Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2020: Schwerpunkt

Übersetzen von der Medizin in die universitäre Praxis

Der Betriebsärztliche Dienst der Universität, Teil des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, spielt derzeit eine wichtige Rolle: Er berät die Universitätsleitung in der Coronakrise. Professorin Dr. Monika A. Rieger, Ärztliche Direktorin des Instituts und Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes, und Oberarzt Dr. Adrian Brandt, Leiter der Arbeits- und Sozialmedizinische Ambulanz, stellen ihre Tätigkeit vor.

Nicht alle Beschäftigten kennen den Betriebsärztlichen Dienst. Daher erst mal: Was machen Sie in ganz normalen Zeiten?

Adrian Brandt: Die Ambulanz bietet hauptsächlich arbeitsmedizinische Vorsorgen für Beschäftigte und Studierende an. Wichtig ist auch die Beratung von Schwangeren in Bezug auf ihre Tätigkeiten. Beratungen zur Wiedereingliederung nach längerer Arbeitsunfähigkeit können bei uns erfolgen, ebenso individuelle arbeitsmedizinische Beratungen in Bezug auf den Arbeitsplatz.

Monika Rieger: Wir beraten auch den Arbeitgeber bzw. Personalvertreter zu ganz übergeordneten Themen oder Themen, die alle Beschäftigten betreffen. Da brechen wir dann allgemeine Arbeitsschutz-Regelungen herunter auf konkrete Arbeitsplätze und Beschäftigte – im Einzelfall dann auch gepaart mit medizinischen Tätigkeiten wie körperlicher Untersuchung oder Impfangeboten.

Wie haben Sie die Verbreitung des Coronavirus in China wahrgenommen? Sind Sie da gleich aufmerksam geworden?

Brandt: Die erste E-Mail an die Personalabteilung ging am 13. Januar raus, da gab es in China etwa 40 bestätigte Fälle. Wir haben frühzeitig im Hinblick auf Beschäftigte im Ausland informiert, dass etwas im Entstehen ist, was wir noch nicht einschätzen können.

Sie haben die Krise also von Anfang an begleitet. Was ist dabei ganz konkret Ihre Rolle?

Rieger: Hauptsächlich empfinde ich mich als Übersetzerin von Medizin in alle Arbeitsbereiche der Uni hinein. Wir lesen die offiziellen Dokumente vom Robert-Koch-Institut, von Ministerien und vom Regierungspräsidium und diskutieren diese: Was müssen wir kommunizieren, was könnte relevant sein für übergeordnete Entscheidungen? Diese Dokumente richten sich an den Arbeitsgeber, aber ohne fachkundige Beratung kann ein durchschnittlicher Arbeitgeber diese Verlautbarungen nicht einfach so verstehen. 

Und was läuft in der Ambulanz?

Brandt: Wir führen weiterhin Vorsorgen durch, zu allen gesundheitlichen Aspekten. Aber wir bieten auch Beratungen zum Thema Coronavirus an, z.B. zur Frage, gehöre ich zu einer Risikogruppe oder nicht, welche Tätigkeiten kann ich noch ausüben. Alle, ob Studierende oder Beschäftigte, können sich per E-Mail oder telefonisch bei uns melden. Für längere Gespräche machen wir auch persönliche Termine aus, natürlich unter der Bedingung, dass beide Seiten gesund sind, Mund-Nase-Schutz tragen und den Sicherheitsabstand einhalten.

Sie sind auch beim täglichen Krisenstab der Universitätsleitung dabei. Worum geht es da?

Brandt: Es geht hauptsächlich darum, schnell und effektiv agieren zu können. Was bedeutet eine neue Corona-Verordnung für die Universität, wie können wir z.B. die Universitätsbibliothek schrittweise wieder öffnen. Da sind wir beratend tätig zur Erstellung eines Hygiene- und Sicherheitskonzepts: Wo kann man einen Spuckschutz sinnvoll anbringen, braucht man Desinfektionsmittelspender, gibt es unterschiedliche Eingangs- und Ausgangsmöglichkeiten? Solche Sachen werden im Krisenstab vordiskutiert und es werden Aufgaben verteilt.

Der Infektionsschutz ist eine Sache, aber für viele ist die derzeitige Situation auch psychisch belastend. Was raten sie denen?

Rieger: Erst mal: Ernstnehmen, dass ich psychisch belastet bin, das wahrnehmen. Dann gibt es zweierlei: Das eine ist, dass jede einzelne Person sich kennen sollte, wissen muss, wie entspanne ich mich, aber auch merken, wann würde mir mal ein Gespräch helfen. Nicht jeder, der Schlafstörungen entwickelt, ist ja schon krank, sondern zeigt einfach eine normale Stressreaktion. Da gibt es an der Uni Angebote wie die Psycho-Soziale Beratungsstelle, wo man anrufen und einfach mal seine Situation sortieren kann. Die sollte man nutzen, ohne Scheu. Das andere ist: Viel von dem, was Arbeit für uns an sozialer Unterstützung bedeutet, fällt im Moment weg, weil jeder zuhause sitzt. Man bekommt nicht mehr im Vorbeigehen einen Eindruck, wie es den Menschen geht. Da müssen Vorgesetzte darauf achten, dass ihnen die Leute nicht verloren gehen, dass in Video- oder Telefonkonferenzen auch der Austausch einen Platz hat, der sonst an der Kaffeemaschine oder auf dem Flur passiert wäre.

Wie ist Ihre Einschätzung, wie es weitergeht?

Rieger: Ich habe die Sorge, dass die Gesellschaft ungeduldig wird und wir die Zügel zu schnell loslassen. Wir haben noch nicht die Situation erlebt wie im Elsass, in Spanien oder Italien. Und wenn man vom Nutzen einer Maßnahme nicht betroffen ist, sondern nur von den Kosten, wie die meisten jetzt, sind sie unzufrieden. Ganz klar ist aber: Jede Lockerung werden wir bezahlen, und den Effekt dessen, was jetzt gerade passiert, sehen wir erst in 14 Tagen. Je höher das Infektionsrisiko in der Allgemeinbevölkerung wird, desto weniger können Menschen, die gefährdet sind, noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – oder zur Arbeit kommen, wenn wir sie nicht adäquat schützen. Das wird so bleiben, bis es vielleicht eine Impfung gibt. Wir müssen das Infektionsrisiko so klein wie möglich halten und Arbeitsplätze so gestalten, dass dort so viele Beschäftigte wie möglich arbeiten können. Wir werden da vor allem einzelfallbezogen gute Lösungen finden müssen. 

Brandt: Ich sehe das genauso. Ich habe den Eindruck, dass es in der Bevölkerung nicht so ankommt, an was für einer Katastrophe wir vorbeigeschrammt sind. Das kann uns auch ganz schnell noch mal einholen. Das Wichtigste ist: Jeder kann einen Beitrag leisten, dass das nicht passiert. Es war doch nie so leicht, die Welt zu retten – einfach daheim bleiben.

Tina Schäfer

Die Psycho-Soziale Beratungsstelle für Beschäftigte

In Corona-Zeiten sind viele Menschen privat und beruflich besonderen Belastungen ausgesetzt, beispielsweise aufgrund von Quarantänemaßnahmen, Homeoffice, Reduzierung von sozialen Kontakten, Mehrbelastung durch die Betreuung von Kindern zu Hause. Für die Beschäftigten der Universität Tübingen ist in allen diesen Fällen die Psycho-Soziale Beratungsstelle erste Anlaufstelle. Karla Polen-Beer und Dr. Annette Mauch (Beratung auf Englisch) beraten während der Corona-Krise ausschließlich telefonisch unter 07071-29-77563, von Montag bis Freitag jeweils von 9:00 bis 12 Uhr.

Darüber hinaus können Gesprächstermine auch per mail (karla.polen-beerspam prevention@uni-tuebingen) ausgemacht werden, diese können dann auch in Form von Videoschaltungen stattfinden.

Angebote für Studierende in Corona-Zeiten

Die Zentrale Studienberatung (ZSB) hat eine Sonderseite Studieren während der Corona-Krise erstellt, weitere Infos gibt es auf der ZSB-Seite Themen der Beratung

Das Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim bietet eine Psychotherapeutische Beratung für Studierende an, aktuell nur telefonisch. Infos und Kontakt unter: https://www.my-stuwe.de/beratung-soziales/psychotherapeutische-beratung/ Hier finden sich auch Kontaktdaten der Psychologischen Beratungsstelle Tübingen.

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