Uni-Tübingen

Tübinger Poetik-Dozentur 2018

Uwe Timm, 1940 in Hamburg geboren, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Der Autor zahlreicher Romane, Erzählungen und Essays, Drehbücher und Regiearbeiten, Gedichtbände, Hörspiele und preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher lebt heute in München und Berlin. Nach einer Kürschnerlehre studierte er in München und Paris Philosophie und Germanistik, promovierte zu Albert Camus und studierte anschließend Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Als einer der literarischen Vertreter der 68er-Generation, der die Bewegung als Student aktiv miterlebte, thematisiert er die Ereignisse der Jahre 1967 und 68 erstmals in seinem Roman Heißer Sommer (1974). Die Aufarbeitung dieser Zeit zieht sich durch sein Werk: Kerbels Flucht (1980), Rot (2001), Der Freund und der Fremde (2007) und Freitisch (2011) widmen sich dieser Thematik aus je unterschiedlichen Perspektiven. Doch ist Timm nicht nur an dieser die politische Diskussion bis heute prägenden Phase, sondern auch an der Auseinandersetzung mit anderen Abschnitten der deutschen Geschichte interessiert, und richtet den Blick auch auf europäische und außereuropäische Kontexte. So berichtet Morenga (1978) vom deutschen Kolonialkrieg in Südwestafrika, Der Schlangenbaum (1986) spielt in Südamerika, und Vogel, friß die Feige nicht. Römische Aufzeichnungen (1989) dokumentiert Timms Aufenthalt in Rom. Der Essay „Reise an das Ende der Welt“ (2015) berichtet aus einem Flüchtlingslager im Tschad.

Uwe Timm ist „dem Besonderen im Alltäglichen auf der Spur“, wie die Autorenseite betont. Reale Erlebnisse und persönliche Erinnerungen (Mann auf dem Hochrad, 1984; Entdeckung der Currywurst, 1993) bilden ebenso Anlässe seines Schreibens wie der Versuch einer Geschichte über die Kartoffel (Johannisnacht, 1996), gesellschaftspolitische Betrachtungen (Kopfjäger, 1991; Rot, 2001), Historisches (Halbschatten, 2008) oder alltägliche existenzielle Erfahrungen (Vogelweise, 2013). In seinem neuesten, politisch-historischen Roman Ikarien (2017) setzt er sich anhand der Geschichte des Großvaters seiner Ehefrau, des Eugenikers Alfred Ploetz, mit Nationalsozialismus und Rassenhygiene auseinander. Nicht nur sei sein Schreiben, so betont Timm, immer biografisch geprägt, auch müsse Literatur heute aus seiner Sicht und angesichts der Weltereignisse politisch sein. Martina Scherf würdigte Timm in der SZ 2008 als „Seismographen, der den Verwerfungen der deutschen Geschichte literarisch nachspürt“ und dessen Figuren stets „für einen ganz bestimmten Zustand der Gesellschaft“ stehen.

Doch geht es Timm zufolge nicht um die getreue Abbildung, sondern um die Perspektivierung des Wirklichen: „Im Erzählen wird […] das Diktat der Chronologie aufgebrochen. Der Erzähler erzählt nicht nur nach, sondern neu und anders, nämlich wie es sein könnte, er erzählt eine andere Wirklichkeit.“ Auf die Perspektivierung des Wirklichen reflektiert etwa sein Roman Halbschatten (2008): „Schönheit haftet nicht den Dingen an, sondern liegt im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich zwischen den Dingen entfaltet, sagt der Dichter Tanizaki Junichiro. Und ich denke, es ist tatsächlich so, dass die Dinge sich für uns jeweils anders abschatten. Erst in unserem Blick, der immer auch aus einer bestimmten Perspektive, einer Geneigtheit kommt, werden sie schön.“

Timms Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, u.a. ins Dänische, Englische, Französische, Italienische, Niederländische, Norwegische, Polnische, Russische, Spanische, Tschechische, Ukrainische und Ungarische. Die Verfilmung der Novelle Die Entdeckung der Currywurst kam 2008 in die Kinos, und auch sein bekanntestes, mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Kinder- und Jugendbuch Rennschwein Rudi Rüssel (1989) wurde verfilmt. Für sein Werk erhielt Timm viele weitere Auszeichnungen: 2001 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und den Tukanpreis der Landeshauptstadt München, 2002 den Literaturpreis der Landeshauptstadt München, 2003 den Schubart-Literaturpreis und den Erik-Reger-Preis der Zukunftsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz. 2006 wurde Uwe Timm mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet, 2009 erhielt er den Heinrich-Böll-Preis und 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille. 2013 wurde ihm der Kulturelle Ehrenpreis der Stadt München zugesprochen, 2016 die Ehrenplakette der Freien Akademie der Künste Hamburg und 2018 der Schillerpreis der Stadt Mannheim.

Frank Witzel, geboren 1955 in Wiesbaden, ist Schriftsteller, Illustrator, Radiomoderator und Musiker. Witzel publizierte bisher fünf Romane und drei Lyrikbände, darüber hinaus zahlreiche Essays, Erzählungen, Hörspiele und ein Theaterstück und veröffentlicht zahlreiche weitere Texte und Bilder im Rahmen seiner Webseite und seines Blogs. Er befasst sich – auch in Kollaboration mit Thomas Meinecke, Thomas Walter, Philipp Felsch und Marcus Steinweg – in Essays und Aufsätzen unter anderem mit Beat- und Popliteratur, Avantgarde und Politik, und spielt in seinen absurden Romanen vielfach auf Literaturgeschichte, Theorie und Populärkultur an. Bluemoon Baby erschien 2001, Revolution und Heimarbeit 2003.
Witzels vielbeachteter Roman Die Erfindung der Roten Armeefraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 (2015) berichtet aus der Perspektive eines 13-Jährigen über den Deutschen Herbst. Ingo Schulze kommentierte dessen Erscheinen emphatisch: „Ich erfahre so viel über den untergegangenen Westen und über die Gegenwart – erst jetzt weiß ich, dass ich mir genau so einen Roman über dieses Land schon immer gewünscht habe.“ Für den Roman, der ins Französische übersetzt wurde, erhielt Witzel 2015 den Deutschen Buchpreis, sowie 2012 den Robert-Gernhardt-Preis, 2013 das Stipendium des Deutschen Literaturfonds sowie 2016 ein Stipendium des Nederlands Letterenfonds. Außerdem erhielt er für dessen Hörspielfassung 2017 gemeinsam mit Leonhard Koppelmann den Deutschen Hörbuchpreis. Derzeit (WS 17/18–SoSe 18) hat er die Friederichs-Stiftungsprofessur der Hochschule für Gestaltung Offenbach inne.

Über seinen 2017 erschienenen Roman Direkt davor und kurz danach sagt Witzel, er suche sich in „ein Gefühl vorzufühlen oder hineinzutasten, wo man sich nie ganz sicher sein kann, also ich auch beim Schreiben nicht. Das, was Sie beim Lesen erleben, spiegelt irgendwie auch ein bisschen den Prozess beim Schreiben.“ Dass dies gelungen ist, bestätigte Tilman Spreckelsen in der FAZ: „Es geht um das Festhalten eines Momentes, um von hier aus eine sichere Perspektive zu gewinnen, und um die Unmöglichkeit, dies zu verwirklichen. Und nicht zuletzt geht es darum, genau diese Unmöglichkeit mit einem hohen artistischen Aufwand und beeindruckendem literarischen Formenreichtum abzubilden.“

2018 erschienen seine Heidelberger Poetik-Vorlesung Über den Roman – hinaus. Sein im August dieses Jahres erscheinender Roman Vondenloh über eine Schriftstellerin, die nie längere als 120 Seiten lange Romane schreibt, verknüpft Dorfgeschichte und Literaturbetriebskrimi zu einer humorvoll-grotesken Mischung. Dass es nicht zuletzt dieser Aspekt ist, der an „Witzels Poetik fasziniert“, formuliert Thomas Meinecke folgendermaßen: „Sein zugleich spekulativer als auch poetischer Realismus nimmt mich gefangen. Ich kenne keinen vergleichbaren Schriftsteller.“

Die Veranstaltungen im Überblick

Lesung von Uwe Timm

Sonntag, 25. November, 16 Uhr, Kunsthalle Wüth, Schwäbisch Hall

Vorlesung von Uwe Timm

Montag, 26. November, 20 Uhr c.t., Audimax

Gespräch zwischen Uwe Timm und Dorothee Kimmich

Dienstag, 27. November, 20 Uhr c.t., Audimax

Vorlesungen von Frank Witzel

Mittwoch, 28. November, 20 Uhr c.t., Alte Aula

Donnerstag, 29. November, 20 Uhr c.t., Alte Aula

Gespräch zwischen Frank Witzel und Marcus Steinweg

Freitag, 30. November, 20 Uhr c.t., Alte Aula