Sinkende Fallzahlen bei Tierversuchen – Forschende betonen deren Bedeutung für die Wissenschaft
Erneuter Rückgang bei den Versuchszahlen – Forschende der Universität Tübingen fordern verlässliche Rahmenbedingungen sowie faktenbasierte Debatten
Die Anzahl der Projekte an der Universität Tübingen, in denen Tiere für wissenschaftliche Zwecke in Tierversuchen verwendet oder zur Organentnahme getötet wurden, ist im Jahr 2024 erneut zurückgegangenen. Das geht aus der statistischen Jahresmeldung der Universität Tübingen gemäß der Versuchstiermeldeverordnung hervor. Im Jahr 2024 gab es an der Universität Tübingen insgesamt 494 solcher Projekte, das sind 70 weniger als im Jahr 2023 und ist zugleich der sechste Rückgang in Folge seit dem Jahr 2018. Die Anzahl neu beantragter genehmigungspflichtiger Tierversuche sank 2024 auf 61 (2023: 82). Die Anzahl neuer Projekte, in denen Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken zur Organentnahme getötet werden, ging auf 30 zurück (2023: 50). 12.798 Tiere wurden in Versuchen eingesetzt oder zur Gewebegewinnung verwendet. Im Jahr 2023 betrug die Anzahl noch 17.966. Wissenschaftliche Projekte, in denen Tierversuche notwendig sind, durchlaufen in Deutschland einen Genehmigungsprozess, in dem strenge ethische und gesetzliche Vorgaben gelten. Diese Vorgaben werden von allen tierexperimentell arbeitenden Instituten umgesetzt und haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend verschärft.
Tierversuche – wann immer möglich – reduzieren
Der Rückgang der Tierversuche an der Universität Tübingen spiegelt die bundesweite Entwicklung wider und ist auch auf Bemühungen innerhalb der Wissenschaft zurückzuführen, Tierversuche – wann immer möglich – weiter zu reduzieren. So werden an der Universität Tübingen Alternativen zu Tierversuchen erforscht und genutzt. Zudem gilt bei Tierversuchen grundsätzlich das 3R-Prinzip: replace, reduce, refine – ersetzen, verringern, verfeinern. In jedem Antrag auf einen Tierversuch müssen die Forschenden gegenüber der Genehmigungsbehörde schlüssig darlegen, mit welchen Maßnahmen sie Tierversuche ersetzen oder reduzieren können und wie sie das Tierwohl im Rahmen des Versuchs verbessern.
Jedoch sind die Rückgänge der vergangenen Jahre nach Einschätzung von Professor Aristides Arrenberg (Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät) und von Professorin Marlies Knipper (Medizinische Fakultät), beide an der Universität Tübingen, so groß, dass sie nicht allein durch den Einsatz von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu erklären sind. Darauf macht auch die Initiative „Tierversuche verstehen“ aufmerksam. Diese Initiative sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, in deren Forschungsprojekten Tierversuche für den Erkenntnisgewinn notwendig sind, verweisen auf die Bürokratiehürden in Deutschland, wie beispielsweise sehr lange Bearbeitungszeiten von Tierversuchsanträgen sowie rechtliche Unsicherheiten. Nach Einschätzung der Forschenden werden zunehmend Tierversuche im Ausland, häufig unter geringeren Tierschutzstandards, umgesetzt.
Forschende fordern faktenbasierte Debatten
Im April 2025 machten bundesweit 110 Forschende – darunter zehn von der Universität Tübingen – im Rahmen der Aktion „Wir machen Tierversuche!“ auf die Bedeutung dieser Forschung aufmerksam. Initiator war Professor Frank Kirchhoff von der Universität des Saarlandes. Viele Teilnehmende sind in führenden wissenschaftlichen Gesellschaften aktiv, etwa der Leopoldina.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Professor Arrenberg und Professorin Knipper betonen, dass Tierversuche weiterhin unverzichtbar sind, um Krankheiten wie Alzheimer, Krebs oder Diabetes zu erforschen und neue Therapien zu entwickeln. Als Beispiele für Erfolge nennen sie unter anderem Impfstoffe gegen RSV, Immuntherapien gegen Krebs, Insulinbehandlungen, neue Therapien bei Sinnesstörungen und Antibiotika gegen resistente Keime.Auch in der Grundlagenforschung sind Tierversuche unverzichtbar – etwa bei der Entdeckung der Grid-Zellen bei Ratten, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Diese Erkenntnisse bilden die Basis für das Verständnis von Orientierungsstörungen bei neurodegenerativen Erkrankungen.
Sowohl in der präklinischen wie auch in der lebenswissenschaftlichen Grundlagenforschung werden innovative Zellkultur- und Organoidsysteme sowie computergestützte Modellierungsansätze (inklusive künstlicher Intelligenz) mit Tierversuchen kombiniert. Die Kombination der Ansätze erlaubt es, die Aussagekraft der Forschung zu erhöhen und zugleich die Anzahl der Tierversuche durch noch passgenauere Methoden zu reduzieren. Aus Sicht der Forschenden und Hochschullehrenden bleiben Tierversuche allerdings in vielen Bereichen auch in Zukunft unerlässlich. Sie fordern daher von der Politik eine Reform der gesetzlichen Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, klare Zuständigkeiten und eine faktenbasierte öffentliche Debatte.
Stefan Bentele