Alumna Cathrin Kahlweit, renommierte Journalistin (u.a. für die SZ und die Wochenzeitung Falter) und ausgewiesene Osteuropa-Expertin, spricht im Interview über prägende Momente ihrer Karriere und zivilgesellschaftliche Bewegungen, die ihr Mut machen.
Frau Kahlweit, was hat Sie in den 1980er‑Jahren nach Tübingen geführt?
Ein Umweg über die USA! Ich war 18 und wollte raus aus dem Elternhaus, raus in die weite Welt. Ich hatte damals ein Stipendium, um an der University of Oregon in den USA zu studieren. Die Uni hatte eine Verbindung zu Tübingen, es waren auch viele Studierende aus Tübingen dort. Mit einigen war ich befreundet. Als diese nach ihrem Auslandsaufenthalt an ihre Heimatuniversität zurückkehrten, beschloss ich, mein Studium ebenfalls in Tübingen fortzuführen.
Was haben Sie in Tübingen studiert?
Russisch und Politikwissenschaft. Unter anderem bei dem sehr renommierten Literaturwissenschaftler Professor Dr. Ludolf Müller. Er war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, aber mir war die Auseinandersetzung mit dem Russischen an der Universität zu akademisch. Ich wollte die Sprache nutzen, um Land und Leute kennenlernen, nicht um zu forschen.
Wollten Sie von Anfang an Journalistin werden?
Ja, das wusste ich sehr früh. Auch wenn ich mich im Akademischen nicht immer wiederfand, habe ich doch positive Erinnerungen an meine Studienzeit. Hier habe ich gelernt, breit zu denken und breit zu suchen. Das hat mir für meinen Beruf später sehr geholfen.
Wie begann Ihre Karriere als Osteuropa-Expertin und Journalistin?
Nach meiner journalistischen Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg war ich ab 1989 bei der Süddeutschen Zeitung in München als Jungredakteurin angestellt. Ich war zuständig für Osteuropa. Da ich die einzige Person vor Ort war, die Russischsprach und Lust hatte, zu reisen, war ich die ersten drei Jahre meines Berufslebens in Osteuropa unterwegs. Und das zu einer Umbruchzeit, wie es sie davor und danach nicht mehr gegeben hat!
Was hat Sie besonders geprägt?
Ich war in der Phase des Zerfalls der Sowjetunion viel in den baltischen Staaten unterwegs. Die Menschen dort waren schon einen Schritt weiter als viele andere Nationen: Sie strebten klar ihre Unabhängigkeit von Russland an. Sie waren pro-Europa eingestellt und überzeugt davon, dass sie ein Recht auf Selbstbestimmung hatten. Diese Überzeugung, dieses Beharren zu erleben, hat mein ganzes Leben geprägt. Eine zweite Station, die mein Leben maßgeblich prägte, war die Ukraine. Der Maidan war ein Lifechanger für mich. Wieder eine Revolution, wieder das Beharren auf Selbstbestimmung, wieder eine unglaubliche zivilgesellschaftliche Entwicklung – genau wie damals im Baltikum.
In Ihrer Arbeit befassen Sie sich mit autoritären und rechtspopulistischen Akteuren. Was eint diese?
Zynismus und Skrupellosigkeit. Vor allem dieser Zynismus, diese völlige Verachtung für Menschenleben und Menschenrechte. Es gab eine Zeit, da haben autoritäre Führer zumindest noch so getan, als würden sie sich an Regeln halten. Auch Putin hat bis zuletzt so getan, als würde er irgendwelche völkerrechtlichen Maximen einhalten. Heute braucht es keine Schein-Begründung mehr dafür, wenn man das Völkerrecht bricht.
Das „Bündnis Zukunft Presse“ hat Sie mit dem Pressefreiheitspreis 2026 ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie vor dem Hintergrund autoritärer Bedrohungen und dem wachsenden Druck auf Journalistinnen und Journalisten?
Solche Preise sind von Bedeutung, weil sie zeigen, wie wichtig Pressefreiheit ist. Die kommt aber nie allein, sondern im Paket mit Meinungs- und Informationsfreiheit. Und alle diese drei Grundrechte sind leider weltweit unter Druck.
Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Hoffnung machen?
Hoffnung macht mir, dass demokratische Bewegungen, die als gescheitert gelten, sich nicht unterkriegen lassen. In vielen osteuropäischen Ländern gibt es Demonstrationen, Proteste, Whistleblowerbewegungen. Was mir unfassbaren Mut macht, ist die Resilienz der ukrainischen Gesellschaft. Wenn diese Gesellschaft es schafft, für Demokratie und Freiheit einzustehen, dann können wir uns auch ab und zu zusammenreißen und für den Erhalt der Demokratie kämpfen. Sehr viel mehr macht mich momentan nicht heiter.
Das Interview führte Rebecca Hahn
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