchäologie lässt Zweifel aufkommen an früheren Thesen über die Homininen von Flores (Indonesien), bekannt auch unter dem Spitznamen „Hobbit“.

Das Liang-Bua-Team bereitet neue archäologische Ausgrabungen in einer Kalksteinhöhle auf der indonesischen Insel Flores vor.

Dr. E. Grace Veatch ist die neue Juniorforschungsgruppenleitung für Experimentalarchäologie im Exzellenzcluster HUMAN ORIGINS der Universität Tübingen. Sie hat in einem internationalen Forschungsteam mitgearbeitet, das mit neuen Beweisen Zweifel aufkommen lässt, ob der Homo floresiensis in Liang Bua (Flores, Indonesien) tatsächlich wie bisher angenommen eine Ur-Elefantenart, die Stegodon, jagte und Feuer einsetzte. Die Ergebnisse zeigen, dass die einzigen Hinweise auf die Nutzung von Feuer in Liang Bua erst nach dem vermuteten Aussterben des Homo floresiensis vorkommen und vielmehr auf das Verhalten des modernen Menschen – des Homo sapiens – zurückzuführen sind. Außerdem waren es laut Studie Komodowarane, und nicht der Homo floresiensis, die Stegodon jagten, obwohl beide Arten die Kadaver der Rüsseltiere als Nahrungsquelle nutzten.

Außer Dr. Veatch arbeiteten Forschende aus Indonesien, den USA, Kanada und Australien an der Studie. Sie untersuchten chemische und physikalische Prozesse von Organismen, die sich in den Sedimenten der Liang Bua Höhle abgelagert haben. Mit dieser Methode, die sogenannte Taphonomie, gingen sie der Frage nach, ob Homo floresiensis, eine Frühmenschenart, ausgestorbene Verwandte der heutigen Elefanten , die Stegodon florensis insularis, jagte und Feuer nutzte. Diese Thesen wurden bereits 2004 und 2005 aufgestellt, als die ersten Studien zu Homo floresiensis in „Nature“ veröffentlicht wurden.

Homo floresiensis lebte bis vor 50.000 Jahren auf der Insel Flores

„Diese Verhaltensweisen haben wichtige evolutionäre und ökologische Bedeutung für die Homininen von Flores“, sagt Dr. Veatch. „Die Tatsache, dass sie bis vor 50.000 Jahren isoliert auf einer Insel überlebten, ohne jagen oder Feuer nutzen zu müssen, spricht Bände über die Rolle, die diese ,Hobbits‘ innerhalb eines Inselökosystems spielten.“ Mitautor Nico Alamsyah fügt hinzu: „Der Homo floresiensis stand eindeutig im Wettbewerb um Nahrung mit größeren Raubtieren wie den Komodowaranen. Diese Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, die ökologische Rolle der Homininen zu verstehen, die in diesem eingeschränkten Lebensraum lebten.“

„Seit der Entdeckung des Homo floresiensis haben wir viel mehr über ihn und seine Lebenswelt erfahren“, erklärt Dr. Thomas Sutikna, der seit 2001 die Forschungen in Liang Bua leitet. „Im Zuge unserer Ausgrabungen haben wir festgestellt, dass viele unserer ursprünglichen Annahmen zum Homo floresiensis – beispielsweise zu seinem geologischen Alter, seinem stratigraphischen Kontext und nun auch zu seinem Verhalten – falsch waren. Diese Studie trägt dazu bei, zentrale Aspekte seines Verhaltens zu klären, damit wir besser verstehen können, wie diese Spezies über unzählige Generationen hinweg auf Flores gelebt hat.“

Mit der Taphonomie zum besseren Verständnis der Vorgeschichte

Die Taphonomie ist eine wichtige Methode für die Forensik; sie wird aber auch seit langem in der Archäologie eingesetzt. In der vorliegenden Studie wurden taphonomische Methoden herangezogen, um zu untersuchen, ob Homo floresiensis tatsächlich Feuer nutzte und die urzeitlichen Elefanten jagten oder ob er lediglich die Kadaver von Beutetieren verwertete, die von Komodowaranen erlegt worden waren.

Die Nutzung von Feuer und die Jagd auf Tiere, die größer sind als wir selbst, sind Fähigkeiten, die sich im Laufe der menschlichen evolutionären Entwicklung herausgebildet haben. Sie gelten als eines der zentralen Merkmale des der menschlichen Gattung. Die genauen Ursprünge dieser Verhaltensweisen sind umstritten, aber der Zeitpunkt und das Ausmaß, in dem Homininen begannen, sich auf diese Verhaltensweisen zu stützen, werden mit der Entwicklung größerer Gehirne wie der moderner Menschen (Homo sapiens), der Neandertaler und möglicherweise des Homo erectus, in engeren Zusammenhang gebracht. 

Bisher stützten Hinweise auf Jagd und Feuergebrauch beim Homo floresiensis die Annahme, dass diese Art eng mit dem Homo erectus verwandt sei, der von anderen Inseln Indonesiens nach Flores gelangt sein könnte. Die Studie zeigt jedoch, dass der Homo floresiensis weder jagte noch Feuer nutzte, was auf eine viel weiter zurückreichende Abstammung innerhalb der Gattung Homo hindeuten könnte.

Methodischer Ansatz zur Untersuchung der Spuren am Stegodon

Dr. Veatch nutzte einen von Mitautor Dr. Michael Pante entwickelten methodischen Ansatz, um Spuren auf den Stegodon-Knochen zu scannen und sie mit Spuren, deren Ursprung bekannt ist, zu vergleichen. „Zunächst mussten wir Komodowaranen-Zahnspuren auf Knochen beschaffen“, sagt Dr. Pante. Um diese Proben zu erhalten, arbeitete das Team mit dem Zoo in Atlanta zusammen: dort wurden Knochen von Tierkadavern gesammelt, die ein Komodowaran gefressen hatte. „Anschließend haben wir die Spuren mit einem 3D-Profilometer gescannt und sie mit anderen bekannten Spuren verglichen, beispielsweise mit Schnittspuren, die Menschen mit Steinwerkzeugen hinterlassen haben,“ sagt Pante.

Anhand dieses Vergleichs konnten die Autoren feststellen, ob die an den fossilen Stegodon-Knochen gefundenen Spuren von den „Hobbits“ mit Steinwerkzeugen oder durch die Zähne von Komodowaranen verursacht wurden. Diese Analyse, zusammen mit dem Ablagerungsmuster der Skelettreste, führten die Autoren zu dem Schluss, dass nicht der Homo floresiensis, sondern Komodowarane für das Erlegen der Stegodons verantwortlich waren. Die „Hobbits“ waren vermutlich Nutznießer der Überreste. Mitautorin Dr. Briana Pobiner merkt weiter an: „Dies war eine elegante Anwendung experimenteller Taphonomiemodelle, um festzustellen, wer zuerst an die Stegodon-Kadaver gelangte und Zugang zu den fleischreicheren Teilen dieser Beutetiere hatte. Wie es sich herausstellte, der Homo floresiensis war es nicht.“

Ratten geben Hinweis auf die (Nicht-)Feuernutzung in Höhlen

Um festzustellen, ob Homo floresiensis Feuer nutzte, griff Dr. Veatch auf eine eher ungewöhnliche Quelle zurück: Ratten. Diese Kleintiere dominieren unter den Faunenresten in Liang Bua, was sie zu einer hervorragenden Vergleichsquelle macht, um zu prüfen, ob in Schichten, die mit dem Homo floresiensis und dem Homo sapiens in Verbindung stehen, Spuren von Feuer nachgewiesen werden können. Höhlenböden sind oft mit den Ausscheidungen von Eulen bedeckt, die Nagetiere wie Ratten fressen, aber die Knochen ausscheiden. Wenn also in der Höhle eine Feuerstelle angelegt wird, verbrennt die Hitze des Feuers die darunter liegenden Knochen, die sich dann im Schutt des Feuers ablagern. Das völlige Fehlen auch nur eines einzigen verbrannten Nagetierknochens unter den rund 4.500 untersuchten Proben, die aus den Schichten, die der Zeit der „Hobbits“ zugewiesen werden konnte, brachte die Forschenden zu der Schlussfolgerung, dass der Homo floresiensis in Liang Bua kein Feuer nutzte.

„Diese Forschungsarbeit unterstreicht die wichtige Zusammenarbeit zwischen indonesischen und internationalen Wissenschaftlern, durch die unterschiedliche Ansätze und Kompetenzen für die weitere archäologische Forschung in Liang Bua zusammengeführt werden“, erklärt Mitautor Dr. Matt Tocheri. „Langsam aber sicher bringt unsere Arbeit wichtige Details über die Vorgeschichte des Homo floresiensis und des Homo sapiens auf dieser faszinierenden Insel ans Licht.“

Originalpublikation:

E. Grace Veatch, Nico Alamsyah, Michael Pante, Alex Pelissero, Tewabe Negash, Briana Pobiner, Chelsea R. Betts, Jatmiko, Thomas Sutikna, Matthew W. Tocheri: Taphonomic analysis at Liang Bua reveals the behavioral and technological capabilities of Homo florensis. SCIENCE ADVANCES, (DOI: 10.1126/sciadv.aeb7219)

Ansprechpersonen: 

Dr. E. Grace Veatch
Universität Tübingen
Human Origins Cluster of Excellence
elizabeth.veatchspam prevention@uni-tuebingen.de 

Kontakt für die Medien: 

Nicola Scheyhing
Universität Tübingen
Human Origins Cluster of Excellence
nicola.scheyhingspam prevention@uni-tuebingen.de