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18.03.2026
Tübinger Alumna Lyndal Roper erhält renommierten Holberg-Preis
Australische Historikerin studierte Ende der 1970er-Jahre Theologie und Geschichte in Tübingen
Die australische Historikerin Lyndal Roper wird mit einem der weltweit bedeutendsten Forschungspreise in den Geistes- und Sozialwissenschaften, der Rechtswissenschaft und der Theologie geehrt: Der von der Universität Bergen verliehene Holberg-Preis ist mit umgerechnet 535.000 Euro dotiert, die Preisverleihung findet am 4. Juni bei einer feierlichen Zeremonie an der Universität Bergen in Norwegen statt.
Roper ist emeritierte Inhaberin des Regius Chair of History an der Universität Oxford. Ende der 1970er-Jahre studierte Lyndal Roper zwei Jahre lang an der Universität Tübingen Theologie und Geschichte, gefördert unter anderem mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD.
Lyndal Roper zählt zu den weltweit führenden Wissenschaftler:innen auf dem Gebiet der europäischen Geschichte der Frühen Neuzeit. Ihre bahnbrechenden Studien haben unser Verständnis der Hexenverfolgungen, des Deutschen Bauernkriegs (1524–1525) sowie des Lebens und Denkens Martin Luthers neu geprägt und aufgezeigt, wie Geschlecht, Körper, Psyche und Macht in den sozialen und religiösen Konflikten des 16. Jahrhunderts zusammengewirkt haben. Ihre Arbeiten sind für ihre methodische Innovationskraft und ihren interdisziplinären Ansatz weithin anerkannt.
Eines von Ropers Hauptwerken ist Oedipus and the Devil (1994; dt. Ausgabe Ödipus und der Teufel. Körper und Psyche in der frühen Neuzeit, 1995). Darin entwickelt Roper ein neues Verständnis von Geschlecht und Kultur, indem sie betont, dass Körper und Psyche nicht von historischen Erfahrungen getrennt werden können. Das Buch beleuchtet die psychologischen Kräfte an der Schnittstelle von Körper, Magie, Religion und Sexualität und untersucht Männlichkeit, Brutalität und Ehrenvorstellungen im frühneuzeitlichen Europa. Roper zeigt, wie Männlichkeit im 16. Jahrhundert politisch instrumentalisiert wurde und wie Gewalt, Alkoholkonsum, Sexualverhalten und soziale Disziplinierung die protestantische Identität mitgeprägt haben.
Ropers Forschung eröffnet auch eine neue Perspektive auf Martin Luther, die zentrale Gestalt der Reformation. Sie zeigt, wie Luthers Sprache, Selbstdarstellung, Körpererfahrung und Ausdruck sowohl seine Theologie als auch seine öffentliche Führungsrolle prägten. In Werken wie Der feiste Doktor – Luther, sein Körper und seine Biographen (2012), Martin Luther: Renegade and Prophet (2016; dt. Ausgabe: Der Mensch Martin Luther – Die Biographie, 2016) und Living I Was Your Plague: Martin Luther’s World and Legacy (2021; dt. Ausgabe: Im Leben war ich Eure Plage. Luthers Welt und sein Vermächtnis, 2022) untersucht Roper, wie alles an Luther, von seiner derben Sprache bis hin zu seiner Autoritätsausstrahlung, zu den politischen und religiösen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts beitrug. Luther erscheint somit nicht nur als Reformator, sondern als historische Persönlichkeit, die von den Konflikten, kulturellen Annahmen und psychologischen Spannungen seiner Zeit geprägt war.
Ropers jüngste große Studie, Summer of Fire and Blood: The German Peasants’ War (2025; dt. Ausgabe: Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525, 2024), wurde 2025 mit dem Cundill History Prize ausgezeichnet. Das Buch ist die erste große englischsprachige Darstellung des Bauernkrieges – des größten Volksaufstandes in Europa vor der Französischen Revolution – seit über einer Generation.
Zur Zielsetzung ihrer Forschung sagt die Preisträgerin: „Im Laufe meiner Karriere habe ich versucht, Geschichte von unten zu schreiben, das heißt, ich wollte eine Geschichte, die die Stimmen gewöhnlicher Menschen aller Art, Hautfarben und Klassen und insbesondere von Frauen einbezieht. Ich wollte neue historische Narrative, die sich nicht um große Männer und gewaltige Ereignisse drehten.“
„Hier glaube ich, dass mir meine Erfahrung als Mutter bewusst gemacht hat, wie wichtig dasjenige ist, was sich nicht in Worte fassen lässt, und dass Kommunikation nicht immer Sprache voraussetzt“, fährt sie fort. „Und ich wollte Geschlecht ins Zentrum der Geschichtsschreibung stellen. Ich wollte die körperlichen Erfahrungen der Menschen in die Geschichte einbringen und auch die unbewussten Motivationen der Menschen in den Blick nehmen.“
Die Vorsitzende des Holberg-Komitees, Prof. Ann Phoenix erklärt: „Lyndal Roper gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Geschichte der Frühen Neuzeit und sie ist eine außergewöhnlich originelle Historikerin. Ihre Forschung stellt bisherige Annahmen über die Frühe Neuzeit infrage. Professor Roper ist eine höchst verdiente Trägerin des Holberg-Preises 2026.“
Über die Preisträgerin
Lyndal Roper war die erste Frau und die erste Australierin, die auf den Regius Chair of History an der Universität Oxford berufen wurde, eine Position, die sie seit 2011 innehat. Sie war Professorin am Royal Holloway, Universität London, und lehrte außerdem am King's College London, wo sie 1985 ihren Doktortitel erwarb. Roper war 1999 Mitbegründerin des Bedford Centre for the History of Women and Gender. Der Regius-Preis in Oxford wurde in Anerkennung ihrer Mentorentätigkeit für jüngere Wissenschaftler und ihrer dynamischen Lehre ins Leben gerufen. Roper ist Mitglied der British Academy, der Australian Academy of the Humanities und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 2016 wurde ihr für ihr Lebenswerk in der Geschichtswissenschaft der Gerda-Henkel-Preis verliehen.
Über den Holberg-Preis
Der 2003 vom norwegischen Parlament ins Leben gerufene Holberg-Preis ist einer der größten, jährlich vergebenen internationalen Forschungspreise, verliehen für herausragende Beiträge zur Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, der Rechtswissenschaft und in der Theologie. Der Preis wird von der norwegischen Regierung durch eine direkte Mittelzuweisung seitens des Ministeriums für Bildung und Forschung an die Universität Bergen finanziert.
Zu den bisherigen Preisträgern gehören Jürgen Habermas, Manuel Castells, Onora O'Neill, Cass Sunstein, Paul Gilroy, Sheila Jasanoff, Achille Mbembe und Gayatri Chakravorty Spivak.
Pressemitteilung Holberg-Preis, Universität Bergen