Uni-Tübingen

hochschulreif. Der Tübinger Podcast zur Studienwahl

Der Podcast "hochschulreif" unterstützt Schülerinnen und Schüler bei der Studienwahl. In jeder Folge laden wir, Alexandra Becker (Zentrale Studienberatung) und Christoph Jäckle (Hochschulkommunikation), einen Gast aus einem Studienfach der Uni Tübingen zum Gespräch ein. Das Gespräch gibt erste Einblicke in die wichtigsten Inhalte des Studienfachs, in die persönlichen Voraussetzungen für das Studium und in mögliche Berufsperspektiven. Zu jedem der Themenfelder befragen wir im Vorfeld Tübinger Studierende des Fachs über ihre persönlichen Erfahrungen bei der Studienwahl, über ihr Studium und wie ihre beruflichen Wünsche aussehen. Studierende kommen dadurch ebenso zu Wort wie Fachexpertinnen und -experten.

Beteiligte:

  • Projektleitung: Zentrale Studienberatung, Universität Tübingen
  • Moderation: Alexandra Becker, Christoph Jäckle
  • Redaktion & Postproduktion: Alexandra Becker
  • Leitung Tontechnik: Klaus Klein, Zentrum für Medienkompetenz, Universität Tübingen
  • Musik: Jingle "Happy Jazz" von PIANODAYs, Background "Cool and Catchy Jazz" von David Steele

Trailer

Ihr wollt wissen, was euch bei "hochschulreif" erwartet? Wir, das Moderationsteam von "hochschulreif" Alexandra Becker und Christoph Jäckle, stellen uns vor und berichten, was euch in den kommenden Folgen erwartet.

Tags #Studium #Studienwahl #Universität #Tübingen #Studieren #Abitur #Studiengänge #Studienfach
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Statements von Studierenden
Studi 1: Ich muss sagen, ich habe absolut keine Ahnung mehr, wie ich auf die Idee kam, Mathe zu studieren.
Studi 2: Also ganz klassisch lese ich gerne. Ich schreibe auch gerne.
Studi 3: Für ein Studium der Soziologie habe ich mich entschieden, weil ich mich für Menschen interessiere.
Studi 4: Und ich habe in der Schule schon immer ein Faible dafür gehabt, für Politik, für Gesellschaft, für Geschichte.
Studi 5: Ich habe mich schon immer für Philosophie interessiert.
Studi 6: Das war mehr so ein Schuss ins Blaue, wenn ich ehrlich bin.

Das Moderationsteam
Alexandra Becker: Geht es euch ähnlich? Ihr habt gerade euer Abi gemacht und fragt euch: Ist Studieren überhaupt das Richtige für mich? Welches Fach soll ich studieren? Oder: Wie funktioniert Studieren überhaupt? Genau darum geht es bei „hochschulreif“, dem Tübinger Podcast zur Studienwahl.

Christoph Jäckle: Wir stellen euch hier in jeder Folge ein Studienfach vor. Dazu laden wir uns einen Gast ein und sprechen dann mit ihm oder ihr darüber, um was es bei dem Studienfach inhaltlich geht, was man selbst für das Studienfach mitbringen sollte und was man damit später beruflich machen kann. Außerdem befragen wir davor jedes Mal auch Tübinger Studierende über ihre eigenen Erfahrungen in diesem Studiengang. Wir, das bin ich, Christoph Jäckle.

A.B.: Und ich bin Alexandra Becker. Wir beide sind vom Team der Zentralen Studienberatung. Und wenn ihr gerade auf der Suche nach dem richtigen Studiengang für euch seid, dann seid ihr bei uns genau richtig.

C.J.: Hört doch mal rein. Und wenn es euch gefällt, dann freuen wir uns, wenn ihr uns abonniert!

Folge #12: Altorientalische Philologie

Womit beschäftigt man sich in der Altorientalischen Philologie? Was können wir aus jahrtausendealten Texten heute noch lernen? Was kann man mit dem Studienabschluss beruflich anfangen? Und wie sieht der Studienalltag in Altorientalischer Philologie aus? Diese Fragen und viele mehr beantwortet Professor Dr. Andreas Fuchs uns für Euch im Studiogespräch. Auch unsere Tübinger Studierenden geben Einblicke zu Fragen rund ums Altorientalische-Philologie-Studium.

Tags #AltorientalischePhilologie #Mesopotamien #Akkadisch #Sumerisch #Keilschrift
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[ab 2023 verfügbar]

Shownotes

Insider-Tipps zur Altorientalischen Philologie:

  • Frahm, Eckart: Geschichte des alten Mesopotamien, Stuttgart 2013.
  • Jursa, Michael: Die Babylonier. Geschichte, Gesellschaft, Kultur, München 2004.
  • Radner, Karen: Mesopotamien. Die frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris, München 2017.

Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

Bei Fragen, Anregungen oder Kritik schreibt uns an: hochschulreifspam prevention@uni-tuebingen.de


Folge #11: Koreanistik

Was macht die Koreanistik als Studienfach so attraktiv? Wie läuft eine typische Studienwoche ab und was unterscheidet den Unialltag in Tübingen von dem an einer koreanischen Universität? Warum ist ein ganzes Auslandsjahr in Korea während des Studiums so wichtig? Und wo arbeiten Korea-Expertinnen und Experten später? Über diese und viele weitere spannende Fragen sprechen wir mit Professor Dr. You Jae Lee. Außerdem verraten Tübinger Koreanistik-Studierende unter anderem, was sie zum Studium bewegt hat und was sie daran so begeistert.

Tags #Koreanistik #Koreanologie #Hangeul #Korea #Ostasien
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[demnächst hier verfügbar]

Shownotes

Informationen zum Auslandstudium findet ihr am Tuebingen Center for Korean Studies at Korea University (TUCKU).
Aktuelle Termine zur Infoveranstaltung über die Bewerbung an der Universität Tübingen stehen hier.

Insider-Tipps Koreanistik

  • Der Länderbericht Korea ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) leider nicht mehr erhältlich. Ihr findet ihn aber noch antiquarisch, z.B. über das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (zvab). Eine alternative Empfehlung ist folgendes Buch von Bruce Cumings: Korea's Place in the Sun. A Modern History Taschenbuch, New York/London 2005.
  • Min Jin Lee: Pachinko, 2017 (Buch).
  • Kogonada/Justin Chon (Regie): Pachinko, USA 2022 (Serie).

Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

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Folge #10: Allgemeine Rhetorik

Muss man für ein Studium in Allgemeiner Rhetorik gerne auf der Bühne stehen oder sehr viel reden? Wie theoretisch und wie praktisch ist das Studium? Was hat künstliche Intelligenz eigentlich mit Allgemeiner Rhetorik zu tun? Und inwiefern kann Rhetorik auch manipulativ sein? Das Studienfach Allgemeine Rhetorik gibt es deutschlandweit nur in Tübingen. Was das Studium zu bieten hat, was man alles in Theorie und Praxis lernt und wohin es nach dem Studienabschluss beruflich gehen kann, erklärt unser Gast Professor Dr. Olaf Kramer. Und auch unsere Tübinger Rhetorik-Studierenden melden sich zu Wort.

Tags #Rhetorik #Kommunikation #Reden #Überzeugen #SocialMedia #Medienforschung #KünstlicheIntelligenz
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[demnächst verfügbar]

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Insider-Tipps zur Allgemeinen Rhetorik:

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Folge #09: Bioinformatik

Was genau ist eigentlich Bioinformatik? Was kann die Bioinformatik aktuell beitragen? Und wie denkt man „bioinformatisch“? Zu Gast für das Studienfach Bioinformatik ist Professorin Dr. Kay Nieselt. Sie gibt Einblicke in verschiedene Bereiche der Bioinformatik, in die Inhalte und Herausforderungen des Studiums sowie in mögliche Berufsperspektiven. Außerdem verraten Studierende, was ihnen an der Bioinformatik am besten gefällt und wie ihre Berufswünsche aussehen.

Tags #Bioinformatik #Mathematik #Informatik #Programmieren #Biologie #Chemie #Biochemie
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Shownotes

Insider-Tipps zur Bioinformatik

Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

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Folge #08: Pharmazie

Wie läuft der pharmazeutische Studieneignungstest ab? Mit welchen Themen setzt man sich im Studium auseinander? Was kann man mit einem Pharmaziestudium alles beruflich machen? Und muss man wirklich so viel Auswendiglernen? Die wichtigen Fragen zum Pharmaziestudium in Tübingen klärt Professor Dr. Frank Böckler in dieser Folge von „hochschulreif“. Dazu berichten Tübinger Pharmaziestudierende aus ihrem Studium.

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Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

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Folge #07: Empirische Kulturwissenschaft

Was ist Kultur und wie kann man sie wissenschaftlich untersuchen? Wie gelingt der Blick hinter unseren Alltag? Welchen Beitrag kann die Kulturwissenschaft für eine moderne Gesellschaft leisten? Und wo arbeiten Kulturwissenschaftlerinnen ganz konkret? Diese und viele weitere Fragen rund ums Studium der Empirischen Kulturwissenschaft beantwortet Dr. Gesa Ingendahl in unserer siebten Folge von „hochschulreif“. Und auch Tübinger Studierende verraten, was ihnen am besten am Fach gefällt und wie ihre Berufswünsche aussehen.

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[demnächst hier verfügbar]

Shownotes

Hier geht es zum Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, dort findet ihr auch den erwähnten Image-Film der Tübinger Kulturwissenschaft "Dem Alltag auf der Spur". Weitere Einblicke in kulturwissenschaftliche Forschungsgebiete und Erinnerungsberichte ehemaliger Studierender gibt es im LUI-Podcast. Für Fragen rund ums Studium der EKW in Tübingen steht die Studienfachberatung zur Verfügung.

Zitierte Filme aus den Insider-Tipps:

  • Bergmark, Jörgen/Hamer, Bent (Produktion), Hamer, Bent (Regie): Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet), Norwegen/Schweden 2003.
  • Uys, Jamie (Poduktion und Regie): Die Götter müssen verrückt sein (The Gods Must Be Crazy), Südafrika/Botswana 1980.

Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

Bei Fragen, Anregungen oder Kritik schreibt uns an: hochschulreifspam prevention@uni-tuebingen.de


Folge #06: Pflege

Was unterscheidet ein Pflegestudium von einer Ausbildung? In welchen Bereichen arbeiten Absolventinnen und Absolventen? Und welche Chancen bietet die Akademisierung des Fachs? Über die Inhalte, Besonderheiten und Berufswege, die ein Pflegestudium eröffnet, sprechen wir mit Professorin Dr. Cornelia Mahler, Direktorin der Abteilung Pflegewissenschaft und Studiendekanin am Campus für Gesundheitswissenschaften Tübingen-Esslingen. Neben unserem Gast berichten auch wieder Tübinger Studierende über ihr Studium.

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Christoph Jäckle: Herzlich Willkommen zu „hochschulreif“, dem Tübinger Podcast zur Studienwahl. Wir stellen euch auch heute wieder ein Studienfach vor, damit ihr euch bei eurer Studienwahl gut orientieren könnt. Wir, das sind meine Kollegin Alexandra Becker und ich, Christoph Jäckle. Hallo Alex!

Alexandra Becker: Hallo Christoph!

C.J.: Heute haben wir uns Frau Professorin Dr. Cornelia Mahler ins Studio eingeladen. Frau Mahler, Sie sind die Studiendekanin des Studiengangs Pflege am Campus für Gesundheitswissenschaften Tübingen-Esslingen. Hallo Frau Mahler, schön, dass Sie zu uns gefunden haben.
Cornelia Mahler: Hallo, danke für die Einladung. Hat mich sehr gefreut.

C.J.: Ich muss gestehen, ich wusste selbst bis vor kurzem noch gar nicht, dass man Pflege auch studieren kann. Für mich war Pflege bisher vor allem ein Ausbildungsberuf. Von daher bin ich auch persönlich sehr interessiert, was Sie uns heute alles aus Ihrem Alltag erzählen können, was wir von den Studierenden hören werden und was es dann letztlich mit dem Studium der Pflege im Unterschied zur Ausbildung auf sich hat. Zunächst hören wir uns mal an, warum sich Tübinger Studierende für das Pflegestudium hier entschieden haben.

Persönliche Motivation (1:06)

Studi 1: Mir war schon relativ früh klar, dass mir die Pflege sehr viel Spaß macht, habe dann ein paar Praktika gemacht, habe mit vielen Fachkräften geredet, die mir Tipps gegeben haben.

Studi 2: Ich habe erst relativ spät gemerkt, dass Pflege das ist, was ich später als Beruf machen möchte. Bei einem Sozialpraktikum hat mir die Arbeit mit den Menschen sehr viel Spaß gemacht.

Studi 3: Dann dachte ich mir, wenn ich jetzt schon zwei Jahre länger in der Schule saß, könnte ich ja auch einfach studieren und die tieferen Einblicke in jedem Bereich mitnehmen. Nicht bloß die Pflege, sondern auch das wissenschaftliche Arbeiten, was dahinter steckt.

Studi 4: Und zwar habe ich damals gesehen, als ich mich beworben habe, dass man sehr viel tiefer und sehr fachspezifisch in die Materie reingeht. Das hat mich damals sehr angesprochen, weil man nicht nur das Thema Pflege an sich behandelt, sondern man kann ein bisschen in die Medizin reinschnuppern, man kann in die Psychiatrie reinschnuppern.

A.B.: Frau Mahler, jetzt haben wir schon gehört, es ging um die Qualifikation und auch um inhaltliche Ausrichtung des Studiums. Wird das denn eingelöst, wie die Studierenden das berichtet haben?

C.M.: Ja, auf jeden Fall wird es eingelöst, wie es berichtet wird. Das Studium ist sehr praxisorientiert, aber auch sehr theorieorientiert. Also es findet ein großer Anteil an berufsqualifizierenden Aspekten statt, die sowohl in der Theorie wie auch in der Praxis stattfinden, sodass die Studierenden, wenn sie fertig sind, die staatliche Berufszulassung haben, um als Pflegefachmann/Pflegefachfrau, so heißt das jetzt seit 2000, einen Abschluss zu haben, wie auch einen akademischen Abschluss. Mit einem akademischen Abschluss geht man tiefer in die Materie rein, so wie es die Studierenden schon berichtet haben. Es freut mich, dass sie das wirklich so erleben und so sehen. Und auch das wissenschaftliche Arbeiten ist für uns ein wichtiger Aspekt. Denn wenn man eine Disziplin, einen Beruf weiterentwickeln will, dann braucht man auch wissenschaftliche Erkenntnisse, Forschungserkenntnisse aus dem Fachbereich.

A.B.: Und wenn man sich jetzt tatsächlich für ein Studium der Pflege entscheidet, was für Fragen sollte man sich vorher stellen oder sollte man für sich vorher klären?

C.M: Wichtig ist natürlich immer das Arbeiten mit Menschen. Tatsächlich darf ich niemand sein, der Angst hat auf Menschen zuzugehen oder eher zurückgezogen ist. Ich brauche eine gewisse Freude, mich mit Menschen in Verbindung zu setzen, denn Pflege ist ein Beruf, der sehr stark von der Beziehung abhängt. Die Beziehung, die ich zu allen möglichen Personen lerne aufzubauen, ob das ältere Menschen sind, ob das Kinder sind, ob das Angehörige sind oder Personen, die in anderen Gesundheitsfachberufen arbeiten. Denn wir arbeiten in einem Team. Auch das ist etwas, was wichtig ist, dass ich gerne im Team arbeite und ein Interesse habe, nicht nur an krankheitsbezogenen Aspekten, sondern an gesundheitswissenschaftlichen Aspekten. Was hält mich gesund? Was sind Aspekte, die wichtig sind, damit ich gesund bleibe? Und die aktuelle Situation zeigt uns ja, wie wichtig diese Aspekte sind.

A.B.: Für uns war das auch ein Teil der Motivation, weil das ein sehr aktuelles Thema ist, dass immer wieder über Pflege und die Bedingungen im Beruf Pflege diskutiert wird.

C.M.: Ja, das ist wichtig und richtig, was Sie sagen, über die Bedingungen wird gesprochen. Aber ich glaube, die Pandemie hat auch gezeigt, dass dieser Beruf ein sehr zukunftsträchtiger Beruf ist. Sie brauchen nie Angst haben, wenn Sie sich in diesem Beruf qualifizieren, dass Sie keinen Job kriegen werden. Sie werden auf jeden Fall einen Job kriegen, egal wo, egal in welchem Bereich. Pflege ist so ein vielfältiger Beruf. Ich glaube, das ist den meisten Leuten gar nicht bewusst, was alles dahintersteckt. Man hat so sein Bild im Kopf, Pflege im Krankenhaus, momentan noch in der Intensivpflege. Das sind die Bilder, die momentan sehr stark über die Medien transportiert werden, auch in den Altenpflegeheimen, wo ältere Menschen versorgt werden. Aber es gibt natürlich auch Kinder, Jugendliche, die betreut werden müssen. Das ist der eine Bereich. Aber es gibt vielfältige Arbeitsbereiche: Ob das im Gesundheitsamt ist, Prävention, gesundheitsfördernde Aspekte, die notwendig sind. In anderen Ländern sind Pflegende in Schulen, sogenannte Schoolnurses, tätig, um die Gesundheitskompetenz zu stärken. Das sind alles wichtige Bereiche, die vielen Personen einfach gar nicht bewusst sind, wo Pflege überall notwendig ist.

C.J.: Sie hatten ja vorher schon erwähnt, dass man mit dem Abschluss des Studiums sowohl den Abschluss Bachelor of Science als akademischen Grad erhält, aber gleichzeitig auch die staatliche Berufszulassung als Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann. Das wiederum vereint die Bereiche Kinderkrankenpflege, Altenpflege, Gesundheitspflege, was davor die einzelnen Ausbildungsberufe waren.

C.M.: Genau bis vor kurzem, also bis 2000, gab es die. Und da muss man sagen, wir sind das einzige Land weltweit, die sich drei Grundqualifikationen geleistet hat. In jedem anderen Land ist das eine einheitliche Qualifikation. Wir nennen das eine generalistische Ausbildung, wo Menschen aller Altersgruppen versorgt werden oder wo man lernt, Menschen aus allen Altersgruppen und in allen Settings zu versorgen. Also erst die Grundqualifikation und anschließend eine Spezifizierung und Fokussierung stattfindet. Das ist eines der großen Neuerungen seit 2020.

A.B.: Das haben wir auch recherchieren müssen, weil wir uns in der Vorbereitung natürlich gefragt haben, wie man das von den einzelnen Berufen oder Berufsbildern abgrenzen kann, die es vorher gab.

C.M.: Ich möchte an dieser Stelle erwähnen: Pflege ist ein Beruf, der sich auch ständig weiterentwickelt. Sie würden nicht erwarten, dass der Mediziner, der vor 50 Jahren sich entwickelt hat, dass der genau das Gleiche macht. So ist es auch in der Pflege. Auch wir, unsere Kompetenzen, müssen sich ständig weiterentwickeln, sind ständig mit komplexeren Situationen konfrontiert. Die Patienten unterlaufen sehr komplexe Behandlungen, die sehr differenziert sind. Da muss sich auch die Pflege darauf einstellen. Auch auf die Personen, die anschließend mit diesen chronischen Erkrankungen leben, ob das neue Herzklappen sind, ob das andere Verfahren sind im Bereich der Transplantation, sodass da eine Unterstützung im Alltag natürlich notwendig ist. Das ist eine zentrale pflegerische Aufgabe, diese Person in ihrem Alltag zu unterstützen.

A.B.: Sie haben schon einige Male angesprochen, dass es ein Berufsfeld ist, das ständig in der Veränderung ist. Wir haben uns gefragt, wie sind Sie in die Pflege kommen? Können Sie das einmal umreißen als Beispiel?

C.M.: Ja, sehr gerne. Also als Beispiel, ich habe Abitur gemacht vor vielen, vielen Jahren. Und mein Wunsch war seinerzeit, mit Menschen zu arbeiten, in einem sozialen Umfeld zu arbeiten. Aber ich wollte nicht Ärztin werden. Mir war relativ klar, dass ich da nicht nah genug am Menschen bin. Und als ich damals die Ausbildung zur Krankenschwester, wie es damals noch hieß, begonnen habe, haben insbesondere meine Eltern gesagt: „Was, du hast doch Abitur, du musst doch dann Medizin studieren!“ und ich sagte „Nein!“ Ich wollte das nicht. Es wurde nicht gesagt, wenn man Abi hat, dass man dann in die Pflege geht. Ich hatte das Glück, an einer Schule zu lernen, die eine Modellschule war, die nur Abiturienten genommen hat, und habe so meinen Weg letztendlich über die Ausbildung gemacht, habe anschließend zu einer Zeit, wo Teilzeitarbeit nicht möglich war und ich Kinder hatte, angefangen zu studieren. Damals gab es noch keine Pflegestudiengänge, sodass ich den normalen akademischen Weg der Uni gegangen bin, nach meiner Ausbildung und Berufserfahrung noch mal 5 Jahre studiert habe, um einen Masterstudiengang abzuschließen und bin über viele verschiedene Umwege, weil ich eigentlich immer die Pflege weiterentwickeln wollte, zu einer Lehrstuhlinhaberin einer neuen Abteilung geworden. Wenn mir jemand das vor 20 Jahren gesagt hätte, hätte ich gesagt, du spinnst! Ja, das gibt es hier in Deutschland? Ich hatte aber immer das Ausland vor Augen, wo schon seit vielen Jahren die Pflege ein akademischer Beruf ist, wo es ganz selbstverständlich ist, dass man diesen Beruf an einer Hochschule lernt, studiert, sowohl die Theorie und wie auch die Praxis absolviert. Sodass es für mich immer klar war: Es muss sich auch hier in Deutschland irgendwann mal weiterentwickeln. Deshalb bin ich sehr froh, dass es in Tübingen seit 2018 den Studiengang Pflege gibt, um damit ein Zeichen zu setzen, dass die Gesundheitsversorgung sich weiterentwickelt.
Studieninhalte (12:11)

A.B.: Dann lassen Sie uns doch tiefer einsteigen, wie die Ausbildung an der Uni heute aussieht. Wir haben vorab Studierende gefragt, wie ihre typische Studienwoche so aussieht. Hören wir da mal rein!
Studi 1: Eine typische Studienwoche bei mir ist relativ voll. Viel Selbststudium, auch viele Vorlesungen. Dann haben wir einmal in der Woche eine Gruppenanleitung, wo wir die Tätigkeiten, die wir später in der Pflege ausüben wollen, erlernen. Entweder an uns selber oder auch an Puppen. Da werden ganz praktische Dinge gelernt, wie beispielsweise die Körperpflege und Blutabnehmen zum Beispiel. Und einmal in der Woche einen Tag, an dem wir arbeiten sind.
Studi 2: Momentan sieht eine typische Studienwoche so aus, dass man drei Tage die Woche Vorlesungen hat und einen Tag Praxis. Dann hat man noch praktische Seminare, wo man die Theorie anwenden kann.

C.J.: Ja, es ist eine abwechslungsreiche Ausbildung bzw. Studium mit Vorlesungen und praktischen Anteilen. Aber kurz zusammengefasst, welches sind die Kerninhalte, die im Studium erlernt werden?

C.M.: Kerninhalte, da muss man tatsächlich Theorie und Praxis trennen. Praktisch, das haben die Studierenden schon gesagt, geht es viel darum, in der Praxis Fähigkeiten einzuüben, die einzelnen Schritte zu lernen. In der Theorie, so einen umfassenden Studiengang wie Pflege findet man selten, weil Sie sowohl medizinische Grundlagen, pädagogische Grundlagen, psychologische Grundlagen, aber auch pflegewissenschaftliche Grundlagen benötigen, um die Personen umfassend zu betreuen. Aus allen Bereichen bekommen sie theoretischen Input. Im ersten Teil vom Studium geht es um den gesunden Menschen. Denn erst wenn wir uns mit dem gesunden Menschen auseinandersetzen, wissen wir und können abschätzen, was es bedeutet, wenn man Einschränkungen hat oder beeinträchtigt ist an unterschiedlichen Stellen. Und dann im zweiten, dritten Semester sind ein großer Schwerpunkt die medizinischen Themen, die medizinischen Diagnosen und Therapien, gepaart mit dem, was man aus pflegerischer Perspektive macht. Und wenn medizinische Grundlagen vorhanden sind, geht es wesentlich stärker in eine pflegewissenschaftliche Orientierung, Auseinandersetzung mit den sogenannten Interventionen, mit den pflegerischen Maßnahmen, die man bei bestimmten Phänomenen anwenden kann.

C.J.: Wie ist ungefähr das Verhältnis von praktischen und theoretischen Anteilen im Studium?

C.M.: Vielleicht ein bisschen ungewöhnlich für ein Studium, da ein sehr hoher Praxisanteil vorhanden ist. Wir müssen natürlich all das absolvieren, was man in der Ausbildung macht, aber wir haben den theoretischen Teil erhöht, um auch dem Studium gerecht zu werden. Das Verhältnis von Theorie und Praxis entspricht etwa zwei zu eins, also zwei Teile Theorie zu einem Teil Praxis.

C.J.: Sie haben erwähnt, dass man im Bereich der Medizin inhaltlich mit dem wissenschaftlichen Teil zu tun hat. Wie eng sind die Berührungspunkte zum Medizinstudium? Sitzt man teilweise in gleichen Veranstaltungen?

C.M.: Leider noch nicht so viel, wie wir es gerne hätten. Die Berührungspunkte sind so, dass wir auf dem gleichen Campus sind. Wir sind an der medizinischen Fakultät und so sind enge Verbindungen zwischen den Studierenden da. Gerade hat sich die Fachschaft gegründet, sodass auch zwischen den unterschiedlichen Fachschaften eine enge Verbindung besteht. Wir fangen an mit einzelnen Vorlesungen, wo an der einen oder anderen Stelle Pflegende und Medizinstudierende gemeinsam lernen und lernen gemeinsam zu arbeiten. Das Thema interprofessionelles Arbeiten ist tatsächlich ein neuer Aspekt im Bereich der Gesundheitsversorgung, dass man zunehmend darauf Wert legt. Nicht erst, wenn man fertig und in einer beruflichen Tätigkeit ist, sondern sich schon zu einem frühen Zeitpunkt während der Ausbildung besser kennenlernt, weil wir häufig viel zu wenig von den anderen Gesundheitsberufen wissen.

A.B.: Und wenn ich mir vorstelle, jemand möchte eigentlich gern Medizin studieren, anders als es bei Ihnen war, möchte eigentlich in diesen Beruf und überlegt sich: „Dann mache ich erst mal eine Pflegestudium und bin damit inhaltlich schon relativ nah dran.“ Was würden Sie diesen Leuten raten?

C.M.: Die Frage ist, wieso sie dann ein Pflegestudium machen wollen. Was nicht geht ist, vom Pflegestudium ins Medizinstudium zu wechseln und sich dann gewisse Sachen anrechnen zu lassen. Das ist eine Überlegung für manche. Das funktioniert nicht, nur Pflege zu studieren, weil man nicht ins Medizinstudium reinkommt.

A.B.: Der Hinweis, Anrechnen lassen ist nicht möglich, ist ein wichtiger Hinweis!

C.M.: Unbedingt. Ich glaube, man muss einfach sehen, die Pflege wird zunehmend zu einem akademischen Beruf. Auch im Anschluss an ein Pflegestudium kann man noch Masterstudiengänge machen, sich akademisch weiterentwickeln, promovieren, sogar einen Lehrstuhl einnehmen. Wer weiß, was in den nächsten 20 Jahren noch möglich ist. Ich sehe um mich rum, dass an vielen Universitäten Abteilungen für Pflegewissenschaft entstehen. Es ist ein Bereich, der sich stark weiterentwickelt, sodass es da auch gute Möglichkeiten gibt weiter voranzukommen.

C.J.: Wenn wir auf den Tübinger Studiengang schauen, ist auch eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Studiengängen, dass man an zwei verschiedenen Standorten studiert, in Tübingen und in Esslingen. Warum ist das so?

C.M.: Tübingen und Esslingen haben sich zusammengeschlossen, um das Beste aus zwei Welten herzuholen. In Esslingen gibt es schon seit 20 Jahren Pflegestudiengänge, die sich allerdings eher auf weiterqualifizierende Studiengänge wie Pflegemanagement, Pflegepädagogik konzentriert haben. Erst jetzt mit der Möglichkeit, grundständig in der Pflege zu qualifizieren, war für Esslingen klar, dass sie brauchen eine medizinische Fakultät mit im Boot brauchen. Da haben wir das Beste aus beiden Welten dabei!

C.J.: Und vermutlich ist das auch im Studienalltag so organisiert, dass es machbar ist, da hin und her zu pendeln? Man ist einen Tag hier und einen Tag woanders?

C.M.: Auf jeden Fall ist es machbar. Die ersten Semester sind vorwiegend in Tübingen. Das heißt, dass mal ein Tag in Esslingen ist. Zum Ende des Studiums ist man mehr in Esslingen und hat einzelne Tage in Tübingen.

A.B.: Dann darf ich da noch mal nachfragen? Das heißt, jetzt sind die Studierenden schon an beiden Studienstandorten. Wenn man noch einen Master machen möchte, dann kann man das in Esslingen fortführen? In Tübingen haben wir ja aktuell nicht die Möglichkeit, noch einen Masterstudiengang in der Pflege draufzusetzen. Esslingen bietet das aber an, so wie ich das gehört habe?

C.M.: Genau, Esslingen bietet es an, auch in Kooperation mit uns. Der Studiengang ist zwar in Esslingen verortet, aber ich bin zum Teil in Esslingen als sogenannte Brückenprofessorin tätig. Wir arbeiten da eng zusammen. Nicht nur im Bachelor, auch zukünftig im Master.

A.B.: Das ist wieder ein ganz neuer Begriff, „Brückenprofessorin“ habe ich noch nicht gehört.

Persönliche Voraussetzungen (21:37)

C.J.: Da tut sich viel auf dem Gebiet der Lehre in der Pflege, definitiv! Ich würde sagen, wir hören mal rein, was die Tübinger Studierenden denn an ihrem Pflegestudium begeistert.

Studi 1: Mich begeistert am Studium Pflege der Umgang untereinander mit meinen Kommilitonen. Wir sind uns alle sehr nah. Aber auch, dass wir sehr tief in alles reinschauen können. Wir bekommen viel Medizinisches immer erklärt und das ist total spannend und vielfältig. Und natürlich der Umgang mit den Menschen und mit den Patienten.

Studi 2: Was mich persönlich so begeistert ist, dass es so praxisnah ist. Und ich glaube, das macht den Studiengang auch so besonders.

A.B.: Ja, wir hören das Thema Praxisnähe, man kennt sich untereinander, wurde hervorgehoben. Was sind aus Ihrer Sicht Voraussetzungen, die man als Studienanfänger/-anfängerin mitbringen sollte?

C.M.: Als Studienanfänger, klar Abi, als Person die Lust und die Freude, sich auf andere Situationen einzulassen, mit Menschen umzugehen. Wichtig ist, Dinge hinterfragen zu wollen, Dinge nicht immer so anzusehen: „So ist es heute so wird es immer sein.“ Sondern zu fragen, muss das immer so sein? Bestes Beispiel, was unser Pflegedirektor schon bei der ersten Begrüßung erzählt hat: Warum müssen eigentlich die Blumen abends immer raus gestellt werden? Er hatte noch in Erinnerung, dass er während seiner Ausbildung er immer abends die Blumen aus dem Zimmer rausstellen musste auf den Flur. Gibt es da eine Begründung? Machen wir Dinge, bloß weil man sie immer schon so gemacht hat? Ein gesundes, kritisches Hinterfragen an bestimmten Stellen ist etwas, was wirklich wichtig ist. Man muss auch ein bisschen… Frustrationstoleranz klingt da sehr negativ, aber man muss, schon manchmal…

C.J.: …wahrscheinlich auch ein robuster Mensch sein oder so eine Persönlichkeit? Pflege ist ja auch ein sehr fordernder Beruf.

C.M.: Ja, es ist ein sehr fordernder Beruf. Aber ich glaube auch, man kann das zu einem gewissen Grad lernen, wie man mit solchen Situationen umgeht. Da bieten wir unseren Studierenden die entsprechenden Lehrveranstaltung an, sowohl um das aus einer theoretischen Perspektive zu beleuchten, als auch um praktisch mit solchen Situationen umzugehen. Zum Beispiel im Rollenspiel – wir haben auch inzwischen ein Supervisionsangebot für unsere Studierenden, gerade weil sie immer wieder mit krisenhaften Situationen konfrontiert werden, da aber aufgefangen werden können. Es gibt nichts Schlimmeres als plötzlich alleine dazustehen, ohne zu wissen, was man machen soll.

C.J.: Würden Sie sagen, dass einer der Vorteile des Studiums im Vergleich zur Ausbildung ist, dass man noch mehr kritisch reflektiert, was ansonsten „nur“ erlernt wird für die Praxis?

C.M.: Unbedingt! Selbst das, was in Lehrbüchern steht! Einfach auch mal gucken, was in unterschiedlichen Lehrbüchern steht. Manchmal stehen da andere Dinge. Also Dinge, die man sieht, Abläufe, die man sieht, kritisch hinterfragen. Auf die Praxis bezogen: Wenn ich Kolleginnen und Kollegen sehe, wie sie bestimmte – ich spreche mal nur Hygiene an, weil das momentan ein Thema ist – hygienische Handlungen durchführen; diese noch mal zu hinterfragen: Ist das jetzt korrekt, so wie sie das macht? Oder warum macht die das anders? Welche Prinzipien stehen da dahinter? Um auch zu sagen: „Nein, so ist es richtig und ich mach's so wie es korrekt ist.“ Und spreche vielleicht auch die Kollegin drauf an oder frag sie: „Wieso machst du das so?“ Durchaus da mit einem kritischen Auge drauf schauen. Da höre ich auch aus der Praxis von unseren Kooperationspartnern, dass unsere Studierende anders fragen, Dinge hinterfragen, kritisch und neugierig sind auf viele Dinge, die erstaunen.

C.J.: Und ansonsten erstmal als gesetzt wahrgenommen werden würden?

A.B.: Man ist nah dran an der Forschung und an den Veränderungsprozessen. Dann frage ich mich, wenn man sagt, „okay, so ein Pflegestudium hört sich nach genau dem Richtigen an für mich“, wie gut stehen die Chancen auf den Studienplatz? Wie gut kommt man in den Studiengang rein?

C.M.: Wir haben hier in Tübingen-Esslingen 60 Studienplätze. Wir sind ein Studiengang, der im Aufbau ist. Daher kommt man momentan noch gut rein. Aber ich muss sagen, ich bin schon relativ gespannt, wie es nächstes Jahr wird. Wir sehen, es ist inzwischen durchaus attraktiv, Pflege zu studieren. Insbesondere natürlich, wenn man Abitur hat. Man hat anschließend andere Weiterqualifikationsmöglichkeiten, als wenn man eine Ausbildung macht.

Berufsperspektiven (27:38)

C.J.: Dann würde ich sagen, wir hören mal rein, wo sich Tübinger Studierende später beruflich sehen und sprechen dann darüber, welche Möglichkeiten einem offenstehen.

Studi 1: Ich möchte nach meinem Studium eventuell noch einen Masterstudiengang machen und ansonsten werde ich definitiv in der Pflege arbeiten. Mein Fokus liegt bei dem Studiengang auf der Ausbildung, die ich danach habe, meine abgeschlossene Ausbildung zur Pflegefachfrau.

Studi 2: Ich möchte tatsächlich nach meinem Studium gerne in der Pflege bleiben. Ich würde gerne noch eine Fachweiterbildung machen. Mich reizt das Thema Intensivpflege sehr, was ja aktuell auch ein sehr großes Thema ist. Aber ich muss sagen, dass das Studium natürlich auch viele andere Möglichkeiten bietet.

C.J.: Sie hatten es vorher schon erwähnt, das Studium und die Ausbildung sind eine generalistische Ausbildung. Eine Grundausbildung, mit der ich bewegt bin, bereits im Beruf Fuß zu fassen, zu arbeiten und mich aber auch fachlich weiterbilden kann. In welchen Spezialisierungen kann man sich weiterbilden? Vielleicht ein paar Ausblicke.

C.M.: Es gibt jetzt zunehmend Masterstudiengänge, die für die berufliche Praxis qualifizieren. Ob das im Bereich der Versorgung chronisch kranker Patienten ist, onkologische Patienten oder auch im Bereich Anästhesie und Intensivpflege. Momentan sind das noch vorwiegend Fachweiterbildungen, aber es wird zunehmend Masterstudiengänge in diesem Bereich geben. Die bauen sich auf, auch in der Primärversorgung, das nennt sich neudeutsch Community Health Nursing, um quasi erweiterte Rollen zu haben, um mit einem Hausarzt zusammen Patienten gemeinsam zu versorgen in der Häuslichkeit. Das ist der eine Bereich, wenn man klinisch-praktisch weiterdenkt, um in der Versorgung zu bleiben. Aber natürlich brauchen wir langfristig auch Personen, die sich in anderen Bereichen qualifizieren. Ob das Lehrende für die Studiengänge sind, Personen, die dort unterstützen oder Personen, die in der Praxis unsere Studierende begleiten, sogenannte Praxisanleiter. Das sind Pflegende mit einer zusätzlichen pflegepädagogischen Qualifikation, die diese praktischen Skills systematisch vermitteln können. Also Möglichkeiten ohne Ende!

C.J.: Wenn ich nach dem Studium erst in der klassischen klinischen Versorgung der Pflege arbeiten möchte, hat man da irgendwie Vor- oder Nachteile im Vergleich zu einer Person, die nur die Ausbildung gemacht hat, ohne Studium?

C.M.: Ich persönlich würde sagen, nur Vorteile. Meine Erfahrung ist, dass eine Person mit einem Studium sich deutlich schneller weiterentwickeln kann, entweder dass sie ihren Fachbereich weiterentwickeln, aber auch zunehmend eigenständige Aufgaben übertragen werden, wo ihre wissenschaftliche Qualifikation eine gute Grundlage ist, um Konzepte mit zu erarbeiten, um an der Entwicklung von neuen Konzepten, Verfahren beteiligt zu werden. Weiterentwicklung von Innovationen in der Gesundheitsversorgung, da werden diese Kompetenzen natürlich gebraucht. Wenn man ein bisschen out of the box denken kann, ein bisschen breiter. Neulich hat eine Studentin zu mir gesagt „Menschenskinder, das ist so klasse, wir kriegen hier so viel übers gesamte Gesundheitssystem vermittelt!“ Krankenpflege findet ja nicht nur im Krankenhaus statt, sondern im gesamten Gesundheitssystem. Da einen Überblick zu bekommen, was es überall für gesetzliche Grundlagen gibt, das ist schon sehr vielfältig.

A.B.: Jetzt muss man ja sagen, während einer dualen Berufsausbildung bekommt man eine Ausbildungsvergütung. Die Lage im Studium ist anders. Wie sieht es denn da aus?

C.M.: Also während des Studiums studiert man, da gibt es keine Ausbildungsvergütung. Es kann sein, dass einem die Kooperationseinrichtungen für die Praktika eine Aufwandsentschädigung bezahlen können. Aber das ist nicht gesetzt, dass es da etwas gibt. Wir haben momentan die glückliche Lage, dass es funktioniert. Aber das ist nichts, was gesetzlich vorgeschrieben ist wie bei den Hebammen. Bei den Hebammen ist es ins neue Hebammenreformgesetz mit aufgenommen worden, in der Pflege ist das nicht passiert. Ja, da hoffen wir darauf, dass sich das langfristig ändert. Die Politik weiß darum. Und wir haben jetzt eine neue Regierung. Mal gucken, ob sich da was tut.

A.B.: Inhaltlich haben wir die Vorteile im Studium herausgestellt. Es ist natürlich gut zu wissen, wie die finanziellen Bedingungen sind. Wie sieht das nach dem Studium aus? Stehen einem da bestimmte Türen offen mit einem Studium, die man in der Ausbildung nicht so leicht erreicht?

C.M.: Das ist auch ein sich entwickelnder Bereich. Natürlich stehen einem andere Wege offen. Wenn man in die Stellenanzeigen guckt, werden zunehmend Leute mit einem Studienabschluss gesucht. Insbesondere deshalb, wir wissen das aus Studien, weil da, wo Personen mit einem akademischen Abschluss in der Pflege eingestellt sind, die Qualität der Versorgung eine bessere ist. Dazu gibt es internationale Studien, die das festgestellt haben, sodass insbesondere die großen Kliniken, aber auch kleinere Kliniken, schauen, dass sie akademisch qualifiziertes Personal haben, das sie natürlich auch für konzeptionelle Arbeit, für Qualitätssicherung der Arbeit beauftragen können.

A.B.: Für die es dann auch mehr Geld gibt?

C.M.: Für die es dann auch mehr Geld gibt! Da entwickelt sich momentan tatsächlich tarifrechtlich einiges weiter. Ja, da tut sich was. Da muss sich was tun und da wird sich auch was tun. Das ist ganz klar!

C.J.: Klingt für mich auf jeden Fall so, als würde es sich definitiv lohnen, dieses Studium auch einer Ausbildung vorzuziehen, wenn man Lust hat auf Studieren. Wenn man sagt, ich bin der Praktiker, die Praktikerin, ich muss nicht sechs Semester lang Vorlesungen besuchen und sehr viel theoretisches Wissen lernen, das muss man in der Berufsschule mit Sicherheit auch! Aber ansonsten überwiegen, so klingt es für mich, die Vorteile, das Potenzial, das man danach im Beruf haben wird.

A.B.: Also wer Lust hat, an Veränderungsprozessen teilzuhaben, so klingt es ganz stark, ist im Studium gut aufgehoben.

C.M.: Unbedingt! Auch wieder ein Zitat einer Studentin von mir, die hat mal zu mir gesagt „Frau Mahler, also meine Cousine, die macht die ganz normale Ausbildung und ich verstehe das nicht. Wir haben immer total viel Lust in die Praxis zu gehen und wenn sie in die Praxis geht, da hat die gar keine Lust drauf.“ Das ist ein bisschen paradox, weil man immer sagt, die Leute aus dem Studium, die sind so verkopft, die wollen eigentlich gar nicht in die Praxis, die wissen gar nicht, wie das geht. Das Gegenteil ist der Fall! Die brennen darauf, ihre Kenntnisse und Fertigkeiten anzuwenden, weil sie eben Lernende sind und keine Arbeitenden. Ich glaube, das ist der große Unterschied zwischen Studium und Ausbildung. Das eine sind Lernende, die sich auch als lernende Studierende verstehen, klar während des Praktikums arbeiten sie. Aber diejenigen, die eine Ausbildung machen, die sind in einem Ausbildungsverhältnis mit einem Arbeitgeber. Und das ist das, wo ich immer denke, wir haben über das Studium deutlich mehr Freiheiten, das Studium zu gestalten.

C.J.: Und eine andere Haltung.

A.B.: Die Freiheiten im Studium, das glaube ich, ist eine sehr andere Bedingung als die vertragliche Bindung an einen bestimmten Arbeitgeber, eine Arbeitgeberin, die doch ein ganz anderes Setting mitgeben in diesem Lernprozess.

Insider-Tipps (37:35)

A.B: Ja, wir haben jetzt eine neue Kategorie zum Abschluss eingeführt. Frau Mahler, nämlich bitten wir unsere Gäste, ob sie Tipps haben zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Fach. Das können Stichworte zur Recherche sein, es kann ein Literaturtipp sein. Haben Sie da noch die eine oder andere Idee?

C.M.: Da geben Sie mir jetzt eine harte Nuss zu knacken. Ins Ausland zu schauen, kann ich einfach jedem empfehlen! Das englischsprachige Ausland auf jeden Fall, aber auch im europäischen Ausland. Ob das in Dänemark, in Schweden ist, in fast jedem Land ist es eigentlich normal, Pflege zu studieren und nicht eine Ausbildung zu machen. Über einen Berufsverband der Pflegeberufe gibt es auch viele Informationen, die die Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Bereich aufzeigen oder auch die Vielfältigkeit des Pflegeberufs.

A.B.: Haben Sie sonst noch was, was Sie den Hörerinnen und Hörer mit auf den Weg geben möchten?

C.M.: Einfach ein Ausspruch: Pflege ist ein krisensicherer Beruf!

A.B.: Gut, dann nehmen wir das doch so als Schlusswort. Vielen Dank, dass Sie heute unser Gast waren! An die Hörerinnen und Hörer da draußen: Wenn Ihr Anregungen oder auch Fragen habt, schreibt uns gerne unter hochschulreif@uni-tuebingen.de und ansonsten findet ihr weitere Links und Infos in den Shownotes.

Shownotes

Zum Berufsverband für Pflegeberufe geht es hier: https://www.dbfk.de

Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

Bei Fragen, Anregungen oder Kritik schreibt uns an: hochschulreifspam prevention@uni-tuebingen.de


Folge #05: Soziologie

Womit beschäftigt man sich im Soziologiestudium? Welche Kompetenzen sind wichtig im Studium? Und in welchen Bereichen arbeiten Soziologinnen und Soziologen? Für unsere Folge zum Studienfach Soziologie haben wir Professor Dr. Jörg Strübing eingeladen. Er erklärt, was genau Soziologinnen und Soziologen untersuchen, wie soziologische Erkenntnisse gewonnen werden und für welche Zwecke sie praktisch nützlich sind. Wie immer berichten auch Studierende über ihre Erfahrungen rund ums Studium.

Podcast hören
Alexandra Becker: Herzlich Willkommen bei „hochschulreif“, dem Tübinger Podcast zur Studienwahl. Wir stellen euch auch heute wieder ein Studienfach vor und informieren, was euch im Studium so erwartet. Wir, das sind mein Kollege Christoph Jäckle und ich, Alexandra Becker. Hallo Christoph!

Christoph Jäckle: Hallo Alexandra!

A.B.: Wir sind vom Team der Zentralen Studienberatung der Uni Tübingen und haben auch diesmal wieder einen Gast für euch im Studio. Heute wird sich alles um das Fach Soziologie drehen. Dazu haben wir uns Professor Jörg Strübing eingeladen. Jörg Strübing lehrt am Institut für Soziologie und ist dort auch Studienfachberater. Er kennt sich also bestens mit allem rund um das Fach Soziologie aus. Hallo Herr Strübing!

Jörg Strübing: Hallo!

A.B.: Hallo, schönen guten Morgen! Herr Strübing, wir lassen an dieser Stelle immer zuallererst die Studierenden des Faches zu Wort kommen. Und die haben wir gefragt, warum sie sich für das Fach Soziologie entschieden haben.

Persönliche Motivation (1:00)

Studi 1: Für ein Studium der Soziologie habe ich mich entschieden, weil ich mich für Menschen interessiere, und zwar vor allem für gesellschaftliche Strukturen und Veränderungsprozesse. Besonders spannend finde ich, dass die Soziologie Teil der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, die sie erforscht.

Studi 2: Ich habe nach dem Abi im Zivildienst den Eindruck gewonnen, dass es in einer Gesellschaft bestimmte Strukturen gibt, die auf die Handlungsspielräume der Individuen wirken. Und es kam mir so vor, als wäre die Soziologie eine gute Art und Weise, diese Strukturen zu untersuchen, weil sie immer das Individuum in ihrem Kontext sieht.

Studi 3: Ich habe damals vor dem Abitur schon sehr gern Editorials, Meinungen über Politik und Gesellschaft in den Medien gelesen und hatte nur eine ganz grobe Idee, dass ich so etwas gern lernen möchte. Aber welches Studienfach mir solche Inhalte beibringen würde, wusste ich überhaupt nicht. Und erst nach ein paar Semestern war ich mir sicher, dass ich das richtige Fach gewählt habe.

C.J.: Ja, Herr Strübing, die persönlichen Gründe, die wir hier gerade von den Tübinger Studierenden gehört haben, waren ja sehr unterschiedlich. Wie war denn Ihr erster spontaner Eindruck? Werden sich diese Erwartungshaltungen im Studium so bewähren?

J.S.: Ja, es ist interessant, wenn wir Menschen hören, die am Anfang dieses Weges in die Soziologie stehen. Dann kommen die oft mit dieser Idee: Da sind so Strukturen. Und dann sind da die Individuen und die Strukturen, die prägen die Individuen. Das ist schon mal ein schöner Startpunkt. Aber vor allen Dingen, weil wir dann in der Lage sind, sie auch nachhaltig zu irritieren in diesem Studium, weil das die Voraussetzung für Erkenntnis ist. Und sie werden dann im Studium vielleicht lernen, dass die Strukturen nicht irgendwelche Dinger sind, die da oben wie Gerüste über uns schweben und uns dann in einer bestimmten Weise formen, sondern dass Strukturen vielleicht doch etwas sind, was wir permanent in Interaktion miteinander tun. Und dann wird die Sache auch für uns soziologisch besonders spannend.

C.J.: Das ist quasi schon die allererste kurze Definition, was diese Strukturen eigentlich sind? Ein ständiger Interaktionsprozess zwischen Menschen?

J.S.: Zumindest ist das eine Sichtweise, die in der Soziologie vertreten wird. Die Soziologie ist, das muss man vielleicht immer gleich vorwegsagen, nicht so einfach wie manche Naturwissenschaft, wo es eine große Theorie gibt. Die wird gelehrt und dann weiß man das und alle wissen das Gleiche. Sondern die Soziologie hat eine Reihe unterschiedlicher Theorieperspektiven, die manchmal gegeneinander stehen, manchmal nebeneinander stehen, aber wenn alles gut läuft in einem fruchtbaren Austausch miteinander kommen. Und das macht das Fach spannend. Wir haben nicht die eine Meinung, das eine Wissen über Gesellschaft oder über Soziales, sondern wir haben unterschiedliche Blickwinkel, die jeweils theoretisch ausgeprägt sind und können von diesen unterschiedlichen Blickwinkeln Unterschiedliches sehen. Das macht das Fach, finde ich, sehr attraktiv.

C.J.: Zu den verschiedenen Blickwinkeln und Theorien kommen wir bestimmt noch. Aber noch mal zurück zur Studienwahl und die Motivationsgründe. Wenn wir jetzt schon gemerkt haben, vielleicht waren nicht alle Erwartungshaltungen, die genannt werden, schon perfekt zutreffend. Welche Fragen sollte man sich denn, wenn man jetzt gerade sein Abitur gemacht hat oder demnächst macht, stellen, um für sich selbst herauszufinden, ob Soziologie vielleicht das Richtige für einen ist?

J.S.: Das erste was man sich fragen muss ist, bin ich auf diesen Gegenstand, auf Soziales, die Gesellschaft, eigentlich hinreichend neugierig? Will ich das wissen? Wenn ich keine Neugierde für mein Fach habe, dann brauche ich gar nicht anfangen zu studieren. Wenn ich mich nicht für Menschen und für Interaktion, für soziale Prozesse und Strukturen interessiere, nachhaltig, dann macht es auch keinen Sinn.

A.B.: Und war es das, was Sie selber auch bewegt hat, dass Sie sich für das Fach entschieden haben? Oder was war Ihre Motivation? Wie sind Sie dazu gekommen?
J.S.: Also bei mir war es ein bisschen untypisch. Es war in den späten 70er-Jahren, schon eine Weile her, und damals in der Oberstufe wollte ich Sozialarbeiter werden. Ich wollte die Welt verändern, das wollte man so, da war Klimawandel nicht das Thema, aber soziale Ungerechtigkeiten waren wichtige Themen. Da wollte ich den Menschen helfen. Diese Helfermotivation hat mich nicht in die Soziologie getrieben, sondern in die Sozialpädagogik. Das habe ich angefangen und auch zu Ende studiert, aber irgendwie wuchs so ein Unbehagen, weil man immer so ein bisschen von der Hand in den Mund gelebt hat. Es ging immer gleich um praktische Maßnahmen, bevor man eigentlich verstanden hat, wie eigentlich so eine Gesellschaft funktioniert. Wie geht das eigentlich, dass man arm wird? Wie lebt es sich eigentlich, wenn man sogenannt „behindert“ ist? Oder all solche Fragen. Die wurden eigentlich gar nicht wirklich zu Ende bearbeitet. Es gab kaum theoretischen Hintergrund, nichts, was irgendwie kohärent war. Deswegen habe ich nach dem Studium entschieden, dass ich nicht in den Beruf einsteige, sondern noch mal ein Soziologiestudium anhänge.

C.J.: Da würd ich sagen, wir hören uns doch gleich mal von den Tübinger Studierenden an, wie so eine Studienwoche momentan bei ihnen aussieht, was sie da alles erwartet.

Studieninhalte (5:57)

Studi 1: Es ist so, dass man die Veranstaltungen besucht, dass man die Vorlesungen und Seminare vor- und nachbereitet. Das bedeutet eben vor allem viel zu lesen.

Studi 2: Typischerweise liest man jede Woche vor einer Seminarstunde einen bestimmten Text, dann wird im Seminar darüber diskutiert. Am Ende des Semesters schreibt man eine Hausarbeit dazu.

Studi 3: Zunächst mache ich mir einen Plan, was ich zu machen habe in dieser spezifischen Woche. Dann bereite ich die verschiedenen Kurse und Vorlesungen vor, also Texte lesen. Und dann sind die Kurse, die Nachbereitung der Kurse und zwischendurch immer wieder mal Gespräche und Diskussionen mit KommilitonInnen.

Studi 4: Grundsätzlich ist es so, dass man in Soziologie viel lesen muss, auf Deutsch und auf Englisch. Ich habe mich dazu dann oft mit anderen Studierenden ausgetauscht. Wir haben uns getroffen, über die Texte diskutiert, gemeinsam gelernt auf Klausuren, uns gegenseitig unsere Hausarbeiten korrekturgelesen.

A.B.: Wir haben jetzt schon gehört, das viele Lesen und auch der Austausch scheinen ganz wichtig zu sein. Wenn wir uns das Studium genauer anschauen, was lernen denn Studierende tatsächlich im Studium? Wie sieht das inhaltlich aus?

J.S.: Vielleicht knüpfen wir kurz beim Lesen an. Das ist in der Tat so, dass die Soziologie ein Fach ist, was viel mit Text umgeht, aber nicht nur rezeptiv. Also nicht nur, wir lesen und streichen an oder so etwas, sondern wir schreiben auch und sprechen natürlich viel. Sprache spielt eine wichtige Rolle in diesem Fach. Und dann, wenn es in die Inhalte geht, lernen wir natürlich auf allen Dimensionen, was den Gegenstand und die Erschließung des Gegenstands ausmacht. Wenn wir über Gesellschaft reden, dann müssen wir in der Tat über das reden, was schon als Strukturen anklang, aber natürlich auch über das, was als Individuum benannt wird. Wie kommt es eigentlich zu Individuen? Sind die einfach immer schon da? Also haben wir den handelnden Akteur oder so etwas immer schon? Oder muss der erst hervorgebracht werden? Und die Gesellschaft, ist die immer schon da? Oder muss die vielleicht auch permanent reproduziert werden, damit sie bleibt, damit sie existiert? Und wie macht man das eigentlich? Das sind alles inhaltliche Fragen, die wir uns erschließen. Wie können wir diese verschiedenen Aspekte von Gesellschaftlichkeit, über die wir im Alltag sprechen, ein bisschen systematisch verfügbar machen? Dabei hilft uns Theorie. Also das heißt, wir müssen auch wissen, was die Alten gedacht haben.

A.B.: Das ist quasi die Frage danach, wie die Studierenden eigentlich lernen. Das heißt das, was hinter dem vielen Lesen steckt. Erst mal zu schauen, was es so an Ansichten, an Gedanken gab?

J.S.: Ja, das ist aber nur der eine Teil. Man muss natürlich lesen. Die Theorie, wie sie sich aufgeschichtet hat über Jahrzehnte in der Soziologie, damit man ein Verständnis hat dafür, wie welche Probleme wo auftauchten, welche wissenschaftlichen Probleme aufgetaucht sind und wie man sie gelöst hat. Aber es geht auch um gegenstandsbezogenes Lesen. Also wir lesen über soziale Ungleichheit oder wir lesen über die Soziologie des Körpers. Oder wir lesen über die Konstruktion von sozialem Geschlecht. Da haben wir dann empirische Texte, auch Texte, die also Aspekte von Wirklichkeit methodisch einfangen, bearbeiten und dann präsentieren.

A.B.: Das heißt, das sind auch Fragen, die eventuell später die Studierenden auch selber bearbeiten, empirisch oder auch theoretisch?

J.S.: Ja, wer Soziologie in die Richtung betreibt, dort zu forschen, wird sich in einem dieser Themen oder in mehreren dieser Themenfelder wiederfinden und sich für irgendwas auch entscheiden müssen. Und Soziologie ist ein sehr großes Fach. Ich bin im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und wir haben 35 Sektionen, die alle unterschiedliche Gegenstandsbereiche unseres Faches abdecken. Es ist schon sehr breit und da findet sozusagen jede und jeder irgendetwas, worin er sich vertiefen kann. Das passiert natürlich über die Bildungsbiographie im Fach, nicht gleich am Anfang. Man muss sich nicht gleich im ersten Semester entscheiden „Ich mache jetzt Soziologie des Körpers“ oder so, sondern man entwickelt langsam ein Interesse für alles und arbeitet sich dann ein in diesen Bereich.

A.B.: Ja, vielleicht können wir die mal grob umreißen. Was sind denn so die großen Felder, die es gibt in der Soziologie?

J.S.: Na ja, ein großes Feld ist auf jeden Fall mal die Sozialstrukturanalyse, also dass wir uns und vor allem der Gesellschaft immer wieder klar machen, wie unsere Gesellschaft in großen Aggregaten geschichtet, sortiert und organisiert ist. Dass wir wissen, welche Milieus wo zu verorten sind, wie sie sich typischerweise verhalten, wie ihr Konsumverhalten ist. All solche Dinge interessieren uns natürlich. Das macht die Sozialstrukturanalyse. Die ist sehr oft verbunden mit Kompetenzen, vor allem im Bereich der standardisierten quantifizierenden Methoden also, wo man viel rechnet, viel Statistik macht und große Datensätze bewegt. Dann haben wir aber auch die Soziologie der Interaktion, wo wir uns sehr mikroskopisch, sehr detailliert und genau darauf beziehen, wie Menschen miteinander handeln. Das heißt, wie das eine Handeln an das andere anschließt. Woher weiß man eigentlich, wann man wie anschließen kann oder sollte? All solche Dinge wollen erforscht sein und das ist ein sehr spannendes Gebiet. Erving Goffman ist ein großer Name in dem Zusammenhang oder Harold Garfinkel. Das sind die Extrempole, könnte man fast sagen, in der Größendimension einmal makrostrukturell auf die Gesellschaft zu blicken, Sozialstrukturanalyse. Oder mikrosoziologisch drauf zu schauen, wie einzelne Prozesse verlaufen, wie Praktiken des miteinander Handelns aussehen, auch zum Beispiel wie man mit Dingen handelt und ob eventuell Dinge mithandeln. Wenn wir über künstliche Intelligenz reden, über selbstfahrende Autos, auch das sind soziologische Fragen, unter anderem wie eigentlich das Interaktionsverhältnis oder Interaktivitätsverhältnis zwischen Menschen und Dingen aussieht und was das für einen Einfluss wiederum auf die Gesellschaft haben kann.

A.B.: Wie man in der Soziologie arbeitet, haben Sie schon angerissen. Haben Sie da Beispiele, was typische Methoden sind, die man im Studium lernt oder wie man an bestimmte Sachen herangeht?

J.S.: Ja, die Soziologie ist, wie einer unserer Altvorderen Max Weber formuliert hat, eine Wirklichkeitswissenschaft. Abgrenzend gegenüber Philosophie, Logik oder solchen Fächern, haben wir immer einen empirischen Bezug auf einen bestimmten empirischen Gegenstand, die Gesellschaft, das Soziale, die Menschen und ihr Handeln miteinander. Und das heißt notwendig, wir brauchen Methoden, mit denen wir uns diese Wirklichkeit zugänglich machen können. Das ist gar nicht so einfach. Wir haben es, wie Alfred Schütz gesagt hat, mit Konstruktionen zweiter Ordnung zu tun. Das Ding, das wir erforschen, das erforscht sich oder deutet sich auf eine gewisse Art immer schon selbst. Wir haben als Alltagsmenschen immer schon ein Bild von uns und von den anderen und handeln auch auf der Basis dieses Bildes, das wir haben. Und das macht natürlich den Zugang schwieriger. Denn so positivistisch Herangehen im Sinne von „die Fakten sind die Fakten, so wie ich sie jetzt eingesammelt habe“, das funktioniert nicht. Sondern wir müssen uns immer fragen, was bedeuten diese scheinbaren Fakten, diese Daten, die wir da gesammelt haben? Dafür gibt es unterschiedliche Verfahren. Ich habe vorhin schon angedeutet, quantitativ und qualitativ ist eine große Unterscheidung. Wir lernen in unterschiedlicher Weise verbale, d.h. sprachliche Daten, zu produzieren oder einzusammeln, wie immer man das dann betrachtet. Sie kennen das von standardisierten Fragebögen, die man manchmal bekommt, meistens online heutzutage. Auch aus Interviews, wo wir wirklich hingehen und mit Leuten sprechen, die Leute zum Sprechen bringen, Leute ganze Biografien von sich erzählen lassen zum Beispiel. Oder wir lauschen Gruppendiskussionen, die wir angezettelt haben und gucken, wie die Leute da miteinander umgehen, wie sie ihre Argumente aufbauen und so weiter. Das sind solche Verfahren. Das Beobachten ist sehr wichtig bis hin zur Ethnographie. Das heißt, wir gehen teilweise für längere Zeit in irgendwelche Milieus, Organisationen, Bereiche der Gesellschaft und versuchen uns dort aus der Binnenperspektive zu erschließen, wie das eigentlich funktioniert. Wie es eigentlich ist, dass ich obdachlos sei. Das kann sich eigentlich keiner von uns vorstellen. Wenn man nicht hingeht, mit den Leuten redet, mit ihnen mitgeht, nicht auch unter der Brücke schläft, ohne sich anzubiedern, nur um zu sehen, wie das funktioniert, dann lernt man Dinge, die man anders nicht lernen kann. Und das ist auch ein wichtiger Bereich unserer Methoden, die wir zu vermitteln versuchen.

C.J.: Welche verschiedenen Arten von Prüfungsleistungen gibt es denn am Schluss, die Studierende erbringen müssen?

J.S.: Nun, im Laufe des Studiums haben wir unterschiedliche Prüfungsleistungen. Das reicht von Multiple-Choice-Klausuren nach großen Vorlesungen, über Hausarbeiten, über Essays, also kürzere Texte zu bestimmten Themen, und manchmal auch Arbeit mit Daten in einzelnen Veranstaltungen. Da macht man auch mal ein Stück Datenauswertung, was ein Teil der Prüfungsleistungen sein kann. Bis dahin geht das.

A.B.: Das führt mich zu einer Frage, die sicherlich wichtig ist: Wie viel Mathe muss ich denn können? Ist das ein wichtiger Teil im Studium der Soziologie?

J.S.: Es gibt zwei Bereiche neben der Lust an Sprache und Schreiben, die wichtige Kompetenzen sind oder Bereitschaften, die man mitbringen sollte. Wir brauchen keine Matheasse, die sind vielleicht sogar fast fehl am Platz. Aber wir brauchen Menschen, die keine Angst vor Zahlen haben. Manche haben eine hohe Affinität dazu, die machen vielleicht später eher standardisierte Sozialforschung, und manche haben da mehr eine passive Kompetenz. Man muss natürlich jede Statistik lesen können und verstehen, was gemeint ist. Nicht jeder muss jedes statistische Verfahren können. Dafür ist es wichtig, auch andere Verfahren zu erlernen, wie das Auswerten von qualitativen Daten, d.h. von Beobachtungsprotokollen und Interviewabschriften und so etwas. Das ist eine eigene Wissenschaft für sich.

A.B.: Sie haben auch schon einige Schnittstellen genannt zur Soziologie, beispielsweise Soziale Arbeit. Ich dachte auch an Politikwissenschaft oder Erziehungswissenschaft, Philosophie. Wir haben schon einiges gehört. Wie kann man denn die Soziologie klar davon abgrenzen?

J.S.: Noch ein kleiner Schlenker zurück. Historisch gesehen haben diese Fächer sich auseinander entwickelt oder so eine Art Ursuppe von wissenschaftlicher Neugier entwickelt, die zunehmend auf Gesellschaftliches bezogen war. Wenn man das aus der heutigen Perspektive sortieren will, kann man so viel sagen: Die Soziologie ist aus meiner Sicht immer die Grundlagenwissenschaft für alles Gesellschaftliche. Wenn ich verstehen will, wie Gesellschaft aber auch ihre Teilbereiche funktionieren, dann brauche ich soziologisches Grundwissen. Das brauchen Erziehungswissenschaftlerinnen genauso wie Politikwissenschaftlerinnen. Auch Sportwissenschaftler brauchen das interessanterweise für bestimmte Aspekte ihres Faches. Überall, wo Gesellschaftlichkeit in einem wichtigen Maße eine Rolle spielt, ist das wichtig.

A.B.: Man kann vielleicht festhalten, dass die Grenze nicht immer ganz klar zu ziehen ist und dass es Schnittstellen zwischen den Fächern gibt. Das sind ja oft auch die interessanten Zusammenstöße.

J.S.: Das ist auch, wenn ich das noch einwerfen darf, später wichtig für die Perspektive der Berufswahl. Wenn wir sehen, dass die Fächer gar nicht so scharf gegeneinander abzugrenzen sind, dann heißt das, dass auch die Berufsbilder nicht vollkommen klar gegeneinander abgegrenzt sind. Soziologie qualifiziert für ein relativ breites Berufsfeld, aber nicht für ein spezifisches.

Persönliche Voraussetzungen (19:06)

A.B.: Wir haben Studierende unter anderem gefragt, was sie denn am Studium so begeistert in ihrem Fach.

tudi 1: Was mich besonders begeistert am Studium der Soziologie ist, dass es sehr vielfältig und sehr spannend ist. Und man hat sowohl die Möglichkeit sehr große Fragen zu stellen, aber auch sich auf ganz kleine Fragestellungen zu stürzen und darin Expertin zu werden.

Studi 2: Vor allem gefällt mir, dass man lernt mit unterschiedlichen Perspektiven und Methoden umzugehen. Es gibt keinen festgelegten Kanon, was gelesen und gelernt werden muss. Man wird dazu angeregt, kritisch zu denken und zu hinterfragen. Auch in Seminaren wird viel diskutiert. Man lernt Alltagswissen zu hinterfragen. Wissen, von dem man dachte, das sehen doch alle so, ist doch klar, wie das ist.

Studi 3: Was mich am meisten begeistert ist, dass man theoretisch unbegrenzte Themenbereiche zu entdecken hat. Und man kann sich immer ein neues Thema aussuchen, was einen begeistert.

C.J.: Wir haben es gerade in den Aussagen der Studierenden gehört und von Ihnen vorhin auch schon in die Richtung: Die Themenvielfalt ist enorm groß. Ich stelle mir dabei die Frage, ob das zwar eine Chance für viele Studierende und für viele Forscher:innen bietet, aber bietet es auch die Gefahr für Studierende, sich irgendwann im Studium verlieren zu können?

J.S.: Die Vielfalt der Themen darf man nicht so denken, dass man alles wissen muss, sondern es geht eigentlich darum, dass man exemplarisch an bestimmten Feldern der Soziologie die Arbeitsweise des Faches kennenlernt, methodisch und theoretisch. Dann muss man sich natürlich auf die Bereiche beschränken, die das jeweilige Institut bietet. Jedes Institut in Deutschland hat einen unterschiedlichen fachlichen Zuschnitt. Sie finden immer irgendwo etwas nicht, aber irgendwo anders dann schon, was sie hier vielleicht vermissen würden. Man hat hier eine überschaubare Zahl von Feldern, die einem aufgetan werden, das reicht für ein Studium vollständig. Man lernt daran alles, was man lernen können sollte. Und man kann immer noch entscheiden, wenn man im Master studiert, ob man noch andere Bereiche der Soziologie kennenlernen will, die woanders geboten werden, oder ob man Bereiche von hier vertiefen will. Es ist nicht die Gefahr, sich zu verlaufen, aber man muss verstehen, dass man die Gegenstandsbereiche, die man hier anpackt, erst mal in der Ausbildung im Studium exemplarisch lernt. Dass es nicht darum geht, darin gleich die Expertin zu sein, sondern daran zu lernen, wie es funktioniert. Dann hat man ein Rüstzeug, mit dem man sich auch andere Felder gut erschließen kann.

C.J.: Wir hatten es vorher schon von der Mathematik als eine Voraussetzung, die man mitbringen sollte. Gibt es noch weitere?

J.S.: Ja, Lesen, Schreiben habe ich schon erwähnt und das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es ist wirklich wichtig, dass man Sprachen mag, dass man liest, auch neben dem Studium. Wenn man viel liest, auch Belletristik, dann kriegt man ein anderes Sprachgefühl. Das gilt übrigens auch für den anderen Bereich, der noch sehr wichtig ist für dieses Studium, Englisch. Sie brauchen Englischkompetenz! Von der Schule bringen Sie etwas mit, mehr oder weniger, aber Sie sollten die Neugier und die Bereitschaft haben, diese Englischkompetenz auch im Praktischen auszubauen. Also: Reden und Schreiben und Lesen. Das heißt zum Beispiel, man liest auch mal einen Roman auf Englisch, nur um das Sprachgefühl zu kriegen, und sperrt sich nicht, wenn eine Hausarbeit in Englisch geschrieben werden soll und übt daran einfach. Niemand ist am Anfang perfekt, aber die Bereitschaft sich mit der Sprache auseinanderzusetzen, ist wichtig.

C.J.: Wenn man Soziologie beispielsweise als Hauptfach studiert, muss man sich auch ein Nebenfach aussuchen im Bachelorstudium. Welche Nebenfachkombinationen sind da sinnvoll oder werden häufig gewählt?

J.S.: Sehr häufig sind natürlich die Nachbarfächer Politikwissenschaft und Erziehungswissenschaft. Wir haben noch die Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen als eine Spezialität, die es nur ganz selten in Deutschland gibt. Auch das ist eine beliebte Kombination. Dann gibt es auch Menschen, die andere Kombis wählen, weil sie noch was anderes im Blick haben. Leute, die in den Journalismus wollen, machen vielleicht im Nebenfach Medienwissenschaften. Es gibt Leute, die naturwissenschaftliche Nebenfächer haben, weil sie irgendwas im Blick haben, was sie interessiert. Andere machen Theologie. Man sollte ja meinen, dass Theologie und Soziologie gar nicht zusammengehen, wenn wir Marx lesen und der sagt, Religion ist Opium des Volkes oder so etwas. Dann meint man, das geht nicht, aber es geht sehr gut zusammen. Genauso geht sehr gut zusammen Religionswissenschaften, wenn man aus einer wissenschaftlichen Perspektive auf Religiosität schaut. Das ist eigentlich ein Bereich soziologischen Denkens über Glauben und Religiosität. Da gibt es spannende Kombinationen. Wir haben hier in Tübingen eine große Vielzahl von Nebenfachmöglichkeiten und man ist damit nicht hundertprozentig festgelegt, wenn man dieses oder jenes Nebenfach belegt. Aber wenn man schon eine Idee hat, in welche Richtung man sich interessiert, ist es klug, ein Fach in diese Richtung zu wählen.

A.B.: Zur Evangelischen Theologie haben wir tatsächlich schon eine Folge aufgenommen. Also wen es interessiert oder wer da neugierig ist: Hört da gerne mal rein!

C.J.: Bei uns geht es in erster Linie um die Bachelor-Studiengänge und die bestmögliche Studienwahl dazu, aber das Thema Master ist natürlich auch wichtig und sinnvoll gleich mitzudenken. Würden Sie sagen, es ist wichtig, einen Master in Soziologie zu machen? Oder es ist für bestimmte Berufsfelder nötig?

J.S.: Grundsätzlich gilt wie in fast jedem Fach: Wenn man einen Master hat, dann kann man beruflich in der Regel höher einsteigen. Aber wir haben durchaus viele, die aus dem Bachelor nicht weitermachen mit dem Master. Es macht wahrscheinlich ein bisschen mehr als die Hälfte, die in Richtung Master geht, aber es geht auch ein nennenswerter Teil direkt in Beruf. Beruf, das heißt nicht in die Wissenschaft, dafür bräuchte man den Master. Beruf heißt zum Beispiel, dass man in Organisations- oder Personalabteilungen von Firmen wechselt oder in die Sozialadministration, also im Staat irgendwo aktiv ist. Oder dass man in Bildungseinrichtungen Bildungsarbeit macht, Fortbildungsgeschäft, Beratung all so etwas. Da gibt es eine große Vielzahl. Man kann auch von dort Richtung Journalismus loslaufen, muss vielleicht noch ein bisschen nachqualifizieren, praktisch und theoretisch. Da geht es schon los, aber in dieser großen Breite, die ich angedeutet habe. Der Master ist erforderlich, wenn man in Richtung Wissenschaft gehen will, eine Promotion anstrebt oder etwas in die Richtung, weil man im Master viel stärker die Forschungsmethoden lernt. Erst wenn man den Master gemacht hat, kann man wirklich auch selbstständig forschen, würde ich behaupten, und dann zum Beispiel eine Promotion angehen.

Berufsperspektiven (26:21)

C.J.: Dann würde ich sagen, widmen wir uns doch weiter dem Thema Berufsfelder, die nach dem Studium offen stehen, und hören uns an, was Tübinger Studierende für Vorstellungen haben, wo sie beruflich später landen könnten.

Studi 1: Danach kann ich mir zwei Richtungen vorstellen. Das eine wäre eher in Richtung Bildung, zum Beispiel als Referentin für Diversität. Ich habe auch schon ein Praktikum gemacht an der Landeszentrale für politische Bildung im Bereich Frauenpolitik. Oder ich gehe eher in Richtung Sozialforschung. Da habe ich auch schon ein Praktikum in einem Sozialforschungsinstitut gemacht.

Studi 2: Für mich ist es sehr spannend, das Fachwissen in Soziologie und vor allem in Ethnologie im journalistischen Bereich in der Berichterstattung anwenden zu können. Deswegen will ich mich in dem Bereich gern weiterentwickeln.

Studi 3: Ich möchte nach dem Studium in der Wissenschaft bleiben, möglicherweise als ein Sozial- oder Meinungsforscher in einem Institut oder an der Universität. Und ich fände die Arbeit mit Studierenden sehr spannend und die darin entstehende Atmosphäre des Austauschs. Deswegen fände ich das ziemlich cool.

A.B.: Gibt es im Studium viele, die sich innerhalb des Studiums erst orientieren? Diese diesen Zeitraum, diese Möglichkeit hat man?

J.S.: Ja, es kommen selten Menschen zu uns ins Studium, die am Anfang wissen, was sie wollen. Die erste Mühe besteht eigentlich darin, erst einmal deutlich zu machen, für was man sich eigentlich entschieden hat. Die Unterscheidung Sozialarbeit vs. Soziologie ist so eine stehende Redewendung bei uns. Wir haben am Anfang oft noch Studierende, die sagen: „Ja, ich studiere Soziologie, weil ich den Menschen helfen will.“ Das ist natürlich ein gutes Motiv, Menschen helfen zu wollen, aber das ist nicht primär das Anliegen der Soziologie. Die Soziologie versucht zu analysieren, wie Soziales, wie gesellschaftliche Prozesse verlaufen. Das ist hilfreich für die Gesellschaft und andere, die helfen wollen. Zum Beispiel in der Sozialarbeit oder in anderen Feldern, die brauchen dieses Wissen. Aber das ist nicht primär die Aufgabe der Soziologie, der Soziologinnen und Soziologen, praktische Hilfe zu leisten. Man muss die Orientierung klarkriegen. Dann kommen die Studierenden in Kontakt mit den verschiedenen Gegenstandsbereichen unseres Faches und finden in der Regel Dinge, die sie interessieren. Nach drei Jahren hat man in der Regel schon eine Vorstellung, wo man es spannend fände.

A.B.: Und wie kann zum Beispiel ganz konkret so eine Orientierung aussehen, wenn ich noch auf der Suche bin im Studium? Gibt es die Möglichkeit, Praxiserfahrung zu sammeln und wenn ja, in welchem Rahmen?

J.S.: Unser Studiengang hat ein Pflichtpraktikum. Man macht typischerweise so ungefähr im fünften Semester, wenn man schon ein bisschen Soziologie kann, ein mehrwöchiges Praktikum. Das ist verpflichtend. Man reflektiert das hinterher und schreibt einen Praktikumsbericht. Das ist für viele ein entscheidender Schritt, eine Verortung zu finden. Oft versuchen Leute, da wo sie ein Praktikum gemacht haben, die Richtung, die sie da ausprobiert haben, weiterzuentwickeln. Dann haben sie schon Anknüpfungspunkte für ein berufliches Netzwerk, erste zumindest. Das vereinfacht die Sache natürlich.
A.B: Wo Sie das jetzt schon anklingen lassen: Wie sind denn die Berufschancen? Wie leicht kommt man nach dem Studium in die Praxis?

J.S.: Mein Eindruck ist, von drohender Arbeitslosigkeit sollte man sich wirklich überhaupt nicht beeindrucken lassen. Das ist einfach nicht mehr der Fall. Wenn man sein Studium halbwegs ordentlich absolviert hat, dann stehen einem zwar nicht alle Türen offen, aber es stehen einem auf jeden Fall Türen offen. Es gibt keine nennenswerte Arbeitslosigkeit in unserem Feld, das war früher mal. Es gab Zeiten, da war es nicht so ganz einfach, als Soziologin oder Soziologe unterzukommen. Aber mittlerweile ist es aus meiner Wahrnehmung kein Problem mehr. Ein Problem ist eher, dass man in diesen drei Jahren seine Orientierung findet, wo man hin will und sich mit dem entsprechenden Nachdruck in dieses Feld hineinbegibt.

A.B.: Da Orientierung tatsächlich auch schon so ein Thema ist – das ist jetzt ein Experiment, diese Kategorie haben wir noch nicht gehabt – haben Sie, sagen wir, drei Stichworte für eine weitere Recherche? Das können Berufsorientierungssachen sein oder praktische Sachen oder auch ein Filmtitel oder irgendein Literaturtipp?

J.S.: Ja, da gibt es ganz Verschiedenes. Ich finde zum Beispiel für mich sehr inspirierend, einen alten Roman von Upton Sinclair, „Der Dschungel“ heißt er. Und da geht es um die Zustände in der Fleischindustrie im Chicago der Boomzeiten, Al Capone Zeit und davor, als Chicago massiv gewachsen ist, unendliche Migrantenströme in die Stadt hineinströmten, es große Slums gab und riesige Fleischfabriken. In diesen Fabriken ging es ziemlich übel zu und Upton Sinclair hat es in Form eines Sozialreportage-Romans beschrieben. Ein Roman, der auch Wirklichkeitseffekte hatte, weil die Gesetzeslage in Chicago angepasst wurde und die Restriktionen für die Fleischindustrie massiv verschärft wurden, mit Hygienevorschriften und so. Das ist ein richtiger fullflashed Blick in die Mitte der Gesellschaft. Was passiert da eigentlich? Das finde ich interessant. Und wenn man sich angucken will, wie Soziologen und Soziologen arbeiten, könnte man auch etwas Altes angucken, nämlich einen Film, der heißt „Einstweilen wird es Mittag“ von Karin Brandauer. Ein österreichischer Film. Da geht es um eine berühmte klassische Studie aus der Soziologie, die Marienthal-Studie, wo es um Arbeitslosigkeit geht. Ein ganzes Dorf wird plötzlich arbeitslos. Was passiert da eigentlich? Wie verändert sich die kleine Gesellschaft dieser kleinen Stadt im Angesicht einer plötzlich auftretenden allumfassenden Erwerbslosigkeit, weil alle Fabrikarbeiter auf einen Schlag entlassen werden? Hochgradig interessant, nicht nur was das Phänomen betrifft, sondern auch wie das Forscherinnen Team dort arbeitet. Daran kann man vieles lernen. Natürlich machen wir es heute nicht mehr so wie damals, aber man kann viele Grundprobleme der soziologischen Forschungsarbeit kennenlernen. Das finde ich sehr inspirierend.

C.J.: Das klingt spannend, den werde ich mir auf jeden Fall auch anschauen, den kenne ich noch nicht. Ich bin selber großer Filmfan.

J.S.: Ach so, dann natürlich noch Kitchen Stories, den vielleicht einige kennen. Kitchen Stories ist ein Film, der in Schweden und Norwegen spielt. Da geht es um einen schwedischen Küchenproduzenten, um eine Firma. Die wollen rausfinden, wie sie sich den Markt der alleinlebenden Männer erschließen können. Sie wissen aber nicht, was alleinlebende Männer in Küchen so treiben. Also rüsten sie ein großes Expeditionsteam aus, lauter Forscher. Die fahren mit einem Wagen, mit Caravan und einem Tennishochstuhl rüber nach Norwegen, vom Linksverkehr nach Rechtsverkehr nach Norwegen, und besuchen dort auf dem Land lebende einsame Männer in ihren dörflichen Häusern. Die bauen den Tennishochstuhl in der Küche auf, sitzen da oben und spielen sozusagen den neutralen Beobachter. Ja, sie gucken von oben nach unten, was die alle so machen, beobachten das, schreiben alles auf. Und dann kommt es natürlich zu Verwicklungen. Eigentlich sollen die ja keinen Kontakt haben mit „denen da unten“.

C.J.: Aber sitzen in der Küche.

J.S.: Aber natürlich gibt es dann Kontakt und es geht auch andersherum. Dann geht der Mann unten aus der Küche irgendwann in den ersten Stock bohrt ein Loch in die Decke und beobachtet jetzt den Beobachter. Faszinierend, ein wirklich toller Film, den wir auch immer gerne für unsere Studierenden zeigen.

A.B.: Ich hätte ja gedacht, dass auch Loriot noch mit drin ist, ich bin ja ein großer Fan und habe auch gesehen, dass Vicco von Bülow sogar Ehrenmitglied des Soziologieverbandes ist.

J.S.: Ich werde nicht müde das zu betonen, weil Vicco von Bülow tatsächlich jemand war, der einen hochgradig soziologischen Blick auf Gesellschaft hatte. Leider ist Loriot in der aktuellen Studierendengeneration nicht mehr ganz so bekannt. Aber es lohnt sich, unbedingt! Ich habe auch in jeder meiner Einführungen „Was ist Soziologie?“ für den Studientag immer einen Clip drin, von Loriot in der Badewanne. Meine Kollegin Maren Müller hat auch immer was von Loriot dabei, weil man daran so gut sehen kann, gerade auf dieser Mikroebene, wie Interaktion funktioniert, wie eins ins anders greift, wie bestimmte Vorurteile, die Kommunikation beeinflussen, welche Absurditäten dann auch daraus entstehen. Und dann ja, jetzt komme ich, glaube ich, schon mit diesem Zitat, das mir noch am Herzen liegt. Es passt nämlich hier sehr schön rein. Wenn man sich Loriot intensiv angeschaut hat, kann man eigentlich schon etwas erringen, was Peter L. Berger, ein Soziologe, die erste Stufe der Weisheit genannt hat. Die erste Stufe der Weisheit in der Soziologie ist, sagt er, dass die Dinge nicht sind, was sie scheinen. Und das finde ich, das kann man bei Loriot immer sehr schön sehen, weil es immer irgendwann umkippt und ins Absurde dreht.

C.J.: Dann würde ich sagen, wir nehmen das als schönes Schlusswort für diese Frage. Außer Alex, hast du noch eine Frage?

A.B.: Ich habe keine Fragen mehr und werde auf jeden Fall mit diesem Blick demnächst auch mal auf Loriot schauen.

C.J.: Und ich freue mich schon auf die Kitchen Stories und andere Filmvorschläge, die sie uns genannt haben. Und ich bedanke mich ganz herzlich, Herr Strübing, fürs Kommen und dass Sie uns und unseren Zuhörerinnen und Zuhörern Rede und Antwort gestanden haben und uns viel über Ihr Fach Soziologie erzählt haben.

J.S.: Ja, herzlichen Dank auch von meiner Seite. Ich würde alle, die sich für Soziologie interessieren, einladen unserem Instagram-Kanal zu folgen, wo wir immer wieder was Neues über das Fach Soziologie und über das Institut bringen. Da kann man, glaube ich, auch ein gutes Gefühl dafür kriegen, was Soziologie eigentlich ist.

A.B.: Können wir in den Shownotes verlinken.

C.J.: Wunderbar! Falls ihr ansonsten noch weitere Infos zu unserem Podcast oder zur Uni Tübingen und den Studienmöglichkeiten benötigt, geht auf www.uni-tuebingen.de/hoschulreif
Da findet ihr Infos zu unserem Podcast. Ansonsten, falls ihr Fragen oder Anregungen habt, schreibt uns eine E-Mail an hochschulreif@uni-tuebingen.de

Shownotes

Hier geht es zum Instagram-Kanal der Tübinger Soziologie: https://www.instagram.com/inside.soziologie/ und zur Seite der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Zitierte Titel aus den Insidertipps:

  • Brandauer, Karin (Regie): Einstweilen wird es Mittag, Österreich 1988.
  • Hamer, Bent (Regie): Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet), Norwegen/Schweden 2003.
  • Sinclair, Upton: Der Dschungel (Originaltitel: The Jungle), erschienen 1905/06.
  • Loriot (Künstlerpseudonym), Filme und Bücher siehe auch unter dem Klarnamen Vicco von Bülow.

Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.

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Folge #04: Mathematik

Was unterscheidet die Hochschulmathematik von Mathe in der Schule? Welche Herausforderungen gibt es im Mathestudium? Und wie kreativ kann so ein Studium sein? Zu Gast für unsere Folge über das Studienfach Mathematik ist Professor Dr. Thomas Markwig. Er gibt Einblicke in die verschiedenen Bereiche der Mathematik, in Vorzüge und Herausforderungen des Studiums sowie in mögliche Berufsperspektiven. Außerdem verraten Studierende, was ihnen am Mathestudium am besten gefällt und wie ihre Berufswünsche aussehen.

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Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer der Uni Tübingen bieten ein Orientierungsangebot speziell für MINT-Fächer an, bei dem MINT-Studierende Deine Schule besuchen und von ihren Studieneindrücken berichten.

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Folge #03: Jura / Rechtswissenschaft

Stimmt es, dass man mit einem Abschluss in Jura beruflich später alles machen kann? Wie lange dauert so ein Studium eigentlich? Und wie sieht eine typische Woche im Jurastudium aus? Über alle Fragen rund ums Jurastudium sprechen wir mit dem Tübinger Studienfachberater Daniel Höfer. Im Vorfeld haben wir Studierende für euch gefragt, warum sie sich für ein Jurastudium entschieden haben, was sie in ihrem Studienalltag so machen und welche Berufswünsche sie haben.

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Folge #02: Evangelische Theologie

Wie viele alte Sprachen muss ich im Theologiestudium lernen? Und wie wichtig ist mein Glaube für das Studium? Über diese und andere Fragen sprechen wir mit unserem Studiogast Professor Dr. Volker Leppin zum Studienfach Evangelische Theologie. Außerdem berichten Tübinger Studierende über ihre Beweggründe für ein Theologiestudium, was sie an ihrem Studium begeistert und wohin sie beruflich damit möchten.

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Folge #01: Germanistik / Deutsch

Ist Germanistik eigentlich ein "Laberfach"? Und was macht man später überhaupt damit? Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen erfahrt ihr in unserer ersten Folge von "hochschulreif". Für das Studienfach Germanistik/Deutsch haben wir Professorin Dr. Annette Gerok-Reiter eingeladen. Mit ihr sprechen wir unter anderem darüber, was sie selbst zum Studium motiviert hat, was ihr im Studium so alles lernt und in welchen Berufsfeldern Germanistinnen und Germanisten arbeiten können. Zu allen Themen hört ihr auch Statements von Tübinger Studierenden.

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Alexandra Becker: Herzlich willkommen bei „hochschulreif“, dem Tübinger Podcast zur Studienwahl. Wir stellen euch hier in jeder Folge ein Studienfach vor, damit ihr euch vorstellen könnt, was euch im Studium etwa erwartet. Wir, das sind mein Kollege Christoph Jäckle und ich, Alexandra Becker. Hallo Christoph!

Christoph Jäckle: Hallo Alex!

A. B.: Wir beide sind vom Team der Zentralen Studienberatung der Uni Tübingen und laden uns in jeder Folge einen Gast ein, mit dem wir über das jeweilige Fach sprechen. Heute dreht sich alles um das Fach Germanistik. Dazu haben wir uns Professorin Annette Gerok-Reiter eingeladen. Annette Gerok-Reiter lehrt die deutsche Literatur des Mittelalters und hat sogar selbst an der Uni Tübingen studiert. Damit ist sie heute genau richtig hier bei uns. Frau Gerok-Reiter wir freuen uns, dass Sie heute da sind.

Annette Gerok-Reiter: Ja, schön, ich freue mich auch.

Persönliche Motivation (0:53)

A. B.: Wir sind schon sehr gespannt zu hören, warum Sie Germanistik studiert haben. Zuvor haben wir Studierende gefragt, warum sie sich für das Deutschstudium entschieden haben. Und Folgendes haben wir gehört:

Studi 1: Darauf habe ich wahrscheinlich die typischen Antworten, nämlich, dass zum einen Deutsch schon immer mein Lieblingsfach in der Schule war und zum anderen habe ich auch schon immer gerne gelesen.

Studi 2: Ich war nach der Schule unentschlossen, was ich studieren wollte und habe dann erst mit Physik angefangen, parallel Germanistikveranstaltungen besucht und mich dann letztlich dazu umentschieden.

Studi 3: Ich habe mich dazu entschieden Germanistik zu studieren, weil ich mich schon immer für alle möglichen Sprachen und auch Literatur begeistern konnte. Besonders viel Spaß hat es mir damals in der Schule gemacht, literarische Texte auch in der Theater-AG schauspielerisch umzusetzen.

Studi 4: Also ganz klassisch lese ich natürlich gerne. Ich schreibe auch sogar gerne. Ich finde Sprache auch extrem interessant, sowohl wie sie entstanden ist, als auch wie sie funktioniert. Da ist Germanistik einfach die naheliegende Wahl und ich bereue es auch nicht.

Studi 5: Mir hat das Fach Deutsch in der Schule von Anfang an immer großen Spaß gemacht und ich habe mir vor dem Studium mal eine Vorlesung an der Uni angeschaut. Das war in der Einführungsvorlesung der Sprachwissenschaft und das hat mich dann noch einmal mehr dazu motiviert.

C. J.: Frau Gerok-Reiter, Sie haben ja selbst auch Germanistik studiert, damals auch in Tübingen und vermutlich noch nicht modularisiert als Bachelorstudiengang, sondern noch auf Magister. Wie sind Sie denn selbst damals zu Ihrer Studienentscheidung gekommen?

A. G-R.: Ja, in der Schule habe ich ganz gern Mathe gemacht, also einen ganz anderen Bereich, aber eben auch Deutsch. Und dann war da schon die Wahl: In welche Richtung soll ich gehen? Und da hat eben doch das Fach Deutsch den Ausschlag gegeben. Der Umgang mit der eigenen Sprache, das war mir sehr wichtig. Ich war immer davon fasziniert: Wie funktioniert die eigene Sprache? Ich fand das so interessant, weil man da ganz besonders detailliert hineinschauen kann. Man meint viel zu kennen und merkt dann plötzlich auch die eigene Sprache ist irgendwie ein merkwürdiges Gebilde, ein Faszinosum. Und da genau hinzuschauen, wie das geht, dass aus dem Deutschen ein literarischer Text wird, ein Gedicht etwa, das dann ganz viel Emotion vermittelt. Das fand ich faszinierend. Aber auch, wie funktioniert überhaupt ein ordentlicher Satz? Was gehört dazu, dass wir uns untereinander gut verstehen? Wie kriegen wir das hin, dass es nicht dauernd in der Kommunikation Missverständnisse gibt? Dieser Bereich Sprache, wie funktioniert die auf verschiedenen Ebenen, das hat mich total fasziniert. Und vielleicht kann man auch anfügen, Lesen war natürlich ein wichtiger Punkt, aber ich fand auch sehr interessant in dem Bereich des Faches Deutsch, dass man ja mit vielen unterschiedlichen zeitlichen Kulturen im eigenen Sprachfeld zu tun hat. Das Fach Germanistik geht ja auch weit zurück in die Geschichte, geht bis ins achte Jahrhundert zurück und wieder bis in die Gegenwart. Man begegnet im eigenen Feld sehr verschiedenen Sprachstufen, aber eben auch Kulturen. Und diese Auseinandersetzung mit anderen Kulturen fand ich ungemein wichtig, weil sie auch immer wieder auf die Frage zurückführt, wie ist unsere Gegenwart heute gestaltet? Wie stehe ich in meiner eigenen Sprache und Kultur? Wie hat mich diese Sprache und Kultur geformt? Dann auch die Frage, was macht Sprache, was macht die deutsche Sprache, die deutsche Kultur, in der die Sprache eine wesentliche Rolle spielt, mit uns, mit mir selbst? Damit auch der Weg zu sich, der hat mich quasi in das Fach Deutsch geführt.

C.J.: Also man merkt Ihnen auf jeden Fall nach wie vor an, dass Sie eine ganz große Begeisterung für das Fach Germanistik bzw. das Fach Deutsch haben, die damals dann ja auch ganz offensichtlich für diese Studienwahlentscheidung wegweisend den Ausschlag gegeben hat. Wir haben jetzt schon mehrfach die Begriffe Germanistik und Deutsch verwendet. Vielleicht können Sie kurz zusammenfassen, was denn eigentlich der Unterschied zwischen Germanistik und Deutsch ist?

A.G-R.: Ja, im Grunde genommen geht das in eins. Germanistik ist der etwas weiterreichende Begriff. Das Deutsche gehört zu den sogenannten germanischen Sprachen, wie auch das Englische, das Dänische und so weiter. Es ist ein Teilbereich dieser großen germanischen Sprachfamilie und daher kommt dieser etwas ältere oder weitreichendere Name Germanistik. Deutsch bezieht sich dann vor allem auch auf das Lehramtsstudium, das eben das Fach Deutsch betrifft.

C.J.: Das heißt ganz simpel zusammengefasst, dass wenn ich auf Lehramt studiere, dann studiere ich Deutsch auf Lehramt und wenn ich mich für Germanistik entscheide, dann ist das eben das wissenschaftliche Fach Germanistik. Aber insgesamt ist es inhaltlich eigentlich relativ das Gleiche?

A.G-R.: Ja, das geht ganz zusammen. Die Trennung, die Sie aufgezeigt haben, kann man so im Prinzip ansetzen. Aber inhaltlich überlagern sich diese beiden Studiengänge, Lehramt bzw. Bachelor of Education und Bachelor oder Master of Arts, ganz stark. Viele Kurse werden gemeinsam abgehalten.

Studieninhalte (6:15)

C.J.: Wir haben Studierende auch gefragt, wie denn bei ihnen ein typischer Studienalltag, eine Studienwoche aussieht, sowohl bei Deutsch-auf-Lehramt-Studierenden als auch bei Germanistikstudierenden. Hören wir mal rein.

Studi 1: Vielleicht denkt man beim Germanistikstudium als erstes an die Klassiker wie Goethe und Schiller. Aber man beschäftigt sich nicht nur mit denen, sondern auch mit ganz vielen anderen Schriftstellern und literarischen Werken. Außerdem hat man auch einen Teil zur mittelhochdeutschen Literatur und zur Linguistik, bekommt also einen ganz umfassenden Einblick.

Studi 2: Eine Woche ist schon abwechslungsreich, da ich nach Interesse verschiedene Veranstaltungen in den verschiedenen Bereichen der Germanistik frei zusammenstellen kann.

Studi 3: Ich habe beispielsweise montags ein tolles Seminar zu Sprachlehrmethoden im Bereich Deutsch als Zweitsprache und donnerstags ein Literaturseminar zu Shakespeare. Und ich mag daran besonders das Arbeiten mit dem Text und auch das Zerlegen der einzelnen Szenen.

Studi 4: Man liest natürlich sehr viel und was auch echt cool ist, dass man sehr frei ist in seinem Stundenplan.

A.B.: Wir haben jetzt schon aus ganz verschiedenen Bereichen des Studiums von Studierenden gehört, was sie so im Studium machen. Aber gehen wir da noch mal einen Schritt zurück. Ganz allgemein, was machen denn Germanisten oder Germanistinnen eigentlich? Wozu dient das Studium?

A.G.-R.: Das Studium dient natürlich in erster Linie dazu, die eigene beziehungsweise die deutsche Sprache, die meistens, aber nicht immer Muttersprache ist, kennenzulernen. Und zwar sowohl im Bereich des Linguistischen, also des Sprachwissenschaftlichen, indem man sich fragt, wie funktioniert genau diese Sprache? Was muss zusammenkommen, dass wir uns verstehen, dass die Sprache sozusagen auch zielgerichtet ausgeführt werden kann? Welche Operationen sind da durchzuführen? Oder welche Vorgaben bringt die deutsche Sprache auch mit? Das ist der eine Bereich und der andere Bereich ist eben eher der literarische Bereich, den die Literaturwissenschaften in diesem Feld verfolgen. Die mittelalterliche Literatur wird da angeschaut, aber auch die neuere Literatur. Da ist die Zeitgrenze ganz grob so um 1500 oder im 16. Jahrhundert. Und in diesen literarischen Feldern fragt man vor allem danach, wie es gelingen kann, dass Wörter kombiniert werden – um es einmal ganz einfach zu sagen – und aus einer Kombination von Wörtern dann ein Kunstwerk entsteht, das sehr viel mehr aussagen kann, als eine reine Aussage es vermag. Ein Beispiel, wenn ich sage: „Ich liebe dich.“, dann ist das sozusagen eine Allerweltsplattitüde unter Umständen. Wie machen das etwa Gedichte, dass sie das, was ein einfacher Satz sehr direkt sagen möchte, so ausdrücken, dass sehr viel mehr an Emotionsnuancen herüberkommt, an Gefühlsfeldern, an Wünschen, an Sehnsüchten, als das, was ein ganz einfacher Satz mitbringt. Das herauszukriegen finde ich unglaublich faszinierend. Was muss da passieren in verschiedenen Zeiten, um sehr viel mehr zu sagen als „Ich liebe dich“? Was heißt Liebe? Was muss dazukommen, damit auch beim Rezipienten wirklich etwas gefühlsmäßig sozusagen losgeht, dass man in gewisser Weise getriggert wird. Dann auch zu überlegen, ja, was ist denn eigentlich Liebe? Was meine ich damit? Was meinen andere Zeiten und andere Kulturen und Literaturen damit? Das ist ein Faszination an diesem Feld Sprache in ganz verschiedenen Bereichen, im Funktionalen, aber auch im Künstlerischen. Das ist es, womit man sich vor allem beschäftigt.

A.B.: Ja, das ist ein schönes Beispiel, das sich eigentlich in alle Bereiche des Studiums ausdehnen lässt. Vielleicht können wir die verschiedenen Bereiche, die im Studium absolviert werden, fachlich auch noch mal benennen und was der Zugang in die jeweilige Perspektive ist.

A.G.-R.: Ich deutete das eben schon an. Ein großer Bereich, das ist die Linguistik, die Sprachwissenschaft, die quasi funktional zergliedernd fragt: Wie funktionieren das Sprechen und die Sprache an und für sich? Was muss passieren, um den Satz „Ich liebe dich“ ordentlich zu gestalten und so zu gestalten, dass er auch zu verstehen ist. Das ist natürlich interessanter, wenn man sehr viel komplexere Sätze vor sich hat oder das Thema missversteht, was ich vorhin auch schon angewandt habe. Wann führt ein solcher Satz etwa zu Missverständnissen? Das ist ja nun eine Situation aus dem alltäglichen Leben. Missverständnisse kommen ganz oft vor. Welches Weltwissen, welches Vorverständnis braucht man, um Aussagen sinngerichtet, dem Rezipienten oder dem Hörer zuzuführen? Und die anderen beiden Bereiche sind, wenn man die Hauptbereiche anschaut, der Bereich der älteren deutschen Literatur, der sogenannten Mediävistik, und der Bereich der neueren deutschen Literatur, die eben die Literaturen ab 1500 oder ab dem 16. Jahrhundert umfasst. Diese drei Hauptgebiete werden in der Tübinger Germanistik noch von anderen Bereichen flankiert. Man kann auch innerhalb des Deutschstudiums kombinieren, das Studium des Deutschen zum Beispiel mit den internationalen Literaturen. Es gibt auch den Zweig Deutsch als Zweitsprache. All das kann integriert werden in die Studiengänge des Deutschen Seminars beziehungsweise des Faches Deutsch.

A.B.: Ich komme nochmal zurück auf die Zugänge, auf die verschiedenen Methoden, mit denen man wissenschaftlich arbeitet. Haben Sie da vielleicht noch aus dem einen oder anderen Bereich ein anschauliches Beispiel, was man tatsächlich dann mit dem Text macht? Wie komme ich da ran? Mit welchem Instrument?

A.G.-R.: Ich gehe jetzt mal stärker auf die Literaturwissenschaften ein, die ja auch mehr mein Feld sind. Wobei ich von der Genese auch sagen kann, ich war lange Zeit in der neueren deutschen Literatur zugange, bin dann erst später in die Mediävistik gewechselt, kenne also beide Felder recht gut. Die Zugänge. Das Wichtigste ist, dass man liest und liest und liest. Also ganz nah an die Texte herankommt. Und zwar, wenn man den linguistischen Bereich dazu nimmt, egal welcher Textbereich das ist, egal ob es ein Zeitungsartikel ist, eine Analyse eines Fernseh- oder Radiointerviews, einer Fernsehaufzeichnung ist oder ob das ein literarischer Text im emphatischen Sinn ist: Man muss nah an die Sprache ran. Im literarischen Bereich sage ich gern: Man muss die Sprache schmecken! Man muss also eine Art durchaus sinnliche Beziehung zur Sprache entwickeln, gerade wenn man es mit Kunstwerken zu tun hat, um dann heraus zu analysieren. Das ist wieder eher der rationale Bereich: Was passiert denn da, dass ich so affiziert werde und dass mich ein, sagen wir mal 15-zeiliges Gedicht ungemein anspricht? Und das Zweite, was im literarischen Bereich sehr wichtig ist, dass man immer konfrontiert ist, auch mit den verschiedenen, nennen wir es mal Kulturmustern, die in einem Text transportiert werden oder die dessen Grundlage bilden und die einerseits in die verschiedenen Kulturen und Zeiten, mit denen man im Studium konfrontiert wird, hineinführen, aber andererseits auch immer in den Vergleich mit der eigenen Zeit führen. Also nochmal um bei diesem Beispiel des Liebesthemas zu bleiben, wie ist heute unser Kulturmuster des Liebens? Ist es nur ein Kulturmuster oder sind es ganz viele? Was sagen die heutigen Literaturen, die heutigen Texte darüber? Auch im Vergleich mit Lebensformen natürlich. Und wie sieht es aus, wenn wir ins 19. Jahrhundert gehen? Wie sieht es aus, wenn wir ins 16. Jahrhundert gehen? Oder wie sieht es aus, wenn wir ins Mittelalter gehen? Welche Kulturmuster der Partnerschaft treffen wir dort an? Und da Einblick zu gewinnen und dann eben vergleichend an die Gegenwart heranzuhalten, das ist ungemein spannend. Das ist auch der Ort, wo Selbstbegegnung stattfindet in der Auseinandersetzung mit fremden Zeiten, Sprachstufen und Kulturen.

A.B.: Ja, das hört sich auch schon nach einem Feld an, in dem man wahrscheinlich zeitlebens nicht auslernt. Jetzt ist die Frage, so ein Studium ist ja begrenzt, wie lange dauert denn das Studium?

A.G.-R.: Da gibt es im Grunde genommen klare Vorgaben. Für die Bachelor-Studiengänge, egal ob Bachelor of Arts oder Bachelor of Education, sind sechs Semester vorgesehen. Aber man kann auch ohne Probleme länger studieren. In der Regel sind es doch fast immer bis zu acht Semestern, die hier angesetzt werden. Im Masterbereich ist die reguläre Studienzeit auf vier Semester angesetzt. Auch da kommt es durchaus vor, dass einmal fünf oder auch sechs Semester studiert werden. Manche schaffen es auch tatsächlich in der Gesamtregelzeit von zehn Semestern Bachelor und Master zu absolvieren.

A.B.: Jetzt haben wir ja schon diese Zweiteilung von Bachelor und Master, sowohl in dem System auf Arts als auch auf Education. Wie ist das denn? Reicht der Bachelor oder ist es wichtig, auch den Master zu machen?

A.G.-R.: Im Bereich Bachelor/Master of Arts, außerhalb des Lehramts, kann man durchaus mit dem Bachelorabschluss von der Uni gehen, hat etwas Tolles in der Tasche und kann dann in Berufsfelder wechseln. Das kommt immer wieder vor und ist einfach ein gutes Angebot für diejenigen, die sagen „Ja, mein Koffer ist gepackt, ich kann jetzt schon ins Berufsleben gehen. Für das, was ich machen will, bin ich gut ausgestattet“. Schwierig ist es im Lehramt, da braucht man in jedem Fall den Master of Education noch zusätzlich, um dann ins Referendariat zu gehen. Die meisten sind aber, das muss man schon sagen, so fasziniert vom Bachelorstudium, dass sie auch weiter studieren wollen. Manche wechseln in andere Masterbereiche, das kommt durchaus vor und ist auch eine sehr schöne Möglichkeit. Andere machen im Bereich der Germanistik weiter, um einfach nochmal vertieft in die Felder hineinzugehen, die man sich schon erschlossen hat. Also man kann nach dem Bachelor, wenn es nicht Lehramt ist, auch von der Uni gehen. Aber oft ist die Neugier da gerade entfacht, ist auch die Faszination angekommen. Man fängt an, sich wohlzufühlen in den verschiedenen Sektionen, die einem angeboten werden. Denn das überrascht einen oft, wenn man ins Fach Deutsch hineinkommt oder in die Germanistik, wie verschieden die Angebote sind, die einem offeriert werden. Und wenn man das einmal gemerkt hat, dann will man auch alles auskosten und macht noch weiter.

A.B.: Ich ergänze noch kurz zum Referendariat. Wer den Begriff nicht kennt, das ist der Vorbereitungsdienst an den Schulen, also die praktische Ausbildung zum Lehrer, zur Lehrerin, die jeweils nochmal mit dem Staatsexamen abgeschlossen wird.
Persönliche Voraussetzungen (18:58)
Unsere Germanistikstudierenden in Tübingen haben wir gefragt, was sie denn am Studium begeistert und hören uns da nochmal an, was sie gesagt haben.

Studi 1: Was mich am meisten am Germanistikstudium begeistert, ist glaube ich, der Austausch mit den anderen Studierenden, also vor allem die Diskussion und das ins Gespräch kommen über Literatur.

Studi 2: Was sehr cool ist, dass man, wenn man gerne liest, quasi einfach sein Hobby studiert mit anderen.

Studi 3: Mir macht es einfach Spaß mich mit Literatur zu beschäftigen und ich finde, man kann ganz oft einfach was für sich persönlich aus Literatur ziehen.

Studi 4: Mich begeistert vor allem die Vielfalt der ganzen unterschiedlichen Texte der Literatur, von lustigen mittelalterlichen Erzählungen bis hin zu Texten, die einen nachdenklich stimmen.

Studi 5: Ich mag am Germanistikstudium, dass man sein Verständnis für die eigene Sprache, aber auch generell für Literatur stark vertieft, indem man beides in anderen Sprachstufen analysiert.

C.J.: Frau Gerok-Reiter, ganz kurz zusammengefasst in drei Begriffen, welche Voraussetzungen sollte man als Studienanfänger mitbringen, wenn man sich für ein Germanistikstudium interessiert?

A.G.-R.: Interesse an der eigenen Sprache. Man sollte gerne lesen, auf jeden Fall. Und ein großes Interesse an der Auseinandersetzung mit der eigenen Kulturtradition, das wären die drei Punkte, die ich nennen würde.

C.J.: Manche Kritiker oder manche Menschen werfen der Germanistik oder auch anderen geisteswissenschaftlichen Fächern vor, das seien Laberfächer und alles ist reininterpretiert oder gar nicht so haltbar. Was würden Sie denen entgegnen?

A.G.-R.: Oh ja, das ist ein Vorwurf, über den ich lächeln muss. Ja, natürlich, man redet viel. Aber das ist gut! Das ist das Forum, wo wir auch versuchen zu vermitteln oder worin die Studierenden geübt werden sollen: Wie argumentieren wir? Wie sprechen wir? Wie nehmen wir uns ernst im Gespräch? Was ist ein gutes Argument? Diese Fragestellung teilen wir etwa auch mit der Rhetorik und das ist zentral in unserer öffentlichen und demokratischen Auseinandersetzung. Ich finde, wir merken das in den heutigen Zeiten mehr denn je! Was heißt gutes Argumentieren? Ein Argumentieren, das auch Respekt hat vor der Meinung des anderen. Natürlich versuchen wir das, was wir als Meinung von uns geben, wissenschaftlich zu fundieren. Das ist der zweite Strang: Wie fundiert man ein Argument wissenschaftlich? Das heißt vor allem, wie legen wir offen, auf welchen Grundlagen wir argumentieren? Das finde ich auch einen ungemein wichtigen Akt, gerade in der heutigen Zeit, wo wir sehen, wie Fake News rauf und runter vermittelt werden. Das ist nicht wissenschaftlich. Wissenschaftlich heißt, ich habe eine Meinung, aber ich habe nicht nur einfach eine Meinung, sondern ich kann sie begründen. Und auch das reicht noch nicht. Als Drittes lege ich offen, was meine Voraussetzungen sind, um die Begründungen aufzubauen. Das ist ein hochkomplexer Prozess, den man ganz besonders schulen kann in der eigenen Sprache, weil man da nicht ständig drüber nachdenken muss, welche Vokabeln man nutzen muss. Man kann sehr vertieft in dieses Feld hineingehen und man muss es besonders sorgfältig tun, weil man mit Stoffen zu tun hat, die oft künstlerisch geformt sind, wo man in sehr subtile Bereiche hineinkommt und wo man genau lernen muss, nicht nur zu sagen, mir gefällt das Gedicht oder der Text ist schön, tut mir gut, lese ich gern am Strand liegend, sondern man muss sehr differenziert am Ende sagen können, warum der Text einen genau fesselt. Ist es die Sprachstruktur? Sind es die Satzgefüge? Sind es die Themen Liebe, Tod, Genderrollen und so weiter? Das bieten die Literaturen, diese großartigen Themen. Wie kommt es zustande, dass ich gepackt bin und auch gerne mit anderen über diese Texte spreche? Man redet viel, ja. Aber es ist genau diese Schulung, zu unterscheiden, was heißt labern und was heißt argumentieren. Und das ist eine Kenntnis, die man meines Erachtens in ganz fundamentaler Weise in andere Berufsfelder mitnehmen kann und soll. Das ist die Stärke der Germanisten, die dann in andere Felder einzubringen ist.

Berufsperspektiven (23:42)

C.J.: Ja, wenn wir schon dabei sind, Vorurteile zu widerlegen. Ein anderes Vorurteil, das man manchmal hört, ist, dass Germanisten oder Geisteswissenschaftler nach dem Studium vor allem als Taxifahrer im Berufsfeld tätig sein sollen. Wir haben Studierende der Germanistik gefragt, ob sie selbst schon berufliche Pläne nach ihrem Studium haben und unterhalten uns gleich darüber, was man denn außer Taxifahren sonst noch so machen kann nach seinem Studium.

Studi 1: Ich werde später einmal Lehrerin und freue mich schon sehr darauf, den Kindern und Jugendlichen Literatur, Textverständnis und auch Grammatik beizubringen.

Studi 2: Ich strebe eine akademische Laufbahn an, insofern würde ich eigentlich gern Professor werden. Jedoch halte ich es mir auch offen.

Studi 3: Ich studiere Germanistik im Bachelor of Education, mein zweites Fach ist Spanisch. Das heißt, mein Berufswunsch ist Lehrerin am Gymnasium.

Studi 4: Ich studiere gerade in erster Linie einfach, weil es mir sehr viel Spaß macht. Also ich halte mir meine Möglichkeiten offen, könnte mir aber sehr gut vorstellen, mal in einem Verlag oder in einer Bibliothek zu arbeiten.

Studi 5: Ich habe fest vor Lehrerin zu werden und sehe mich auch total in dem Beruf. Falls ich mich allerdings doch noch umentscheide, kann ich mir gut vorstellen im Journalismus zu arbeiten.

Studi 6: Also ich studiere Germanistik im Bachelor of Arts. Mich persönlich würde besonders das Kulturmanagement interessieren.

A.B.: Jetzt haben wir schon verschiedene Berufswünsche gehört. Was sind denn so die typischen Berufsfelder, in denen Germanistinnen oder Germanisten arbeiten?

A.G-R: Ja, es wurde sehr viel gesagt, natürlich ganz wichtig der Zweig der Schule, das ist ganz klar das Fach Deutsch. Dann wurde auch schon gesagt Kulturmanagement, Zeitungen, Radio, Fernsehen, die ganzen Medien kann man von dem Fach Deutsch aus bespielen und mitbespielen. Auch der Bereich, denke ich, der Fremdsprachenintegration in den Kulturbereich des Deutschen ist sehr wichtig. Kulturmanagement in dem Sinne, dass wir von unseren Angeboten auch sehr viel mit anderen Kulturen zu tun haben und da ein Instrument entwickeln, dass Fremde als Fremdes ernst zu nehmen, Mittel finden, wie man es verstehen kann, ohne es etwa zu okkupieren. Das finde ich, sind Voraussetzungen, die sehr wichtig sind im Bereich der Arbeit mit und in anderen Kulturfeldern. Und ich möchte noch ein weiteres Feld nennen, das Feld der Industrieberatung, das Feld des Coachings, auch Felder, die genuin gar nichts mit dem Fach Deutsch zu tun haben. Wir erleben immer mehr Abgänger und Abgängerinnen, die in diese Felder gehen. Und ich glaube, man muss realisieren, dass das Fach Deutsch eine ganz breite Möglichkeit hat, Grundlagen zu vermitteln. Und diese Grundlagen bestehen oft darin, sehr flexibel und kreativ Lösungen für Probleme zu suchen. Das klingt jetzt sehr allgemein, aber ich halte es für fundamental und man sollte es sehr wertschätzen, kreativ auf schwierige Situationen einzugehen. Das höre ich etwa von Leuten, die in den Coachingbereich gehen oder auch in den industriellen Bereich, etwa in die Werbebranche. Wie gehe ich mit einem Problem um und wie finde ich sehr schnell zu Denkformen, die etwas alternativ sind, die einen gewissen Pepp hineinbringen, die erlauben, einmal in eine ganz andere Richtung zu denken. Diese Übung im Denken auch mal auf ganz anderen Wegen, das ist etwas, was im Bereich des Studiums sehr stark gefördert wird.

A.B.: Ich glaube, an der Stelle ist es vielleicht auch Zeit für ein Outing, denn Christoph und Frau Gerok-Reiter, Sie wissen, dass ich selber auch Germanistik studiert habe, heute in der Zentralen Studienberatung arbeite und nun hier mit Ihnen sitze und diesen Podcast mache.

A.G.-R.: Ich würde gerne noch etwas nachsetzen zu dem, was ich eben gesagt habe. Ich glaube, beim Lehramtsstudiengang ist immer klar, wohin der Weg führt. Es ist aber für viele, die im Bachelor of Arts anfangen, tatsächlich am Anfang nicht immer nur ein schönes Gefühl, gar nicht zu wissen, wohin die Reise geht. Und da ist meine Erfahrung, das muss man eine Weile aushalten und vielleicht auch irgendwann genießen, diese Freiheit. Ich bin noch nicht festgelegt und ich darf einfach mal rechts und links gucken, um dann zu sehen, dass man tatsächlich aus dem Fach Deutsch heraus so eine breite Plattform, ein so breites Angebot bekommt, wie wir das jetzt eben auch gehört haben, um dann sehr differenziert und sehr auf die eigenen Wünsche zugeschnitten, doch Richtungen zu finden. Da ein bisschen Mut haben, ins Ungewisse zu gehen. Die Antworten kommen! Es ist vielleicht eine ganz schöne und inzwischen seltene Möglichkeit, sich auch diese Zeit nehmen zu dürfen.

A.B.: Ja, ich kann das sehr bestätigen! Es ist Fluch und Segen zugleich, aber den Segen manchmal zu sehen, ist auch wichtig. Ganz richtig.

C.J.: Und es schadet auf jeden Fall nicht, wenn man sich für so ein Fach, gerade wenn man im Bachelor studiert, mit der Zeit schon mal ein paar Sätze zurechtzulegen, die man den Eltern oder Freunden oder auf Familienfesten erzählen kann, was man denn damit alles machen könnte, auch wenn man es selbst noch gar nicht genau weiß.

A.B.: Da sind wir auch bei der Frage nach den Berufschancen bzw. wie ich meine Chancen verbessern kann. Wie sieht es denn mit der Praxis im Studium aus? Gibt es Raum für Praktika oder gibt es vielleicht sogar ein Pflichtpraktikum, das absolviert werden muss?

A.G.-R.: Generell stehen die Praktika nicht ganz im Vordergrund. Es ist eben ein wissenschaftliches Studium. Aber erstens, ganz viele Studierende machen Praktika in den Semesterferien. Das wird von uns auch sehr empfohlen, damit man frühzeitig die Berufswelt kennenlernt, frühzeitig sieht, in welche Richtung es gehen könnte und mit diesem doppelten Portfolio, einerseits Studium, andererseits Erfahrung in den Praktikumsbereichen, seine Aussichten auf Anstellung entschieden verbessert. Es wird also empfohlen, viele setzen das um. Das kann man zeitlich in den Semesterferien schaffen. Es gibt aber auch Studiengangsbereiche, in denen Praktika auch formal integriert sind und man dafür auch ECTS erwerben kann. Ein Beispiel ist etwa der Master Deutsche Literatur. Da ist eine ganze Spannweite an ECTS vorgesehen, die man über Praktika einspeisen kann. Auch im Master Literatur und Kulturtheorie ist das möglich. Und auch die Linguisten arbeiten immer wieder und intensiv mit praktischen Angeboten, etwa indem einzelne Studierende in Forschungszusammenhänge eingebunden werden, die in der Linguistik auch sehr praxisorientiert angesetzt werden. Also Praxis gehört nicht genuin zum Studium, ist aber in manchen Studiengängen durchaus verankert und wird in jedem Fall sehr stark aufgegriffen und kombiniert. Im Lehramt hat man natürlich die Praktika an den Schulen, da ist es auch dezidiert festgeschrieben, dass das dazugehört. Also man sitzt keineswegs nur hinter Büchern. Das wäre eine ganz falsche Vorstellung. A führen Bücher und Texte immer wieder ins Leben zurück und B erreicht man selber sozusagen die praktischen Felder über Praktika.

A.B.: Ich schiebe noch mal hinterher: Je nach Studiengang gibt es ein Pflichtpraktikum, beispielsweise im Bachelor of Education, im Bachelor of Arts gibt es das Pflichtpraktikum nicht. Es gibt aber andere Möglichkeiten, dann auf freiwilliger Basis das zu absolvieren und die ECTS, von denen Sie gerade gesprochen haben, das sind sogenannte Leistungspunkte, nur damit das die Schülerinnen und Schüler einmal gehört haben. Danach wird der Leistungsaufwand im Studium berechnet. Damit werden sie dann im Studium häufiger zu tun haben.

C.J.: Ich glaube, damit haben wir auch schon einen sehr umfassenden Einblick in das Studium und all die verschiedene Inhalte bekommen. Frau Gerok-Reiter, ganz herzlichen Dank, dass Sie heute bei uns waren. Alex, hast du noch irgendeine Frage, die dir auf dem Herzen brennt?

A.B.: Nein, für mich ist alles beantwortet. Vielen Dank, Frau Gerok-Reiter.

A.G.-R.: Ich danke auch und ich lade sozusagen alle ein. Probieren Sie es aus. Das Fach Deutsch bietet so viel, Sie werden sicher satt werden.

C.J.: Das ist doch ein wunderbar schönes Schlusswort. Ganz lieben Dank fürs Zuhören! Weitere Infos gibt es auf den Webseiten des Deutschen Seminars der Uni Tübingen. Auch auf der Website zum Bereich Studium der Uni Tübingen. Und ansonsten schreibt uns eine E-Mail an hochschulreif@unitübingen.de


Shownotes

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