Uni Tübingen

Magazin

29.09.2026

Feldarbeit für Generationen

Vom neugierigen Kind auf dem Bauernhof zur Geoökologin und ersten Akademikerin ihrer Familie: Michaela Dippold will im Exzellenzcluster TERRA mit einem einzigartigen Freilandlabor erforschen, wie Böden und Klima Pflanzen prägen.

Michala Dippold als Mädchen auf dem Traktor rechts neben ihrem Vater bei der Maisernte 1986. Auf der anderen Seite sitzt ihre Cousine

Der Traktor im Bild fährt durchs Maisfeld. Michaela Dippold deutet auf ihr jüngeres Ich auf dem knapp 40 Jahre alten Foto, das Mädchen ganz rechts neben ihrem Vater. Eine Szene aus ihrer Kindheit auf dem Bauernhof ihrer Familie, wo Landwirtschaft und Milchvieh zum Alltag gehörten. „Ich war immer ein Warum-Kind“, sagt Michaela Dippold.

Vater, Mutter, ihr jüngerer Bruder und ihre jüngere Schwester, sie selbst – alle halfen auf dem Hof mit: Kühe füttern, Ernte einfahren, auf dem Feld die Steine einsammeln. Sie begriff früh: Der Boden ernährt die Familie. Das prägte, weckte Neugierde. Wie Milch entsteht; warum das Erdreich Jahr um Jahr wieder neue Steine nach oben aufs Feld drückt. Kinderfragen – und erste Kontakte mit Biologie, Geologie, Chemie, den Naturwissenschaften.

Heute gehört Michala Dippold zur Gruppe der First Generation Academics. Die Professorin für Geo-Biosphären-Interaktionen an der Universität Tübingen sitzt in ihrem Büro im 5. Stock des Geo- und Umweltzentrums. Gerade Linien, viel Glas und viel Stahlbeton verleihen dem Gebäude ein modernes Aussehen, drinnen führen lange Flure zu den Büros der 20 Mitarbeitenden im neuen Exzellenzcluster TERRA. Als eine Sprecherin des Clusters plant sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen ein Diversitorium für den Cluster.


Mein Vater hat zu uns Kindern gesagt: geht studieren. Egal, ob wir am Urlaub sparen müssen.


In der Anlage wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Wachstum von Pflanzen und Mikroorganismen erforschen. Sie werden für ihre Experimente die abiotische Umgebung manipulieren: das Klima und den Boden, nicht die Pflanzen selbst. Kameras, Thermometer, Feuchtigkeitsmesser & Co. werden installiert, um das Wachstum ober- und unterirdisch nachzuvollziehen. In einigen Bereichen werden Starkregenereignisse simuliert; in anderen Dürren – um zu lernen, ob die Pflanzen sterben oder in einen Wassersparmodus übergehen. Fragen von Forschenden, die wie neugierige Kinder nach dem Warum suchen.

„Mein Vater hat zu uns Kindern immer gesagt: geht studieren. Ganz egal, ob wir am Urlaub oder an sonst was sparen müssen“, erzählt Michaela Dippold in ihrem Büro. Intelligent sei ihr Vater, der in seiner Jugend den Hof seiner Eltern nahe Bayreuth in siebter Generation übernehmen musste, während seine Schwester studieren durfte. Später stellte er das Interesse seiner Kinder über die Tradition, ließ sie selbst über ihre Zukunft entscheiden und eröffnete ihnen einen Weg, der für ihn so nicht ohne Weiteres möglich schien. Aber dass seine Tochter einmal studieren wird, war anfangs alles andere als sicher. „Ich war in der 4. Klasse gymnasiumuntauglich klassifiziert.“

Die frühe Einschulung schlug auf die Noten der Tochter, nur auf einem Umweg kam sie aufs Gymnasium. In der Oberstufe besserten sich die Noten. Mit ihrem Abitur – Notenschnitt 1,0 – zählte Michaela Dippold zu den Besten ihres Jahrgangs in Bayern. Die Spitzenleistung brachte ihr ein Stipendium über die Begabtenförderung des Wissenschaftsministeriums ein. Sie wollte Geoökologie studieren, doch auch die Arbeit im Labor reizte sie und sie erwägte auch Biochemie. Letztlich schrieb sie sich an der Universität Bayreuth für Geoökologie ein.

Fremd oder gar unwohl fühlte sie sich an der Universität nie. In dem kleinen Studiengang wurden Kontakte schnell geknüpft, zu Kommilitonen und zu Lehrenden. Ein Professor wurde auf sie aufmerksam, nahm sie im 2. Semester mit auf Exkursion nach Äthiopien, trug die Reisekosten. „Da habe ich meine Liebe zu Afrika entdeckt.“ Bevor sie ihr Studium abschloss, schrieb sie sich für Biochemie ein. Wieder gewann die Neugierde. Diesmal half ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung.

Während der gesamten Zeit ihres Doppelstudiums und später ihrer Doktorarbeit wohnte sie zuhause auf dem Hof. Morgens arbeitete sie oft im Stall, fuhr dann 40 Kilometer an die Universität und abends zurück, um die Oma zu pflegen oder auf dem Hof mitzuhelfen. Die körperliche Arbeit auf dem Hof entpuppte sich als guter Gegenpol zur gedanklichen Arbeit. „Das erdet und bietet Erfahrungen aus einer Welt, die viele nie kennenlernen. Ich glaube, ich kann dadurch besser abschätzen, wie lange beispielsweise der Aufbau des Diversitoriums dauert.“

Am Tag bevor Michaela Dippold in ihrem Büro aus ihrer Kindheit erzählt, steht sie an einem Rapsfeld nahe Stuttgart. Die Professorin sieht erstmals den Acker, auf dem das Diversitorium entstehen soll. Jetzt, Mitte Mai, blüht dort der Raps auf dem Feld, das zum Ihinger Hof gehört, ein Standort der Versuchsstation Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim. Michaela Dippold zeigt zu den Bäumen hinter dem gelben Blütenteppich. Andreas Schweiger, Professor für Pflanzenökologie an der Universität Hohenheim, und Sara Tomiolo, promoviert in Pflanzenökologie, nicken, bis dorthin soll die Anlage auf zwei Hektar entstehen, drei Fußballfelder groß. Und darin soll wie
im Fußball nichts dem Zufall überlassen werden.

Auf dem Feld sollen 216 Behälter eingegraben werden, jeder misst zwei auf zwei Meter. Die Behälter werden mit einem individuell zusammengestellten Boden befüllt – darunter Basalt, Granit und Sandstein – , mal gemixt, mal getrennt, mal grob- und mal feinkörnig. 100 Wildpflanzen, darunter die Aufrechte Trespe, der Gewöhnliche Hornklee oder die Fieder-Zwencke, sollen in den Behältern eingesät werden. Die Behälter werden von 18 Regen-Ausschluss-Anlagen umgeben sein, die auf Laien wie Gewächshäuser wirken. Bewässerungsanlagen werden die Niederschlagszyklen gezielt steuern.

Im Seminarraum des Hofs laufen letzte Diskussionen vor den Bietergesprächen. Das Budget für das Diversitorium liegt im Minus, ein sechsstelliger Betrag muss eingespart werden. Andreas Schweiger argumentiert pragmatisch, spricht von Must-Haves, die man unter den Sprecherinnen und Sprechern eben festlegen müsse, hebt die Schultern und gestikuliert ein Hilft-ja-Nichts. „Wir können ein wenig bei den Abdeckfolien sparen, aber nicht beim Bewässerungssystem, das sophisticated sein muss“, sagt Michaela Dippold, rollt beim Bewässerungssystem den Buchstaben R so, wie es im Fränkischen üblich ist.


Wir können ein wenig bei den Folien sparen, aber nicht beim Bewässerungssystem.


Das Bewässerungssystem, die Stahlkonstruktion für die Regen-Ausschuss-Anlagen und die Folien darauf: Anbieter am Markt bewerben sich um den Auftrag. Drei Firmen, die sich für die drei Gewerke zusammengetan haben, bestreiten den Auftakt der Gespräche. Vor dem Start schütteln die drei Männer freundlich Hände mit den Forschenden, halten Small Talk vor der Kaffeemaschine über die Anfahrt und das Frühlingswetter.

Jeder Vertreter stellt seine Firma vor, präsentiert Projekte mit Fotos und Zahlen, die zeigen: Die Expertise liegt im Bau für die Landwirtschaft, die Lebensmittel wirtschaftlich produzieren will mit Anlagen, alle ein Vielfaches größer als das Diversitorium. Anlagen herunterskalieren ist simpel, doch die spezifischen Anforderungen der Forschenden stellen die Vertreter vor Herausforderungen.

Die Forschenden wollen natürliche Bedingungen: Sonnenlicht, das ungefiltert bei den Pflanzen ankommt, inklusive UVLicht. Doch gängige Folien auf dem Markt filtern UV-Licht, schirmen Gemüse vor der Strahlung ab, das somit geschützt wächst und keine Bitterstoffe entwickelt. Deshalb ist der Vertreter für die Stahlkonstruktion im Bietergespräch verdutzt, als die Forschenden nach Folien fragen, die pures Sonnenlicht ermöglichen. Die Frage passt nicht ins Schema, weil noch kein Kunde danach fragte. „Mir ist klar: Kein Gärtner will so etwas auf seinem Gewächshaus“, wird Michaela Dippold später sagen.

Der Anbieter der Bewässerungsanlage wiederum berichtet stolz, dass seine Anlage 120 Liter pro Quadratmeter und Stunde an Niederschlag schafft. Die Forschenden aber interessiert, wie viel Liter im Minimum möglich sind. Der Vertreter strauchelt, rutscht auf seinem Stuhl hin und her, fragt nach dem Grund, hört, dass Dürreperioden simuliert werden sollen. Letztlich kann er die Frage ad hoc nicht beantworten, verspricht, die Information nachzureichen.

Nach einer Stunde sind alle Fragen gestellt, ein paar Antworten offen, beide Seiten zuversichtlich. Händeschütteln zum Abschied. Michaela Dippold ist am Ende des Tages zufrieden, das Team ist dem Bau des Diversitoriums ein Schritt nähergekommen. Bald steht die Ausschreibung für die Erdarbeiten an, die sollen im Herbst beginnen, damit im Frühjahr 2027 eingesät werden kann.

Text: Stefan Bentele

TERRA ist ein neuer Exzellenzcluster an der Universität Tübingen, an dem Forschende der Universität Hohenheim und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Frankfurt beteiligt sind, und steht für Terrestrial Geo-Biosphere Interactions in a Changing World. Der Cluster untersucht, wie Geo-Biosphären-Wechselwirkungen auf Umweltveränderungen reagieren und sie beeinflussen. Erforscht wird, ob und wie die Diversität der Geosphäre die Biosphäre und wie die Biosphäre die Geosphäre stabilisiert. Sprecherinnen und Sprecher sind Michaela Dippold, die sich ums Diversitorium kümmert; Professorin Kira Rehfeld koordiniert Computersimulationen zur Rekonstruktion vergangener Klima- und Umweltbedingungen; Professor Olaf Cirpka arbeitet am Interface zwischen Labor und Modellierung.

Webseite von TERRA