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23.04.2026

Von den Pampas bis Patagonien: DNA enthüllt Südamerikas Menschheitsgeschichte

Team der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Universität Tübingen: Migration im Holozän prägte kulturelle Vielfalt im Südkegel

Drohnenaufnahme und 3D-Modell der Fundstätte Los Tres Cerros 1 im Paraná-Flussdelta.

Eine neue genetische Untersuchung zeigt, dass die kulturelle Vielfalt im sogenannten Südkegel – dem annähernd dreieckigen südlichsten Teil Südamerikas – stark durch weitreichende menschliche Migration geprägt wurde. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und unter Beteiligung mehrerer Institutionen in Südamerika analysierte das Erbgut von 52 indigenen Individuen, die in den vergangenen 6.000 Jahren in den Pampas, in Nordwest-Patagonien, im Paraná-Delta sowie im östlichen Tiefland Uruguays lebten. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass mindestens drei genetisch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen im mittleren Holozän in den Pampas koexistierten. Die nun im Fachjournal Current Biology veröffentlichte Studie verdeutlicht, dass großräumige Migrationen ein zentraler Faktor für die genetische und kulturelle Vielfalt im südlichen Südamerika sind.

Die europäische Kolonialisierung hat die heutigen Staaten Südamerikas kulturell tiefgreifend geprägt. Die Vielfalt indigener Sprachen, Religionen, Weltbilder und politischer Strukturen wurde dabei in weiten Teilen durch europäische Institutionen und Ordnungssysteme ersetzt. „Dies ging einher mit einer massiven Verdrängung der indigenen Bevölkerung, deren genetische Vielfalt bis heute stark reduziert ist“, erläutert Professor Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen (SHEP) und fährt fort: „In den letzten Jahren haben Studien zu alten Genomen amerikanischer Ureinwohner unser Bild davon, wie Südamerika einst besiedelt wurde, deutlich geschärft. Eine Region, die bisher aber weniger genetisch untersucht wurde, ist der Südkegel, die am weitesten südlich gelegene Region des Kontinents, die von Menschen besiedelt wurde.“

Gemeinsam mit der Erstautorin der neuen Studie, der SHEP-Doktorandin Kim-Louise Krettek, und einem internationalen Forschungsteam konnte Posth nun anhand von genetischen Daten wichtige zeitliche und räumliche Lücken zur Besiedlung des Südkegels schließen. Hierfür sammelten die Tübinger Forschenden genetische Daten von 52 indigenen Individuen aus 31 Fundstellen in vier Regionen des Südkegels. „Die von uns untersuchten fossilen Überreste stammen aus dem mittleren und späten Holozän der zentralen und südlichen Pampas, Nordwest-Patagoniens, dem Paraná- und Uruguay-Delta sowie den östlichen Tiefländern Uruguays und sind zwischen 6.000 und 150 Jahre alt“, erklärt Krettek.

Archäologische Funde deuteten bereits darauf hin, dass sich die kulturellen Praktiken im untersuchten Gebiet während des mittleren und späten Holozäns deutlich veränderten. „Allerdings wird bis heute darüber diskutiert, ob diese Veränderungen ausschließlich durch kulturelle Prozesse verursacht wurden oder ob auch menschliche Migrationen daran beteiligt waren“, fügt Posth hinzu.

Die neu gewonnenen genetischen Daten zeigen, dass in den Pampas während des mittleren Holozäns – der Zeit vor etwa 8.200 bis 4.200 Jahren – mindestens drei unterschiedliche genetische Linien vertreten waren. Kontakte mit Gruppen aus dem südlichen Patagonien kamen zwar vor, waren jedoch eher selten. Stattdessen stellten die Forschenden fest, dass sich bereits vor etwa 5.500 Jahren eine genetische Linie ausbreitete, deren geografische Herkunft bisher unbekannt ist. Im späteren Holozän nahm ihr Anteil deutlich zu. Dieselbe Abstammungslinie erreichte spätestens vor etwa 600 Jahren auch Nordwest-Patagonien. Dort bestand sie – bis in die Kolonialzeit – neben Menschen mit einem genetischen Profil aus den südlichen Anden.

Bereits vor rund 1.500 Jahren unterschieden sich zudem die Bevölkerungen entlang des Paraná-Flussdeltas und am Unterlauf des Uruguay-Flusses genetisch voneinander. Menschen aus dem östlichen Tiefland Uruguays wiederum zeigen genetische Verbindungen zu sogenannten Sambaqui-Gruppen von der südbrasilianischen Küste. „Unsere Studie zeigt, dass großräumige Wanderbewegungen im südlichen Südamerika während des mittleren und späten Holozäns die genetische und kulturelle Landschaft des Südkegels nachhaltig prägten“, betont Krettek.

„Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich genetisch unterschiedliche Gruppen über alle untersuchten Regionen hinweg ausbreiteten. Unsere Erkenntnis, dass kulturelle Veränderungen bereits vor Tausenden von Jahren durch Migration und Vermischung beeinflusst wurden, bestätigt die tiefen Wurzeln des indigenen Erbes“, schließt Posth.

Pressemitteilung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Publikation:

Kim-Louise Krettek, María Barbara Postillone, Lucía Spangenberg, Javier Maravall-López, Nicola Rambaldi Migliore, Ana Maria Chero Osorio, Hugo Naya, Ella Reiter, Tatiana Tondini, Mariano Bonomo, Valeria Bernal, Mariela E. González, Nahuel Scheifler, Pablo G. Messineo, Gustavo Flensborg, Cristina Dejean, Alessandro Achilli, David Reich, José López Mazz, S. Ivan Perez, Gustavo Politis, Gustavo Martínez, and Cosimo Posth: The shared genomic history of Middle- to Late-Holocene populations from the Southern Cone of South America. Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.03.081 

Kontakt

Prof. Dr. Cosimo Posth
Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment
Universität Tübingen
Tel. 07071 29-74089
cosimo.posthspam prevention@uni-tuebingen.de 

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069 7542 1434
pressestellespam prevention@senckenberg.de 

 

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