Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2026: Leute
Hochdekorierter Experte für die späte Kaiserzeit, das antike Städtewesen und die Geschichte Lykiens
Zum Tode von Professor Dr. Frank Kolb ein Nachruf von Sebastian Schmidt-Hofner
Am 18. Januar ist Professor Dr. Frank Kolb, Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Tübingen, kurz vor seinem 81. Geburtstag verstorben. Er war einer der prominentesten und einflussreichsten Vertreter der Alten Geschichte im deutschen Sprachraum, international weithin sichtbar und eine prägende Figur in Tübingen selbst. Dort hat er unzählige Studenten ausgebildet, war Dekan in der ehemaligen Fakultät für Geschichtswissenschaften und nahm zahlreiche weitere Ämter in der akademischen Selbstverwaltung wahr. Über fast 40 Jahre lang hat er das Seminar für Alte Geschichte mitgeprägt, davon über 20 Jahre, von 1986 bis 2013, als Lehrstuhlinhaber und Geschäftsführender Direktor des Seminars.
Als Frank Kolb im Jahr 1986 als 41-Jähriger den Lehrstuhl Karl-Ernst Petzolds in Tübingen übernahm, stand sein Name im Fach vor allem für zwei Forschungsfelder: die späte Kaiserzeit und das antike Städtewesen. Die Ursprünge des ersten Arbeitsgebiets lagen in der Historia-Augusta-Forschung, mit der er bereits im Studium an der Universität Bonn, nicht weit von seinem Geburtsort Merzbach, durch seinen akademischen Lehrer Johannes Straub vertraut gemacht geworden war. Im Jahr 1970 wurde er bei Straub mit einer Arbeit promoviert, die 1972 unter dem Titel Literarische Beziehungen zwischen Cassius Dio, Herodian und der Historia Augusta veröffentlicht wurde; zu dem Thema ist er später, auch in Tübingen, in Aufsätzen und einer weiteren monographischen Beitragsammlung zu Beginn der Tübinger Zeit (Untersuchungen zur Historia Augusta, 1987) immer wieder zurückgekehrt. Dieses Interesse weitete sich schnell zu diversen anderen Problemen der spätrömischen Geschichte, insbesondere dem spätrömischen Kaisertum. Dabei dürften Vorbild und Einfluss Andreas Alföldis, der als der zweite akademische Lehrer Frank Kolbs gelten kann, eine Rolle gespielt haben; bei jenem Kenner der Geschichte der römischen Monarchie hatte Kolb nach der Promotion von 1970 bis 1972 als Assistent am Institute for Advanced Study in Princeton gewirkt. 1987 publizierte Kolb, bereits in Tübingen, die noch in Kiel entstandene Monographie Diocletian und die Erste Tetrarchie, mit der er in die Debatte um die Entstehung jener eigenartigen Episode in der Geschichte des römischen Kaisertums eingriff. Außer in zahlreichen Aufsatzpublikationen fand dieser Strang in Kolbs Oeuvre schließlich publikumswirksamen Niederschlag in einem Studienbuch zur Herrscherideologie in der Spätantike von 2001, das bis heute einen festen Platz im akademischen Unterricht hat.
Frank Kolb zog in seiner Arbeit als Historiker seit jeher nicht allein Textquellen, sondern immer auch und gleichwertig die Bildzeugnisse und die Archäologie heran. Dieser multiperspektivische Zugang sollte besonders im zweiten großen Strang seines Werkes wirksam werden. Seinen Anfang nahm dieser in der Arbeit an der Habilitationsschrift zu Theaterpublikum und Gesellschaft in der griechischen Welt an der Freien Universität Berlin, wo Kolb von 1973 bis 1977 Assistenzprofessor war und sich 1975 habilitierte. Aus jener Schrift ging unter anderem die Monographie Agora und Theater, Volks- und Festversammlung von 1981 hervor, die den Funktionen von Agorai als Versammlungsplätzen in den griechischen Poleis und insbesondere für die Entwicklung des Theaters nachgeht. Kolb hatte damit ein Thema gefunden, das ihn bis zu seinem Tod nicht mehr losgelassen hat: Städtewesen und städtische Kultur der Antike in ihrer ganzen Breite einschließlich und gerade auch im Hinblick auf Urbanistik und Siedlungsentwicklung.
Schon 1984 erschien bei C.H. Beck das Buch, das ihn in die vorderste Reihe der deutschsprachigen Altertumswissenschaft katapultierte: Die Stadt im Altertum. Dieses Buch bot erstmals einen systematischen chronologischen Abriss über die antike Stadt als Siedlungsform in einem großen Bogen von den mesopotamischen Städten bis ans Ende der Kaiserzeit und avancierte zu einem Standardwerk, das ebenfalls unzählige Generationen von Studenten in den Händen hielten und 1992 ins Spanische übersetzt wurde. Nur zehn Jahre und unzählige Aufsatzbeiträge aus diesem Gebiet später folgte, in Tübingen entstanden, ein weiteres Buch zum Städtewesen: Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike, erschienen 1995 ebenfalls bei C.H. Beck. Auf knapp 800 Seiten behandelt es die Geschichte der Stadt von der Frühzeit bis zum Beginn der Spätantike; im Zentrum steht die urbanistische Entwicklung, die aber umfassend in die politische Geschichte, die Wirtschafts-, Verwaltungs- und Religionsgeschichte, in Wohnverhältnisse und Infrastruktur u.v.am. eingeordnet wird. Eine solche Synthese gab es zuvor auf Deutsch nicht; als Standardwerk erfuhr das Buch 2002 eine zweite Auflage und fand 2007 noch einen Ableger in einem Band der Reihe Beck Wissen (Das antike Rom. Geschichte und Archäologie).
Die eingehende Auseinandersetzung mit archäologischen Befunden in diesen Werken blieb nicht bei der Theorie stehen. Ab 1989 betrieb Kolb für zwölf Jahre ein großangelegtes Survey-Projekt zur Siedlungsarchäologie der südtürkischen Landschaft Lykien um die Polis Kyaneai nahe dem heutigen Demre. Erweitert und verlängert wurde es durch das DFG-Graduiertenkolleg Anatolien und seine Nachbarn; Kolb hatte es gemeinsam mit dem Tübinger Archäologen Manfred Korfmann eingeworben, mit dem er seit 2001 einen sich über mehrere Jahre hinziehenden, unter großer öffentlicher Anteilnahme ausgetragenen Disput über die methodische Zulässigkeit von Korfmanns Deutung des bronzezeitlichen Troia als einer Metropole von beträchtlicher Größe austrug, den sog. „Tübinger Troia-Streit“. Auch darin ging es letztlich um die Interpretation archäologischer Befunde für die antike Stadtgeschichte. Das Lykien-Projekt, für das Kolb Sommer für Sommer mit Dutzenden Studierenden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, anfänglich auch seiner Familie, für Wochen nach Kyaneai zog, trug wesentlich dazu bei, Tübingen zu einem der führenden Standorte der Alte Geschichte im deutschen Sprachraum zu machen. Es zog zahlreiche Studenten an, von denen nicht wenige ihre Qualifikationsarbeiten in diesem Kontext verfassten und später im Fach erfolgreich tätig geworden sind – in Deutschland, Europa, Nord- und Südamerika. Für Kolb selbst wurde die Geschichte Lykiens der dritte große Schwerpunkt seines Forscherlebens. Er selbst hat zahlreiche Aufsätze, populäre und wissenschaftliche Bücher dazu vorgelegt, darunter, zusammen mit Hartwin Brandt, Lycia et Pamphylia. Eine römische Provinz im Südwesten Kleinasiens (2005) sowie Burg – Polis – Bischofssitz. Geschichte der Siedlungskammer von Kyaneai in der Südwesttürkei, 2008, die wissenschaftliche Synthese des Kyaneai-Surveys. Seit seiner Emeritierung arbeitete Frank Kolb an einer großen Gesamtdarstellung der Geschichte Lykiens. Ihr erster Band von der Frühzeit bis zum Ende der klassischen Zeit erschien 2018 (Lykien. Geschichte einer antiken Landschaft); den zweiten, der die Geschichte bis in die römische Kaiserzeit weiterführt, konnte er vor seinem Tod noch inhaltlich abschließen; er wird aus dem Nachlass erscheinen.
Kolbs Leistungen als Forscher wurden mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt: 1997 mit dem Max-Planck-Preis, 1999 mit der Aufnahme in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften und 1999/2000 mit einem Stipendium am Historischen Kolleg in München. Das Seminar für Alte Geschichte trauert um einen herausragenden Wissenschaftler.