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17.03.2026
Der Blick durch die deutsche Brille
Ein Deutsch-Intensivkurs hilft jungen Menschen aus dem Ausland, sich auf ein Studium und den Alltag in Deutschland vorzubereiten
Das Projekt „Come to Stay“ möchte die Universität Tübingen junge Menschen aus dem Ausland für ein Studium gewinnen und ihnen Perspektiven für eine berufliche Zukunft in Deutschland eröffnen. Mit dem neuen Programm begleitet die Universität internationale Studierende von der Studienorientierung bis zum Berufseinstieg.
Studien des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) haben gezeigt, dass viele internationale Studierende ihr Studium in Deutschland abbrechen oder danach zurück in ihr Heimatland gehen, weil sie sich sozial und emotional nicht gut integriert fühlten, erklärt Ursula Lemmen. Sie ist im International Office für die Koordination der Deutschangebote innerhalb von „Come to Stay“ zuständig. Nur manche Fächer ließen sich komplett auf Englisch studieren, und spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben gehe es nicht ohne sehr gute deutsche Sprachkenntnisse, so Lemmen. Ein wichtiger Teil des DAAD-geförderten „Come to Stay“-Projekts ist daher ein studienvorbereitender Deutsch-Intensivkurs mit Komponenten, die auch das Ankommen in Gesellschaft und Kultur gewährleisten sollen. Neben Sprachkenntnissen werden zudem Antworten auf verschiedene Alltagsfragen vermittelt: Wo finde ich Angebote, um Sport oder Musik zu machen? Wie formuliere ich E-Mails, wie spreche ich mit einem Professor? Der Vorkurs mit der Bezeichnung „Come to Prepare“ schließt im Juni mit der TestDaF-Prüfung ab. Die Bausteine des Gesamtprojekts „Come to Stay“ umfassen neben dem Vorkurs auch Angebote zur Unterstützung internationaler Studierender während des Fachstudiums („Come to Study“) und beim Übergang in den Arbeitsmarkt („Come to Succeed“), darunter Angebote zur individuellen Karriereentwicklung wie etwa Einzelberatungen oder Exkursionen zu Fachmessen und Unternehmen.
Seit Oktober letzten Jahres absolviert eine erste Gruppe von ausländischen Studierenden den Vorkurs. Voraussetzung ist, dass die Teilnehmenden eine Hochschulzugangsberechtigung haben und bereits Deutschkenntnisse auf B1-Niveau vorweisen können. 18 Plätze für Lernende werden vergeben. „Für die erste Gruppe haben wir gesagt: Wir suchen nicht im Ausland, sondern fokussieren uns auf diejenigen, die schon hier sind“, erklärt Lemmen. „Das sind zum Beispiel mitgezogene Ehepartner von Leuten, die hier arbeiten. Oder Geflüchtete, die sich eine neue Existenz aufbauen wollen.“ Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus der Ukraine, zudem sind Syrien, Afghanistan, Iran, Südkorea, China und Senegal vertreten.
Sprachkurs mit interkulturellen Aspekten
Wer sich für den Deutsch-Intensivkurs „Come to Prepare“ interessiert, meldet sich bei Ursula Lemmen. Mit ihrer langjährigen Expertise als Deutschtrainerin prüft sie in einem informellen Beratungsgespräch, ob die Deutschkenntnisse den Anforderungen entsprechen. Zudem wird geschaut, ob das angestrebte Fachstudium in Tübingen möglich wäre. Ein Platz im Deutsch-Vorkurs garantiert zwar keinen Studienplatz, stellt aber sicher, dass die formellen Voraussetzungen für die Zulassung gegeben sind. „Wir wünschen uns natürlich, dass wir die Kursteilnehmenden mit unserem Programm so sehr für Tübingen gewinnen können, dass sie gar nicht mehr weg wollen“, sagt Lemmen. Eine Verpflichtung für ein Studium vor Ort gebe es jedoch nicht, zumal sich Zukunftsvorstellungen auch ändern könnten. Häufige Wunschfächer bei den derzeit Lernenden seien Jura oder Informatik.
Die Teilnehmenden des Vorkurses sind als Studierende an der Universität immatrikuliert und zahlen den Semesterbeitrag; Studiengebühren fallen nicht an. Unterricht findet an vier Vormittagen die Woche statt. Der Sprachkurs orientiere sich an einem ambitionierten Lehrwerk für akademisches Deutsch in Studium und Beruf, so die Koordinatorin. Dreimal wöchentlich findet am Nachmittag ein 90-minütiges Tutorium statt. Darin geht es nicht nur um sprachliche Fragen, sondern auch um aktuelle Entwicklungen. Ob Warnstreik im ÖPNV oder die Landtagswahl – die Tutorinnen und Tutoren gehen auf alle Fragen ein. Immer wieder werden auch interkulturelle Aspekte thematisiert, etwa wie die Deutschen kommunikativ ticken, so Lemmen. Wieso sprechen sie besonders leise, wenn es wichtig ist? Wieso schauen die Leute komisch, wenn man im Bus laut telefoniert? „Bei solchen kulturellen Unterschieden versuchen wir zu sensibilisieren“, erklärt Ursula Lemmen. „Ich sage gern: Ihr habt eine kulturell geprägte Brille aus eurer Heimatkultur und die ist gut und richtig. Aber ihr müsst auch die deutsche Brille kennen, damit ihr zwischen beiden Perspektiven wechseln und so Missverständnisse vermeiden könnt.“ Dass manche der Studierenden, die die Tutorien durchführen, selbst einen Migrationshintergrund haben, sei hier sehr hilfreich.
Unterstützung in vielerlei Hinsicht
Ab April kommt im Kurs ein Vorbereitungstraining für die Sprachprüfung „TestDaF“ hinzu. „Die Abschlussprüfung hat ein sehr spezielles Format, das man kennen muss, um am Testtag eine gute Leistung zu bringen“, so Lemmen. Zum Kursabschluss sind Netzwerkaktivitäten geplant, etwa mit Studierenden aus den Wunschfächern der Teilnehmenden, oder erste Einblicke in Veranstaltungen des Fachstudiums. Wer beim Test im Juni das nötige Kompetenzniveau nicht schafft, kann die Prüfung wiederholen. In dem Fall werde gemeinsam mit den Betroffenen reflektiert, was warum schiefging, und Unterstützung für die notwendigen nächsten Schritte geboten.
Als Zwischenbilanz kann Ursula Lemmen bei der ersten Kursgruppe feststellen, „dass alle einen großen Entwicklungsschritt gemacht haben, besonders im schriftlichen Deutsch“. Schreiben komme in anderen Deutschkursen oft zu kurz. Auch für Erklärungen häufiger umgangssprachlicher Begriffe und besonderer Wendungen seien die Teilnehmenden dankbar. Die Studierenden müssten auch lernen, ihre Bedürfnisse auszudrücken, sagt Lemmen. Wenn das klappt, könne sie bei vielen Dingen helfen: Ob ein noch nicht erhaltener Studierendenausweis oder die Klärung von Fragen mit Ausländerbehörde oder Jobcenter – Ursula Lemmen verweist entweder an die richtige Stelle oder greift selbst zum Telefon, um Dinge zu regeln. „Manchmal sagen die Leute, ich bin durch die aktuelle politische Situation in meinem Land überfordert. Ich bin zwar hier, aber mein Kopf ist woanders“, berichtet sie. Dann gelte es zuzuhören, Lösungen zu finden, Anlaufstellen aufzuzeigen. Bei all ihrer Erfahrung mit Internationalen bringe die Arbeit mit Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten auch für sie noch manche Herausforderungen mit sich.
Verstetigung des Projekts wünschenswert
Ursula Lemmen kann sich zukünftig noch ein umfangreicheres Begleitprogramm vorstellen; die aktuell Teilnehmenden hätten allerdings kaum Kapazitäten für weiteres Programm: „Viele pendeln nach Tübingen, teils mehrere Stunden. Sie haben Kinder, um die sie sich kümmern. Und viele müssen noch 20 Stunden pro Woche in einem Job Geld verdienen.“ Der Fokus sei und bleibe zuallererst ein stabiles C1-Level Deutsch. Durch die DAAD-Förderung ist das „Come to Stay“-Projekt bis Ende 2028 gesichert. Eine Verstetigung des Angebots nach Projektende wäre für Lemmen und die anderen Projektmitarbeitenden wünschenswert: „Denn wir brauchen die Internationalen, und sie brauchen Deutschkenntnisse.“
Tina Schäfer
Das sagen die Studierenden
Mukerrem, Uigurin
“Ich würde eine Teilnahme an „Come to Stay“ empfehlen, weil das Programm nicht nur auf die sprachliche Vorbereitung fokussiert ist, sondern uns auch dabei unterstützt, das akademische Umfeld kennenzulernen und uns Schritt für Schritt in das studentische Leben in Deutschland zu integrieren.”
Ihor, Ukraine
“Das Kursprogramm ist so gut entwickelt, sodass die Teilnehmer gar nicht merken, dass die Aufgaben immer schwieriger werden. Und nach einigen Monaten stellt man plötzlich fest, dass man bereits viele der erforderlichen Fähigkeiten beherrscht. Besonders hervorzuheben ist das hohe Qualifikationsniveau und die ständige Hilfsbereitschaft der Lehrkräfte und der Kursleitung.”
Yeongseo, Südkorea
“Besonders gut gefällt mir, dass man schon vor Beginn des Studiums Menschen kennenlernen kann. Ich habe bereits Freunde gefunden, und auch mit den Lehrern und Tutoren, die ich durch das Programm kennengelernt habe, komme ich immer wieder ins Gespräch. So habe ich das Gefühl, dass ich langsam Teil der Universität und der Stadt Tübingen werde.”
Ghadeer, Syrien
Mir gefällt besonders gut, dass es verschiedene Lehrkräfte mit unterschiedlichen Erfahrungen und Methoden gibt, und dass das Programm eine große Unterstützung bietet, damit ich meinen Weg besser planen kann. Am Anfang habe ich mich unsicher gefühlt, wenn ich auf Deutsch gesprochen habe, aber jetzt fühle ich mich sicherer, Deutsch im Alltag zu benutzen.
Weitere Informationen zum "Come to Stay"-Projekt
Rund 90 Hochschulen in Deutschland bieten Programme wie „Come to Stay“ an, um internationale Fachkräfte zu gewinnen. Sie erhalten dafür eine Förderung im Rahmen der DAAD-Initiative „Förderung internationaler Talente zur Integration in Studium und Arbeitsmarkt“. Sie zielt darauf, Studierende aus dem Ausland auf ein erfolgreiches Hochschulstudium in Deutschland vorzubereiten, sie im Studium zu unterstützen und im Anschluss zu begleiten, um im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, auch durch den Aufbau und die Stärkung von Netzwerken zwischen Hochschulen und Wirtschaft. Einen vorbereitenden Sprachkurs gibt es auch an wenigen anderen Hochschulen; dass keine Kursgebühren anfallen, ist jedoch ein Tübinger Alleinstellungsmerkmal.
Das Tübinger Projekt wurde gemeinsam eingeworben durch das Dezernat Studium und Lehre und das International Office. Das Projektteam setzt sich aus Mitarbeitenden der Abteilung Deutsch als Fremdsprache und des Career Service zusammen und wird maßgeblich vom Dezernat Studierende unterstützt. Der Deutschkurs des „Come to Stay“-Projekts wird zukünftig Teil der neu gegründeten Abteilung „International Programs & Global Outreach“ sein, in der das International Office der Universität verschiedene Programme zur internationalen Öffnung, Studienvorbereitung und interkulturellen Kompetenzentwicklung bündelt.
Teilnehmende des Projekts sind als Studierende der Universität Tübingen immatrikuliert, d.h. sie zahlen den Semesterbeitrag, aber keinerlei Studiengebühren, und profitieren von den Angeboten und Vergünstigungen, die der Studierendenstatus mit sich bringt. Hinzu kommen Kosten für Lehrmaterial und die Gebühr für die extern abgenommene Prüfung. Zudem ist ein Kontingent an Wohnheimplätzen des Studierendenwerks für Teilnehmende reserviert. Bewerbungen für den nächsten Deutschintensivkurs sind noch bis 15. April 2026 möglich.