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07.09.2026
Neue Starting Grants des Europäischen Forschungsrats gehen in die Geschichts- und Pflanzenforschung
Zwei Wissenschaftler der Universität Tübingen erhalten eine hochdotierte Projektförderung
Dr. Thomas Benfey vom Seminar für Alte Geschichte und Dr. Juan Carlos De la Concepción vom Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen werden jeweils mit einem sogenannten Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) ausgezeichnet, der mit einer fünfjährigen Projektförderung von insgesamt bis zu 1,5 Millionen Euro verbunden ist. Starting Grants werden an exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aller Fächer früh in der Karriere vergeben, im Zeitraum von zwei bis sieben Jahren nach der Promotion. Thomas Benfey will in seinem Projekt CIRCLE OF JUSTICE mehr Licht in die Geschichte des Mittleren Ostens im 7. und 8. Jahrhundert mit dem Ende des Sasanidenreichs und dem Aufstieg des Islams bringen, indem er bisher wenig beachtete zeitgenössische mittelpersische Dokumente erforscht. Juan Carlos De la Concepción wird im Projekt MORPHEUS auf der molekularen Ebene untersuchen, welche Mechanismen Pflanzen entwickelt haben, um Dormanz in den Pflanzenstrukturen – wie den Samen und Sporen – aufrechtzuerhalten.
Thomas Benfey – Mittelpersische Dokumente als Geschichtsquellen für das 7. und 8. Jahrhundert
Im Projekt “Circle of Justice: Middle Persian Documents as Sources for Sasanian and Early Islamic History” (CIRCLE OF JUSTICE) – Der Kreis der Gerechtigkeit: mittelpersische Dokumente als Quellen der sasanidischen und frühislamischen Geschichte – will Thomas Benfey die Geschichte des Mittleren Ostens im 7. und 8. Jahrhundert aus neuer Perspektive untersuchen. Als Grundlage dienen rund 1.700 zeitgenössische, bisher wenig erforschte Dokumente. Dafür erhält er vom ERC eine Projektförderung von knapp 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Die Geschichte des Mittleren Ostens – wie auch der ganzen Welt – nahm im 7. und 8. Jahrhundert entscheidende Wendungen: Während der Islam als geopolitische und religiöse Macht entstand, sah das Sasanidenreich seinem Ende entgegen. Die Gebiete, die für Jahrhunderte seinen Kern ausgemacht hatten – Mesopotamien und das westiranische Plateau – wurden in das aufkommende Kalifat integriert. „Quellen aus dieser Zeit sind rar. Bisher wurde diese Periode vielfach durch Berichte erforscht, die Historiker Jahrhunderte später geschrieben hatten“, erklärt Benfey. „Die Berichte handeln meist von den Entscheidungen der Machthaber und anderer mächtiger Individuen, dementsprechend steht diese Perspektive in der modernen Erforschung der Spätantike und frühen islamischen Geschichte des Mittleren Ostens oft im Vordergrund. Der größere administrative, soziale, und ökonomische Kontext, in dem diese Entscheidungen gefällt wurden, fand relativ wenig Beachtung.“
Benfey nutzt daher den „Kreis der Gerechtigkeit“ als strukturierendes Prinzip seiner Arbeit: Der Kreis der Gerechtigkeit erfasst Zwänge, denen selbst die Machthaber des Sasanidenreiches und der frühislamischen Welt unterlagen. Entwickelt wurde das Konzept im zeitgenössischen Kontext – dem spätantiken und frühmittelalterlichen Mittleren Osten. Die vier Hauptelemente des Kreises der Gerechtigkeit sind das Militär, die Landwirtschaft, das Steuerwesen und die Gerichtsbarkeit. „Die Autorität der Machthaber hängt davon ab, inwieweit sie diese Elemente verwalten können, von denen keins richtig funktionieren kann, wenn die anderen nicht in Ordnung sind. Letztlich scheitert politische Autorität, wenn Landeigentümer und Steuerbeamte nicht gerecht mit den Bauern umgehen.“
Keine Quelle gebe zu diesen vier Grundbereichen im Zeitraum des 7. und 8. Jahrhunderts einen direkteren Zugang als die mittelpersischen Dokumente, sagt Benfey. Rund 1.000 sind Papyri und Pergamenthandschriften, die im von Sasaniden besetzten Ägypten zwischen 619 und 629 angefertigt wurden. Rund 700 stammen aus dem heutigen Iran und umfassen ökonomische und Verwaltungstexte auf Pergament, Stoffen und Tonscherben meist aus dem späten Sasanidenreich und der frühen islamischen Periode, ca. 610 bis 759. „Die Schrift ist oft schwer zu entziffern, und das Mittelpersisch, in dem sie verfasst sind, kann stark abweichen von dem, was wir in anderen Quellen wie literarischen Texten oder Inschriften finden“, sagt Benfey. „Andere Forscherinnen und Forscher haben grundlegende Vorarbeit geleistet, aber es gibt noch sehr viel zu tun, wenn wir ein umfassendes Verständnis der Inhalte und Kontexte dieser unschätzbaren Texte erlangen wollen.“ Das gehe nur in einem interdisziplinären Forschungsansatz. Sein langfristiges Ziel ist es, das volle Potenzial dieser Quellen für die Geschichtsforschung auszuschöpfen.
Kontakt:
Dr. Thomas Benfey
Universität Tübingen
Alte Geschichte
Telefon +49 7071 29-75280
thomas.benfeyspam prevention@uni-tuebingen.de
Juan Carlos De la Concepción – Geregelte Dormanz im Lebenszyklus der Pflanzen
Mit seinem Projekt „Mechanisms and molecular innovation in plant cellular dormancy” (MORPHEUS) – Mechanismen und molekulare Innovationen dormanter Pflanzenzellen – will Juan Carlos De la Concepción die mechanistischen Grundlagen und die molekulare Evolution der Keimruhe bei Pflanzen aufklären. Der ERC finanziert das Projekt mit gut 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Alle Lebewesen stehen vor einer universellen Herausforderung: in einer rauen und sich verändernden Umwelt zu überleben und zu gedeihen. Viele Lebensformen, von Bakterien bis hin zu mehrzelligen Eukaryoten, haben unabhängig voneinander eine Überlebensstrategie entwickelt: die Dormanz. Dabei handelt es sich um eine Ruhephase, während der die Zellen in einen Zustand geringer Stoffwechselaktivität eintreten, der sie am Leben erhält, bis wieder günstige Bedingungen herrschen. Dieser Prozess verhindert das Aussterben von Populationen und spielte eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und dem Fortbestand des Lebens auf der Erde. Da sich Pflanzen in der Regel nicht fortbewegen, nutzen sie die Dormanz als bewährte Strategie, um zu überleben und ihre Nachkommen zu verbreiten. Die Keimruhe ist fest in den Fortpflanzungszyklus der Pflanzen integriert und prägt deren ökologischen Erfolg und ihre Vielfalt.
„Indem sie den Zeitpunkt der Keimung steuert, hat die Dormanz einen starken Einfluss auf das Überleben, die Anpassung und das Aussterben von Pflanzenpopulationen. Diese Fähigkeit ist so wichtig, dass sich im Laufe der Pflanzenevolution unterschiedliche Strategien dafür herausgebildet haben“, sagt De la Concepción. Samen können etwa Jahrhunderte im Ruhestadium verharren, während sie vom Wind oder Tieren verbreitet werden, bis sie ein günstiges Umfeld für das Auskeimen der neuen Pflanze erreichen. „Dadurch ist die Dormanz auch ein wichtiges Merkmal in der Landwirtschaft, das Ernteerträge beeinflusst und erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen hat.“
Was tut nun die Zelle, um schlechte Zeiten zu überstehen, ohne ihre Lebensfähigkeit einzubüßen? „Verschiedene Organismen treten auf ganz unterschiedliche Weise in eine Ruhephase ein, doch ein allgemeines Merkmal ist die Abschaltung energieintensiver Prozesse in der Zelle“, erklärt De la Concepción. „Besonders energieintensiv ist die Proteinproduktion in den Ribosomen, die Translation. Die Zellen müssen diese Synthetisierung von Proteinen daher beinahe vollständig stoppen. Im Laufe der Evolution haben sich unabhängig voneinander mehrere Mechanismen für diese Inaktivierung von Ribosomen, die sogenannte Ribosomenruhe, entwickelt.“
Während die entsprechenden molekularen Mechanismen bei Bakterien, Hefen und Tieren bereits umfassend untersucht wurden, sind sie bei Pflanzen noch weitgehend unbekannt. „Wie unabhängige Pflanzenstämme unterschiedliche molekulare Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Ribosomenruhe entwickelt haben, bleibt eine grundlegende Frage der Pflanzen- und evolutionären Zellbiologie“, sagt De la Concepción. Um sie zu beantworten, will er die neuesten methodischen Fortschritte in der Strukturbiologie, der Proteomik sowie der vergleichenden Genetik zwischen ausgewählten Modellorganismen, die verschiedene Stufen der Pflanzenentwicklung abdecken, nutzen.
Kontakt:
Dr. Juan Carlos De la Concepción
Universität Tübingen
Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen
juan.delaconcepcionspam prevention@zmbp.uni-tuebingen.de