Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 2/2026: Leute
Ein Pionier in der Theorie der Quasikristalle
Zum Tode von Professor Dr. Peter Kramer ein Nachruf von Michael Baake, Linus Kramer und Jannik Meyer
Peter Kramer wurde am 16. März 1933 in Quedlinburg geboren. Seine Jugend und Schulzeit verbrachte er in der kleinen Stadt am Harz und legte dort 1951 das Abitur ab. Die repressiven Verhältnisse in der Sowjetzone veranlassten ihn wie auch seine beiden Geschwister und Eltern 1952 zur Flucht nach Westdeutschland. Das evangelische Studienwerk Villigst ermöglichte ihm dann über ein Werkstudium Physik in Münster, Bristol, Tübingen und Marburg zu studieren. Im Jahr 1964 wurde er in Marburg bei Professor Dr. Detlef Kamke promoviert. Das Thema seiner Dissertation behandelte den Alpha-Zerfall von Atomkernen und lag damit in der Kernphysik. In Marburg lernte er seine Frau Maria Anders kennen, die er 1962 heiratete.
Bereits während seiner Promotionszeit in Marburg begann er sich für Gruppentheorie und Symmetrien zu interessieren. Er konnte Kontakte zu Professor Dr. Marcos Moshinsky knüpfen, einem weltweit führenden Experten zu gruppentheoretischen Methoden in der Quantenmechanik an der Universidad Nacional Autónoma de México. Über ein DAAD-Stipendium verbrachte er 1964 bis 1966 und nochmals 1968 insgesamt mehr als zwei Jahre in Mexiko, aus denen eine Vielzahl von Publikationen entstanden. Der wissenschaftliche und freundschaftliche Kontakt zu Marcos Moshinsky und die Verbundenheit zu Mexiko hielten Zeit seines Lebens an. 1968 habilitierte sich Peter Kramer in Tübingen. In der Folge arbeitete er zunächst als Assistent bei Professor Dr. Karl Wildermuth, der in Tübingen die Theoretische Physik neu aufbaute. Ab 1970 war er Professor am Institut für Theoretische Physik, dann sehr bald 1972/73 Dekan der Fakultät. In den Jahren 1982/1983 war er Vize-Präsident der Universität Tübingen.
Das wissenschaftliche Werk von Peter Kramer beschäftigte sich mit Gruppen- und Darstellungstheorie zur Beschreibung von Symmetrien in Geometrie und Physik. In der Anfangszeit, ausgehend von den gemeinsamen Arbeiten mit Marcos Moshinsky, ging es vorwiegend um Fragen aus Kernphysik und Quantenmechanik. Später rückte die Rolle der Symmetriegruppen in Festkörperphysik und Kristallographie ins Zentrum seines Interesses, und Peter Kramer wurde ein international anerkannter Experte für gruppentheoretische Methoden in der Physik.
Das aperiodische Penrose-Muster in der euklidischen Ebene und Peter Kramers profunde Kenntnisse des Werks von Johannes Kepler leiteten sein Interesse zunehmend auf nicht-kristalline, aber kristallähnliche Strukturen mit Ikosaedersymmetrie im dreidimensionalen Raum. Hier erlebte er 1983 eine wissenschaftliche Sternstunde. Obwohl eine fünfzählige oder gar Ikosaedersymmetrie in gewöhnlichen Kristallen nicht auftreten kann, zeigte er zusammen mit seinem damaligen Diplomanden Roberto Neri, dass im Raum eine aperiodische Parkettierung mit zwei Bausteinen in Rhomboederform existiert, die Ikosaedersymmetrie besitzt. In der Röntgenbeugung zeigen diese Muster scharfe Bragg-Reflexe, ebenfalls mit Ikosaedersymmetrie.
Die Sensation war perfekt, als wenige Monate danach eine unabhängig entstandene Arbeit des Materialwissenschaftlers Professor Dr. Daniel Shechtman erschien, der experimentell eine binäre Legierung mit genau dieser Symmetrie gefunden hatte. Damit waren die heute als Quasikristalle bezeichneten Strukturen theoretisch und experimentell nachgewiesen, was zu einem Paradigmenwechsel in der Festkörperphysik führte und auch die Mathematik nachhaltig beeinflusste.
Der Übergang erfolgte allerdings weder schnell noch reibungslos, da die Quasikristalle grundlegende Überzeugungen in der Kristallographie infrage stellten. Es bedurfte noch vieler Jahre intensiver Forschung, bei der die Tübinger Arbeitsgruppe um Peter Kramer eine zentrale Rolle spielte, unter anderem im Rahmen eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Dabei war sie Anlaufstelle für Gäste aus aller Welt, etwa bei den regelmäßigen Workshops am Heinrich-Fabri-Institut in Blaubeuren. So verbesserte sich das Verständnis der Quasikristalle in Theorie und Experiment, während ihre Mathematik in Kooperation mit Professor Dr. Robert V. Moody weiterentwickelt wurde. Im Jahr 2011 erhielt Daniel Shechtman den Chemie-Nobelpreis für die experimentelle Entdeckung der Quasikristalle. Peter Kramer arbeitete nach seiner Emeritierung noch viele Jahre weiter an mathematisch-physikalischen Problemen und verfolgte die Entwicklung des Gebiets mit großem Interesse.
Neben seiner Arbeit als Forscher und Physiker war Peter Kramer vielseitig interessiert. Er hatte tiefgreifende Kenntnisse der Philosophie von Wittgenstein und interessierte sich lebhaft für die Geisteswissenschaften, insbesondere für Geschichte, Literatur, Theologie und Philosophie. Beim Arbeiten hörte er gerne klassische Musik, und als Geiger und Bratschist musizierte er regelmäßig und sehr ernsthaft mit Freunden in einem Quartett. Im Alter entdeckte er durch seine Frau Maria die Malerei für sich. Dabei galt seine größte Liebe aber seiner Familie, seiner Frau, seinen zwei Söhnen und seinen Enkeln. Peter Kramer verstarb am 23.4.2026 nach einem erfüllten Leben im Kreis seiner Familie.