Magazin
29.09.2026
Das lernende Imperium
Gunter Schubert erforscht, wie China unsere Wirtschaft und Weltordnung verändert.
Iran fordert Transitgebühren für die Schiffspassage durch die Straße von Hormus – abzurechnen in der chinesischen Währung Renminbi. Nicht in Dollar. Zeigt sich in diesem Detail eine Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse?
Diese Forderung ist eine Avance Irans gegenüber China. Iran gehört schon lange zu den Staaten, die sich bewusst vom sogenannten Westen absetzen und sich als Teil eines neuen Globalen Südens unter
der Führung Chinas sehen.
Sie bezeichnen China als ein „lernendes Imperium“. Was meinen Sie damit?
China beeinflusst heute alle globalen Politikfelder und Organisationen und entscheidet mit, wer die internationalen Finanzsysteme, die digitale Welt, die globalen Lieferketten oder den Weltraum kontrolliert. Es handelt mit vielen Staaten bilaterale Verträge aus und ruft diese regelmäßig in Peking zu großen Foren zusammen, so zum Beispiel die Partnerländer Afrikas. So handelt ein Imperium: Es überlagert bestehende internationale Strukturen und bindet seine „Klientelstaaten“ durch die Gewährung von Clubgütern und das Versprechen von Sicherheit und Entwicklung.
Kein Verhältnis auf Augenhöhe.
Das kommt auf die Perspektive an. Der Westen sieht in China vor allem die aufstrebende Macht, die sich die Welt gefügig machen will. Im Globalen Süden sieht man das oft anders. Viele Länder in Afrika zum Beispiel – von Angola bis Äthiopien und Kenia – haben im Laufe der Jahrzehnte durch kreditfinanzierte Verträge mit China dringend benötigte Infrastruktur bekommen: Straßen, Häfen, Eisenbahntrassen, Krankenhäuser, Schulen, Verwaltungsgebäude, Sportstätten – in vieler Hinsicht eine Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung. Vom Westen kamen keine Investitionen in dieser Größenordnung.
China beeinflusst heute alle globalen Politikfelder.
Dafür mussten sich diese Länder bei China verschulden.
Manche sogar hoch. Aber sie haben diese Entscheidung selbst getroffen. Nicht alles läuft bei diesen Projekten rund, aber China hat über die Jahre hinzugelernt: Es hat immer wieder Kredite umstrukturiert und oft Schulden erlassen; Probleme bei der Nachhaltigkeit von Infrastrukturprojekten wurden, zusammen mit den Regierungen der Partner, aktiv bearbeitet – so etwa bei der Unterhaltung der Eisenbahnverbindung zwischen Addis Abeba und Dschibuti oder beim Bau des Karuma Wasserkraftwerks in Uganda. So genießt China in vielen Ländern des Globalen Südens einen guten Ruf – und oft einen besseren als viele westliche Staaten. Neokoloniale Ausbeutung, was China immer wieder vorgeworfen wird, nimmt man dort nicht wahr.
Über gescheiterte Zulassungen der ersten chinesischen Autos vor zwanzig Jahren wurde in Deutschland gewitzelt, weil sie sich in Crashtests regelmäßig zusammenfalteten. Haben wir China unterschätzt?
Das sagt die deutsche Autoindustrie schon länger selbst. Sie hat jahrzehntelang mit einer begründeten Selbstzufriedenheit auf China geblickt. Man machte dort großartige Geschäfte und vertraute darauf, den eigenen technologischen Vorsprung ewig halten zu können. So wurde der Sprung in die Batterietechnik und die Elektromobilität verschlafen. Den Rückstand wieder aufzuholen, ist äußerst schwer: In der Hochtechnologie werden Vorsprünge mit der Zeit oft größer, nicht kleiner. Vor diesem Problem steht nun die deutsche Automobilindustrie, die sich seit einiger Zeit darum bemüht, zusammen mit chinesischen Partnerfirmen für den chinesischen Markt zu produzieren.
Es hat ein enormer Know-how-Transfer von Taiwan nach China stattgefunden.
Sie konzentrieren sich in Ihrem neuen Forschungsprojekt auf das Verhältnis zwischen Taiwan und der Volksrepublik China, speziell auf die KI- und Computer-Chip-Technologie. Wer liegt da vorne, wer rennt hinterher?
Taiwanisches Kapital hat in den 1990er und 2000er-Jahren wesentlich den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zu einer führenden Exportnation finanziert. Firmen aus Taiwan haben von Festland-China aus
für den Weltmarkt produziert. Dadurch hat ein enormer Know-how-Transfer von Taiwan nach China stattgefunden. Im Laufe der 2000er-Jahre wurden in China dann allmählich eigene Produkte und Technologien entwickelt. Heute geht es um die Etablierung einer Innovationsökonomie und die Weltmarktführerschaft in den verschiedenen Hightech-Sektoren. Noch verzeichnet das Land einen Rückstand bei hochleistungsfähigen Computer-Chips, die für komplexe KI-Anwendungen, autonome Mobilität und moderne sensorgesteuerte Waffensysteme extrem wichtig sind. Abern in fast allen anderen Bereichen beherrscht China bereits die globalen Märkte. Taiwan wiederum ist das Zentrum eines von US-amerikanischen Firmenkunden dominierten AI-Ökosystems in Ostasien, das sich von „roten Lieferketten“ entkoppeln will. Daraus entsteht eine geoökonomische Spannung, die bisher noch zu wenig empirisch untersucht worden ist.
Im Zollstreit zwischen China und den USA ist immer wieder vom taiwanischen Weltmarktführer TSMC die Rede, der über 70 Prozent der weltweiten Marktanteile für Halbleiter hält. Hängt die weltweite Chip-Industrie an einem einzigen Unternehmen aus Taiwan?
TSMC hat eine Schlüsselposition bei der Produktion von Hochleistungschips. Es gibt aber noch viele weitere taiwanische Topunternehmen, die in der komplizierten Lieferkette der Halbleiterindustrie eine zentrale Rolle spielen. Sie alle streuen ihre Investitionen inzwischen in der ganzen Region Ostasien, in den USA und allmählich auch in Europa. Für mich ist es spannend zu untersuchen, wie taiwanische Hightech-Unternehmen in der gegenwärtigen Auseinandersetzung zwischen den USA und China navigieren: Auf der einen Seite sind die großen US-Tech-Konzerne die wichtigsten Kunden für die taiwanische Halbleiterindustrie. Auf der anderen lockt der riesige chinesische Markt, den die taiwanischen Unternehmen auch beliefern, und in dem die Regel gilt: Wenn Du einmal rausgehst, kommst Du nie wieder rein. Derweil versucht die Volksrepublik weiterhin, qualifizierte Ingenieure und kritisches Know-how aus Taiwan anzuziehen. Allerdings scheint ihr das immer weniger zu gelingen.
Für den chinesischen Markt gilt die Regel: Wenn Du einmal rausgehst, kommst Du nie wieder rein.
Lassen sich diese Entwicklungen messen?
Unser Forschungsprojekt baut derzeit eine Datenbank auf und entwickelt einen sogenannten Exposure Index, der die Abhängigkeit taiwanischer Hightech-Unternehmen vom chinesischen Markt messen soll. Wir wollen unter anderem prüfen, ob oder inwieweit die Abnahme von taiwanischen Unternehmensinvestitionen auf dem chinesischen Festland tatsächlich auf eine allmähliche Entkoppelung der Lieferketten in der Chip- und AI-getriebenen Industrie hindeutet.
Wenn es wirtschaftlich nicht klappt, könnte die Volksrepublik Taiwan militärisch erpressen oder gar unterwerfen?
Ich werde häufig gefragt: Wann greifen die Chinesen an? Ich spekuliere nur sehr ungern. Wir können uns aber fragen: Würden die Vereinigten Staaten zulassen, dass die Volksrepublik die Kontrolle über das Zentrum der globalen Halbleiterindustrie erlangt? Wahrscheinlich nicht. Schon aus handfesten eigenen wirtschaftlichen Interessen heraus werden die Vereinigten Staaten solch ein Invasionsszenario verhindern wollen – ganz abgesehen von anderen geostrategischen Interessen wie der Stabilisierung Taiwans als wichtigem Glied in der sogenannten ersten Inselkette um die chinesische Küste.
Viele Taiwaner verstehen sich als Chinesen. Am Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 unterlagen letztlich die Nationalisten den Kommunisten und flohen vom Festland auf die Insel Taiwan. Die Volksrepublik China beansprucht seither die Insel für sich. Wie stehen die Taiwaner zu diesem Anspruch?
Vor dreißig Jahren fühlte sich noch ein Viertel der Bevölkerung Taiwans als exklusiv „chinesisch“. Der Anteil liegt heute nur noch bei knapp über zwei Prozent. Dagegen halten sich über 60 Prozent für „taiwanisch“. Es gibt insofern eine geronnene taiwanische Identität. Zwar ist das Verhältnis zu China trotzdem sehr komplex, aber niemand in Taiwan will von der Kommunistischen Partei Chinas regiert werden. Das ist nationaler Konsens. Umfragen zeigen zudem, dass die Bereitschaft der Menschen steigt, die de facto Unabhängigkeit Taiwans notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Unter dem aktuellen Staats- und Parteichef Xi Jinping haben diese Tendenzen zu einer zunehmenden Aggressivität Chinas gegenüber Taiwan geführt, die sich in kontinuierlichen Militärmanövern rund um die Insel und in einem ausgeprägten Cyberwarfare manifestiert.
Warum ist Taiwan so wichtig für Xi?
Xi Jinping, der seit 2012 am Ruder ist, verfolgt intensiv seine Vision von China als einer großen und starken Nation sowie eines international respektierten und dauerhaft stabilen Landes unter der Führung der Kommunistischen Partei. So werden systematisch militärische Kapazitäten aufgebaut und wirtschaftliche Reformen vorangetrieben. Taiwan ist von Xi zum Kern aller nationalen Interessen Chinas aufgebaut worden, an dem die Legitimation seiner Herrschaft hängt. Er möchte in die Geschichte eingehen als großer Führer, der die nationale Einheit vollendet hat.
Wie sollte der Westen auf die Machtentfaltung Chinas reagieren?
Es gibt keine Alternative zu Dialog. Die Volksrepublik wird in den nächsten Jahrzehnten das Geschehen auf der Welt entscheidend prägen. Europa muss klären, ob es sich in eine systemische Gegnerschaft mit China begeben will oder eher versucht, zäh und hart um jeden Zentimeter politischen Boden mit diesem Land zu ringen. Wir müssen wegkommen von Schwarz-Weiß-Erzählungen über China und eine Chinapolitik entwickeln, die auf eigene Stärke und prinzipiengesteuerte Verhandlungsbereitschaft setzt. Noch sind wir weit davon entfernt. Und wir dürfen auf keinen Fall aufhören, sachlich zu analysieren, was in China gedacht und getan wird – anstatt denen hinterherzulaufen, die besonders lautstark und öffentlichkeitswirksam darauf drängen, China zum globalen Paria zu machen. Kurz gesagt: Wir müssen mit einem neuen chinesischen Imperium leben lernen – ob es uns gefällt oder nicht.
Text: Tilman Wörtz
Gunter Schubert ist Professor für Greater China Studies an der Abteilung Sinologie des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen. Gemeinsam mit sieben weiteren deutschen Chinawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern untersucht er, mit welchen Strategien und Methoden die Volksrepublik China ihre wirtschaftliche und politische Autonomie steigert und Abhängigkeiten anderer Staaten und Regionen herstellt, etwa durch Handelsverträge mit afrikanischen Staaten zur Sicherung wichtiger Rohstoffe wie Lithium, durch ein eigenes Weltraumprogramm und den Einfluss auf UNO-Resolutionen oder durch eine eigene Chipproduktion und KI-Industrie.
Beteiligt an dem Projekt sind neben Gunter Schubert Forschende der Universitäten Bremen, Bonn, Frankfurt sowie der Constructor University Bremen, der Helmuth-Schmidt-Universität/ Universität der Bundeswehr Hamburg, dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das Projekt finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Forschungsgruppe 5913.