Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2026: Forum

Wie finanziert sich eine Demokratie, wer darf mitreden, wer verteidigt sie?

Die Agora als Zentrum der athenischen Demokratie – eine Ausstellung des MUT auf Schloss Hohentübingen

Athen wird oft als Wiege der Demokratie bezeichnet, die Agora war ihr Zentrum. Das Museum der Universität Tübingen MUT zeigt in einer Sonderausstellung archäologische Objekte, die anschaulich machen, wie Demokratie im antiken Athen gelebt wurde: wer darf reden, wer darf entscheiden, wer darf urteilen? Kuratiert hat die Ausstellung Nadja Mozdzen, wissenschaftliche Volontärin am MUT. 

Frau Mozdzen, Sie haben eine Ausstellung zur Agora gemacht, dem Zentrum der athenischen Demokratie…

Nominell wird Agora mit Marktplatz übersetzt. Sie ist der Ort, an dem die Bürger tagtäglich zusammenkommen, Besorgungen machen und sich austauschen.

Gleichzeitig findet hier eine Politisierung des öffentlichen Raumes statt. Zwischen den Denkmälern, Verwaltungs- und Ratsgebäuden der Agora wurden Gesetzesentwürfe ausgehängt, über öffentliche Ausgaben diskutiert und Recht gesprochen. Wichtige demokratische Institutionen, wie der Rat der 500 oder der Archon Basileos, einer der höchsten Beamten in Athen, haben hier ihren Sitz. Bürger, die als vorbildlich galten, werden auf der Agora mit Denkmälern geehrt.

Archäologische Objekte, die wir in der Ausstellung zeigen, haben zu tun mit den praktischen Prozessen, mit denen Demokratie in Athen gelebt wurde, insbesondere demokratische Teilhabe: wer darf reden, wer darf entscheiden, wer darf urteilen? Wir haben ganz bewusst Denkmäler aufgegriffen, die sowohl mit den politischen Prozessen als auch mit dem Charakter des Versammlungsortes Agora verbunden sind.

Wichtig war uns, immer wieder den Bezug zur Gegenwart haben, um die Ausstellung auch zu unserem eigenen Diskursraum zu machen.

Athen wird häufig als Wiege der Demokratie bezeichnet…

Ausgelöst durch politische und wirtschaftliche Krisen, wurden in Athen zwischen ca. 570 und 500 v. Chr. durch Solon und Kleisthenes verschiedene Reformen umgesetzt. Sie zielten darauf, die Macht der Adelsfamilien zu reduzieren und deutlich mehr Bürger an politischen Ämtern und Entscheidungen zu beteiligen. Diese Beteiligung beschränkte sich jedoch auf volljährige Söhne von zwei in ihrem Bezirk registrierten Athener Bürgern, ausgeschlossen blieben Nachkommen nur eines Bürgers, Zugewanderte, Unfreie und Frauen.

Wie sah die Beteiligung aus? Wie wurden Ämter vergeben?

Die genannte Personengruppe bildete die Volksversammlung, in der alle das gleiche Rederecht hatten. Und sie bildeten das Bürger-Heer für den Verteidigungsfall.

Die meisten Amtsträger, etwa die Mitglieder des Rats der 500 oder der Volksgerichte, wurden ausgelost, nicht gewählt. Sie wechselten oft und mussten Rechenschaft ablegen. Dieses Verfahren verhinderte Korruption und Vetternwirtschaft bei der Auswahl von Richtern und Beamten in der athenischen Demokratie.

Spätestens nach dem Bürgerkrieg am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. hielten die Athener ihre Demokratie nicht für selbstverständlich. Es war Konsens, dass es auf das aktive Engagement jedes Einzelnen ankommt, sei es als Bürger, als Soldat gegen Bedrohungen von außen oder auch als Ankläger und Richter gegen Bedrohungen von innen.

Wie finanzierte sich die Athener Demokratie?

Unter anderem durch Bodenschätze, insbesondere aus den Silberminen von Laurion, in denen versklavte Personen arbeiteten. Hinzu kamen die Besteuerung von Fremden (Metöken) und der Handelshafen Piraios (heute Piräus).

Ein weiterer wichtiger Posten für die Finanzierung waren verpflichtende, teilweise jedoch auch freiwillig übernommene Aufgaben der wohlhabendsten Athener. Damit wurden unter anderem die Ausrüstung und der Bau von Kriegsschiffen finanziert, aber auch Veranstaltungen für Bürger im Rahmen von religiösen Festen.

Wie wird die Agora-Ausstellung zum Diskursraum?

Das Thema Demokratie mit den Aspekten Finanzierung, Inklusion bei bzw. Exklusion von politischen Entscheidungen sowie Verteidigung der Demokratie – all diese Fragen sind heute aktueller denn je und deshalb auch Gegenstand dieser Ausstellung. Wir wollen nicht nur erklären, wie in Athen Demokratie funktioniert hat, sondern auch einladen zum Austausch und zur Interaktion. Unsere Ausstellung setzt daher sehr stark auf partizipative Elemente und spricht damit besonders Kinder und Jugendliche und probierfreudige Erwachsene an.

Besonders stolz bin ich auf das Modell der antiken Losmaschine (Kleroterion), das wir mit Hilfe von Sponsoren extra für die Ausstellung haben anfertigen lassen. Das Losverfahren als Zufallsprinzip war ein wichtiges demokratisches Prinzip für die antiken Athener, Ämter wurden häufig neu besetzt, um der Korruption entgegenzuwirken. Das Kleroterion standardisierte Losverfahren für einen Massenbetrieb und garantierte dabei eine gleichmäßige Repräsentation der Bürgerschaft. Die Besucherinnen und Besucher können die Losmaschine ausprobieren, so macht das Modell erfahrbar, wie Partizipation in Athen funktionierte - gewissermaßen Demokratie zum Anfassen.

Welche Bedeutung hatte die Redekunst für die Demokratie in Athen?

In der Volksversammlung galt das gleiche Rederecht für alle. Dennoch gab es hier Redner, die rhetorisch besonders überzeugen konnten, sie bestimmten die athenische Politik maßgeblich.

Eine weitere Station in der Ausstellung widmet sich daher dem Bild des guten Redners bzw. Politikers, mit partizipativen und interaktiven Elementen. Hierfür habe ich den sogenannten Kranzprozess ausgesucht, einen der rhetorisch berühmtesten Gerichtsprozesse der Antike. Im Mittelpunkt stehen dabei der Athener Politiker Demosthenes und sein Gegenspieler Aischines, Skulpturen von beiden finden sich bei uns in der Ausstellung. Auslöser des Disputs ist die Beantragung einer Auszeichnung für Demosthenes durch seinen Anhänger Ktesiphon. Aischines klagt daraufhin gegen Ktesiphon und bezeichnet die Auszeichnung wegen eines Formfehlers als illegal. Im Prozeß hält Aischines zunächst die Anklagerede, aber Demosthenes überzeugt mit seiner berühmten "Rede für Ktesiphon" (Kranzrede) die Richter und erzielt einen überwältigenden Sieg. Aischines muss eine Geldstrafe zahlen und Athen verlassen.

Dieser Prozess ist deshalb so spannend und exemplarisch, weil es auch um die Frage geht, wie der ideale Redner oder der ideale Politiker eigentlich sein sollte. Ich habe in der Ausstellung eine Pinnwand aufgebaut, mit Kärtchen, auf denen diese Merkmale stehen. Ich möchte, dass die Besucherinnen und Besucher mit kleinen Stickern abstimmen, welche Eigenschaften bei guten Politikerinnen und Politikern ihnen persönlich wichtig sind. Sie dürfen aber auch selbst weitere Merkmale ergänzen – und können auf diese Weise ihrer Meinung in der Ausstellung Ausdruck verleihen.

Das Interview führte Maximilian von Platen

Sonderausstellung „Agora – Monumente der Demokratie”

Vom 1. Mai bis 26. Juli 2026

Museum der Universität Tübingen
Schloss Hohentübingen

Öffnungszeiten
Mi–So, 10–17 Uhr | Do, 10–19 Uhr  

Eintritt
3 | 5 | 12 Euro (Familienkarte) Tübinger Studierende: frei 

Führungen mit Kuratorin Nadja Mozdzen 
Mi, 17.06. um 16 Uhr, Fr,  17.07. um 16 Uhr sowie auf Anfrage 

Nadja Mozdzen hat an der Universität Münster Antike Kulturen studiert. Anschließend promovierte sie in Tübingen am Sonderforschungsbereich Ressourcenkulturen in Alter Geschichte zum Thema „Vergangenheitswissen als Ressource im politischen Diskurs des 4. Jhd. v. Chr. in Athen”, die Promotionsschrift ist in Vorbereitung. Seit Oktober 2024 ist Mozdzen wissenschaftliche Volontärin am Museum der Universität Tübingen, parallel macht sie ein Zertifikat zur Kulturmanagerin. Die Ausstellung ist ihr Volontariatsprojekt, das sie eigenständig kuratierte. Sie plant nach ihrem Volontariat weiter im Museumsbereich zu arbeiten.