Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 3/2026: Forum

Sozialpolitik und finnische Weltmusik

Von Miehikkälä über Birmingham nach Tübingen

Dr. Mikko Kuisma vom Institut für Politikwissenschaft ist Mitglied der Forschungsgruppe „Comparative Public Policy“ und betreut den internationalen Masterstudiengang „Master of Public Policy and Social Change“. In der Tübinger Band Uusikuu spielt Kuisma Geige. Uusikuu konnten sich mit ihrem aktuellen Album „Piknik“ in den Top 20 der World Music Charts Europe platzieren. Johannes Baral sprach mit Mikko Kuisma unter anderem über seine Kindheit in Finnland, wie er zu seinem Fachgebiet fand und wie sich seine Band gründete. 

Sie sind seit 2017 am Institut für Politikwissenschaft tätig. Über welche Stationen sind Sie an den Neckar gekommen?

Geboren und aufgewachsen bin ich in Finnland, zur Schule gegangen in Miehikkälä bei Hamina im Südosten des Landes. Selbst, wenn man aus einem kleinen Dorf kommt, kann man es an die Universität schaffen, haha. Ich denke, dass unter anderem daher mein Grundinteresse für meine heutigen Forschungsthemen rund um Sozialpolitik herkommt. Musikmachen spielte in meinem Leben schon früh eine große Rolle – sowohl Klassik als auch Folkmusik. Eine musikalische Karriere war auch ursprünglich mein Plan fürs Berufsleben. Ich habe angefangen, an einer Musikhochschule Geige zu studieren, merkte aber, dass dabei irgendwann der Spaß an der Musik auf der Strecke blieb. Und ich dachte dann, dass es vielleicht doch noch etwas anderes geben muss als berufliche Option als Musik. 

Sie sind dann nach England gegangen.

Genau. Ich habe an der University of Birmingham mein Studium der Politikwissenschaft begonnen. Auf Birmingham gekommen bin ich durch eine Broschüre des British Council. Um ehrlich zu sein, war aber mein Hauptkriterium erstmal, irgendwohin zu gehen, wo es viele Fußball-Clubs gibt, haha. Ich dachte, dass die Universitäten selbst schon überall in Ordnung sein würden. Birmingham hörte sich für meine Interessen wie Fußball, Musik und Literatur sehr gut an. Von Politikwissenschaft wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel. Ich bin dann sechs Jahre für Studium und Doktorarbeit dortgeblieben und habe meinen ersten PostDoc gemacht. Dann bin ich nach Aberystwyth gewechselt für meinen ersten Uni-Job als Dozent in European Politics.

England ist für insgesamt rund 20 Jahre mein Zuhause geworden. Dort habe ich auch meine Frau Laura, die Sängerin von Uusikuu, kennengelernt, die damals schon in Tübingen gelebt hat. Wir haben uns aber erst einmal als gemeinsamen Wohnort für Oxford und als Arbeitsplatz für die Oxford Brookes University entschieden. Ich konnte noch kein Deutsch und Deutschland war damals noch nicht so international aufgestellt hinsichtlich englischsprachiger Jobs wie heute. Wir haben elf Jahre in Oxford gelebt. Die Idee, nach Deutschland umzuziehen, blieb aber präsent. Der Brexit hat die Entscheidung dann erleichtert. Seit 2017 sind wir in Tübingen.

Mit welchen Themen befassen Sie sich in Tübingen in Ihrer Forschung?

Ich war schon immer interessiert an Sozialpolitik, am Wohlfahrtsstaat. Darauf lag im Rahmen der Politikwissenschaft immer mein Fokus. Für meinen PhD habe ich mich mit den skandinavischen Sozialstaatsreformen der 1990er-Jahre befasst. Im Grunde bewege ich mich immer noch in diesem Themenfeld. Generelle sozialpolitische Fragen in der vergleichenden Politikwissenschaft und der politischen Ökonomie vorwiegend europäischer Wohlfahrtsstaaten. Damit zusammenhängend forsche ich auch zu Populismus und rechten Parteien.

Haben Sie beide vor dem Umzug nach Tübingen auch schon Musik gemacht?

Ja, Uusikuu wurde schon 2006 gegründet. Der Bassist und der Gitarrist dieser ersten Besetzung waren beide Engländer. In den ersten Jahren haben wir aber trotzdem vor allem in Deutschland unsere Konzerte gespielt. Auch deswegen lag es nahe, gemeinsam hierher zu ziehen. Und unser Plattenlabel ist in Deutschland ansässig. Der Rest ist dann im Grunde einfach „passiert“. 

Wie kam die Idee auf, finnische Tanzmusik der 60er und 70er Jahre zu spielen? 

Zum einen spielte Laura vorher schon in einer Band finnischen Tango, so dass der Weg stilistisch für sie nicht weit war. Zum anderen haben alle in der Band einen Bezug zu Folk- und Weltmusik, also zu traditioneller Musik. Außerdem sind wir alle sehr an Crossover, also am Vermischen von Stilen interessiert. Und finnische Tanzmusik ist da sehr offen, sehr vielfältig. Da stecken Einflüsse aus Jazz, traditioneller Folkmusik, Latin, Chanson und vielem mehr mit drin. Wir haben schon öfters mit Jazzmusikern zusammengespielt. Und auch wenn jemand zu finnischer Tanzmusik keinen direkten Bezug hat, findet man durch diesen Stilmix leicht einen Zugang.   

Bringt die Tatsache, dass Sie mit „Piknik“ in die Top 20 der World Music Charts Europe gekommen sind, konkrete Veränderungen mit sich? Steigt die Nachfrage nach Konzerten?

Es ist für uns auf jeden Fall schon mal von daher von großer Bedeutung, weil diese Charts von Radiojournalistinnen und -journalisten kuratiert werden. Das sind also keine Verkaufscharts. Diese Journalistinnen und Journalisten hören sich sehr viel Musik an. Und dann ist das toll, wenn wir mit unserem Album hier vertreten sind. 
Finnische Musik ist sehr stark im Bereich Weltmusik vertreten. Es ist schön, dass wir als Auslandsfinnen und unsere deutschen Mitmusiker als „Ehrenfinnen“ mit finnischer Musik so viel Anerkennung bekommen. Ob sich das auch auf Konzertanfragen auswirken wird, können wir momentan noch nicht sagen. Aber es gab inzwischen mehr Radio-Features über unsere Band. Und Radio-Airplay in mehr als 30 Ländern weltweit, beispielsweise in Australien, Argentinien, Mexico und Lettland. Ich denke daher, dass so eine Charts-Platzierung vor allem dabei hilft, die Musik international weiter zu verbreiten. Das Album „Piknik“ war übrigens auch für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert, was natürlich ebenfalls eine tolle Sache für uns ist.

Spielen Sie mit Uusikuu auch in Finnland?

Die meisten Konzerte spielen wir in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Belgien, Frankreich und England. Aber wir versuchen, einmal im Jahr auch in Finnland aufzutreten. Auch für die Produktion von „Piknik“ waren wir für eine Woche dort, damit unsere drei – inzwischen deutschen – Mitmusiker das Land noch ein bisschen besser kennenlernen, aus dem unsere Musik kommt.

Das Gespräch führte Johannes Baral

Video Uusikuu „Mata Hari’s eyes“

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