Uni Tübingen

Meldung

19.01.2026

Neue Studie: Forschungsteam entdeckt mögliches Pestmassengrab bei Erfurt

Erster gefundener Begräbnisort der Opfer des „Schwarzen Todes“ in Europa

Die Co-Autoren der Studie Nik Usmar (links) und Dr. Michael Hein (rechts) führen Sedimentbohrungen durch, um ein mittelalterliches Pest-Massengrab bei Erfurt zu lokalisieren.

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Tübingen hat deutliche Hinweise auf ein Massengrab der Pestzeit im Umfeld der mittelalterlichen Dorfwüstung Neuses bei Erfurt entdeckt. Es handelt sich dabei um den ersten durch systematische Suche gefundenen Begräbnisort der Opfer des „Schwarzen Todes“ in Europa. Die Studie unter Federführung der Universität Leipzig, des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung – UFZ ist gerade in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „PLOS One“ erschienen. 

Das wissenschaftliche Team hat historische Quellen, geophysikalische Messungen und Sedimentbohrungen miteinander kombiniert, um ein Massengrab zu identifizieren, das den schriftlich überlieferten Pestgruben aus dem 14. Jahrhundert entspricht.

Ein neues Fenster in die verheerendste Pandemie Europas

Der Pestpandemie von 1346 bis 1353, bekannt als „Schwarzer Tod“, fiel je nach europäischer Region bis zur Hälfte der mittelalterlichen Bevölkerung zum Opfer. In Mitteleuropa gehört Thüringen zu den östlichsten Regionen, die von der Pest betroffen waren. Zeitgenössische Chroniken berichten, dass während des Ausbruchs von 1350 rund 12.000 Tote in elf großen Gruben außerhalb der Stadt Erfurt bestattet wurden. Deren genaue Lage war jedoch bislang unbekannt. Mit elektrischen Widerstandskartierungen des Untergrundes und Sedimentbohrungen konnte das Team die Oberfläche der mittelalterlichen Landschaft rekonstruieren und eine großflächige Untergrundstruktur (etwa 10 Meter mal 15 Meter mal 3,5 Meter) mit stark durchmischtem Sediment sowie menschlichen Knochenfragmenten nachweisen. Radiokohlenstoffanalysen datieren die in den Bohrungen gefundenen menschlichen Überreste eindeutig ins 14. Jahrhundert. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir eines der in den Chroniken beschriebenen Pestmassengräber von Erfurt eindeutig lokalisiert haben. Endgültige Klarheit kann allerdings erst im Zuge einer geplanten archäologischen Grabung dieses Befundes erlangt werden“, erklärt Dr. Michael Hein, Hauptautor und Geograph an der Universität Leipzig.

„Eine große Errungenschaft der Studie besteht jedoch darin, dass dieser Fund nicht zufällig während einer Baumaßnahme, sondern im Rahmen einer interdisziplinären Prospektion gemacht wurde, die naturwissenschaftliche Methoden mit historischen Quellen verknüpft“, ergänzt Dr. Ulrike Werban vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

„Massengräber der Pestzeit sind einzigartige archäologische Momentaufnahmen der mittelalterlichen Gesellschaft und ihres Umganges mit Extremsituationen“, sagt Dr. Iris Nießen vom Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen. Ihr Kollege Dr. Lukas Werther ergänzt: „Die Erforschung der materiellen Zeugnisse derartiger Krisen hat eine lange Tradition in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Tübingen.“ 

Originaltitel der Veröffentlichung in PLOS One:

„What the landscape can tell: An integrative stratigraphic prospection approach to localize a Black Death mass grave in Erfurt/Central Germany“; DOI: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0337410