Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2026: Studium und Lehre

Theologie mit Christo und Jeanne-Claude

Ein Hauptseminar zum Thema Verhüllung

Dr. Simon Linder vom Lehrstuhl für Praktische Theologie und Dr. Julian Tappen vom Lehrstuhl für Fundamentaltheologie bieten im Sommersemester an der Katholisch-Theologischen Fakultät ein interdisziplinäres Hauptseminar mit experimentellem Charakter an: sie untersuchen gemeinsam mit Studierenden Dimensionen der Verhüllung aus theologischer Perspektive. Ausgangspunkt sind die Verhüllungsprojekte des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude. In Kooperation mit dem Diözesanmuseum Rottenburg ist dabei auch die Ausstellung „Offenbar verhüllt” entstanden.

Christo und Jeanne-Claude: wo gibt es Anknüpfungspunkte zur Theologie?

Julian Tappen: Die Idee zu diesem Seminar ist in der Zeit vor Ostern entstanden, denn in der Karwoche ist in vielen christlichen Kirchen das Kreuz verhüllt. Wir wollten uns das genauer anschauen, denn Verhüllungen sind nicht nur im Christentum, sondern in sehr vielen Weltreligionen eine gängige Praxis. 

Auf der anderen Seite steht die Kunst von Christo und Jeanne-Claude, die fast jeder kennt und bei der es auch um Verhüllung geht – zunächst um die Erlaubnis einer Verhüllung, aber auch um ihre Schönheit und am Ende der Projekte auch um ihre Enthüllung.

Simon Linder: Christo und Jeanne-Claude haben sich immer geweigert, selbst eine Deutung ihrer Werke vorzunehmen, dadurch öffnet sich ein Raum für unterschiedliche Deutungen. Unsere Idee von dem Seminar ist es, die Kunst von Christo und Jeanne-Claude anzuschauen und zu reflektieren und dadurch einen neuen Blick auf Phänomene der Theologie zu bekommen, die wir auch abseits von Kunst behandeln.

Sprechen wir nochmal über das Phänomen der Verhüllung in den Religionen …

Tappen: Die Verhüllung von Körpern, Artefakten und Symbolen des Heiligen gehören zu den lange tradierten Praktiken des Religiösen in allen Weltreligionen.
Aus dem christlichen Kontext kennen wir die Verhüllung des Körpers etwa in Form des Habits, den manche Ordensgemeinschaften tragen. 

In christlichen Kirchen mussten traditionell die Männer ihren Hut abnehmen, während Frauen sich verhüllen sollten. Im Islam ist es üblich, dass viele Frauen zumindest ein Kopftuch tragen, den Kopf verhüllen oder auch einen längeren Schleier tragen. Also auch das Geschlecht spielt beim Thema Verhüllung in der Religion eine Rolle.

Im Judentum gibt es in manchen Ausprägungen die Tradition, dass nach dem Tod eines Angehörigen der Spiegel verhüllt wird. Damit soll – so eine Interpretation – in der frühen Zeit der Trauer vor eigener Eitelkeit bewahrt und die Aufmerksamkeit auf die verstorbene Person gelenkt werden.

Linder: Neben diesen offensichtlichen Facetten gibt es aber gleichzeitig auch eine theologische Ebene, denn häufig verweist Verhüllung paradoxerweise auf die göttliche Offenbarung. In der jüdisch-christlichen Tradition kann man das beispielsweise im 2. Buch Mose (Exodus), Kapitel 3, sehen: Gott offenbart sich Mose in einem brennenden Dornbusch.

Tappen: Verhüllung kann ebenfalls bedeuten, dass etwas den Blicken entzogen wird. In orthodoxen Kirchen wird das Allerheiligste durch eine Trennwand (Ikonostase), manchmal auch zusätzlich durch einen Vorhang, vom Kirchenschiff und der Gemeinde getrennt. Und in der katholischen Kirche ist der Tabernakel der feste, verschließbare Aufbewahrungsort für die Hostien. Jeder weiß, da ist was drin, was wertvoll ist, aber man kann es nicht sehen.

Linder: Die Verhüllung wird darüber hinaus verwendet, um etwas zu schützen oder um seinen Wert und seine Bedeutung hervorzuheben. Ich denke dabei zum Beispiel an die kostbar gestalteten Monstranzen, in denen etwa zu Zeiten der Anbetung eine konsekrierte Hostie gezeigt wird. Sie ist also sichtbar und doch verhüllt.

Wie arbeiten Sie mit den Studierenden im Seminar?

Linder: Wir nähern uns zunächst bewusst den Werken von Christo und Jeanne-Claude aus einer nicht-theologischen Perspektive, um besonders den offenen Bedeutungsraum ihrer Kunst aufzudecken, der sich etwa in den Bundestagsreden im Vorfeld der Verhüllung des Reichstagsgebäudes nachzeichnen lässt. Erst danach denken wir darüber nach, was diese Verhüllung aus einer theologischen Perspektive bedeutet.

Wir beschäftigen uns natürlich auch intensiv mit theologischer Theorie, lesen Texte, in denen es schwierige Begriffe gibt, die man erstmal im Lexikon oder im Internet nachschlagen muss.

Konkret schauen wir uns beispielsweise das Feld der sogenannten Negativen Theologie an. Hier ist die Verborgenheit Gottes zentrales Thema und die (Un-)Möglichkeit, auf dieser Grundlage von Gott zu sprechen. Und wir reflektieren auch die Praktiken der Verhüllung in der katholischen Kirche: Was bedeutet es etwa, dass ein Priester ein Gewand anhat, wenn er die Eucharistie feiert? 

Wir betrachten Verhüllung also in ganz vielen verschiedenen Dimensionen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dabei sowohl innerhalb des Seminars als auch mit der Öffentlichkeit in Dialog zu treten. Wir möchten darüber ins Gespräch kommen, womit wir uns beschäftigen und woran wir arbeiten – ganz im Sinne von moderner Wissenschaftskommunikation.

Tappen: Wir möchten die Kunst Christos und Jeanne-Claudes ins Gespräch bringen mit bestimmten theologischen Denkfiguren und Motiven. Letztlich interessiert uns die Frage, welche Impulse die Beschäftigung mit der Kunst für eine zeitgemäße Theologie setzen kann. An welchen theologischen Orten eröffnet uns das einen neuen Blick? 

In Kooperation mit dem Diözesanmuseum in Rottenburg ist aus dem Seminar auch eine Ausstellung entstanden, auch das Museum Würth in Künzelsau ist daran beteiligt …

Tappen: Als wir das Seminar konzipiert haben, war klar: wir wollen uns nicht nur aus der Theorie heraus mit dem Thema Verhüllung beschäftigen, sondern auch einen praktischen Teil in das Seminar integrieren, in dem die Studierenden etwas Eigenes erschaffen. 

Bereits im vergangenen Jahr haben wir beim Diözesanmuseum wegen einer Kooperation für das Seminar angefragt. Das Museumsteam fand die Idee super und hat uns beim Konzept unterstützt. Mittlerweile hatten wir bereits gemeinsame Seminarsitzungen, zum Teil auch im Diözesanmuseum.

Linder: Im Januar – also vor dem offiziellen Beginn des Seminars im Sommersemester – haben wir gemeinsam mit unseren Studierenden die Ausstellung „Verhüllt, verschnürt, gestapelt – Christo und Jeanne-Claude " im Museum Würth in Künzelsau besucht. Die Führung hat dort uns alle sehr beeindruckt. Dabei ist die Idee entstanden, bei der Sammlung Würth Leihgaben für unser Projekt anzufragen – zu unserer eigenen Überraschung mit Erfolg. 

Highlight der Ausstellung „Offenbar verhüllt“, die aktuell im Diözesanmuseum als „Intervention“ eingebaut ist, ist die „Verhüllte Violine“ von Christo. Die Exponate sind noch bis 31. Juli zu sehen.

Am 21. Juni gibt es einen Thementag im Diözesanmuseum…

Linder: Die Studierenden werden dort ihre eigenen Ideen und Objekte zum Thema Verhüllung präsentieren und mit den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung ins Gespräch gehen. 

Anfang Mai haben wir uns im Seminar zum ersten Mal gegenseitig die Ideen für unsere eigenen Projekte vorgestellt. Dabei ist uns erst richtig bewusst geworden, wie viel an theologisch-theoretischen Überlegungen in der Frage „Was gestalte ich eigentlich als Kunstwerk?“ steckt. Wir sind alle keine „gelernten“ Künstlerinnen und Künstler. Trotzdem saßen wir da und haben uns gegenseitig erzählt, wie wir uns eine Verhüllung vorstellen können, was wir gerne verhüllen wollen und wie wir das machen wollen – es gibt ja dafür unendlich viele Möglichkeiten der praktischen Reflexion, weit über Christo und Jeanne-Claude hinaus.

Tappen: Simon Linder und ich werden bei der Veranstaltung ein paar einleitende Worte sprechen. Das Rahmenprogramm mit Tanz und Figurenspiel für den Tag hat das Diözesanmuseum organisiert.
Was genau am 21. Juni präsentiert wird, wissen wir natürlich noch nicht, das ist Teil des Prozesses. Es lohnt sich auf jeden Fall hinzukommen, sich Christos Kunst und die Ergebnisse unseres Seminars anzuschauen, über die Bedeutung von Verhüllung nachzudenken und in den Dialog zu treten – herzliche Einladung!

Das Interview führte Maximilian von Platen

Ausstellung „Offenbar verhüllt” und Thementag am 21. Juni 2026

Ausstellung Offenbar verhüllt. Theologie mit Christo & Jeanne-Claude

4. Mai bis 31. Juli 2026 im Diözesanmuseum Rottenburg

Öffnungszeiten:
Mo. geschlossen
Di.–Fr. 14–17 Uhr
Sa., So. + Feiertag 11–17 Uhr

dioezesanmuseum-rottenburg.de 

Programm Thementag am Sonntag, 21. Juni

Ab 11 Uhr: Präsentation der Ergebnisse eines Praxis-Workshops
von Studierenden der Universität Tübingen (Seminarleitung:
Dr. Julian Tappen [Akademischer Rat a. Z., Lehrstuhl
für Fundamentaltheologie], Dr. Simon Linder [wiss. Mitarbeiter,
Lehrstuhl für Praktische Theologie]), Eintritt: 3,50 €

16 Uhr: Führung durch die Präsentation der Studierenden,
Eintritt: 3,50 €

18 Uhr: Performance mit Tanz, Figurenspiel und performativen
Bildern (Pascal Sangl, Elio Jaeger, Helmut Rumpf-Hufnagel),
mit anschließendem Künstlergespräch, Eintritt: 10 €