Uni Tübingen

Magazin

29.09.2026

Die Stadt, das Genie und der Krieg

Jahrhundertelang gedieh die Universität Tübingen in einer „Stadt“, die wir heute als Dorf bezeichnen würden. Trotzdem oder gerade deshalb konnten Universalgelehrte wie Wilhelm Schickard ihr Wirken entfalten. Er kultivierte seine vielen Talente und trotzte lange Krieg und Pest.

Porträt von Wilhelm Schickard aus dem Jahr 1632

Die bösen Zeichen waren nur kurz am Himmel zu sehen: drei Kometen, der erste Anfang August, die beiden anderen im November des Jahres 1618. Diese omina am Himmel schreckten die Menschen in ganz Europa auf, viele Schriften diskutierten ihre Bedeutung und sahen großes Unheil heraufziehen. So bekamen die ersten Gefechte im fernen Böhmen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges eine erste unheilvolle Deutung.

Auch ein junger Vikar und passionierter Mathematiker in Nürtingen, Wilhelm Schickard, versuchte die Phänomene zu fassen – im Auftrag des Herzogs, der „mir gnedig anbefehlen lasse, von solchem Cometen mein fernere Meinung einfeltig schrifftlich zu verfassen“. Acht Wochen später legte er die Schrift „Cometen Beschreibung“ vor. Keine astrologische Deutung der politischen Ereignisse, sondern eine streng wissenschaftliche Abhandlung. Vielleicht verdankte er der Schrift sogar seinen Ruf an die Universität Tübingen. Das Unheil, das sich zusammenbraute, raubte ihm und seiner ganzen Familie dennoch das Leben.

Seiner Faszination für die Wissenschaft ging er bis kurz vor seinem Tod nach. Acht Sprachen beherrschte Schickard, vielleicht auch zehn – je nach Zählung. Er konnte den Koran auf Arabisch lesen, war Professor für Hebräisch, Astronomie und Mathematik und hatte nebenbei die mechanische Rechenmaschine erfunden, kunstvolle Kupferstiche graviert, Festungsbau gelehrt, Württemberg vermessen, einen Bestseller veröffentlicht und Hunderte von Korrespondenzen gepflegt. Er war ein Universalgelehrter, ein Meister
vieler Disziplinen, wie sie in jenen Jahrhunderten zwischen Mittelalter und industrieller Revolution noch wirkten, auch in einem Universitätsstädtchen wie Tübingen1 – oder vielleicht gerade hier.


Er konnte den Koran auf Arabisch lesen, war Professor für Hebräisch.


Wilhelm Schickard wurde 1592 in eine Herrenberger Schreinerfamilie geboren. Mit 14 Jahren konnte er die Klosterschule in Bebenhausen besuchen, die sein Onkel leitete. Damit stand ihm eine kostenlose theologische Laufbahn offen. Er konnte am Tübinger Stift Theologie studieren und schloss alle Fächer mit der Bestnote A ab.2

Seine erste Anstellung brachte ihn als Diakon ins nahe Nürtingen. Nebenbei lernte er Aramäisch, die Muttersprache Jesu Christi. Er schrieb eine aramäische Grammatik für den eigenen Gebrauch, ein Werk zur Optik und fertigte zahlreiche Kupferstiche. Der kaiserliche Astronom und Mathematiker Johannes Kepler wurde auf Schickards Kunstfertigkeit aufmerksam und bestellte zuerst Holzstiche für sein Lehrbuch Epitome Astronomiae Copernicanae, das erste Lehrbuch zum heliozentrischen Weltbild, und später Kupfertafeln für sein berühmtes Werk Harmonice mundi, in dem Kepler die Berechnung der Umlaufzeit der Planeten und ihre Entfernung von der Sonne mathematisch beschrieb. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft. Auch der Herzog von Württemberg wurde auf Schickard aufmerksam und unterstützte im Jahr 1619 seinen Ruf auf den Lehrstuhl für Hebräisch an der Universität Tübingen.

Wer in die Stadt zwischen Neckar und Ammer gelangen wollte, musste eines der fünf Stadttore in der doppelten Stadtmauer mit Vortürmen und je einem inneren Torturm passieren. Jeden Abend wurden sie regelmäßig auf ein Trompeten- oder Glockensignal hin geschlossen.2

Die Bürgerinnen und Bürger kippten ihren Urin, die Jauche und den Mist ihrer Kühe und Schweine in die Gossen. Enge, verwinkelte Straßen und stinkende Gerbereien und Metzgereien entlang dem Flüsschen Ammer prägten die Unterstadt, mehrstöckige herrschaftliche Häuser die Oberstadt um Marktplatz und Stiftskirche. Bäcker und Metzger hatten im Erdgeschoss des Rathauses ihre Fleisch- und Brotbänke. Die Gerber im ersten Stock, woanders durften sie nicht verkaufen. Im zweiten Stock tagten Gericht und Rat der Stadt. Vor dem Rathaus stand ein Pranger, an dem Verurteilte öffentlich zur Schau gestellt wurden. Die gotische Stiftskirche war Zentrum des geistigen und auch akademischen Lebens: Prüfungen und die Promotionsfeiern fanden in der Kirche statt.


Als Schickard nach Tübingen zog, lebten dort drei bis viertausend Menschen.


Als Schickard nach Tübingen zog, lebten dort drei- bis viertausend Menschen, die Hälfte davon Bauern und Weingärtner, Metzger, Bäcker, Schuhmacher und Schneider. Dazu kamen 500 Universitätsangehörige, zu denen neben Studenten, Professoren und deren Diener und Mädge auch Apotheker, Buchhändler, Buchdrucker und Buchbinder zählten.

Als Besoldung erhielt Wilhelm Schickard, wie damals üblich, Geld und Naturalien: Roggen, Dinkel, Hafer und Wein, geerntet auf den Feldern und in den Weinbergen der Universität. Außerdem – je nach Verfügbarkeit – Erbsen und Linsen. Schickard durfte zwei Kühe halten und auf der Allmende der Gemeinde weiden lassen. Er bekam ein Grundgehalt – als Hebräisch-Professor an der Philosophischen Fakultät deutlich weniger als später nach der Berufung zum Professor der Astronomie. Außerdem gab es Zulagen für die Teilnahme an öffentlichen Disputationen und einen Anteil an Gebühren für Promotionen. Für eine akademische Leichenrede erhielt Schickard zwei Goldgulden. Die Bezahlung der Professoren war von Steuern befreit, auch der Ausschank von Wein – wovon sie reichlich Gebrauch machten, allein schon um die Studenten zu verköstigen, die sie laut Vertrag mit der Universität bei sich unterbringen mussten. Dafür mussten Professoren keine Frondienste verrichten oder Soldaten einquartieren – das blieb dem einfachen Volk überlassen.

Die Universität prägte bereits die Stadt, doch war Tübingen um 1600 in erster Linie eine Handels- und Gewerbestadt. Die wohlhabenden Tübinger Familien lebten vom Fernhandel mit Tuch, Getreide und Wein. Wo genau Schickards Haus in dem Städtchen stand, ist nicht überliefert. Jeden Morgen, sommers um sechs, winters um sieben, ging er durch die Gassen in die Alte Aula, dem Vorlesungsgebäude, oder in die Burse, dem Studentenwohnheim, wo auch Vorlesungen stattfanden. Bis in die Nacht schrieb er oft an seinen Studien und beobachtete die Himmelskörper.

Eine Studie Schickards ragt an Einfluss heraus: das Lehrbuch für Hebräisch Horologium Hebraeum, in erster Auflage 1623 erschienen, 98 Seiten dick, in immer neuen Bearbeitungen bis 1731 weiter aufgelegt, auch in Leipzig, Amsterdam, Utrecht, London und Kopenhagen. Das erfolgreichste Hebräisch-Lehrbuch der damaligen Zeit. Er formuliert darin die These, dass Hebräisch die Ursprache sei, die Gott selbst den Stammeltern im Paradies gelehrt habe und von der sich alle anderen ableiteten. Ein wichtiges Indiz: Das hebräische Wort „śaq“, das in allen ihm bekannten Sprachen unverändert erhalten geblieben sei, auch im deutschen „Sack“. Schickards Geschick für die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge wird hier deutlich.

Auch sein Talent zur Mechanisierung gesellte sich dazu und führte zu seiner wichtigsten Erfindung: die mechanische Rechenmaschine. Erst durch einen Briefwechsel mit dem Astronomen und Physiker Johannes Kepler 1623 weiß man überhaupt von dieser Maschine, erfunden während des Dreißigjährigen Krieges und zerstört wohl durch einen Brand in seiner Werkstatt: „Ferner habe ich dasselbe, was Du rechnerisch gemacht hast, kürzlich auf mechanischem Wege versucht und eine aus elf vollständigen und sechs verstümmelten Rädchen bestehende Maschine konstruiert.“ Mit feinen Linien skizzierte Schickard den Bauplan seiner Erfindung.

Die Konstruktion konnte mit maximal sechsstelligen Zahlen in allen Grundrechenarten operieren: Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Vor allem aber gelang ihr der automatische Zehnerübertrag, bei dem wahrscheinlich eine kleine Glocke schlug, wenn die letzte Ziffer von 9 auf 0 sprang. Bewegungen von Himmelskörpern konnte Schickard nun einfacher und schneller berechnen als per Kopf und Hand.

Schickard beobachtete die Himmelskörper intensiv und erfand ein Handplanetarium, mit dem sich die Bahnen von Sonne, Mond und Planeten übersichtlich darstellen ließen. 1631 wurde er schließlich auf den Lehrstuhl für Astronomie, Mathematik und Geodäsie berufen, nachdem sein Vorgänger Michael Mästlin gestorben war.


Ferner habe ich das, was Du rechnerisch gemacht hast, auf mechanischem Wege versucht.

Schickard an Kepler


Als Schulaufseher inspizierte er außerdem Lateinschulen in Württemberg, um sein Gehalt aufzubessern, vermaß auf seinen Reisen zu Pferde das Land und zeichnete viel genauere Karten, als es sie bis dahin gegeben hatte.

So sehr die Universität und Tübingen sein Leben trugen und bestimmten, so waren die Stadtgrenzen doch viel zu eng für seinen Gelehrtengeist. Wilhelm Schickard hatte wenige Freunde an der Universität, tauschte sich mit Gelehrten in ganz Europa aus, fast ausschließlich in Latein, meist zu wissenschaftlichen Fragen, sehr selten zu Angelegenheiten, die wir heute als „persönlich“ bezeichnen würden.3 Eine umfangreiche Edition seiner Briefwechsel zählt 353 Briefe an Schickard von 98 verschiedenen Absendern. Die umfangreichste Korrespondenz pflegte er mit dem Straßburger Geschichtsprofessor Matthias Bernegger, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband, obwohl sich die beiden nie persönlich begegneten.

Der Krieg kam immer näher – und mit ihm die Pest.

Am 1. Juli 1631 begann die Belagerung Tübingens mit 24.000 Mann. Schickard brachte seine Frau und seine vier noch lebenden Kinder in die Grafschaft Hohenberg in Sicherheit und vergrub seine wissenschaftlichen Manuskripte. Die Einnahme und Plünderung der Stadt konnte jedoch in letzter Minute durch eine Vereinbarung verhindert werden: Die Truppen zogen ab, nachdem die Stadt viel „Kontributionen“ gezahlt hatte.

Doch dann unterlagen die protestantischen Schweden bei Nördlingen 1634 den kaiserlichen Truppen. Der württembergische Herzog war bereits vorher geflohen und Soldaten zogen plündernd und mordend durchs Land, legten das nahe Calw in Schutt und Asche und näherten sich Tübingen. Da notierte Schickard, inzwischen Professor für Mathematik und Orientalistik, ins Fakultätsbuch: „Von allen im Stich gelassen – auch die Räte und Vornehmen des Landes waren geflohen –, versammelten wir uns zitternd mitten in der Nacht im Senat und unterwarfen uns, um das Blut unschuldiger Kinder zu schonen, der Milde des Siegers.“4


Von allen im Stich gelassen, versammelten wir uns Mitten in der Nacht im Senat.


Am schlimmsten traf es Schickards Mutter. Soldaten überfielen und misshandelten sie. An seinen Bruder Lucas schrieb Schickard: „Unsere fromme Mutter ist schließlich an den Wunden gestorben, die ruchlose Soldaten der unschuldigen Greisin geschlagen haben. Zuvor hat sie zwölf Tage lang unermessliche Qualen ausgehalten. O dieser klägliche Tod, der mit keinen Tränen je genug beweint werden kann. Glaube mir, einige Tage habe ich an diesem Schicksalsschlag so schwer getragen, dass der Rektor unserer Universität, der sogar für mein Leben fürchtete, mich kaum zu einer ruhigeren Haltung zurückrufen konnte.“

Mit den Truppen kam auch die Pest nach Tübingen. Am 20. Oktober 1634 verstarb Schickards Tochter Ursula Margaretha im Alter von 16 Jahren. Mit ihr verlor er nicht nur sein ältestes Kind, sondern auch eine getreue Gehilfin: Schickard hatte sie in Latein, Hebräisch und Mathematik unterrichtet. Sie konnte mit den Instrumenten zur Himmelsbeobachtung umgehen und ihn bei seinen astronomischen Messungen unterstützen. Kurz darauf fielen auch seine Frau und die Töchter Judith und Sabina der Pest zum Opfer, außerdem zwei Mädge und ein Student, die bei ihm lebten. Fünf Söhne und eine Tochter waren ihm bereits in früheren Jahren verstorben. So blieb ihm nur noch der neunjährige Sohn Theophil. „Wie bitter trage ich dieses beklagenswerte Schicksal, das mich unfähig zu jeder ernsthaften Arbeit macht und bedenke allein die Kunst des Sterbens“, schrieb er an Bernegger. Wegen der Pestfälle in seinem Haushalt wurde ihm per Senatsbeschluss Hausarrest auferlegt. Sein Arzt legte ihm die Flucht als „beste Medizin“ nahe. Doch Schickard, schließlich selbst erkrankt, wollte bleiben. „Leid tut es mir um die vielen Bemühungen, um die vielen durchwachten Nächte, um die vielen halbfertigen Studien“, schrieb er seinem Freund Bernegger.

Er erholte sich von der Pest, konnte sogar wieder an Senatssitzungen teilnehmen. Für seine Mondbeobachtungen versuchte er, ein galileisches Fernrohr zu bekommen, und schrieb eifrig Briefe an französische Brieffreunde.

Im September 1635 kehrte die Pest nach Tübingen zurück. Die Universität musste schließen, die Studenten verließen Tübingen. Auch Schickard floh mit Theophil ins pestfreie Dorf Dußlingen. Doch er sorgte sich um das zurückgelassene Mobiliar, den Wein, ein neues Fernrohr und die wissenschaftliche Arbeit. Anfang Oktober kehrte er nach Tübingen zurück. Noch in seinen letzten Tagen hatte er eine bemerkenswerte Vorrede zu Johann Friedrich Ochsenbachs Übersetzung eines persischen Klassikers verfasst, des „Gulistan“ von Sa´di. Am 23. Oktober 1635 verstarb Wilhelm Schickard mit 43 Jahren, ein Tag später folgte ihm sein Sohn Theophil. Sein letzter Brief, in dem er die Beobachtungen Pierre Gassendis zur Mondfinsternis erörterte, blieb unvollendet.

Text: Tilman Wörtz


1Seck, Friedrich: „Wilhelm Schickard – Herkunft und Werdegang“, in: Köpf, Lorenz, Bauer (Hg.): „Die Universität Tübingen zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg“, Jan Thorbecke Verlag, 2010, S. 353ff.

2Seck, Friedrich: „Wilhelm Schickard – Herkunft und Werdegang“, in: Köpf, Lorenz, Bauer (Hg.): „Die Universität Tübingen zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg“, Jan Thorbecke Verlag, 2010, S. 11ff.

3Benigna von Krusenstjern: „Gelehrtenexistenz im Dreißigjährigen Krieg. Wilhelm Schickard in seinen Briefen“, in: Alf Lüdtke, Reiner Prass (Hg.): „Gelehrtenleben“, Böhlau Verlag, 2008, S. 33–45.

4Walter Jens, Eine deutsche Universität, 500 Jahre Tübinger Gelehrtenrepublik, Kindler, 1977