Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2013: Schwerpunkt

„Open Access ist kein Fremdling mehr“: Interview mit Professor Karl Forchhammer

Professor Dr. Karl Forchhammer vom Interfakultären Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin der Universität Tübingen, Lehrstuhl für Organismische Interaktionen, hat bereits zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten im Open Access veröffentlicht. Als Autor und als Mitherausgeber von Zeitschriften wie „Microbiology“, einem Journal der englischen „Society for General Microbiology“, dem „FEBS Journal“ der Federation of Biochemical Societies und den „FEMS Microbiology Letters“ der Federation of European Microbiological Societies, die alle Open Access als Zusatzoption anbieten, ist Open Access ein fester Bestandteil von Forchhammers Arbeit. Johannes Baral befragte ihn zu seinen Erfahrungen mit diesem Veröffentlichungsweg.

Wann kamen in Ihrem Fachbereich die ersten Open Access-Veröffentlichungen auf?

Vorreiter sind die Journale der Public Library of Science (PLOS). Die erste Ausgabe erschien 2006. Außerdem muss hier der britische Verlag BioMed Central (BMC) genannt werden, der im Jahr 2000 gegründet wurde und damit ebenfalls eine Vorreiterrolle übernommen hat. Beide zusammen trugen diese Art der Veröffentlichung in den Markt hinein. In den Naturwissenschaften hat sich Open Access zumindest soweit etabliert, dass es kein „Fremdling“ mehr ist. Das Meiste wird aber immer noch konventionell veröffentlicht.

Erscheinen diese beiden Vorreiter-Medien nur als Open Access-Publikationen?

Die PLOS-Journale wie etwa „PLOS One“ oder „PLOS Genetics“ oder die Journale des BMC sind tatsächlich reine Open Access-Veröffentlichungen. Darüber hinaus wird aber in den letzten Jahren zunehmend von bereits etablierten Journalen, beispielsweise den Organen von Fachgesellschaften wie der Federation of European Biochemical Societies, Open Access als Zusatzoption angeboten. Für die Option, dass der veröffentlichte Beitrag auch als Open Access im Internet veröffentlicht wird, muss der Autor extra zahlen. Die Open Access-Publikation erfolgt dann bereits „ahead of print“, also vor der Printveröffentlichung, unmittelbar nachdem das Paper akzeptiert worden ist. Bis die gedruckte Version erscheint, kann es oft noch bis zu drei Monate dauern. Letzteres ist die Variante, die ich und meine Kollegen bisher hauptsächlich praktiziert haben. Die etablierten Medien, die eine solche Open Access-Zusatzoption anbieten, reagieren damit auf das Bedürfnis vieler Autoren, dass ihre Forschungsergebnisse möglichst schnell und kostenfrei für das Fachpublikum zugänglich sind. So ändert sich hier durch Open Access auch nichts an dem üblichen Peer-Review-Verfahren bei wissenschaftlichen Arbeiten, so dass die Qualitätssicherung gewährleistet ist.

Informiert man sich als Wissenschaftler in Open Access-Veröffentlichungen anders als in herkömmlichen Print-Publikationen?

Dass man solche Online-Journale durchstöbert und aktiv nach den für den eigenen Forschungsbereich interessanten Artikeln sucht, kommt schon alleine aus Zeitgründen sehr selten vor. Wir nutzen hier spezielle Suchmaschinen oder Alert-Systeme, die einen per E-Mail benachrichtigen, wenn ein Paper zu bestimmten Keywords in einem Journal veröffentlicht worden ist.

Inwieweit hatten Sie selbst bisher mit reinen Open Access-Publikationen zu tun?

Bisher haben wir erst einmal in einem „Open Access only“ Journal veröffentlicht. Unser letztes Paper erschien im Schweizerischen Open Access-Journal „Metabolites“. Das Journal hatte mich dazu eingeladen, hier eine Arbeit einzureichen. „Metabolites“ plante einen Sonderband zum Thema „Stoffwechselprodukte von Mikroalgen“, und wir hatten gerade frische Resultate, die dazu gepasst haben. Durch die Einladung war die Publikation für mich kostenlos. Unsere anderen Open Access-Publikationen erschienen über die optionalen Open Access-Angebote etablierter Journale. Ich bevorzuge diesen Veröffentlichungsweg, da aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen viele reine Open Access-Journale über keinen so guten wissenschaftlichen Editorial Board wie die seit längerem etablierten Journale verfügen. Die Fachgesellschaften, die schon lange ihre klassischen Journale mit Open Access-Option veröffentlichen, haben etablierte Editorial Boards, die eine gute Qualität sicherstellen. Bei reinen Open Access Journalen habe ich auch gehört, dass die Begutachtung sehr lange dauern kann. Die Idee des Open Access als freiem Zugang zu Forschungsarbeiten finde ich grundsätzlich aber sehr gut. Die Umsetzung dieser Idee ist auch mit den herkömmlichen Zeitschriften möglich, wenn der Autor entsprechend dafür bezahlt. Und wenn genügend Fördermittel für die Forschung da sind, finde ich es begrüßenswert, wenn alle Interessierten die Forschungsergebnisse lesen können. Die DFG unterstützt das ja auch.

Von der Universität Tübingen gibt es seit kurzem einen entsprechenden Publikationsfonds…

Trotz solcher Fördermaßnahmen kann es meiner Einschätzung nach aber noch eine Weile dauern, bis sich Open Access allgemein durchsetzt. Die Universität muss ja auch die immer teurer werdenden Anschaffungskosten für viele Journale abdecken. Mir gefällt grundsätzlich die Veröffentlichungspraxis der Journale der Fachgesellschaften sehr gut, da das Geld, das diese mit ihren Journalen verdienen, am Ende beispielsweise durch die Veranstaltung von Konferenzen oder die Vergabe von Stipendien wieder der Wissenschaft zu Gute kommt. Das Geld bleibt also im Kreislauf der Wissenschaft.