Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2026: Forschung
Start der sechs Exzellenzcluster an der Universität Tübingen
Neue Exzellenzcluster TERRA, GreenRobust und HUMAN ORIGINS haben Arbeit aufgenommen - bestehende Cluster starten in zweite Förderphase.
University of Tübingen’s six clusters of excellence get down to work (English version)
Die neuen Cluster TERRA, GreenRobust und HUMAN ORIGINS haben zum 1. Januar offiziell die Arbeit aufgenommen. Die bestehenden Cluster iFIT, Maschinelles Lernen und CMFI starten in ihre zweite Förderphase. - Am 11. März fällt die Entscheidung in der Förderlinie Exzellenzstrategie.
Am 22. Mai 2025 hatte die Universität Tübingen von der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder drei neue Cluster zu den drei bestehenden bewilligt bekommen Für die drei neuen Exzellenzcluster TERRA, GreenRobust und HUMAN ORIGINS markiert der Januar 2026 den Start der Förderphase, die sieben Jahre lang dauert, bis Ende 2032. Derweil starten die bestehenden Cluster CMFI, iFIT und Maschinelles Lernen in die zweite Förderphase.
TERRA untersucht Folgen von Artenverlust, Überdüngung und Klimawandel
Der Cluster TERRA beginnt in seinem ersten Förderjahr mit dem Bau des Feldexperimentes innerhalb des Diversitoriums in Hohenheim. Das Feldexperiment umfasst etwa 200 mit künstlichen Böden versehene Versuchsfelder, die mit Messinstrumenten ausgestattet sind und Klimamanipulationen ausgesetzt werden, dazu laufen Vorversuche in Tübingen an. Damit lässt sich unter kontrollierten Bedingungen untersuchen, wie sich Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen auf unterschiedlichen Böden und unter unterschiedlichen Wetter- und Klimaeinflüsse entwickeln. Ferner soll untersucht werden, wie sich diese Prozesse wieder auf die Bodenbildung auswirken. So kann beispielsweise auch eine Stabilisierung gegenüber Extremereignissen stattfinden.
TERRA untersucht angesichts des menschengemachten globalen Wandels die Folgen von Artenverlust, globaler Überdüngung und Klimawandel. Untersucht werden dabei die Wechselwirkungen zwischen Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen einerseits sowie zwischen Böden, Wasser und Luft andererseits.
Aktuell ist die Geschäftsstelle in Tübingen aufgebaut und die ersten Postdoktoranden in TERRA finanzierten Projekten beginnen in Kürze mit ihrer Forschung. Im Rahmen von fünf Forschungsprojekten werden zudem 15 Promotionsarbeiten vergeben. Im April soll das TERRA FutureLab in dem neu errichteten Pavillon unterhalb des Geo- und Umweltforschungszentrum (GUZ) für den Dialog mit der Öffentlichkeit starten, das sich mit Themen für den globalen Wandel beschäftigt. Ein erstes Projekt befasst sich mit dem Einsatz von Biokohle als Zukunftsstrategie zur Kohlenstoffspeicherung in landwirtschaftlichen Böden.
GreenRobust erforscht die Grundlagen von Pflanzenrobustheit
Pflanzen nimmt auch der neue Cluster GreenRobust der Universitäten Tübingen, Heidelberg und Hohenheim in den Fokus. Die Forschenden der drei Universitäten wollen die Grundlagen von Pflanzenrobustheit verstehen, also wie Pflanzen Krankheiten, Schädlinge und Umwelteinflüssen widerstehen. Sie wollen das gewonnene Wissen dazu nutzen, um natürliche und landwirtschaftliche Pflanzensysteme nachhaltig zu bewirtschaften und zu erhalten.
Ein zentraler Baustein des Clusters stellt der Plant Pertubation Atlas (PPA) dar, der am Forschungsgewächshaus Phytotechnikum der Universität Hohenheim verortet ist. In dieser kontrollierbaren Umgebung werden Pflanzen Schwankungen der unmittelbaren Umwelteinflüsse, etwa in der Temperatur oder der Wasserversorgung, ausgesetzt. Die Reaktionen der Pflanzen werden von der Molekularen- bis zur Populationsebene gemessen und dokumentiert. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz und Netzwerkanalyse sollen Muster erkennbar und Pflanzenreaktionen auf herausfordernde Umwelteinflüsse vorhersagbar werden und die Erkenntnisse der Landwirtschaft und dem Erhalt von Ökosystemen zugutekommen.
Der Cluster wird zudem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausbilden und mittels RobustTracks – einem speziell etablierten Karriereprogramm – in ihrer frühen akademischen Laufbahn unterstützen. Der Cluster will die interessierte Öffentlichkeit über intensive Kooperationen mit Institutionen außerhalb der akademischen Welt einbeziehen.
HUMAN ORIGINS: Paradigmenwechsel in der Erforschung menschlicher Evolution
Der Exzellenzcluster HUMAN ORIGINS erforscht die Entwicklung des Menschen in den vergangenen fünf Millionen Jahren, um grundlegende Fragen zu Herkunft und Einzigartigkeit des Homo sapiens zu beantworten. Er kombiniert biologische, kulturelle und ökologische Analysen fossiler und archäologischer Funde mit modernsten Methoden. So sollen neue Erkenntnisse zu evolutionären Beziehungen, die Entwicklung der Kognition und die Anpassung an ökologische Nischen erarbeitet werden. Ziel ist ein Paradigmenwechsel in der Erforschung der menschlichen Evolution durch die Integration fragmentierter Daten und die Entwicklung innovativer Theorien.
Erste Projekte des Clusters sind genehmigt – nach einer Begutachtung durch Fachkolleginnen und Fachkollegen sowie der Empfehlung des clustereigenen Scientific Advisory Boards. Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler sowie Junior-Gruppenleiterinnen und –leiter nehmen demnächst ihre Arbeit auf, einige von ihnen besuchen das Kickoff-Symposium des Clusters im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, das Ende Januar stattfindet.
iFIT startet in die zweite Förderphase
Der bestehende Tübinger Exzellenzcluster Image-Guided and Functionally Instructed Tumor Therapies, kurz iFIT, startet 2026 in seine zweite Förderperiode – erneut mit einer Förderung über sieben Jahre. Bereits in der ersten Phase entwickelte sich iFIT zu einem international beachteten Leuchtturm der onkologischen Spitzenforschung. Forschende konnten mehrere Wirkstoffe, Antikörper und Impfstoff-Therapien erstmals erfolgreich am Menschen erproben. Zudem gingen vier Ausgründungen aus iFIT hervor, und über 50 Patente belegen die Innovationskraft des Clusters.
Trotz großer Fortschritte bleibt Krebs eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit. Noch immer werden viele Tumorerkrankungen erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt und sind dann nur noch schwer behandelbar. iFIT widmet sich genau diesen therapieresistenten Tumoren. Forschende aus mehreren Disziplinen arbeiten dabei eng zusammen, um neue Schwachstellen in Tumorzellen zu finden, präzise Therapien zu entwickeln und deren Wirkung direkt im Körper sichtbar zu machen.
Das iFIT vereint drei komplementäre Forschungsbereiche:
A) Funktionelle Identifizierung therapeutischer Zielstrukturen, akademische Wirkstoffentwicklung und molekulare Tumortherapien,
B) Immunologie und Immuntherapien,
C) Molekulare und funktionelle multiparametrische Bildgebung
Diese enge Verzahnung ermöglicht es, Tumore funktionell zu charakterisieren und Behandlungsansätze gezielt zu kombinieren – ein entscheidender Schritt hin zu personalisierten Krebstherapien.
Der Erfolg von iFIT trug maßgeblich dazu bei, dass Tübingen Standort des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) wurde. Gemeinsam schaffen iFIT und NCT-SüdWest ideale Bedingungen, um neue Krebstherapien frühzeitig in klinischen Studien zu prüfen und damit Patientinnen und Patienten früher den Zugang zu innovativen Krebstherapien zu ermöglichen.
Mit seinem vernetzten und interdisziplinären Ansatz steht iFIT für Krebsforschung auf Weltniveau. Ziel bleibt es, die Entwicklung wirksamerer Therapien voranzutreiben, die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten zu verbessern und langfristig die Belastung durch Krebserkrankungen zu senken.
Drei neue Professorinnen und Professoren im Cluster Maschinelles Lernen
Die Forschenden des Exzellenzclusters Maschinelles Lernen: Neue Perspektiven für die Wissenschaft entwickeln Computeralgorithmen im maschinellen Lernen, um wissenschaftliche Entdeckungen in ganz unterschiedlichen Disziplinen voranzutreiben.
In der jetzt beginnenden zweiten Förderperiode wird der Cluster unter anderem drei neue Professorinnen und Professoren einstellen – an den Schnittstellen zwischen maschinellem Lernen und der Physik, der Wirtschaftswissenschaft und der Philosophie und Ethik. Außerdem arbeiten die Forschenden daran, Netzwerkprojekte innerhalb des Clusters zu entwickeln, um die Zusammenarbeit zwischen dem maschinellen Lernen und den Fachwissenschaften zu stärken. Hier werden Expertinnen und Experten des maschinellen Lernens zum Beispiel mit Forschenden aus der Medizin oder der Kulturwissenschaft zusammenarbeiten. In jedem Projekt sollen drei bis vier Doktorandinnen und Doktoranden eingestellt werden.
Die Zusammenarbeit des Clusters mit dem African Institute for Mathematical Sciences (AIMS) soll in den kommenden sieben Jahren weiter ausgebaut werden. Im Zentrum steht hier eine neue Forschungsgruppe, die ihren Sitz in Kigali, Ruanda, haben wird, und gemeinsam von AIMS sowie der Universität Tübingen und dem Cluster eingerichtet und betrieben wird.
CMFI plant allein im Jahr 2026 die Vergabe von zehn Grants
Der Exzellenzcluster Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen, kurz CMFI, ist im Januar in seine zweite Förderphase gestartet. Er setzt damit seine innovative Forschung im Kampf gegen Infektionskrankheiten fort. In der ersten Phase, die 2019 begann, hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit von etwa 150 Forschenden zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt, die unser Verständnis der mikrobiellen Wirkmechanismen grundlegend verändert haben. So konnte sich das Cluster als international führendes Zentrum für Infektionsforschung etablieren. Das spiegelt sich in mehr als 350 Publikationen, fünf neuen Professuren, neun Nachwuchsgruppen, 37 abgeschlossenen Promotionen und über 550 Medienerscheinungen seit 2019 wider.
Das CMFI strukturiert seine Forschungsbereiche neu, um den Entwicklungen der vergangenen Jahre gerecht zu werden. Die Translation, also die Anwendung der Forschungsergebnisse in der klinischen Praxis, ist nun in alle Bereiche integriert. Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf bakteriellen Oberflächenstrukturen und der Suche nach neuartigen natürlichen Wirkstoffen und Mechanismen. KI-gestützte Methoden und Hochdurchsatz-Analysen haben an Bedeutung gewonnen. Auch in der zweiten Förderphase unterstützt das CMFI mit umfangreichen Ressourcen vier Technology Platforms an der Universität. Diese sind mit Spitzentechnologie und Fachpersonal ausgestattet und werden neue Methoden entwickeln.
Besonders erfolgversprechende Forschungsvorhaben werden weiterhin über interne Grants gefördert. Allein in diesem Jahr werden etwa zehn Grants vergeben. 15 Doktoranden- und weitere Postdoc-Stellen werden besetzt, die Graduiertenschule IGIM weitergefördert. Die IGIM organisiert Summer Schools, den jährlichen Microbiology and Infection Biology Day und Workshops, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu vernetzen und auszubilden. Auch in der aktuellen Förderphase wird es neue CMFI-Nachwuchsgruppen und Professuren geben.
Für die kommenden Jahre sind zahlreiche Veranstaltungen geplant: das Mikrobiologische Kolloquium, internationale Konferenzen, eine mobile Mitmachausstellung, Beteiligung am Unijubiläum und Wissenschaftsjahr 2026 „Medizin der Zukunft“ sowie ein Labor für co-kreative Wissenschaftskommunikation.
Stefan Bentele