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Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2026: Leute

Bedeutender Alttestamentler und Vertreter einer gesamtbiblischen Theologie

Zum Tode von Professor Dr. Hartmut Gese ein Nachruf von Martin Leuenberger

Hartmut Gese wurde am 4. April 1929 in Pyritz im damaligen preußischen Pommern geboren. Von 1948 bis 1952 studierte er Evangelische Theologie in Mainz (1948) und Tübingen (1948–1952), um 1952 das erste theologische Examen in Braunschweig abzulegen. Nach einem damals innovativen Studienaufenthalt an der Yale-University in New Haven, wo er seine alttestamentliche und orientalische Ausbildung vertiefte, und einen Magisterabschluss erwarb, kehrte er 1953 ein erstes Mal nach Tübingen zurück. Hier war er wissenschaftlicher Assistent bei Karl Elliger im Alten Testament und wurde bereits 1955 mit einer traditionsgeschichtlichen Arbeit zum sogenannten Verfassungsentwurf in Ez 40–48 (Buch Ezechiel) zum Doktor der Theologie promoviert. Der von ihm hier für einen priesterlich geprägten Bereich der Schriftprophetie erprobte methodologische Zugang war grundlegend und prägte wesentlich auch die später entwickelte Konzeption seiner Biblischen Theologie.

Zunächst indes wandte er sich in seiner Habilitationsschrift „Lehre und Wirklichkeit in der Alten Weisheit“ der Tradition der altorientalischen und alttestamentlichen Weisheit zu und profilierte in diesem Verständnishorizont die spezifisch jahwistische Ausprägung der frühen biblischen Weisheit. Im Verein mit einem programmatischen Vortrag zum israelitischen Recht wurde ihm dafür 1957 die Venia Legendi verliehen, und es erfolgte die Ernennung zum Privatdozenten und alsbald die Übertragung einer „Diätendozentur“. Wiederum in Braunschweig absolvierte er 1958 das zweite theologische Examen und erhielt die kirchliche Ordination.

Nach einem Ruf nach Yale, den er ablehnte, und einer Gastprofessur in Chicago folgte er 1961 als Extraordinarius einem Ruf an die Universität Hamburg. Bereits 1962 kehrte er freilich ein zweites und letztes Mal nach Tübingen zurück, wo er sodann als ordentlicher Professor für Altes Testament – trotz eines Rufes nach Göttingen – über lange Jahrzehnte kontinuierlich und fruchtbar wirkte. Dazu gehört auch das Amt des Dekans, das er von 1969 bis 1970 ausübte, sowie die langjährigen Mitherausgeberschaften bei der „Zeitschrift für Theologie und Kirche“ und dem „Handbuch zum Alten Testament“. So hat Hartmut Gese Generationen von Tübinger Studierenden alttestamentlich geprägt, indem er sie mit seiner berüchtigten Strenge angeleitet hat, die Texte mit methodologischer Stringenz und sachlicher Klarheit wahrzunehmen. Es war ihm ein besonderes Anliegen, aus heutiger Sicht schwer zugängliche Lebensvollzüge wie etwa Kult und Ritual sachgemäß zu erschließen. Legendär geworden sind auch die Tafelbeschriftungen in seinen Seminaren, wie er überhaupt als Hochschullehrer gleichermaßen geschätzt und mit Respekt behandelt wurde.

Auch als alttestamentlicher Wissenschaftler und Theologe hat Hartmut Gese eine ebenso langanhaltende wie breit ausstrahlende Wirkung entfaltet, die weit über seine 1994 erfolgte Emeritierung hinaus anhält und auch nach über drei Jahrzehnten noch fortwirkt.

Das hängt zum einen mit der außergewöhnlichen Breite seines Wissens und seiner Publikationen zusammen. Sie reichen von der Religionsgeschichte Syriens, über die biblische Weisheit im altorientalischen Kontext, über Kult und Opfer, über grundlegende theologiegeschichtliche Entwicklungen wie etwa „Vom Sinai zum Zion“ bis hin zur exilisch-nachexilischen Prophetie und frühen Apokalyptik und bis „Zur biblischen Theologie“, um die durch zahlreiche Einzelstudien abgedeckten Forschungsfelder nur knapp zu umreißen.

Zum anderen hat das zuletzt genannte Programm einer gesamtbiblischen Theologie, das er zusammen mit dem Neutestamentler Peter Stuhlmacher vertreten hat, sicherlich die größte Resonanz erzeugt: Konstitutiv für dieses gerne als Tübinger Modell bezeichnete Konzept ist eine traditionsgeschichtliche Zugangsweise, welche (namentlich im Gefolge von Albrecht Alt und Gerhard von Rad) die alt- und die neutestamentlichen Texte als „Ergebnis eines organischen Traditionsprozesses“ (Hans-Jürgen Hermisson) interpretiert. Vermittelt durch die sogenannten Apokryphen werden die biblischen Texte als Produkte eines kontinuierlichen Traditionsstromes gedeutet, der im christlichen Doppelkanon seinen oder einen (wie man es heute formulieren würde) kanonischen Abschluss erreicht und als dessen Tiefendimension sich eine fortschreitende Offenbarungsgeschichte des biblischen Gottes erschließen lässt. Damit steht Hartmut Geses Werk bis heute mustergültig für die Verbindung von exakter, historisch kontextualisierter Exegese und schriftbasierter, gegenwartsbezogener und für Kirche und Gesellschaft relevanter Theologie.

Die Evangelisch-Theologische Fakultät spricht der Trauerfamilie ihr Beileid aus. Sie und die alttestamentliche Fachwelt werden Hartmut Gese ein dankbares und ehrenvolles Andenken bewahren.